: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 25. Oktober 2005

Dirt Picture Contest - Outsourcing

der surplus facilities in den public space nach Art der hiesigen Elitessen. Den Gang müssen alle anderen entlang laufen.



Vielleicht kommt die Besitzerin ja aus Berlin. Später mal wird sie immer fordern, dass der Staat gefälligst die Rahmenbedingungen verbessern soll, und ihre Mitarbeiter Untergebenen mit einem staatlich geförderten Sozialplan freistellen, um dann irgendwo im Osten bei ausgesetzten Umweltauflagen neue Jobs auf Probe zu schaffen.

Oder jemand ehelicht sie weg, dann muss "nur" die Putzfrau leiden.

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Der 3i-Boo, der nicht kam

Ich hatte in Erwartung des Kaufs des Berliner Verlages durch eine englisch-amerikanische Investorengruppe eigentlich einen Text vorbereitet, über die Pleiten und Pannen des Konsortiumführers - neudeutsch Lead Investors - 3i. Die Gesellschaft hat einen famosen Ruf in der britischen Wirtschaftsgeschichte bei der Modernisierung des Landes nach dem zweiten Weltkrieg, aber auch eine schlechte Fama hier in Deutschland durch die Übernahme des damals grössten deutschen VCs Technologieholding - bekannt geworden u.a. durch die Börsengänge von Intershop und Brokat. Das ergab damals einen ganzen Sack bösester Geschichten, ein Aufenthalt im Portfolie war für die Startups so gesund wie in einer Peststation. 3i hat nie bekannt gegeben, wieviel sie hier bei ihrem missglückten Markteintritt verloren haben, aber es dürfte einem Totalverlust recht nahe kommen.

Jetzt hat sich 3i aber aus dem Kauf der Berliner Zeitung verabschiedet, die anderen Partner machen es alleine. Schlecht für meine Geschichte, ganz schlecht für die Journalisten in Berlin - wenn selbst 3i keine Lust mehr hat, wird das ganz, ganz böse. Ich sag´s mal so: Wer von den Leuten dort eine Hypothek auf das Haus hat, sollte besser heute als morgen verkaufen. Die Renditeerwartungen können nur erreicht werden, wenn die Arbeit nur minimal attraktiver ist als Arbeitslosengeld II. Und das wird auf die anderen Verlage durchschlagen, denn was der eine Controller schafft, versucht der andere auch.

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Sehr zu empfehlen - keine Spülmaschine.

Gestern kam die Frage der Integration einer Spülmaschine in ein stilistisch stimmiges Interieur auf. Eine Frage, die mich erst etwas fassungslos zurückliess; ein wenig so, als hätte mich ein Priester nach einem Herrgottswinkel in meiner Wohnung gefragt, oder eine Elitesse nach einer Glotze. Ich weiss nicht, wie man darauf kommen kann, dass ich mich um eine Spülmaschine bemühen würde. Der Besitz einer solchen Sache ist nachgerade widernatürlich, wenn man den von mir bevorzugten Lebensstil vertritt.

Denn eine Spülmaschine mag zwar Geschirr auf den ersten Blick irgendwie sauber zu machen, ist aber das beste Beispiel für kulturelle Verwahllosung bei gleichzeitig völlig untauglicher technischer Umsetzung. Sie ist das Paradebeispiel für eklatanten Mangel an Stil und auch an Gastfreundschaft, denn wer dieses Ding zu etwas anderem als zur Lagerung von Katzenfutter benutzt, hat schlichtweg nichts, womit man die Gäste verwöhnen könnte.

Das Wichtigste zuerst: Spülmaschinen sind angesichts der zu reinigenden Objekte völlig ungeeignet. Man nehme eine alte, versilberte Gabel und tue ihr 100 mal das Verbrechen einer Spülmaschine an. Einerseits wird die Maschine alle Kanten angreifen und dort die Versilberung beschädigen. Denn der Dreck sitzt in den Vertiefungen und Zinken, und um dort noch ausreichende Wirkung zu erzeugen, geht die Maschine mit übermässiger Kraft ran. Und zerstört dadurch auch beste Auflagen. Dass die Unterbringung von mehreren Besteckteilen in kleinen Käfigen die Oberflächen verkratzt, ist ein weiterer Grund, nicht daran zu denken, dergleichen in die Wohnung zu lassen.

Andererseits ist es nicht jedem gegeben, das zu benutzen, was nach 500 Jahre kulturellem Auf- und Abstieg von der Gabel geblieben ist - ein uneleganter, fetter, vorne mehrfach breit gekerbter Halblöffel mit kurzem Stil, multifunktional vor allem zum Schaufeln geeignet in 5 cm Flughöhe des Unterkiefers über dem Teller. Diese Formdegeneration ist zwei Gründen geschuldet: Zum einem würden sich die Tellerschaufler mit richtigen Gabeln und ihren langen, dünnen Zinken die Augen ausstechen, hätte dergleichen Werkzeug bei der Annäherung von Maul und Frass zu wenig Raum. Dazu kommt, dass in weiten Teilen der Bevölkerung die Gabel auch noch falsch gefasst wird und mit den Zinken nach oben, dem Löffel ähnlich geführt wird. Da werden vier eng stehende, 6 cm lange Silberstachel schnell zur lethalen Fazialpallisade.

