: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 7. Januar 2007

Der nachwachsende Rohstoff Elitessen

Mit den Elitessen in diesem Haus ist es wie mit den Katzen: Irgendwann stehen sie vor der Tür, wollen rein, bleiben da und sind eigentlich sehr pflegeleicht. Manchmal fliegt ein Kronleuchter runter, etwas bricht zusammen, ein Computer geht nicht oder eine frisch bemalte Tapete kommt ihnen entgegen, dann läuten sie, und ich gehe runter und bringe das in Ordnung. Sie sind immer blond und freundlich mit Ausnahme der hier einmal residierenden japanischen Elitesse, die aber sicher für japanische Verhältnisse auch blond und freundlich war. Und wann immer eine Elitesse auszieht, kennt sie eine andere Elitesse, die die Wohnung unbedingt haben will. Wohnungen an die immer gleich wohlhabenden Eltern von Elitessen vermieten ist das ruhigste, angenehmste Geschäft der Welt - eine Ironie angesichts des Umstandes, dass sie an der Elite Uni zu Bestien für die Business Welt gedrillt werden. In der sagenhaften Munich Area hatte ich ein paar Mal mit den Endprodukten zu tun. Hier ist das alles noch locker, manche haben Krisen und wechseln dann weg, andere brauchen zu lange und schämen sich, manche kompensieren alles mit einem harten Nachtleben, aber im Prinzip kann ich nichts Schlechtes sagen.

Nun hat es unserer Hauselitesse gefallen, für ein paar Monate wegzugehen und fern der Heimat ein Praktikum zu machen. Wie es sich gehört, hat sie für die Zwischenzeit eine andere Elitesse angebracht, die die Wohnung übernahm, um ihre Diplomarbeit zu schreiben. Hin und wieder fragte ich nach, ob alles ok ist, nie gab es Klagen, es war alles ohne Probleme und Konflikte. Sie ist strebsam, fleissig und auch sonst ganz anders, als ich als Student war, aber das muss letztlich jeder selber wissen, und so sah und hörte ich sie kaum. Bis heute.

Denn heute klingelte es zaghaft an der Tür, und draussen war die Elitesse. Es gibt nämlich ein Problem: Ihre Vorgängerin kommt zurück. Und zwar weitaus eher, als erwartet. Genauer gesagt: Übermorgen. Und sie ist mit Diplomarbeit nicht fertig. Und ich hätte doch mal gesagt, dass es hier auch ein Gästezimmer gäbe.

Womit sie recht hat, unter dem Dach ist meine alte Wohnung, die vor allem von Besuch aus den diversen Städten des Landes bewohnt wird, wenn sie hier durchkommen. Es ist die kleinste, aber auch die schönste Wohnung, trotz niedriger Decken und schrägen Wänden, und der Weg nach oben führt durch viel Gerümpel infolge diverser Umziehereien. Was sie aber nicht daran gehindert hat, sofort zuzusagen. Sie nimmt die Wohnung inclusive der altmodischen grossen Teller, des unpraktischen Siberbestecks, der gebrauchten Biedermeiermöbel und was da sonst noch an unüblichen Sachen drin steht und hängt. Ist ja nur für ein paar Wochen.



Unten an der Donau werden ein paar Dutzend Wohnungen gebaut und alte Häuser restauriert, es gibt zwei neue Wohnheime, aber alles scheint nicht auszureichen, um alle Elitessen hier unterzubringen. Als vor zehn Jahren ein paar clevere Geschäftsleute auf dem verseuchten Boden der ehemaligen Gerberei und Reinigung (deren Besitzer übrigens eine hinreissend schöne Tochter hatten) ein Wohnheim errichteten, kamen sie auch zu meinen Eltern. Ob wir nicht auch investieren wollten. Was wir allein schon aus Prestigegründen nicht taten, schliesslich gehören wir zum besseren Professorenviertel und nicht da runter in´d Schleifmui, dem historischen Slum der Altstadt. Die Geschäftsleute verkauften die Kleinsteinheiten dennoch für horrendes Geld, und jetzt ist 9 Monate im Voraus alles ausgebucht, ein Bombengeschäft, weshalb vor der Stadt noch ein Wohnheim gebaut wurde. Und wenn die alten Elitessen weg sind, kommen neue nach. Ein ewiger Kreislauf, nur das Geld bleibt hier. Meistens.



Denn manche bekommen auch den satten Rappel. Es gibt welche - und bei besagten Elitesse habe ich den Verdacht - die von der Firma übernommen werden, wenn sie wollen. Und die dem Leben hier verfallen, weil es eigentlich ganz gut zu ihren anämischen Charakter passt. Warum weggehen, wenn man schon mal da ist. Die Altstadt ist sehenswert, die Torten sind famos, die Vermieter freundlich und flexibel, es mangelt nie an Salz, Geschirr und Kronleuchtern, es lockt der indiskrete Charme der bayerischen Boarschwahserie, es ist nicht zu gross und nicht so klein wie das Kaff, aus dem sie kommen, die Firma gehört zu den globalen Gewinnern, wieso also gehen...

Und so kann es im Mikrokosmos dieses Hauses dazu kommen, dass der nachwachsende Rohstoff Elitesse etwas ins Kraut schiesst. Mal schaun, wie sich das die nächsten Wochen entwickelt.

