: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 11. April 2005

Chemiefabrik westlich von Wittenberg

Ich denke, es gibt in Deutschland eine weitgehend ausgeblendete Realität. Vielleicht erlebe ich auch nur die falschen Medien, aber ich sehe manchmal Dinge, die mir niemand zeigt, und ich verstehe nicht, warum das kein Thema ist. Vielleicht interessiert es auch wirklich niemanden, kann sein. Dennoch möchte ich hier ein paar Bilder zeigen.



Einfach auf das Bild klicken - willkommen in Deutschland. Hier ist der 2. Teil der Serie.

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Verwaltungsgebäude in Wittenberg

Von aussen gesehen:



Viele Scheiben sind eingeschlagen, der Platz davor ist verwuchert. Nichts un niemand hält einen davon ab, sich hier umzusehen.



Soweit die Steine reichen und die nötige Durchschlagskraft besitzen, ist das Glas fast immer zertrümmert, wie hier im Treppenaufgang.



Hinten gibt es einen Durchgang, über den man - vorsichtig, wegen der Glassplitter -problemlos in das Gebäude einsteigen kann.



Innen sieht es aus, als ob hier ein Krieg stattgefunden hätte. Trümmer, Schmutz und Müll liegen knöchelhoch auf den Stufen.



Im Eingangsbereich sind noch einige der Briefkästen vor der Portiersloge in situ, aber viele andere wurden herausgebrochen, und liegen auf dem Boden dahinter.



In der Vorderfront war eine Art Showroom mit grossen Glasflächen. Hier ist alles zerstört, was sich irgendwie zerstören lässt.



Die Möbel im Showroom sind aus Vollholz und erstaunlich stabil. Es muss viel Kraft gekostet haben, sie aufzubrechen und zu verwüsten.



Fast unbeschadet ist an der hinteren Wand Kunst am Bau im Stil der 70er Jahre. Woanders wäre das vielleicht schon wieder ein Grund zur weiteren Plünderung.



In den langen Gängen sind alle Türen aufgerissen, als hätten die Arbeiter das Gebäude schnell und in Panik verlassen.



Wenn eine Tür doch mal verschlossen war, wurde sie aufgebrochen, und die Schränke dahinter durchwühlt. Die hier gefundenen Luftpost-Briefumschläge der DDR haben offensichtlich niemanden interessiert.



Eine Gastür erleichtert das Eintreten natürlich erheblich. Immerhin sind die Sanitäranlagen hier noch an der Wand. In anderen Räumen hat man sie herausgerissen.



Vorhänge und Möbel sind noch da, auch wenn die Scheiben fehlen, und in wenigen Jahren die Witterung alle Stoffe verschlissen haben wird.



Es gab wohl so etwas wie eine primitive EDV. Auf dem Boden ist manchmal kniehoch braunes Rollenpapier, wie man es vielleicht aus Katastrophenfilmen kennt.



Ein etwas besseres Büro mit Aussicht auf die Elbe. Morgen gibt es mehr davon.

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Sonntag, 10. April 2005

Wunderglaube in der Moderne

Manche glauben an den Break Even im vierten Quartal. Andere glauben an Börsenprospekte. Es gibt welche, die glauben den Anlegergurus, und denen, die in Seminaren Erfolg beschwören. In der Regel taucht dann immer irgendwo der relativ abstrakte Begriff "Millionär" oder auch "Million" auf. Angesichts der enormen Industrie, die sich allein um den Wunderglauben gebildet hat, sollte das hier nicht überraschen -vielleicht funktioniert es sogar.



Schliesslich lassen sich, wie das indigene Unterschichten-Marketing weiss, die Leute am Telefon alles, auch den letzten Dreck andrehen. Aktien, Versicherungen, Mehrwertdienst-Lebenshilfe, Esoterik, Zeitungsabos, Sex vom Tonband. Ein Geschäftsmodell mit Zukunft. Zwischen Rügen und Zwickau gibt es Hunderttausende, die nur darauf warten, sich von einem mit Aufbauhilfe geförderten Seriengründer die Kehlen wundzutelefonieren. Damit sie auch mal ordentlich teleshoppen gehen können, zum Beispiel. Da helfen dann auch die Landesmedienanstalten gerne weiter.

