Der 3i-Boo, der nicht kam

Ich hatte in Erwartung des Kaufs des Berliner Verlages durch eine englisch-amerikanische Investorengruppe eigentlich einen Text vorbereitet, über die Pleiten und Pannen des Konsortiumführers - neudeutsch Lead Investors - 3i. Die Gesellschaft hat einen famosen Ruf in der britischen Wirtschaftsgeschichte bei der Modernisierung des Landes nach dem zweiten Weltkrieg, aber auch eine schlechte Fama hier in Deutschland durch die Übernahme des damals grössten deutschen VCs Technologieholding - bekannt geworden u.a. durch die Börsengänge von Intershop und Brokat. Das ergab damals einen ganzen Sack bösester Geschichten, ein Aufenthalt im Portfolie war für die Startups so gesund wie in einer Peststation. 3i hat nie bekannt gegeben, wieviel sie hier bei ihrem missglückten Markteintritt verloren haben, aber es dürfte einem Totalverlust recht nahe kommen.

Jetzt hat sich 3i aber aus dem Kauf der Berliner Zeitung verabschiedet, die anderen Partner machen es alleine. Schlecht für meine Geschichte, ganz schlecht für die Journalisten in Berlin - wenn selbst 3i keine Lust mehr hat, wird das ganz, ganz böse. Ich sag´s mal so: Wer von den Leuten dort eine Hypothek auf das Haus hat, sollte besser heute als morgen verkaufen. Die Renditeerwartungen können nur erreicht werden, wenn die Arbeit nur minimal attraktiver ist als Arbeitslosengeld II. Und das wird auf die anderen Verlage durchschlagen, denn was der eine Controller schafft, versucht der andere auch.

Dienstag, 25. Oktober 2005, 17:27, von donalphons | |comment

 
Ich bin ja nicht aus der Branche. Aber Don hatte ja vor ein paar Tagen eine Seite der Welt verlinkt, wo das Redaktionsteam vorgestellt wird. Ich habe mir mal ein paar Lebensläufe und Motivationstexte reingezogen: Mal ehrlich: Oft hat man beim Lesen gedacht: "Boah, ey, sind die knapp an Hartz IV vorbei geschrammt".

Prompt danach habe ich einen google-referrer zu meinem blog verfolgt. Die google-Suche führte auch zu einem Morgenpost-Artikel zum Thema "Familien, Kindererziehung, Steuersparen". War sogar vom Ressort-Leiter Wirtschaft. Soviel Halbwahrheiten und echte Unwahrheiten habe ich selten zu dem Thema gelesen.

Wenn ich solche Qualität abliefern würde, würde das nächste Projekt ohne mich stattfinden.

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Gut, man muss natürlich sehen, dass die Welt schon seit Jahrzehnten eine einzige Zitterpartie ist. Nur sind bei der die Verluste viel zu hoch, als dass man sie verticken könnte. Und politisch it sie wertlos - wer die liest, gehört schon zum Kernbestand der altrechten Vorgestrigen.

Generell ist der Beruf so, dass... wie soll ich sagen... sagen wir mal so, wenn es nicht das ein oder andere Sprungtuch gäbe, hätte ich mich nie darauf eingelassen. Es ist kein Wunder, dass manche trotz Krankheit und Verkalkung immer nich weiterschreiben, obwohl die Nuss leer und das Herz kalt ist. Einfach, weil man in dem Job ab 45 entweder schon oben ist, eine Edelfeder ist oder wie 4 von 5 nach hinten durchgereicht wird. Und Springer ist nun mal eine Entwicklungssackgasse, ähnlich wie die Öffentlich-Rechtlichen, nur ohne deren relative Sicherheit.