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Samstag, 6. Januar 2007

Sie waren jung und hatten das Geld

So war es, wenn man Anfang der 30er Jahre jung, reich und ein klein wenig dumm war, das sorgenfreie, schnelle Leben zwischen dem Tegernsee



und Heiligendamm, wenn es auf Sommerfrische ging, weg von den Verpflichtungen der kleinen, spiessigen Stadt, die keinen Sinn hatte für Halbnacktphotos und Frauen auf Motorrädern.



Immer, wenn ich mir die alten Familienalben anschaue, die beim christlichen Zweig des Clans die Jahrzehnte überdauert haben, denke ich mir so: Da braucht sich keiner über die heutige Jugend beschweren. Wenn sie gekonnt hätten, hätten sie das wahrscheinlich genauso online gestellt, geblogt und vorgelesen. Das alles holen wir jetzt nach, denn auch wir sind noch jung und haben das Geld.

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Blogreisen

Vielleicht wird es irgendwann richtige Blogreisen geben. Urlaub mit Bloggern. Ich stelle mir das so vor: Irgendwann verschlägt es die guten Leute zurück nach Hause. Weil sie erben, die Familiengeschäfte übernehmen müssen, oder Berlin ihnen zum Hals raushängt. Dann sind sie also irgendwo in der Provinz, wo sie sich immer noch hervorragend auskennen, die besten Restaurants wissen und zu jedem Stein eine Geschichte erzählen können. Die Leute besucht man dann. Es gibt etwa "Das reizvolle Donautal und seine Elitessen des Don Alphonso", "Regensburger Kneitingersumpfen mit St. Burnster und dem Rationalstürmer", "Schwabinger Vorstadtszenen von Loreley und der Klugscheisserin", dann nochmal "Tegernseeing mit dem Don" und nachher über die Alpen zu "Meks Südtirol: Tirtln richtig gemacht". Wenn ich das so lese, bekomme ich jedenfalls sofort Lust, mich dort selbst einzuladen. Und Hunger. Aber Hunger habe ich sowieso immer.

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Ins Kloster stecken

Zu den vergessenen Aufgaben der europäischen Klöster neben Bordellbetrieb, Frauenentsorgung, Amtsstuben und krimineller Verbindungen, die das Mittelalter so mit sich brachte, gehört auch die Verwendung als Gefängnis für höher gestellte Personen. Im Gegensatz zur Renaissance, die schon einen gesundes Verhältnis zum politischen Mittel des Mordes hatte, sahen Karolinger und Karpetinger mit ihrem Spleen der Gottgegebenheit von Adel und Macht oft davon ab, Gegner umzubringen. Die wurden eher in die Klöster gesteckt, wo sie dann verrotteten. So kann man das natürlich auch machen.



Zumindest damals war das eine ziemlich nachhaltige Methode, Rebellionen zu verhindern. Zwangsweise Mönch werden war eine weitaus unerfreuliche Perspektive, als auf dem Schlachtfeld zu fallen oder erschlagen zu werden. Bei Gelegenheit, wenn es kriselte, holte man die neuen Mönche wieder aus dem Loch und verurteilte sie nochmal öffentlich. Das wirkte ziemlich gut gegen Legendenbildungen und auf aufmüpfige Adlige.

Ich denke, man hätte sowas in der Art auch im Irak versuchen können. Ist ja nicht so, dass die da unten jetzt irgendwie modern ticken.

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Don B2B - Verfügbarkeit für Diverses

In den letzten Monaten kamen vermehrt Anfragen rein, ob und wie ich für Podien buchbar oder als Autor jenseits meiner normalen Tätigkeit verfügbar bin. Darauf gibt es keine eindeutige Antwort.

Zuerst mal: Ich schaue mir alles an. Manche Anfragen sind so wenig durchdacht oder ahnungslos, dass ich darauf nicht antworte. Ich würde jedem empfehlen, sich intensiv mit meiner virtuellen Person auseinander zu setzen. Es gibt viel Positives, aber auch Gehässiges zu mir zu finden - zweiteres oft von New Economy Pleitiers, Scharlatanen der Blogosphäre, Abzockern, Spammern und anderem Abschaum des Internets. Ich kann damit prima leben. Wie man sieht, befleissige ich mich manchmal einer bis zur Drastik deutlichen Sprache, um Probleme zu verdeutlichen. Das macht gewissermassen meinen Charme und einen guten Teil meiner Attraktivität auf den Podien aus. Es ist oft so, dass man mir explizit sagt, man möchte mich als jemanden, der ein wenig Feuer in die Debatten bringt.

Ich bin nicht käuflich. Ich nehme oft Honorar, aber nicht immer. Desto sinnvoller mir ein Anliegen erscheint, desto eher bin ich bereit, umsonst oder für die Unkosten zu kommen. Manchmal zahle ich sogar das selbst. , Ich glaube, es ist wichtig, manche Debatten zu führen , und wenn ich das so sehe, ist mir Geld egal. Edit: Nachdem das einige aus dem Ausbildungs- und sog. "Werte"bereich als Einladung zum Ausnützen aufgefasst haben, nach dem Motto, was nichts kostest, ist nichts, bin ich nicht mehr bereit, für solche Figuren mein Geld auszugeben - siehe Ergänzung. Anders sieht es aus, wenn Leute eingeladen sind, von denen ich weiss, dass sie nicht unerhebliche Summen für das Absondern ihres Unsinns verlangen. In solchen Fällen bin ich mindestens genauso teuer. Im Durchschnitt bin ich massvoll, weil ich kein Gefühl irgendeiner Verpflichtung aufkommen lassen will. Vor von mir verachteten Berufsgruppen - PR, Marketing, Werbung und anderen Koksbusinessfaktoren rede ich eher selten, die sollen sich von ihresgleichen belügen lassen; zu Journalistikstudenten gehe ich immer. Desto mehr es um Kultur geht, desto freudiger nehme ich teil. Ich will die Welt besser machen und nicht den Abschaum.

