Verwaltungsgebäude in Wittenberg II

Das Gebäude war früher, in den 70er Jahren, sicher nicht schlecht. Im Osten und im Westen sind grosszügige, verglaste Treppenaufgänge. Es muss früher sehr elegant und freundlich ausgesehen haben, beeinflust vom Bauhaus, das nicht weit von hier in Dessau war.



Das sieht man auch den Möbeln an. Dieser Schreibtisch hier könnte durchaus auch Art Deco sein. Ein echtes Qualitätsmöbel, das seinen Dienst noch Jahrzehnte tun könnte.



Von oben hat man eine schöne, weite Aussicht über die Flusslandschaft der Elbe. Wenige Kilometer weiter westlich beginnt das grösste Biosphärenreservat Deutschlands.



Hier oben war die Geschäftsführung, zu erkennen an der gehobenen Ausstattung, wie etwa der Holzvertäfelung der Wände. Sie ist sehr solide gemacht, wie man an den Bruchstellen erkennen kann. Aber selbst die Mauern wurden nach der Aufgabe durchschlagen.



Hier sind Betriebsrat und Geschäftsführung noch einmal vereint auf einer Tafel - so vereint, wie sie zusammen wahrscheinlich untergegangen sind, als der Betrieb nach der Wiedervereinigung offensichtlich keine Chance mehr hatte.



Zwei Zimmer weiter ist dann der Raum für die Geschäftsführung. Als er noch intakt war, muss er ziemlich ansprechend gewirkt haben. Nicht im mindesten so, wie man sich vielleicht die DDR vorgestellt hat.



Einbauschränke, eine Kommandozentrale, selbst der Teppich ist jetzt noch gut. Man hat hier auf Qualität geachtet, bis dann die Vandalen gekommen sind. In manchen Fächern sind inzwischen Vogelnester.



"Eine Gewerkschaft, die stark macht" - auf dem Gang vor dem Büro des Betriebsleiters sind die Trümmer der Arbeitnehmervertretung zu sehen. Westimporte, in guter Hoffnung hierher gebracht, und wahrscheinlich von den Mitarbeitern auch erst mal begeistert aufgenommen. neue Freiheiten eben.



Für die Finanzen hatte man bereits das neue Wort "Controlling" eingeführt. Es muss zu Beginn also eine Art Hoffnung gegeben haben; einen Versuch, die Firma zu halten und rentabel zu machen.



Typisch DDR sind dagegen die Fundstücke, die auf eine Arbeiterbildung hinweisen, wie dieser Rest eines dicken Blocks, mit dem die Ausleihe von Büchern organisiert wurde.



Offensichtlich hat man sie nicht mehr gebraucht. Was an Akten noch wichtig war, wurde inzwischen weitgehend entfernt. Zurück bleiben nur leere Rollschränke und weisse Resopalmöbel, die Fremdkörper des Westens sind.



In den oberen Stockwerken haben die Plünderer nicht ganz so schlimm gehaust. Manche Zimmer sind kaum angetastet, bis auf die Elektrik, die wohl überall entfernt wurde - Schrotthändler geben dafür gutes Geld.



Auch im Treppenhaus sind die Lampen nur noch Drahtgerüste. Vieles wurd von hier oben einfach nach unten geworfen. Im Erdgeschoss liegt kniehoch der Müll zwischen den Aufgängen.



Dennoch hat man die Hoffnung nicht aufgegeben, Investoren zu finden. Die entsprechenden Lockwörter wurden gross an die Fenster der Treppenaufgänge geschrieben. Man kann es zumindest mal versuchen.



Auf dem Weg nach unten kommt man nochmal am Eingangsbereich vorbei. Für Besucher gab es hier auch ein breites, angenehmes Sofa, auf dem sie eine Weile warten konnten. Inzwischen ist es aufgeschlitzt, als ob jemand darin einen Sparstrumpf vermutet hätte.



Und so sieht es von aussen aus. Es war vielleicht nicht wirklich schön, aber zumindest rationale Industriearchitektur. Arbeit und Brot für viele Menschen, die jetzt wahrscheinlich arbeitslos sind.



Nebenan wird gebaut, aber es sieht nicht so aus, als ob dort viele Arbeiter gebraucht werden. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Zum 1. Teil geht es hier.

Dienstag, 12. April 2005, 15:02, von donalphons | |comment