Zum anderen liegt diese Rückentwicklung auch an der Spülmaschine, die bei den engen Zwischenräumen der echten Zinken und ihres quadratischen Querschnitts nicht in der Lage ist, Essensreste auch nur ansatzweise zu entfernen. Jedem Besitzer eines solchen Apparats sei empfohlen, mal genau zwischen die Zinken seiner Gabeln zu schauen - und sich dann zu überlegen, ob man dergleichen nicht besser mit der Hand macht. Kleiner Tipp: Mit den Zinken den Schwamm bis zum Anschlag durchbohren reinigt schnell und zuverlässig. Das gleiche gilt übrigens auch für Messer und überhaupt alles Metall, das nicht vollkommen glatt ist.



Tödlich sind Spülmaschinen auch für jedes Glas mit geschliffenem Rand. Wer dergleichen ein paar Mal in den schwarzen Schlund der Maschine tut, bekommt Absplitterungen und scharfe Grate. Die Gläser kann man danach wegschmeissen. Vergoldetes oder bemaltes Porzellan hat in der Spülmachine ebenfalls nichts, absolut nichts verloren. Desto wertvoller die Stücke, desto weniger ertragen sie. Auch hier geht die Maschine vor allem an die empfindlichen, vergoldeten Kanten statt in die Mitte, wo sich der Schmutz befindet. Das kann der Mensch mit dem Schwamm, warmen Wasser und Tuch weitaus besser und schonender. Der Mensch ist klug, die Maschine ist strunzdumm. Der Mensch macht sauber und glänzend, die Maschine wischt rum - und danach muss man ohnehin alles nochmal überprüfen, denn bei der Mielemafia bleiben irgendwo immer Schmutz und Schlieren. Dann besser alla mani pulite. So, und nur so entstehen Erbstücke, die Enkel lieben, weil sie schon als Kind davon die Erdbeertorte essen durften*.

Aber, werden manche sagen, ist mir doch egal. Ich hab sowieso Ikeageschirr und Pressglas und Edelstahlbesteck, und wenn es kaputt ist, kauf ich mir neues, ich mein, bevor ich da stundenlang in der Küche stehe... Diesen Leuten seien zwei Dinge mit auf den Weg gegeben. Eine Spülmaschine nimmt einen Quadratmeter Wohnfläche weg, hat hohe Anschaffungskosten und steht bei kleinen Haushalten meistens nur rum. Das heisst, das Ding ist teuer, braucht Strom und Wasser, kostet Geld, und das wiederum muss erarbeitet werden. Womit die Zeitersparnis schon wieder beim Teufel ist. Auf der anderen Seite ist Spülen eine geistig vergleichsweise anspruchslose Tätigkeit. Man kann sich nebenbei Texte überlegen, bei Händel falsch mitsingen - Al lampo dell'armi quest'alma guerriera vendetta farà - die Hausfrau umcircen oder küssen, und, wenn man denn werthaltige Utensilien besitzt:

Dann hat man was in der Hand, was einem gefällt. Silber schmeichelt der Haut, das kk Concordia Porzellan funkelt, und der Schälschnitt schwerer Baccaratgläser über das sanfte Tuch gleitet - das hat auch eine enorme, haptische Dimension. Man ist nicht die Putze für den Haushaltsmüll, man pflegt schöne Dinge. Das macht Freude. Es ist ein Genuss. Den vielleicht nicht jeder nachvollziehen kann, was auch in Ordnung ist. Trotzdem, wenig ist so überflüssig wie eine Spülmaschine - nur das Merkel als ahnlich dümmlich agierende Mechanik an der Staatsspitze geht da noch drüber.

* Disclaimer: Es sind keine Erbstücke abgebildet. Leider tendieren die Mütter besserer Familien dazu, nicht nur alle Erbstücke der Ahnen an sich zu reissen, sondern sie plündern auch hemmungslos die zugekauften Bestände ihrer Kinder. Und wenn sie wüssten, dass sich altes Bernadotte in der Kommode befinden würde... zum Glück können sie mit dem Internet nicht umgehen.

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Dienstag, 25. Oktober 2005

Der Lesung anderer Teil

Der erste Teil ist hier, das nun sind weitere Ausschnitte:

Modeste zum standesgemässen Tod
Beyond über die grüne Mamba
Wortschnittchen über den Teufel im Motor
Burnster über den Teufel im Klapprad

Ich tendiere dazu, die anderen Teile offline zu lassen - ein wenig Strafe für die nicht anwesenden muss sein. Und ich will auch nicht Matthias noch ein Gigabyte an Traffic aufhalsen.

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Weil´s grad passt

Hübscher Text über die eigenwilligen Eigentumsvorstellungen zum Urheberrecht eines gewissen Autors einer gewissen nicht enteigneten Postille im Umfeld gewisser Neocon-Blogger. Da hat einer aus der Achse der Guten hoffentlich mal einen schlechten Tag. Und ich was zum Erzählen, am Mittwoch bei den Medientagen.

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Dirt Picture Contest - Ikea 2.0 Mitte Edition

Sauber zerlegt, ordentlich in schicke, optimistisch blaue Tüten verpackt und auch noch für den Transport rollbar gemacht - haust Du noch oder vegetierst du schon?