Was journalistische Anfragen angeht: Ich bin nicht billig, aber auch nicht extrem teuer. Ich bin zuverlässig und gebe mir Mühe. Was Änderungen an meinen Texten angeht, bin ich pedantisch. Ich lege grössten Wert auf Informations- und Ausdrucksfreiheit. Hier gibt es nur Wölfe zu kaufen, Pudel führen wir nicht.

Ich arbeite nicht für eine ganze Reihe von Anbietern. Gar nicht erst versuchen brauchen es politisch rechts/ konservative/ neoliberale Einrichtungen, Betreiber von Gossenmedien, unsolide Startup-Orgas und Bussi-Bussi-Events. Ich habe das alles schon erlebt, ich betrachte es rückblickend als interessante Erfahrung und in Zukunft als Veschwendung meiner Lebenszeit.

Beratung habe ich zu lange gemacht, das ist vorbei. Ich sage gerne meine Meinung, wenn ich glaube, etwas Kompetentes beitragen zu können. An Businessplänen, Coachings, Betriebsführungen etc. habe ich kein Interesse. Ausserdem gibt es Leute, die das weitaus besser machen als jemand, der von diesem Thema reichlich desillusioniert ist - wer glaubt, ernsthaft Beratung zu brauchen, sollte es meines Erachtens gleich bleiben lassen. Ich kenne zwar eine Menge VCs und Business Angels persönlich, aber ich vermittle keine Investments. Wer klüger werden will, kaufe sich meinen Roman "Liquide", der ist angesichts von Web2.o wieder brandaktuell und enthält meine Lehren aus 4 Jahren im Zentrum des schwarzen Nichts.

Ich nehme keine Geschenke an. Ich zahle mein Essen selber. Ich habe kein Interesse an einzelnen Produkttests. Entweder ich will etwas, dann kaufe ich es. Wenn ich es mag, schreibe ich praktisch nie darüber. Wenn ich mich verarscht fühle, merkt man das. Ich lehne Öffentlichkeitsarbeit im Internet nicht grundsätzlich ab, ich sehe durchaus Chancen für kommerziell betriebene Blogs, ich würde auch nicht kategorisch ausschliessen, an so etwas mitzuarbeiten - mal ein Beispiel, würde mich ein Restaurator fragen, ob ich bezahlt die sachgerechte Rekonstruktion eines Stadtpalastes der Renaissance begleiten würde, wäre ich sofort dabei. Aber es würde nicht auf diesem Blog hier geschehen. Das hier ist privat.

Ansonsten: Privat, jenseits der Kunstfigur, bin ich ein sehr gemütlicher, offener, herzlicher Bayer, den Internet eigentlich gar nicht so grossartig interessiert.

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Freitag, 5. Januar 2007

Gerade gemerkt,

dass die Tage wieder länger werden. Eindeutig.

Und ein Wort an die Leser der Süddeutschen Zeitung: Im Gegensatz zur Behauptung, die "Community" oder ich als ihr Vertreter würden Berliner Startupper hassen:

Nein, das ist eine Erfindung des schlecht informierten und unsauber schreibenden Autors Jürgen Schmieder. Es gab keinerlei Rücksprache mit mir. Ich hasse keine Startupper, und schon gar nicht, wenn man auf Filmen im Internet sieht, dass sie den Inhalt ihrer Plastikbecherverpflegung mit dem Messer essen.

Ich habe wirklich nur Mitleid.

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Freitag, 5. Januar 2007

Hausbibliothek der Aufklärung III

Mit dem Absolutismus, der Ausrichtung aller Staatsbestrebungen auf den Herrscher, werden im Frankreich des späten 17. Jahrhunderts alle anderen gesellschaftlichen Grenzen vergleichsweise irrelevant - und damit leicht durchlässig. Handel und Gewerbe sind eine Möglichkeit, am neuen Staatsgebilde zu partizipieren. Natürlich gibt es auch Leistungen, die für besondere Protektion sorgen, und das durchaus in der verknöchertsten aller Institutionen: Der gallikanischen Kirche, die - im Gegensatz zu den romhörigen und erfolgreich agierenden Jesuiten - in besonderer Weise neben dem Papst auch dem französischen König verpflichtet ist.

Der 1649 geborene Adrien Baillet war so ein kirchlich geförderter Aufsteiger. Seine Eltern waren schlichte Bauern aus der Picardie, aber als Schüler zeigte er überdurchschnittliche Leistungen, was ihm die Zuneigung und Förderung durch den Bischof von Beauvais einbrachte. Seine weitere Karriere - Besuch eines Theologieseminar, Tätigkeiten als Lehrer und schliesslich Bibleothekar einer der grössten privaten Buchsammlung - lassen eigentlich nicht darauf schliessen, dass hier ein radikaler Aufklärer am Werk ist. Baillet ist pedantisch, akribisch, ein Sonderling und Bücherwurm, und die Bücher, die er verfasst, sind meist historische Arbeiten über lang vergangene Zeiten.