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Mittwoch, 6. April 2005

Medienkompetenz

Windows 200 Prof., Browser Firefox, Bildschirm-Auflösung 1024 mal 768 Pixel. Normaler geht es eigentlich nicht. Da müsste doch eigentlich jeder seine Seite so hinbekommen, dass sie ordentlich ausschaut. Fast jeder. So sieht eine gewisse Seite in meinem Browser aus:



Nun könnte man sagen, ok, ein paar Pfeifen gibt es immer. Nur sind es diesmal besondere Pfeifen - die Seite gehört ausgerechnet zum News-Bereich der Bitkom, des angeblich grossen, wichtigen Lobbyverbandes der IT-Wirtschaft. Sehr kompetent, ich muss schon sagen. In der Pressemitteilung sagt BITKOM-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder: "Die Zeit der Kostenlos-Kultur geht zu Ende, gleichzeitig steigt die Qualität der Angebote." Es geht dabei um Pay-Content - was ich, wie manche vielleicht wissen, für einen Totgeburt halte.

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Dienstag, 5. April 2005

Nach der Vorhölle

Wem das - wie offenbar vielen Lesern - zu harmonisch ist, der mag sich vielleicht hieran erfreuen: Verwaltungsbau eines Chemiekombinat in Wittenberg, oder was davon übrig ist.



Die ganze Serie gibt es morgen, oder so. Es wird noch besser. Noch höllischer. Da wohnen übrigens auch Leute daneben - nur arbeiten tun sie nicht. Weil Arbeit ist hier nicht. Aber immerhin kann man gegen den Frust Scheiben einschmeissen. Sehr viele Scheiben. Wenn ich wählen müsste, zwischen der Vorhölle meiner Herkunft und dem hier, zwischen dem, was in der privilegierten Provinz ist und was sich im Osten als gesamtdeutsche Zukunft abzeichnet, dann fällt mir die Entscheidung leicht.

Und bitte keine Illusionen - das ist nur ein Ruinengebäude von vielleicht 30 auf der Strecke von der A9 nach Wittenberg, die so aussehen - und von diesen 17 Kilometern muss man noch 7 Kilometer Biosphärenreservat wegrechnen. Bleiben 10 Kilometer für 30 Ruinen übrig.

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Sonntag, 3. April 2005

BrEcho

Mitte der 90er Jahre war ich mal auf Exkursion in Südtirol. Thema waren die vor- und frühgeschichtlichen Kulturen in einer Region, die unsereins als "retardiert" bezeichnet, der Fachterminus für hinterwäldlerisch und zurückgeblieben. Die Zeit zwischen den Epochen Hallstadt und La Tene, auch bekannt als Übergang von der Bronze- zu Eisenzeit, wird dort mit der Laugen-Melaun-Kultur gleichgesetzt. Laugen-Melaun ist eigentlich eine ziemlich traurige Sache mit wenig ansprechenden Funden, ganz im Gegensatz zu Resteuropa, das mit grandiosen Fürstengräbern (etwa in Hochdorf) aufwartet. Aber was soll man schon von einer Kultur erwarten, die sich mühsam an den Alpenabhängen zwischen Eisack und Etsch festklammern muss. Nicht wirklich übel, aber die dicken Dinger waren woanders: Norditalien, Ostfrankreich und Süddeutschland.

Laugen-Melaun, benannt nach zwei Gräberfeldern bei Brixen, saugt also. Es gab weder Fürstenhöfe, noch ordentliche Oppida, keine Grabhügel, und die Keramik als unscheinbar zu bezeichnen, ist eher ein Kompliment. Die typischen Krüge sind fett und ähneln entfernt dem, was man vielleicht von primitiven Klingonen als Trinkgefässe erwarten würde. Auch die namensgebenden Fundorte sind nicht wirklich prickelnd, wie jeder merkt, der mal das Gräberfeld von Melaun besichtigt: Eine Wiese bei einem Kaff am Abhang, fertig.