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1. fallende blätter

das blatt "die welt" war seinerzeit das hobby eines herrn axel cäsar springer, nach dem in berlin auch eine straße benannt ist. das war seinerzeit als propagandainstrument gedacht, das stand fünfzig jahre ausserhalb jeder kalkulatorischen überlegung, das steht auch bislang noch außerhalb rein buchalterischer oder controllerischer überlegungen, und das wird so bleiben, solange die bild so gut verdient, dass man sich ein objekt zum steuersparen eben leisten kann. richtig ist, dass das nicht so bleiben muss. und angeblich soll es erste anzeichen dafür geben, dass nichts bleiben wird, wie es war. schliesslich wurde das blatt vom typ generalanzeiger, das sich unpolitisch gab, um es für eine breite leserschicht attraktiv zu machen, vor hundert jahren in berlin erfunden, behaupte ich jetzt einfach.

es wäre schon ein kracher wie nur einer, wenn die limies vormachen würden, wie man aus scheisse gold machen kann, will sagen, wie man mit einem blatt ohne höheren oder weiteren anspruch doch oder gerade richtig geld verdienen kann. und wäre das denn so böse, vielleicht wollen diese leser in berlin und demnächst auch anderswo etwas ganz anderes als eine deutsche washington post oder eine deutsche was auch immer. vielleicht ist das killerblatt der zukunft vor allem eines, das über regionales, regionales, regionales berichtet, events veranstaltet, diese im eigenen sender bewirbt, überträgt und dann noch im blatt breittritt (einschliesslich fotostrecke). die dritten radioprogramme (bayern 3, swt 3) zeigen doch, wohin die reise geht. vielleicht wollen leute, die sich in schrott und trümmern heimisch fühlen, gar keine zeitung, zumindest nicht das, was man bisher als abonementszeitung kannte.

auf der anderen seite, wenn jetzt die kommentatoren das ende des qualitätsjournalismus beheulen, schaffen die sich nicht auch den leser nach ihrem willen und ihrer vorstellung? wenn das bedürfnis wirklich da wäre, sähe es in den deutschen blättern etwas anders aus, als es eben hier und jetzt aussieht, spezieller: das eine lügenblatt für lese- und sehschwache wäre längst eingestellt. lebt nicht auch das feuilleton seit seiner gründung davon, den tod der kultur zu beklagen? wäre dem so, wäre als erstes die kulturberichterstattung überflüssig. ist nicht die beschwörung des qualitätsjournalismus eine gesterbeschwörung, etwas das jeder kann; der geist selber lässt sich von denen, die in berlin blätter herausgeben, zwar beschwören, er kommt bloss nicht, wenn diese nach ihm rufen.


2. der gemeine pressköter als solcher

es liegt an der journaille selber, der öffentlichkeit nahezubringen, wie es wirtschaftlich um diejenigen bestellt ist, die sich in fenster- und feiertagsreden gern als die vierte staatsgewalt bezeichnen lassen. scheint eher so zu sein, dass die mehrzahl der journaille wirtschaftlich gesehen arme schweine, verzeihung, finanziell weniger gut gestellte mitbürger sind, die vom gereichten häppchen und vom dazugereichten freigetränk leben, den rest muss der journalistenrabett bringen. gibt dabei bloss ein problem, wenn herr bzirske auf einmal dicke arme für diese seine gewerkschaftsmitglieder machen würde: sie müssten dann die notwendigkeit ihrer vorzugsbehandlung begründen und das könnte im einzelfall nicht ganz einfach sein. das hat schon bei der ig mafia in sachsen nicht geklappt. denn ausserhalb der medien kenne ich auch andere arme schweine, verzeihung, finanziell weniger gut gestellte mitbürger, deren armut sehr viel weniger privilegiert ist. das müssen nicht nur die üblichen dauerarbeitslosen sein, obwohl es da auch manches elend gibt und noch geben wird, aber beispielsweise beim einzelhandel in neufünfland, die lageristinnen bei aldi, bei lidl oder bei schlecker beispielsweise, die sich subjektiv noch für annehmbar entlohnt halten, oder altenpflegerinnen bei privaten pflegediensten, oder die kassiererinnen an der tanke, nur mal so zum beispiel. die haben natürlich auch nicht so die möglichkeit, das jämmerliche und zweifelhafte ihrer existenz durch vollmundige phrasen zu kompensieren, wie es den medienschaffenden möglich ist, und angeblich in einzelfällen sogar tatsächlich betrieben wird.

wie ist das eigentlich mit der künstlersozialversicherung, bei der der steuerzahler den arbeitgebeibeitrag für die freiberuflichen journalisten trägt, ein seinerzeit spd-projekt eines gewissen herrn lattmann, von beruf angeblich schriftsteller. klar, die freien schriftsteller habens nicht reichlich. aber es ist letztlich eine subvention der verleger, der zeitungsverleger vor allem, wenn man überlegt, dass der kleine handwerker oder gewerbetrebende dergleichen eben nicht hat. sollen nicht in kurzer zeit sämtliche subventionen auf den prüfstand? gibt es da im kulturbereich nicht noch mehr versteckte boni und steuervorteile? allerdings, an die bertelsmänner wird sich auch frau dr. merkel nicht trauen.