Aber die Geschichte ist dominiert von der Geschichtsschreibung der Kirche, und mit der kommt Baillet schnell in Konflikt. 1685 lobt er die Janseniten, eine bürgerlich-katholische Sekte, die einem stenges Glaubensideal vertreten und alleinseligmachende kirchliche Institutionen ablehnen. Besonders die Gesellschaft Jesu empört sich über ihn, und als er 1701 das Leben der Heiligen kritisch hinterfragt und deren Existenz teilweise ablehnt, ist der Skandal komplett. Als er 1706 im Ruch des Ketzertums stirbt, ist die Bombe aber noch gar nicht gezündet.



Das Buch, das Baillet zu Lebzeiten nicht publiziert sehen wollte, kommt eher unscheinbar daher: Histoire des démeslez du pape Boniface VIII avec Philippe Le Bel roy de France, erschienen a Paris, Chez François Barrois, rue de la harpe im Jahre 1718. 12 Jahre nach seinem Tod also ein historisches Werk über den Konflikt zwischen Papst Bonifaz VIII und Philipp dem Schönen. Eigentlich ist es nur eine Erweiterung und Überarbeitung eines Vorgängerwerkes des Gelehrten Pierre Dupuy von 1655, und die Handlung selbst spielte sich 1303 ab, lag damals also schon vier Jahrhunderte zurück. Entsprechend sachlich liest sich auch die Ankündigung des Druckers, der ganz auf irgendwelche Widmungen und Bücklinge verzichtet: das Buch hat das Privileg des Königs, das ist alles.



Trotzdem kommt es 1718 darüber zum grossen Skandal. Denn der Konflikt zwischen König und Papst war für keine Seite eine Ruhmestat. Im Prinzip ging es um einen banalen Steuerstreit: Philipp war ein gewissenloser Gewaltmensch, nach heutigen Massstäben ein Verbrecher auf dem Thron. Er hatte gerade die für Frankreich katastrophale Schlacht von Courtrai verloren, die allgemein als Beginn vom Ende des Rittertums gilt: Flämische Fleischhauer hackten auf sumpfigen Grund 700 Ritter von ihren Pferden und schlitzten sie gnadenöos auf. In der Folge hatte Philipp das reiche Flandern verloren, und brauchte dringend Geld. Also beschloss er, den bislang von Abgaben befreiten Klerus zu besteuern. Papst Bonifaz VIII. war der damalige moralische Tiefpunkt dieser religiöse Einrichtung. Er hielt sich dennoch für den Stellvertreter Gottes und antwortete mit der Bulle "Unam Sanctam", einem Höhepunkt des päpstlichen Machtanspruchs.

Die Bulle enthielt nicht weniger als die Forderung nach der irdischen Universalmacht, und war in der Folgezeit die Grundlage für alle derartigen Begehrlichkeiten der Kirche, und ihren Kampf gegen die Demokratie auch im 20. Jahrhundert. Stand da doch geschrieben: "Nun aber erklären wir, sagen wir, setzen wir fest und verkünden wir: Es ist zum Heile für jegliches menschliche Wesen durchaus unerlässlich, dem römischen Papst unterworfen zu sein."

Zumindest dachte man das theoretisch. Praktisch sah es 1303 erst mal anders aus: Philipp liess auf Bonifaz mutmasslich ein Attentat verüben, an dessen Folgen der Papst starb. Der übernächste Papst Clemens V. war dann nur noch eine Marionette von Philipp, und leitete das Papsttum von Avignon ein. Und Baillet erzählte diese Geschichte nicht ganz ohne Hohn, Kritik an der Kirche und leichten Sympathiebekundungen für Philipp. Im hinteren Teil des Buches standen dann noch die nicht wirklich schmeichelhaften Quellen, auf die er sich bezog. Jeder konnte jetzt lesen, wie man 1303 so mit Päpsten und der kirchlichen Allmacht umging. Wirklich jeder. Das war der eigentliche Sprengstoff.



Verbrennen konnte man Baillet nicht mehr. Das Buch war ein Anschlag auf die Macht der Kirche und des Papsttums. Posthum liess der Autor damit den damals um die geistliche und weltliche Vorherrschaft ringenden Jesuiten die Hosen runter. Minutiös schilderte er das Wesen der damaligen Kirche, und wer wollte, konnte Parallelen zu den Bemühungen der Gesellschaft Jesu erkennen. Das Buch wurde der literarische Skandal des Jahres 1718, und das Geplärre der Jesuiten sorgte nur weiter für die Popularität des Buches. Mit Baillet konnte man zeigen, was man von den Ansprüchen der Kirche hielt: Nichts.

Weshalb viele Exemplare - wie auch meines - einen sehr feinen Einband haben. Baillet lesen und besitzen, namentlich dieses Buch, war ein Plädoyer für den säkularen Staat und ein politischer Standpunkt gegen die christlich-reaktionären Kräfte, die in den nächsten Jahrzehnten die erbittertsten Gegner der Aufklärung werden sollten. Davon - bald mehr.