Da standen wir dann, hörten gelangweilt ein Referat nochmal an, das wir schon im Seminar gehört hatten, und sahen uns die Wiese an. Die Wiese als solche war grün, aber auch nicht übermässig grün, und wenn jemand gesagt hätte, Moment, die Wiese hier ist gar nicht das ehemalige Gräberfeld, dann hätte ich mir nichts dabei gedacht - und so kam es dann auch: Einer der im Referat beschriebenen topographischen Punkte wollte irgendwie so gar nicht passen, und dann kam auch noch ein Bauer vorbei, der genau wusste, dass wir an der falschen Wiese, 2 Serpentinen zu tief standen. Also gingen wir nochmal die Serpentinen hoch und standen an einer anderen grünen Wiese, die vollkommen nichtssagend war, und hörten das Referat nochmal an, das mit der gleichen Inbrunst wie zuvor die Einzigartigkeit dieser für die Laugen/Melaunkultur typischen Lage anpries.

Damals war ich Wissenschaftler und lachte nicht. Wissenschaftler lachen nie, und weil die Referentin als Zäpfchen einen warmen, angenehmen Ort im Podex einer leider zu früh verbeamteten, weil danach sofort stinkfaul und egoman werdenden Insitutsperson gefunden hatte, gab es auch keine Kritik.

Aber gestern habe ich den Echo etwas mitbekommen, und das alles hat mich sehr an diesen Sommernachmittag in Melaun bei Brixen auf der grünen Wiese erinnert. Letztes Jahr war man noch auf der anderen Wiese und fand sie wichtig, heute steht man bei der neuen Wiese und findet sie noch immer wichtig. Angeblich kam da mal was ganz Tollen raus, aber man muss schon ziemlich auf das Thema abgerichtet sein, um diese Serien protoklingonischer Furzmusik, die da aus dem Neuköllner Morast klangen, toll, bedeutend und als wichtigen Ausdruck von Kultur zu erfinden. Nächstes Jahr suchen wir uns für das neue Referat dann eine neue Wiese, hören gequälte, von der Notwendigkeit und der Scheine, des Scheins wegen wichtige Vorträge, und nennen das Ganze dann Popkultur. Deutsche Popkultur.

Und in 2300 Jahren werden irgendwelche debilen Professoren das Thema "Popkultur in Deutschland" raussuchen, das ausser ihnen keine alte Sau interessiert, dann zwischen "Rammsteinzeit" und "Julikult" differenzieren und mit ihren Studenten Exkursionen nach Berlin machen, wobei es ihnen wichtig sein wird, aus der mangelnden Standortkontinuität der Kultstätten Richtung Osten, Richtung Verwahllosung auf einen generellen Niedergang der Popkultur zu schliessen.

Kauft Euch Nachlader, An die Wand. Da stehen wir. Da sind wir. Und von da aus geht es nicht weiter, ausser vielleicht mit dem Verbluten.

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Mittwoch, 30. März 2005

Der Elefant im Wohnzimmer

Ich linke nur ungern auf die alten Feinde vom Manager-Magazin, der Bravo der deutschen Sachbearbeiter, und auch Malik ist bisweilen mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen, aber diesmal spricht er den Elefanten an, der im Wohnzimmer steht und den keiner sehen will: Von wegen, der amerikanische Weg der Wirtschaft ist gut.

"Es beschliche einen dann die Frage, woher sämtliche US-orientierten Beraterfirmen eigentlich die Frechheit holen, uns amerikanischen Management-Blödsinn zu empfehlen, obwohl viele von ihnen damit selbst in Schwierigkeiten kamen und einige daran vor kurzem fast oder ganz pleite gingen, aber ohne Skrupel wieder auf dem Markt herumhausieren."