Furniture 2 Go, das packende Interieurerlebnis in Berlins angesagtestem Stadtviertel, Open 24/7, das nenne ich Dienstleistungsmentalität. Und wenn die Bewag den Strom abstellt, kann man den Wagen auch noch zum Grill umfunktionieren, wie ich letzten Sommer am Mauerpark mal sehen konnte. Berliner Herz, was willst Du mehr?

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Zweiseitiger Insider

Das Lustige an Stefan|0|lix ist, dass wir lange Zeit auf der gleichen Seite waren. Und ganz gut zusammengearbeitet haben, bevor er unter die einschlägig bekannten Rechten gefallen/gegangen ist. Mal schaun, ob er diesmal die Zeichen der endenden Zeit genauso gut erkennt wie damals - little hint: Mit der Wahl haben rein meinungsbasierte Politblogs ungefähr so viel Markt wie weiland Kabel New Media. Da helfen auch 7 Beiträge pro Tag nichts, es hat nicht geklappt mit dem deutschen Bizz nach US-Vorbild, es wird weder little green football noch Drudge geben, die ganze Scheisse kreist nur noch um sich selbst, jetzt kommt die Konsolidierung, und was das bedeutet, wissen wir beide.

Der selbsteingeredete Hype ist vorbei, Stef. Zeit für NeoComTod.

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Sonntag, 23. Oktober 2005

Durch den bunten Blätterwald

führt die Strasse über sanfte Hügelkuppen, darüber blauer Himmel und Wolken, das Land atmet Ruhe und Beschaulichkeit, fast könnte man es mögen, denn da unten kommt ein Dorf und in dem Dorf gibt es ein wunderbares Wirtshaus, berühmt für seinen Spargel im Frühjahr und seine Apfelpezialitäten im Herbst, da



stellt jemand ein Schild in die Landschaft, das mit 2 mühsam gepinselten Worten alles sagt, was man über Bayern und seine Risiken und Nebenwirkungen wissen muss.

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Sonntag, 23. Oktober 2005

Sehr zu empfehlen - der Säulenleuchter

hinweis: als hasserfüllter, geschmackloser neocon, der mitunter seine hatz-iv-kohle versäuft und blödsinn blogt statt sich ernsthaft um einen job zu kümmern - ich weiss, das ihr hier seid - würde ich diesen text nicht lesen. danach winselt ihr sicher wieder rum, statt euch an der geplanten übernahme der weltherrschaft oder am götzendienst am merkel oder an euren durchgeknallten, spätmaoistischen selbstkritikritualen zu erfreuen.

Das Bewohnen historischer Gebäude bringt viele Einschränkungen mit sich. Meterdicke Mauern, Stuck und geschichtliche Relevanz handelt man mit schmalen Türen, steilen Treppen und engen Kehren ein. Weniger als das Finden und Kaufen von Raritäten ist das Transportieren im Haus das entscheidende Problem. Denn während man im Piano Nobile auch einen kleinen Elefanten ausstellen könnte, wird es in den früheren Dinstbotenzimmern hoch über der Stadt schwierig. Was dazu führte, dass die drei Meter hohe Prunkspiegelkonsole nicht bei mir, sondern bei meiner kleinen Schwester steht. Ich begnüge mich dagegen mit einer Auswahl von mittelgrossen Spiegeln, die den Raum dezent erweitern.

Vermutlich werden einige Leser darauf hinweisen, dass sie ebenfalls keine venezianische Prunkspiegelkonsole haben. Damit teilen wir ein Problem, denn die Prunkspiegelkonsole löste in der Zeit vor dem elektrischen Licht das Beleuchtungsproblem der besseren Familien elegant und nachhaltig. Ein Pärchen zwei- oder dreiarmiger Silberleuchter auf der Konsole lässt durch die Reflektionen den Raum in goldenem Licht schimmern, daüber funkeln die Kristalle des Kronleuchters in rotem Glanz; erbärmlich wirkt es dagegen, wenn das elektrische Licht einschaltet. Wir anderen hingegen, die wir zwar so viele niedrige Kandelaber wie Triebe besitzen, aber auch nur halbhohe Spiegel, wir müssen uns anders behelfen - und das geht so:



Das, meine Herrschaften, ist ein Säulenleuchter, von der Basis bis zur obersten Schale 80 Zentimeter hoch und 7 Kilo schwer. Unten aus Eisen, die oberen Teile aus Bronze. Damit gelingt es spielend, den Abstand vom englischen Foldleaftable bis in die Mitte unseres Rokokospiegels zu überbrücken. Beides übrigens, Spiegel und Säulenleuchter, verdanken wir der eklatanten Unkenntnis einer Berliner Nachlassauflöserin, die uns die Trouvailllen zu einem Preis überlies, für den sich keine Dirne dieser Stadt mit einem soziopathischen Neoconblogger auf der Suche nach dem ersten Sex mit 37 Jahren einlässt.