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Evolution of Business

1998, 1.0

Prakti: Also, Chef, jetzt hab ich Dir eine Email eingerichtet.
Chef: Oh! Ja! Und da ist auch schon eine Mail von Dir! Super.
Prakti: Ja, das ist jetzt ganz heiss aus den USA. Damit werden MILLIONEN gemacht.
Chef: Echt???
Prakti: Ja, das ist die Zukunft der Kommunikation. Und natürlich auch für das Geschäft, das wird der Markt der Zukunft. Die Firmen, die das können, denen gehört später mal die Wirtschaft, das wird irrsinnig Cash geben an der Börse. Ohne sowas - da hätte ich aber echt Angst um mein Business, weil Old Economy ist tot.
Chef: Wow. Und Du kannst das?
Prakti: Na logo. Hab ich bei meinem Auslandssemester gelernt. Ich mach da auch bald so ne Beratung auf.
Chef: Hm, sag mal, kann ich mich da beteiligen?

2006, 2.0

Prakti: Also, Chef, jetzt hab ich so ne Community mit php eingerichtet.
Chef: Oh! Ja! Und da bist Du und die Julia auch schon Mitglied! Super.
Prakti: Ja, das ist jetzt ganz heiss aus den USA. Damit werden MILLIONEN gemacht.
Chef: Echt???
Prakti: Ja, das ist die Zukunft der Kommunikation. Und natürlich auch für das Geschäft, das wird der Markt der Zukunft. Die Firmen, die das können, denen gehört später mal die Wirtschaft, das wird irrsinnig Cash geben beim Verkauf an Google oder Holtzbrinck. Ohne sowas - da hätte ich aber echt Angst um mein Business, weil ohne Web2.0 ist man tot.
Chef: Wow. Und Du kannst das?
Prakti: Na logo. Hab ich bei meinem Auslandssemester gelernt. Ich mach da auch bald so ne Communitfirma auf.
Chef: Hm, sag mal, kann ich mich da beteiligen?

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Mittwoch, 3. Januar 2007

Wie es ausging

Ich habe Susi natürlich nicht gefickt. Erstens ist es unziemlich, mit betrunkenen, erkälteten Frauen zu schlafen, zweitens war es eigentlich ein wunderbarer Abend, drittens ist mein Leben auch so schon kompliziert genug, viertens würde ich darüber nicht im Blog schreiben. Und fünftens trank Iris ihren Kaffee dann doch, schluckte brav die Tabletten, und nachdem sie und Susi die Bäder aufgesucht hatten, gab es ein Frühstück zu dritt. Den oberen Kühlschrank hatten sie geplündert und dabei sogar "Frischnudeln" gekocht, die ich vor einer Woche vergessen hatte und die sicher ein Belastungstest für die Darmflora waren - aber wer betrunken Fettucini mit Tomaten-Sahne-Bohnen(!)-Sauce kocht, hat nicht mein Mitleid. Den unteren, prall gefüllten Kühlschrank haben sie natürlich übersehen, und der brachte ein respaktables Frühstück hervor.

Während ich die Omletts in der Pfanne schwenkte, machten sie ironische Bemerkungen über meine Wohnung, und Susi fand, dass es so eigentlich gar nicht geht, überall Stuck, sogar im Bad, aber die Küche ist völlig kahl, das gibt wirklich Abzüge bei der Bewertung für den Grand Prix der üppigsten Stadtpalaäste. Und eigentlich hat sie damit recht. Nur habe ich abslout keinen Stuck mehr daheim, alles ist verbaut und an die Wände geklatscht. Als ich sie dann nach Hause brachte, sah ich jedoch überall die abgebrannten Raketen. Die hinten lange Stecken auf Holz haben. Genau genommen, liegen hunderte von Vierkanthölzern mit 5 und 4 mm auf der Strasse rum, eine gigantische sauerei und eine dumme Verschwendung. Mit denen man eigentlich problemlos Stuck machen kann, wenn man noch Pazzi und Rondelle hat. Die ich hatte.



Langsam kommen die Arbeiten zum Abschluss. Ganz fertig ist man nie, aber immerhin. Wie ich gestern übrigens entdecken durfte, ist auch ein anderer Aufenthaltsort meiner Person wieder bewohnbar: Schloss Elmau, das während der New Economy eine grosse Rolle gespielt hat - so habe ich dort beim Founders Forum 2001 am Pool zum ersten Mal ein Kapitel aus meinem Roman vorgelesen - steigt wie ein Phönix aus der Asche. Man kann dort jetzt wieder buchen. Als es abgebrannt ist, hatte ich das Gefühl, als sei ein Teil meines Lebens ein Raub der Flammen geworden. Elmau kommt wieder - die New Economy bleibt hoffentlich tot.

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Dienstag, 2. Januar 2007

Dirt Picture Contest - Des fongt goad oh

Ist jemand eigentlich schon mal aufgefallen, dass Jahre meist mit beschissenem Wetter, kalten Temperaturen, unendlich viel Müll und im partiellen Beisein von Leuten stattfindet, die man aus gutem Grund die 364 Tage davor und danach keine Sekunde vermisst?





