: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 9. September 2011

Unverkabelt

Ich habe so etwas wie eine Generaltheorie der Inneneinrichtung: Man richtet sich um so üppiger ein, je schlichter der Medienkonsum ist. Ich glaube, es gibt einen Kausalzusammenhang zwischen dem TV-Gerät und dem Niedergang der Möbelindustrie: Wer am Abend nach Hause kommt und sich vor die Glotze und später den Rechner wirft, braucht einfach keine hübschen Möbel. Das ganze Bunt und Schnell und Aufregend kommt dann aus dem Medium. Da ist es dann auch gut, wenn das drumherum nicht allzu viel Kontrast liefert.



Bei mir ist es bekanntlich etwas anders, ich habe keinen Fernseher, und die Seiten, die ich im Internet besuche, sehen eher nicht so aus wie SPONschleim oder Bild. Ich muss sogar sagen, dass mir normale Beiträge im FAZ-Layout viel zu chaotisch sind; ich finde die Form bei den Blogs gut und erträglich. Der Medienkonsum also stört nicht in meinem Lebensbereich. Die World of Interiors fügt sich nahtlos ein, ein wichtiges Element sind die Bücher in meinem Leben, und irgendwie kann ich nicht umhin zu sagen: Die Wired und GQ haben einfach nicht in meine Wohnung gepasst. Das ist auch Lesern aufgefallen. Es geht nicht zusammen. Ich würde das auch nicht mehr kaufen.



Ich persönlich finde viele Gedanken in diesem Heft sehr viel scheusslicher als die Gestaltung. Es ist nicht gut, und dabei könnte man es fast belassen; aber es zeigt halt, dass Blogger plus Journalistenschüler plus Medienmeckerer auch keine guten Produkte machen - man denke da nur an all die Wortgewalt, mit der Beteiligte andere Medien runtermachten und nun selbst so ein extraweiches Anzeigenvertrieblerklopapier abliefern (wenn nicht gerade die eigenen Kumpels hofiert werden). Aber das ist alles schon beiseite gelegt.

Zur Entspannung lese ich in der Regel Bücher, und wirklich fein war heute Vita Sackville-West mit ihrer Reise, die sie 1925 in einen entlegenen Teil Persiens unternahm. Sehr unterhaltsam, besonders in einem Punkt:



Dann nämlich, als noch ein Herr einer amerikanischen Forschungsgesellschaft dazu kommt und sie vermerkt, das seien jetzt 5 Europäer.

Da stolpert man 85 Jahre später drüber, man muss sich erst mal wieder eindenken in eine Epoche, in der "der Westen" noch ein gemeinsamer Kulturraum von eher europäischer Definition war. 1925 steckte Hollywood noch in den Kinderschuhen, es gab keine amerikanische Hegemonie der Kultur, die jetzt erst ganz langsam wieder zu bröckeln beginnt, weil der amerikanische Weg am Ende ist, und Europa eigene Lösungen finden muss, Soll. Sollte. Wie man ja weiter oben gesehen hat. Man kann nicht amerikanische Lösungen für Europäer liefern. Vielleicht für amerikanisch sozialisierte Europäer und Leute ohne Kultur, aber nicht für Europäer. Das war 1925 eben noch ganz anders. Solche Kleinigkeiten erfreuen auf fast jeder Seite. Sackville-West hebt besonders hervor, wie abgeschieden diese Region und die Reisenden von jeder Nachricht sind, und man merkt es dem Buch an, denn es ist stark, verdichtet und frei von anderen Kontexten erlebt. Es ist unverkabelt. Sie wandert frei durch eine Region, und alles, was sie noch mit Teheran verbindet, ist ein Brief des dort lebenden Khan, der seinen Untertanen Schlimmes androht, falls ihr etwas zustossen sollte.

Ich würde nicht wegen Wired sagen, dass mich das Internet oder die Medien nerven, da gibt es Schlimmeres. Ich kann und will es mir auch nicht leisten, ohne Rechner wegzufahren, denn irgendwo muss ich meine Eindrücke aufschreiben. Aber einen Moment oder zwei, auf jeder Seite, ist diese Lage von Sackville-West beneidenswert. Bis sie auf einem Pass ihre Karawane verpasst, einen falschen Weg geht und sich dann kaum mehr zurechtfindet: Es ist ja 1925. Man kann da nicht anrufen oder eine SMS schreiben. Es hat seine Nachteile, 1925 zu leben. Manchmal zumindest.

Feines Buch, feine Autorin. Das habe ich heute gebraucht.

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Ich denke, ich bin fair.

Angesichts eines Blattes, das wenngleich schlechte, so doch unverholene Werbung für Beckedahl, den i-D Media Gründer Kolb und im längsten Text auch für die inserierende Autofirma macht. Geht irgendwie gar nicht. Es ist wirklich nicht alles schlecht, aber intellektuell ist Wired schon nah an einer Zumutung. Kommentare bitte drüben bei der FAZ, wenn möglich: Eigentlich will ich das ganze Thema hier nicht haben. (Nur weil nach dieser Rezension gefragt wurde).

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