Was man dann noch braucht, später am Abend, wenn alles in die heimischen Gefielden verbracht wurde, ist ein Kerzenlöscher, mit dem man peu a peu die Lichter löscht, auf dass sich die Pupillen unserer Besucherin weiten und die Endorphine ins Plasma übergehen. Denn im goldenen Licht der Kerzen werden wir sie mit Kuchen und Torten gefüttert und danach Krokantpralinen zum schweren Wein gereicht haben, und nicht nur das Licht der vier Kerzen, auch die Reflektionen im alten, mit giftigem Quecksilber verspigelten Glas werden ihren und unseren Zügen schmeicheln und sichere Helligkeit nur vortäuschen, wo sich das Finstere der Lüste längst ausgebreitet hat, die Luft wird schwer und süss sein vom Geruch der sterbenden Flammen aus dem Bienenwachs, doch was uns den Atem raubt, ist die Hoffnung, die Erwartung der so lang hinausgezögeren Erfüllung, die uns durch diese Nacht getragen hat - ohne dass wir diemal so blöd nervös dauern an der Kerze rumgespielt und damit vorzeitig unsere Erregung verraten haben. Denn die Kerze schwebt dank Säulenleuchter über uns und wirft glänzende Reflexe auf ihr Haar, bis dann das Licht der Dunkelheit weicht und andere Sinne, der Geruch, der Geschmack, der Tastsinn ihre vollste Berechtigung finden.

Aber ich muss wohl nicht sagen, was von einem Cretin zu halten ist, der den Tod des Lichts mit dem Kerzenlöscher SLUTLIG (sic!) des berüchtigten schwedischen Sperrmüllhauses, verflucht sei sein Name, bewerkstelltigt.

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Dirt Picture Contest - Vorschnell weggeworfen

Hätten sie mal besser MTV geschaut. Dann hätten sie gewusst, dass Möbel mit 70er-Jahre-Pattern wieder schwer angesagt sind. Sowas kann man heute auch verkaufen, an aus dem südwestdeutschen Raum zugezogene Studis.



Da schlunzt sich der junge Mittebewohner heute gern rein, zupft an der E-Gitarre Lieder, die keiner je hören wird und daddelt, das Sixpack neben sich auf dem verstaubten Dielenboden, eine Runde auf der Playstation, statt endlich den Roman zu schreiben, den andere ohnehin viel besser können. Im Januar macht er auf den Sesseln den ihm gewährten Trostfick mit einer rupffrisurten Blondine und findet, dass ihre Tattoos und Body Mods ganz wunderbar in seine Wohnung passen. Und sie wäre von dem Paar Sessel so schwer beieindruckt, dass die drei Wochen später darauf für ein nie erscheinendes Streetwear- Magazin ein Shooting mit einem Photographen macht, der sie zwei Wochen später schwängert und sitzen lässt, weshalb sie dann nur noch selten aus ihrem ostfriedrichshainer aka hellersdorfer Sozialbau nach Mitte kommt, um mir dort auf den Flohmärkten den Sportbuggy mitsamt brüllender Fracht in die Kniekehlen zu rammen, wenn ich mal wieder da oben sein sollte.

Aber es wird zum Glück so nicht kommen, denn die Sessel stehen auf der Strasse, verfaulen ein wenig und werden in spätestens 7 Monaten vom Sperrmüll, den eine mitleidige Hausverwaltung informiert, abgeholt.

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Freitag, 21. Oktober 2005

Transport für Haifisch

Münchner Haifische fahren nach Berlin, wie Vampire in ein rumänisches Dorf fliegen. Dann fliesst das Blut schlecht angezogener Berliner Anwälte in Strömen aus den Sitzungssälen, zum Verderben der Verkäufer tiefblauer Sackakkos, geblümter Krawatten und hellbraunen Slippern, in denen weissbesockt die Zehen krampfhaft zittern. Wenn so ein Fond erstmal gecrasht ist, bleiben nur die miesesten Rechtsverdreher übrig, billiges Futter für die Prada- und Knize-Truppen aus dem Süden, deren Auftraggeber in Starnberg den Vollzug der Vernichtung als selbstverständlich voraussetzen.

Aber Zeit ist Geld, es bleiben nur wenige Stunden, der Stadt andere Schäden zuzufügen, und dann fallen die Scharen mit einem Taxi kurz in der Eisenacher Strasse oder der Bergmannstrasse ein, um vielleicht eine Hellebarde fürs Büro zu kaufen, eine alte Duellpistole, einen malayischen Dolch oder auch japanische Seidenmalereien, damit die Paragraphengruft einen femininen Touch bekommt, ganz gleich, welche Titanlegierung und welcher Hauptprozessor unter der Fleischnachbildung ihren Dienst an der Ausplünderung dummer Berliner Staatsbanken tut. Weil, man gönnt sich ja sonst nichts. Nur zu blöd, dass man das nicht im Flugzeug nitnehmen kann. Das muss dann einer machen, der mit dem Auto in Berlin ist.



Und so geht es vor der Heimreise nochmal hinab in die Keller unter der Stadt, in denen Händler die Schätze aus den Jahrzehnten des Niedergangs horten, und nur dann widerwillig Dependancen draussen eröffnen, wenn im Zentrum absolut kein Platz mehr ist. Aufgereiht sind die Biedermeiersekretäre, die geschweiften Kommoden stehen übereinander auf dicken Quetschfüssen, in den Vitrinen funkeln Kristall und Silber, und im Nebenraum liegt ein Berg Bilder bis zum Barock, die wirklich musealen Stücke sind irgendwo seitlich aufgetürmt.