Und weil es gerade so hässlich ist: In der schlimmsten Woche des Berliner Winters, der letzten Januar/ersten Februarwoche gibt es ein bayerisches geistkörperliches Care-Paket für die aprigoatverseuchte Reichshauptstadt: Ich werde nämlich kommen, und dafür meine seit Tagen chanson*erfüllte, warme Wohnung verlassen. Und zweimal öffentlich auftreten. Einmal im kleinen, intimen Rahmen, und dann nochmal eher, hm, im grösseren Umfeld. Dann gibt es auch wieder viele Müllbilder. Und halb öffentliche Flohmarktbegehungen unter meiner kundigen Leutung für alle, die Lust haben. Und überhaupt.

* félix leclerc, l´hymne au printemps

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Dienstag, 2. Januar 2007

Real Life 01.01.07 - Der Eiswürfel

Oh nein, sagt Susi. Es regnet. Ich will nicht im Regen stehen. Da werde ich sicher noch kränker. Sie nippt an ihrer heissen Zitrone. Können wir nicht woanders hingehen, wo man alles sieht und trotzdem im Trockenen ist?

Don hat eine Wohnung unter dem Dach, mit Terasse. Die wäre das Richtige, meint Iris bestimmt, und weil sie das sagt und die anderen sie fälschlich für eine Art Hausherrin gehalten haben, sitzt du jetzt um kurz vor Acht übermüdet vor dem Rechner und schreibst etwas. In´s Bett hier unten kannst du nicht, denn da liegt Susi und hustet ab und zu im Schlaf. Sie hätte besser bei der heissen Zitrone bleiben sollen. Aber während du schnell die Sylvestergrüsse ins Blog gestellt hast, sind sie auf der Terasse im Wind auf Champagner umgestiegen, und danach wurde es richtig alkoholisch für das gute Dutzend Besucher, von denen du zu Beginn nur acht kanntest. Zum Glück war genug Wein im Haus, und das Eis für den mitgebrachten Wodka haben sie aus dem Eisfach gekratzt. Nach der zweiten Flasche fanden sie das sogar lustig. Warm wurde es bei der Menge Leute auf kleinem Raum ohnehin.

Irgendwann verschwand Susi dann aufs Klo und hustete mehrere Minuten. Du hast sie nach unten gebracht, um ihr eine Tablette zu geben und etwas Heisses, aber als die Zitrone dann ausgequetscht und kernfrei im Glas schwappte, lag Susi schon auf deinem Bett und schnarchte leise. Von oben kamen dann so gegen fünf ein Haufen Gäste runter, die dich leicht schwankend davon in Kenntnis setzten, dass da oben zwischen den beiden Gockeln gerade der Endkampf um Iris laufen würde. Da wollten sie nicht stören, und nach einer Kanne Tee haben sie dann auch den Heimweg angetreten. Gegen sechs sammelte sie das Taxi auf, und eine Unbekannte nutzte die Gelegenheit, sich endlich offiziell vorzustellen. Woran sie sich garantiert nicht mehr erinnern dürfte, schliesslich war sie das mit dem Wodka.

Irgendwann poltert dann jemand die Treppe herunter, und danach gleich noch einer. Es sind Schritte der gemeinschaftlichen Niederlage; so geht kein Eroberer. Sie klopfen versehentlich ein Stockwerk drüber an die Tür, weil sie nicht mehr so den grossen Peil von der Anlage des Stadtpalastes haben, und weil du für heute genug sexuell frustrierte Besoffene gesehen hast, verhältst du dich still, als sie runter auf die Strasse stolpern. Du zählst nochmal kurz durch und kommst zum Schluss, dass Iris jetzt wirklich allein oben sein müsste. Also, wenn du nicht die Übersicht verloren hast.

Du deckst Susi zu und schleichst dich über die schmale Treppe nach oben. Der Schlüssel steckt, die klopfst an, keine Reaktion - wäre sie nicht allein, hätte sie schon was Deutliches gesagt. Also gehst du hinein, tänzelst über Flaschen, Pralinenpackungen hinweg und an den Töpfen auf dem Herd vorbei, mit denen sich jemand offenkundig wenig erfolgreich an der Pasta versucht hat. Auf dem Bett ist eine Decke, und darunter etwas in Menschenform. Ganz oben schaut etwas Kopf, Haare und eine die Decke hochgezogen haltende Hand heraus, an deren Mittelfinger ein Ice Cube blitzt, ein monströser Diamant, das Prunkstück der Familie, das Iris Mutter seit den frühen 80er Jahren nicht mehr im Theater getragen hat, weil es zu protzig ist. Der Ice Cube hat eine Grösse, dass man ihn erst mal für Strass hält. Er ist dir während des Abends nicht aufgefallen, aber jetzt, da man von Iris kaum mehr sieht als die Hand, ist er ein Feuerfleck auf dem blendenden Weiss der Decke.

Iris?

Die Hand bewegt sich langsam, der Ice Cube funkelt böse, und dann wird das Gesicht einer Japanerin sichtbar - so klein und zusammengekniffen sind ihre Augen, und so gelb wirkt die Haut im Schneesturm, der draussen niedrgeht.

Kopf, sagt Iris, und du machst ihr das passende Frühstück aus zwei Thommies und einer Tasse Kaffee, den der letzte Besuch vergessen hat, bringst ihr alles ans Bett, aber sie schläft schon wieder. Du streichelst vorsichtig die beringte Hand, fühlst die Kälte und Kanten des Eiswürfels, berührst ihre Wange, legst den Zeigefinger auf ihre Lippen. Sie öffnet die Augen, und dein Finger gleitet langsam zum Kinn, verfängt sich an der Feuchtigkeit der Unterlippe, zieht sie mit nach unten, kostet die Weichheit des Fleisches aus und lässt sie mit einem satten Plopp zurückfedern.