3. cui bono?

wahrscheinlich läuft es in zukunft doch darauf hinaus, dass kultur und so dergleichen von ein-euro-jobbern erledigt wird. wenn es der einkommensmehrung der familie holtzbrinck dient...

was allerdings die öffentlich-rechtlichen angeht, deren erfolg einfach daran liegt, dass parteien und andere gesellschaftlich wirksame kräfte, die ihre vertreter in die entsprechenden gremien schicken, eben ohne schleimtrompete nicht sein können, es kostet sie ja keinen cent, weil das ö.r. wesen an die grundversorgung mit fussballübertragungen gekoppelt ist, und die hat in diesem land quasi verfassungsrang noch vor den demaiziere-rechten auf mitlaufen und auf äußerung allgemeinen missbehagens bestimmter personenkreise. einfach immer nur mdr gucken. die erkenntnis wird sich geradezu schlagartig einstellen.

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Braut und Bräutigam
Hätte ich Berliner Kurier, Tip und Berliner Zeitung für 160 Mio verticken können - jederzeit! Selbst bei optimaler Bewirtschaftung sehe ich kaum mehr als 35-60 Mio Wert im Ganzen. Für den Verkäufer war das zweifellos ein guter Deal - und wird voraussichtlich z.B. dem Tagesspiegel, der Zeit, diversen Verlagsprodukten und Autoren/innen und digitalen Versuchen der Holtzbrinck-Gruppe zu Gute kommen, sowie neuen Zeitschriftenprojekten.

Dass die Investoren ausgerechnet in Berlin und Umland das Anzeigengeschäft flott kriegen wollen: Kaum zu glauben.

Egal, mich interessiert, wessen Geld verbrannt wird. Jedenfalls finde ich es nett, dass dieses Geld in den "Standort Deutschland" gepumpt wird. Doch: wirklich nett.

Am Ende werden die beiden übernommenen Zeitungen überlebt haben, deshalb, der Brite schlechtem Geld gutes hinterher werfen wird. Später dann findet sich ggf. ein neuer Bräutigam.

Ich verstehe den Kummer nicht, der sich allenthalben rührt. Haben denn die Investoren (was für ein höhnisches Wort für Geldverbrenner) gekauft, um die Zeitungen zu schließen? Wird das das zwangsläufige Ergebnis sein? Oder ist es einfach nur die Unwilligkeit zur Veränderung, zumal diese Veränderungen im Augenblick schwer ausrechenbar sind?

Wenn gerufen wird: Presse-"Freiheit ist nicht die Freiheit von Finanzjongleuren", dann sehe ich das genau gegenteilig. Auch darin besteht Freiheit! Wie können wir sicher sein, dass die bösen Finanzinvestoren die Arbeitnehmer und Journalisten nun nach völlig neuen Regeln fernab deutscher Gewohnheiten behandeln werden, zudem mit Hungerlöhnen und Massenentlassungen?

Es muss kein Drama sein, dass über Finanzinvestoren neues Kapital herein kommt und die Vielfalt im deutschen Presse- und Verlagswesen erhöht wird.

Ich verstehe die Aufregung wegen der zu teuer verkauften Braut nicht.

Montgomery bekommt seinen Eintritt in den deutschen Boulevard, und der Springerkonzern (BZ u.a.) Konkurrenz.

Meine Trauer hält sich in Grenzen.

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Werfen Sie einfach einmal einen Blick über den Tellerrand Ärmelkanal und schauen Sie sich den Independent und den Daily Mirror an. Nicht ohne Grund gilt Montgomery als der schlechteste Zeitungsmanager in Großbritannien, und dort haben die immerhin einen Rupert Murdoch und einen Robert Maxwell erlebt (wenistens verstanden die was vom Metier).
Und ja, Sie können sicher sein, dass die Mitarbeiter der Berliner Zeitung es gewaltig zu spüren bekommen werden. Zudem ist fraglich, dass später jemand noch diese verkaufte Braut haben will, wenn Montgomery mit ihr erst mal fertig ist.

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