Der Patron erzählt von der Jagd und vom Nehmen, von den Neuzugängen und dem Schicksal, das dahinter steckt, meist mit einer alten toten oder ins Altersheim verfrachteten Frau, und leitet dezent über, dass zu der Münchner Fuhre auch noch dies und jenes passen würde, das er aus dem Zwischenraum zweier Barockschränke an der venezianischen Lampe vorbei zerrt. Seine Augen funkeln, denn er weiss, wer ihm da gegenüber steht, er kennt das Zeichen und die spitzen Zähne, er hat die Gier bereits erfahren und hat ein Gefühl für die Lockungen frischen Blutes aus den besseren Villen Grunewalds. Es ist nie eine Frage des Wollens, es ist immer eine Frage des Preises und der Geschwindigkeit, denn er braucht Geld für die nächsten Brocken Fleisch aus den Kadavern, bevor ein anderer zugreift, und für die beiden zarten Damen auf Seide findet sich ein Ort, ein Platz, und letztlich wohl auch ein Haifisch, der Ansprüche darauf erheben wird. Oder sich verfluchen, wenn er im Bild die Fragmente einer Bronzensammlung sieht, die ohne ihn zerschlagen wird, vielleicht eine asiatische Gottheit, oder Orpheus und Euridyke aus dieser metallbraunen Unterwelt.



Nachher, an den Wänden und auf den Tischen der Kanzleien, wird nichts an den Orkus erinnern, durch den die Kunst gegangen ist, und nichts an die zuckenden Nasen und die schamlosen Blicke der Jäger, für die in dem Keller das rohe, blutig-saftige Festmahl an gebogenen, unrestaurierten Tischen bereitet wird. Und später dann, auf der A9 singt Lemmy, C´mon Baby, eat the rich, hinten im Fond sind bessere, zarte japanische Damen obszön aufeinandergequetscht, und vorne beim Schaltknüppel grinst ein bleiches Elefenbein-Okimono, ein kleiner fetter Mann, das wüste Treiben auf dem Rücksitz beim Flug über die nachtschwarze Autobahn hinterhältig an. Denn dunkel und böse sind unsere Wege, die zum Besitz führen, und am Tag, da wir sterben, wird der letzte Gedanke sein, dass unser Besitz in den schlimmen Reigen zurückkehrt, in einen vollen Keller, wo unser Fluch aufs neue von anderen Haifischen Besitz ergreifen wird.

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Kleiner Hinweis wegen der Kommentare

Heute Nacht hat ein gewisser Michael Meyn, seines Zeichens Autor bei einem bei Blogg.de gehosteten, rechtslastigen Blog mit gegen die AGBs verstossenden Inhalten, kontinuierlich, rund 50 mal die Kommentare und auch meine Mailbox mit Copy and Paste gespamt. Ich habe jetzt erstmal die Kommentare deaktiviert, und leite jetzt weitere Schritte gegen den Typen ein. Er sitzt zwar mitsamt Provider ausserhalb der BRD, ist aber deutscher Staatsbürger und macht das im Geltungsbereich deutscher Gesetze - praktischerweise gibt er das auch zu, eine Steilvorlage für eine Unterlassungsverpflichtungserklärung:

Du bist mir 9 Stunden voraus. Ich spam dir dein Blog zu, waehrend du durch deine Zahnluecken schnarchst!

Das tut er jetzt erst mal nicht mehr. Und an dem Problem wird gearbeitet. Wie auch an anderen. Es scheint heute die Nacht der Irren zu sein. +++update+++ Der Popkulturjunkie hat seine Leser aufgefordert, meinen Quelltext zu durchschnüffeln:

"Und dann ist mir per Zufall noch aufgefallen, welchen neuen so tollen Counter-Dienst Don Alphonso neulich geheimnisvoll angekündigt hat. Klickt mal auf das Don-Blog und schaut Euch den Sourcecode an: Da gibt es einen Abschnitt..."

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Donnerstag, 20. Oktober 2005

Die MP3 der Lesung

Die erste Runde: Liebe.

Wortschnittchen
Modeste
Burnster
Beyond

MP3, 64kb/s, ca 6,5 MB alle zusammen. Danke an Matthias für den Webspace. Kommentare wegen einem Kommentarspammer - kommt über Cox Communications Inc., Vereinigte Staaten rein, IP ist bekannt, Name auch - momentan gesperrt, der Betreiber seines Blogs ist informiert, an einer Lösung wird gearbeitet.

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Donteventhinkofs

Linklisten wie der, der, der, der, die die die und die waren auch da. - und wen geht das was an?
Allgemeine Beschwörungen der Zusammengehörigkeit aufgund einer Software. - und morgen die ganze Welt
Wildes Picposten, höho, da isser. - wenn ich mich verarschen will, tue ich es selbst
So privat ist der ja suupernett. - Das nächste Mal garantiert nicht mehr
Mit dem oder der hätte ich auch gern noch... - Hättste mal

Bloggertreffen sind am Morgen danach wie ein wenig guter Gang Bang, bei dem man nicht weiss, wer gleich welches Detail wie rauspusten wird. Darf ich das mal so formulieren? Ohne damit die Veranstaltung an sich im Mindesten kritisieren zu wollen, die war sehr fein, nur der Gedanke, dass das übliche Telefongetratsche plötzlich im Netz steht, kotzt mich an.

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Und dann, so gegen 6 Uhr

ging ich zur Bar und fragte, welches der verschlusselten WLans zum Lass uns Freunde bleiben gehört, und welchen Code ich eingeben muss.
Hä?
Nochmal, welches WLan und so...
Wir haben hier kein Internet.