Kannst du dich bewegen? Oder brauchst du einen Strohhalm, fragst du.

Die Hand packt die Decke, zieht sie über den Kopf, so dass nur noch drei Finger und der Ice Cube wie die Kralle eines Drachens auf dem Schatz herausschauen, und unter der Decke kommt etwas undeutlich hervor, was klingt wie




Fick doch Susi.

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to all whom it may concern

Frohes, glückliches und erfülltes 2007. Es wird ein gutes Jahr.

muss es ja - die deppen da draussen haben ihr pulver schon verschossen

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Sonntag, 31. Dezember 2006

Über Vermögen

Eigentlich sollte hier ein ganz anderer Beitrag stehen, aber bei Blogger.de gehen gerade die Bilder nicht, und nachdem Che hier eine kleine Sozialneiddebatte ;-) anstösst und ausserdem bei der Kaltmamsell ob eines Zeit-Artikels über Starnberg ähnliches geschieht, ein paar Worte über Vermögen. Das ich allen meinen wohlmeinenden Lesern und mir selbst und allen meinen Freunden für das nächste jahr und alle weiteren Zeiten wünsche. Weil nur, wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Das mit dem Reichtum ist so eine Sache. Ich kenne reiche Leute, die sich den ganzen Tag ärgern können, weil ihnen der Staat Knüppel zwischen die Beine wirft. Der Höhepunkt war ein Herr, der unter den 100 reichsten Deutschen zu finden ist und sich mir gegenüber über den Verwaltungsaufwand beschwerte, den ihm die Beschäftigung seines Gärtners auf 400-Euro-Basis bereitete. Doch, das gibt es. Wie auch die Tochter eines hiesigen Unternehmers, der ihre Eltern ein Geschäft in bester Lage geschenkt haben, mit allem Drum und Dran, in dem irgenwelche Geschäftsführer viel Geld erzeugen, aber sie steht jeden Tag auf und hasst ihr Leben bis zum Schlafengehen. Ich kenne jemanden, der hat eine 400 m² Villa mit 5 Räumen, dem sie jetzt nicht mehr gefällt und der, obwohl er auf den mittleren siebenstelligen Verkaufspreis nicht angewiesen ist, bei jeder Begegnung jammert, wieviel Zinsen ihm entgehen, weil den potentiellen Käufern die exotische Holzvertäfelung des Schwimmbades dann doch zu Spät-70er ist. Und ich kannte einen Haufen Leute aus meinem Viertel, die sich vor dem 30. Geburtstag umgebracht haben; das war eine Zeitlang eine Mode unter meiner Kohorte, deren Erzeuger es in all ihrem Luxus nicht begriffen haben.

Umgekehrt kenne ich aber auch die andere Seite. Den Schwarzarbeiter, der zur Sicherung seiner Sozialbezüge jeden Trick zum Linken des Staates ausnützt. Die Emporkömmlinge, die nie genug haben und es an denen auslassen, die sie daran erinnern, dass sie selbst auch mal unten waren, und die beschleimen, die immer wissen werden, wer da vor ihnen steht. Die Mieter billiger Räume, die alles runterwirtschaften und für die Luxus ein teurer Urlaub, ein teures Auto und jedes Jahr der neueste Fernseher und die frische Couchgarnitur ist, und die sich in die Überschuldung wirtschaften, die sie dann am Vermieter rauslassen. Und die Arschkrampen, die irgendwas demolieren, weil es cool ist, dann jemand krankenhausreif schlagen und sich vor Gericht auf ihr soziales Umfeld berufen.

Der Umstand, dass Armut ebensowenig automatisch den Anstand bildet wie Reichtum jemanden asozial macht, ändert natürlich nichts daran, dass es in Deutschland eine enorme Kluft zwischen den sozialen Schichten gibt. Meines Erachtens gibt es keine irgendwann in den 70ern abgekoppelte Schicht der Reichen; ich denke, diese Schicht gab es schon immer, und erst die Bedrohung der Mittelschicht durch den sozialen Abstieg als Folge des Übergangs von einer Nachfragewirtschaft zu einem produktionsbedingt abartigen Konsumsystem lässt die Unterschiede sichtbar zu Tage treten. Helfen tut dabei die Johurnaille, die die längste Zeit auf dem monopolymässigen Weg nach oben war und momentan darum kämpft, nicht die Avantgarde des Niedergangs zu werden.

Ich denke, dass die pauschale Betrachtung der "Reichen" nicht weiterhilft. Es gibt "die" Reichen nicht, sowohl die Definition als auch die Abgrenzung ist schwierig. Ich würde grob gesagt das Sechstel der Bevölkerung, die weitgehend frei von materiellen Sorgen leben, als reich bezeichnen, wenn man den Begriff schon anwenden möchte. Reich ist damit weniger eine Frage des Verdienstes, der heutigentags eine sehr variable Grösse darstellen kann, wie einem sicher gern mancher der 5000 arbeitslosen Manager in München bestätigen wird. Desto weniger Basis da ist, desto höher muss das Einkommen sein. Und, jetzt kommen wir zum eigentlichen Punkt, desto verantwortlicher mit der Basis umgegangen wird, desto eher wird Reichtum zu einer Tugend. Das klingt jetzt vielleicht etwas calvinistisch, aber ich denke, man muss nicht prüde oder geizig sein, um das so zu sehen.