Da hat jemand mal nachgedacht. So schafft er es nie zu Christiansen.

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Dienstag, 29. März 2005

Worte für die Ewigkeit

Der Schwerpunkt liegt auf dem Fulltrack-Download, aber additive Services sind natürlich nicht ausgeschlossen. Zur Entwicklung dessen was uns final vorschwebt, brauchen wir sicher noch ein Jahr.

Wenn der Interviewer mehr sagt als der Interviewte, läuft etwas grundsätzlich falsch. Wenn dann noch Sätze wie der obige kommen, geht das falsch Laufen in Tim Renner über.

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Geschichtsklitterung

In den Heydays von 98/99 war "The Industry Standard" mein erster Anlaufpunkt am morgen gleich nach den Mails. Zeitung und Website waren in San Francisco, und mit den 9 Stunden Zeitunterschied kam die Tageszusammenfassungaus Amerika pünktlich zum Frühstück. Red Herring gab es bereits seit 93, Business 2.0 seit 97, aber mein Markteintritt fiel - zufällig - mit dem Industry Standard zusammen, und die Jungs hatten den richtigen Ton drauf. Red Herring war zu VC-orientiert, Business 2.0 hatte spätestens Ende 98 jedes Augenmass verloren. Man kann dem "industry Standard viel nachsagen - die Rooftop-Parties, die 30 Millionen VC, die sie in eineinhalb Jahren durchgebracht haben, der gescheiterte Börsengang im August 2001 und die folgende Pleite - aber in der Mitte der Seite war ein Ticker, und der hatte es in sich. Der Ticker brachte ziemlich oft die Wahrheit, und wer 99 sehen wollte, konnte dort sehen, was kommen würde.

Das Ende im August 2001 war ziemlich spektakulär: Kein Geld mehr, ein paar Tage bezahlter Urlaub für die 180 verbliebenen Mitarbeiter, die ihr handy und das Notebook behalten durften. Der Industry Standard hatte sich journalistisch ziemlich korrekt verhalten, weitaus besser als die deutschen Fakes, aber am Ende war es doch nur die typische Geschichte vom Grössenwahn und der Blindheit. Die Märkte brachen nicht zusammen - es wurde nur offensichtlich, dass es die Märkte nicht gab und nie gegeben hatte.

Inzwischen ist The Industry Standard wieder online - in etwa so lange, wie dieses Blog hier, und ich lese ihn regelmässig. Aber ich traue ihm nicht. Denn wie ein drittklassiges Open-BC-Mitgleid, das seine Verwicklung in den Hype einfach so unterschlägt, sagt der Industry Standard nichts über seine eigene Geschichte. Ganz im Gegenteil. Man stehe immer noch für das, für was man 98 stand. Die Katastrophe dazwischen wird völlig ausgeblendet. Das Archiv, früher eine unschätzbare Quelle zur New Economy und ihrem Zusammenbruch, ist weg. Das mag Industrie Standard sein. Klug und ehrlich ist es nicht.

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Dienstag, 29. März 2005

Die Mauer wiederhaben

wollen angeblich 25% der Westdeutschen - nichts leichter als das. Die Mauer ist zwar inzwischen physikalisch weg, aber ihr Raum und ihre Spuren sind immer noch da.



Aufgerissene Hinterhöfe, Mauern ohne Fenster, wie mit dem Messer abgechnittene Gebäudekomplexe, dazu die untrügliche Mischung aus DDR-Braun und frisch restauriert - auch wenn die Mauer weg ist, sind die Unterschiede überall erkennbar. Wegreissen heisst nicht, dass da etwas Neues an der Stelle entsteht. Der nötige Raum ist also da. Zum Beginn könnten sich die 25% Idioten und die entsprechenden Ost-Deppen zusammen als menschliche Mauer dort postieren. Einen Winter, oder zwei. Ich bringe dann auch Tee vorbei. Ab und zu.

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