Ah ja. Dann eben kein Bericht, und die mp3 irgendwann. Nur soviel: Ihr habt was verpasst.

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Mittwoch, 19. Oktober 2005

Einkaufen mit reichen Leuten

Reden wir mal über Reichtum und Armut in Deutschland. Reichtum, das ist in meinen Augen etwas, das vielleicht 10% der Bevölkerung dauernd erleben, und weitere 20% partiell; zumindest haben sie dazu die Möglichkeit. Diese 30% der Bevölkerung sind politisch relevant, diese 30% bestimmen letztlich, was in diesem Land geschieht und wie die Umverteilung funktioniert, ohne dass sie sich dabei anstrengen müssen.

Der Reiche sitzt nämlich am Sonntag Abend eher selten vor der Glotze bei Christiansen, er geht ins Theater oder in die Oper, wo ihn niemand mit Krisengeschwätz belästigt. Warum auch; sein Beitrag sind 10 oder 20% dessen, was der Staat, also alle für seine Unterhaltung an diesem Abend draufzahlt. Dagegen sind die Kosten eines Christiansen- oder RTL-II-Guckers vollkommen irrelevant und auch noch gut angelegt. Sie fördern das System der institutionalisierten Umverteilung durch Konsum. Ich denke, die Luxusverwahllosung in Deutschland, der Überfluss an neuem Produktionsmüll in den Wohnungen und im Leben der ärmeren Bevölkerungsschichten hat einen simplen Grund: Die Glotze.

Denn die Glotze bohrt ein schönes Loch in die graue Realität der Blocks. Wer im Sommer einen Garten hat, wird sich kaum reinsetzen und glotzen. Wer im Winter nach St. Moritz oder Chamonix fährt, braucht danach kein Bewegtbild. Die Glotze ist der falsche Hase des Lebensbuffets, in rauen Mengen vorhanden, aber nicht wirklich gut - in den Augen der Reichen. Ironischerweise nehmen die Armen nach der Vergiftung durch den falschen Hasen die Reichen als reichlich strange Gruppe wahr, mit der man sowieso nichts zu tun hat.Die eigenen Lebensmodelle zwischen Kandinsky-Druck, Ikea-Regal und Billiglaminat bekommt man im Marienhof und Lindenstrasse frei Haus. So sehr die Serien von der Entwicklung leben: Deie Art des Konsums ist allemal festgeschrieben. Ohne Notwendigkeit.



Das hier ist ein Gemälde aus England, ca. 1790. Es befindet sich in einem Schrank eines Antiquitätenhändlers in Berlin, und stammt aus einem Nachlass. 4200 Euro ist der Verhandlungspreis, 2500 dürften am Ende machbar sein, wenn man Stammkunde ist und das Geld hat - was ich zu diesem Zweck nicht habe, zumal ich es anders investieren würde. Trotzdem ist es eine langfristig exzellente Wertanlage, doch darum geht es nicht. Es geht um das, was abgebildet ist: Ein reiches, junges Ehepaar kauft Spitzenstoff. Wir sehen die Frau, wie sie genau die Qualität mit den Fingern erfühlt, wie genau sie hinschaut. Wir sehen, dass ihr Mann dieses Können - und ihre Schönheit - bewundert. Und wir sehen den Verkäufer, der die Vorzüge und Eigenschaften erklärt. In der Nebenhandlung besorgt ein kleiner Junge Einkäufe, vielleicht im Auftrag der Mutter; die Frau des Händlers beugt sich zu ihm hinunter und lauscht seinen Wünschen. So, und jetzt betreten wir einen beliebigen Super-, Möbel- oder Elektromarkt und vergleichen das Verhalten.

Mir sind solche Szenen wie auf dem Bild bis heute alles andere als fremd. Die Eierfrau auf dem Wochenmarkt, die Nudelverkäuferin, die Bäckermeistersgattin, der Elektriker und der Heizungsbauer im Stadtpalast, und auch der Händler, der das Bild hat, sie alle sind genau so. Für diesen Einkauf - nicht Konsum! - braucht man aber etwas: Zeit. Viel Zeit. Zeit, die die armen Leute angeblich nicht haben, weil sie ja möglichst schnell vor ihre Glotze kommen müssen, oder neuerdings auch das Internet, oder andere Medien, die ihnen das Denken abnehmen und Klassenunterschiede als gottgegeben einprügeln. Ich habe keinen Fernseher, sprich, ich habe pro Woche rund 25 Stunden mehr Zeit als der Durchschnitt. Davon gehen wiederum 15 Stunden für das Lesen von Büchern weg, es bleibt aber genug Zeit für bewusstes Einkaufen. Was immer ein sinnliches Erlebnis ist, ohne teuer zu sein.

Natürlich erzählt die Glotze was anderes. Würde sie mich verfilmen, würde sie mich genau vor den exotischen Seidenmalereien und Drucken aus Ostasien, die tatsächlich in meiner Wohnung sind, sinister und verdorben agieren lassen. Das Fernsehpublikum würde denken: Fremd, anders, kennen wir nicht, uh-oh, war sicher teuer. Nur habe ich gestern noch ein Holzschnitt einer dieser grazilen japanischen Damen gekauft.