Che fragt in seinem Kommentar danach, ob sich hier in der absoluten Boomregion jemand das Bauen leisten kann. Die Antwort ist Ja und Nein. Tatsächlich sorgen die Preise nahe der Munich Area und mit zwei auf vollen Touren laufenden Weltkonzernen in der Provinz dafür, dass der Traum vom eigenen Haus nicht leicht realisiert werden kann. Das stetige Ausweisen neuer Baugrundstücke ändert nichts an den Kosten. Umgekehrt haben wir hier Leute, die einfach keine Nachbarn haben wollen und deshalb ein Grundstück neben sich kaufen und verwildern lassen, oder ein Haus leer stehen lassen, weil es sie an etwas Unerfreuliches - eine Scheidung, einen Selbstmord, ein nicht wirklich geschmackvolles Ambiente - erinnert. Und wir haben den klassischen Fall der älteren Herrschaften ohne Kinder in der Nähe, die drei Stadthäuser verrotten lassen, die man restauriert für 3000 Euro pro m² verkaufen könnte.

An der Dummheit der Leute kann man wenig ändern. Vor der Stadt wird von Immobilienhaien wie blöd Toskanakitsch für Irrsinnspreise gebaut, und was wollen die privaten Bauherren? Toskanakitsch. Lieber 100 m² Toskanakitsch, nach eigenen Vorstellungen als Doppelhaushälfte in die Landschaft geschissen, als sich ein älteres Gebäude kaufen. Weil man das nicht nach eigenen Vorstellungen gestalten kann. Weil die Küche ein Eckchen zu klein ist und in das Wohnzimmer nicht die monströse Liegelandschaft vor die 180-cm-Glotze passt. Den hilfreichen Bausparer der Eltern hat man sowieso im offenen Zweitwagen für die Frau versenkt. Und weil das eine eben nicht geht und das andere zu viel kostet, mietet man doch lieber weiter. Das ist für das gleiche Geld grösser, und ausserdem gibt es einen Vermieter, den man wegen dem kleinsten Problem anhauen kann. Statt selber mal zu schauen, ob die Sicherungen alle wieder drin sind.

Manche Reiche und manche Nichtreiche kapieren ein System nicht: Besitz ist gleich Verantwortung. Reiche können sich von den meisten Verantworungen irgendwie loskaufen, die Tujenhecken für den Gärtner, den Pool für den Schwarzen und das Internat für die Blagen. Nichtreiche verzichten manchmal auf die Vermögensbildung, indem sie sich nicht einschränken wollen. Mein Mitleid mit Rauchern, Aktienspekulanten, Klingeltonrunterladern, Tempo-200-Bolzern, Feuerwerksteufeln und Malleeimersäufern ist da kleiner gleich Null. Und ich wehre mich dagegen, in diesen Fällen irgendetwas von sozialer Ungerechtigkeit hören zu müssen. Wer das Geld so verbrennt, muss selber wissen, was er tut. Wie auch der Reiche, der nach einem halben Vollgasleben plötzlich Ärger mit der Steuer und der Bank bekommt. Das deckt beileibe nicht alle Fälle der hierzulande existierenden Ungerechtigkeit ab, aber es relativiert so einiges.

Am Rest muss man arbeiten. Die sozialen Spannungen dürfen sich nicht erweitern, sonst wird das Land instabil, und das ist für niemanden gut. Es wird hierzulande keine Revolution geben, aber ein dominierendes Gefühl der Lecktmich-Haltung gegenüber der Gemeinschaft, die eigentlich alle umfassen sollte. Und jeder, der Scheisse baut, wird auf die andere Schicht zeigen und sagen: Aber die machen doch auch sowas. Der Sprayer findet die Bankchef asozial und umgekehrt - beides stimmt, aber keiner hat Recht. So etwas kann und wird nicht gut gehen, und daran ändert es auch nichts, wenn die Politikervolldeppen dieses Landes alle zusammen nächstes Jahr mehr kassieren wollen, bei gleichzeitig anhaltender Umverteilung. Dabei wären Steuern ein prima Mittel zur Bekämpfung von Unverantwortlichkeiten - zu dumm, dass Aprigoat, Spitzelede und AsozialPD in der Hinsicht die Vorreiter sind. Nur: Wer sich darüber beklagt, soll zeigen, dass er es selbst anders macht.

Wie wär´s? Rauchen aufhören, Tempo 100 auf der Autobahn, ein kleines, solides Haus kaufen mit Hilfe der Verwandtschaft, statt Urlaub das Haus herrichten, und die nächsten drei Jahre keinen neuen Rechner kaufen - so Zeug halt. Das macht keinen zum Millionär, aber es ist ein Stück Sicherheit; und wenn man es hat, kann man weiterschauen. Was? Klingt spiessig? Ich habe mit einem Stadtpalast leicht reden? Liebe Leute, heute ist der 31.12., und während andere den freien Tag geniessen, habe ich heute beim Einzug von Mietern geholfen und statt einem Spaziergang in der Sonne einen Boiler repariert. Ich bin auf dem Ohr heute TAUB.

Frohes neues Jahr.

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