Es hing ganz offen in einem Laden in der belebten Bergmannstrasse, jeder hätte reingehen können und es kaufen, mitsamt vergoldetem Holzrahmen und braunem Passepartout. Der Preis - ein Witz, allein schon im Vergleich zu den Pahmen, in denen dann Rosina-Wachtmeister-Poster von einer pastellfarbenen Idylle künden. Bis ich tot bin und das Bild keinen Cent an Wert verloren hat, werden sie die Poster zehnmal und die Alurahmen fünf mal rausgeschmissen haben. So gesehen, leben sie im Luxus der Verschwendung und gleichzeitig in einer Armut, die weniger ein Ausdruck des mangels an Geld denn vielmehr an Verständnis und Erkenntnis ist. Armut ist in Deutschland oft Verschwendung durch Leute, die es sich nicht leisten können.

Es ist dumm, Omas Hutschenreuther wegzuwerfen und Ikeasteingut zu kaufen. Es ist dumm, lieber 90 qm zu mieten statt 50 langfristig zu kaufen. Es ist idiotisch, eine Kanne einer billigen Alessilinie zu kaufen und dafür mehr zu bezahlen, als für eine englische Silberkanne, die auch nach dem dritten Sturz noch verwendbar ist. Es ist bescheuert, alles immer neu kaufen zu wollen, den neuesten Möbeltrends hinterherzuhecheln und keine Sekunde einen Gedanken daran zu verschwenden, was es für die Umwelt bedeutet, wenn alle drei Jahre neuer Schrott in Polen ohne jede Richtlinie zusammengetackert wird. Es gibt Wasserkocher, die kosten nur die Hälfte und später das vierfache an Strom, bis sie doppelt so schnell kaputt gehen.

Ich weiss, dass es auch echte Armut gibt, viel zu oft, viel zu wenig beschrieben. Die Menschen, die sich hauptsächlich von Nudeln ernähren, bei denen es hinten und vorne nie reichen wird, die klauen, um zu überleben, die die Mülltonnen durchwühlen, das alles gibt es hier in Berlin. Und wann immer ich das sehe, weiss ich wieder, was für ein mieses, kleines, arrogantes Ego ich habe. Und dass man was tun müsste. Aber bei der selbstverschuldeten Wohlstandsverwahllosung - hey, Euer Problem.

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Dienstag, 18. Oktober 2005

He Du.

In genau 24 Stunden solltest Du in die Dusche verschwinden, den Körper reinigen und mit halbwegs ordentlicher Kleidung verschönern, und dann in Richtung Mitte tingeln. Genauer, in das "Lass uns Freunde bleiben", eine famose Bar in der Choriner Strasse 12, die südliche Parallelstrasse zur Kastanienallee. Denn ab 20 Uhr ist diese Bar im hinteren Raum noch famoser. Denn dann lesen Modeste, das Wort "lochimkopf" schnittchen, Beyond und Burnston, beide Dönner, also Don Dahlmann und ich werden auch in persona anwesendsein, Don wortreich einführend, ich technisch ausführend. Danach kannst Du auch noch gesellig zusammen sein, mit feinsten Bloggern aus Deiner Umgebung. Also, ab in die Dusche in 24 Stunden.

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Real Life 17.10.05 - Sie ruft an.

Für ein paar Momente verschwinden die Kronleuchter, die Kommoden und die Vitrinen voller Geschirr. All die willkürlich zusammengeraffte Pracht, die Herrlichkerit vergangener besserer Familien ist ausgelöscht durch ein paar freundliche Worte. Um dich herum wuselt der Besitzer, der schon mal langsam dicht macht, kein guter Tag heute. Du stehst im Weg, aber es ist egal, auch wenn das verhärmte Mädchen mit der Aura des jungen Merkel an der Bücherkiste von der Störung offensichtlich nicht begeistert ist. Sie holt sich ihren Trost und Zuspruch wohl nur aus Büchern, und ihre Vorstellung der Frau an der anderen Ende der Leitung dürfte angesichts deiner Wortwahl nicht wirklich positiv ausfallen. Immer nur über Klamotten reden und sich sagen lassen, dass sie alle lieben, verzogenes teures Luxusbalg wird sie sich denken, und damit liegt sie zum Glück nicht ganz falsch, aber auch voll daneben. Sie denkt auch, dass dir alle inneren Werte, die sie verkörpert, egal sind, und auch das ist so falsch nicht. Du lächelst sie kurz an, und sie schaut weg.

Dann, viel zu früh und ohne konkrete Versprechungen, klingt es im Unbestimmten aus, und langsam kommt die Berliner Realität in dein Bewusstsein zurück. Eine Realität, die diesmal nur wenig zu bieten hatte. Es ist kaum Angebot nachgewachsen, hier und da eine Petitesse, aber selbst das Mittelmass ist rar geworden. Und das, weshalb du eigentlich gekommen bist, gibt es nicht. Statt dessen blieben drei Türen zu früheren Quellen verschlossen - für immer. Die Händler jammern laut und viel über den Niedergang ihres Standes; es scheint, dass Berlin bald ausgeblutet ist.

Nochmal gehst du durch den langen Schlauch der Räume voll mit wenig ansprechenden Historismusschnörkeln und ramponierten Stilmöbeln bedauerst schon fast, dass du vorher nicht das Hutschenreuther genommen hast, um wenigstens irgendetwas erworben zu haben. Diesmal scheint dir nichts, keine Freude vergönnt zu sein, zwei von vier Tagen waren ein Totalverlust, abgesehen von dem Telefonat gerade eben, und das ist auch vorbei.



Gut, das englische Silberservice, das war passabel, aber einerseits musst du hier ja aus irgendwas trinken, und andererseits kann man nicht von dir erwarten, dass du den Tee aus einer Thermoskanne trinkst. Die Bekannte, bei der du bist, hat nun mal leider keinen Sinn für Tee und die unverzichtbaren Behältnisse. Insofern steht das Service auf einer Stufe mit einer im Urlaub gekauften Zahnbürste. Oder ein wenig drunter, denn zu Teekanne, Zucker und Milch musstest du auch noch die Kaffeekanne nehmen, und was bitte willst du mit einer Kaffeekanne? Vielleicht ab und an den Kakao im Winter, oder Wasser für die heisse Zitrone; ein Stilbruch bleibt es allemal. Stellen wir also fest: Bisherige Ausbeute ein unperfektes Gebrauchsgerät, genau betrachtet.

Und während sich deine Stimmung zunehmend verschlechtert, machst du dich daran, den Laden zu verlassen. Du gehst an der Stelle vorbei, an der gerade noch ihr Lachen in deinem Ohr erklang - und da steht er. Hast du doch glatt was übersehen, vor lauter Hobeln des Süssholzbaumes. Völlig verdreckt, sicher lange Zeit wenig sorgsam behandelt, steht da ein englischer achteckiger Teatable aus Mahagoni. Mit angehobenen Kanten, was wunderbar praktisch auch für den letzten Hoghel - bayerisch für Vollproll - ist. Denn die Kanten verhindern, dass man die Unterarme auf den Tisch knallt, sie zwingen, Hände und Arme in graziösem Spiel über dem Tisch zu führen. An dieser Sorte Teatable kann man gar keine falsche Haltung einnehmen, oder man bekommt mehr blaue Flecken an den Armen als nach einer Nacht mit Villons fetter Margot.

Der Tisch hat einen geschnizten, dreibeinigen Balusterfuss, und die Beine laufen in zoomorphen Enden aus. Du rubbelst am Dreck und den Teeflecken auf der Platte, in einem der geschnitzten Öffnungen der Kante steckt noch etwas Weisses, du piekst rein, und eine kleine, runde Pille fällt heraus. Der Händler hat dein Interesse bemerkt und erklärt dir, dass die Vorbesitzerin jetzt keine Pillen mehr braucht, ihre Erben zerschlagen gerade den Grunewalder Haushalt, da kommt auch noch mehr, wenn er es sich denn leisten kann, denn billig ist das nicht - und er nennt einen Preis, der völlig überzogen ist und an Dreistigkeit nur noch von deinem Angebot übertroffen wird. Ihr einigt euch auf eine "Alter Habibi wir kennen uns schon so lang"- Summe knapp über dem, was besserer Ikeamüll kostet, und damit erhält der Tisch einen neuen Besitzer, der ab-so-lut keine Ahnung hat, wo er den noch hinstellen soll.



Aus einer Laune heraus beendest du damit den Raubzug und gehst, weil du dort noch nie warst, auf den alten Kreuzberger Friedhof. Über den Hügel hinweg verläuft eine Mauer, an der die Repräsentationssucht der Berliner Wurst- und Bierfabrikanten ein letztes Mal fröhliche Urstände feierte. Für teures Geld gekauft, gebaut, eine Weile benutzt und dann verkommen lassen. Niemand kümmert sich um stürzende Steine oder durchgerostete Eisengitter. Betrauert und beweint, steht bei einigen Namen, aber auch die Auftraggeber dieser Zeilen sind längst irgendwo da unten, und die Nachfolgenden haben keinerlei Interesse mahr an dem alten Plunder.

Du denkst an die alte Frau, der dieser unsagbar arrogante Teatable gehört hat, und daran, dass sie vielleicht verzweifelt versucht hat, den Erben diese Trümmer ihrer Existenz ans Herz zu legen. Aber man kann nichts an eine Stelle legen, an der nichts ist, und alle Versprechen wirkten nicht so sehr wie die lausigen 20 Euro, die sie dafür bekommen haben dürften. Vielleicht war sie eine dieser nervösen alteren Personen, die tags auf 10 Thommies und nachts auf 5 Schlaftabletten laufen und genaugenommen nicht an Altersschwäche, sondern an Tablettensucht sterben, alleine und verbittert bei dem Gedanken, dass die Enkelin das Geld später auf Malle verjuxt.

Überall fallen Blätter. Du bist ganz allein auf dem riesigen Areal, mit vielen Toten, deren Geschichte keiner mehr kennt. Und du nimmst dir vor, dass du die erste Frau, die an dem Teatable Platz nehmen wird, und sei sie auch wildfremd, blond, dürr wie eine Nordlandtanne und Juristin, später auf den Seidenteppich ziehen wirst. Für dein Leben, für deine Geschichte, für die Lust und das Leben. Und in dem Zusammenhang war es doch gut, diese ideale, imposante Teekanne zu kaufen. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass Beuteltee aus dem Keramikeimer auf Frauen anregend wirkt?

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