Stille Tage und andere Unpässlichkeiten in Leipzig

Ich weiss nicht, wo das Deutsche Literaturinstitut Leipzig in Leipzig ist. Ich weiss nur, dass es die Ecke ist, die ich an die Russen verkaufen würde, mitsamt Lehrern und Studenten. Russland kann mit Seilschaften und Aparatschiks mehr anfangen. Hier mag man sie nicht mehr so richtig. Die Vorschauen für Herbst sind ziemlich leer, was die Absolventen dieses Instituts angeht.

Es liegt, denke ich, an den Themen der meisten Autoren. An adoleszensgehackten Sätzen, hoffentlich szenig, aber was soll man in Leipzig schon von Szene erfahren. Leipzig ist spezifisch Osten, es ist Agonie, es ist dreckig, ein einziges Subventionssteuersparloch, wo auf einen topsanierten, unvermietbaren Altbau zehn vergammelte, ebenso unvermietbare Altbauten kommen.

Wer mal die paar Vorzeigestrassen verlässt, bekommt das Leipzig zu sehen, das wohl die Kulisse für die Kochs, Hülswits, Gerstenbergs und Kaleris sein muss, so kaputt, abgerissen, freudlos und fragmentarisch, wie die Sprache und Plots dahertorkeln. Selbst die paar Ironien in Stadt und Texten sind eher zufällig: Wann wenn nichts jetzt, schreit das Plakat, und die Ruinen und Bücher murmeln zurück: Dann eben nicht.



Kein Buch aus Leipzig würde "Wann wenn nicht jetzt" heissen. Zu freudig, zu lebensbejahend, und zu jüdisch - es stammt eigentlich aus einer rabbinischen Lebensmaxime - einfach nicht passend für die Pastorentöchtergeneration der neuen Deutschen Literatur, die man in 20 Jahren nach einer Bundeskanzlerin als "Generation Merkel" bezeichnen wird. "Dann eben nicht" wäre dagegen ein idealtypischer Titel, gleichschaltbar mit "Wie viel Vögel", "Es gibt diesen Mann", "Die Witwe, der Lehrer, das Meer." Oder der Leipziger Instituts-Remix: "Die Ungefickte, ihr Lehrer und das Häusermeer".

Diese urbane Wüstenei zieht sich Kilometer um Kilometer hin, aufgelockert durch Werbebotschaften voller Menschen, die hier nicht herpassen, und dazwischen immer wieder mal ein rausgeputztes Gebäude, das schon wieder zerfällt. Im Widersprüchlichen, Unfertigen und Ausweglosen ähneln diese Strassen der Verdammten den Lebenswegen der Figuren. Es gibt kein Anfang und kein Ende, es spielt keine Rolle, wo man die Bücher aufschlägt oder abbiegt. Es bleibt die immer gleiche Abfolge, die zäh ist wie Teer und jede Anstrengung, jedes Wollen und jedes Anzeichen von Können in das allgemeine Grau einplaniert.

Wer nichts anderes kennt, denkt automatisch grau. Es ist dann vielleicht noch nicht mal selbstreflexiv gemeint oder gedacht, aber es verkommt zur Nabelschau dieses Ausschnitts einer Jugend, deren bestimmende Themen Magersucht, Suizid, Kotzfresssucht, unbefriedigender Sexualitiät sind, und die das Wort "Ficken" zu ein Synonym für körperlichen Automatismus und Reizabwicklung gemacht haben.

Kein Wunder, wenn die jungen Schlappschwänze und mittelalten Keinenmehrhochkrieger der Feuilletons begeistert sind. Genauso, wie man in Leipzig behauptet, dass man hier bei allen Problemen mehr Seele als in München habe, wird den Texten mehr Tiefgang bescheinigt. Es dominieren Mangel und Abwesenheit, aber weil nichts da ist, wollen die alten und neuen Kader und ihre Schmieden in der Lücke die Anwesenheit erkennen; Literaturinstitutsliteratur stinkt nach dem Verlangen, der Leser möge sich doch bitte in dem Nichtgesagten ganz viel Inhalt, Gefühl und fantastische literarische Qualitäten mit Diplom der AutorInnen vorstellen.

Solange das FAZauf Zeitab so der graumelierten Nichtzielgruppe erzählt wird, wird es weitergehen mit dem Kriäjtif Reiding made in Sachsen. Sie werden kommen, in Scharen und in guter Hoffnung, sich an die Umgebung und den Trend anpassen, und in ihrem Heimatkaff den Literaturpreis kriegen, den vor ihnen die Realschullehrerin für ihre Gedichte und der Priester für seine Grabsteinaufarbeitung bekommen hat. Sie werden diese Stadt in sich tragen, denn wer Leipzig drei Jahre überlebt, wird gebrochen, und kann sich nicht mehr vorstellen,


dem fahlgelben Licht der sächsischen Abende zu entfliehen,
in die reichen Städte mit ihrer hedonistischen Jugend,
vielleicht sind sie ja hohl und dumm fickt gut,
aber es sind keine verhuschten Tiefgänger,
von denen man sich wirklich wünscht,
dass sie bitte unten bleiben wollen,
mit dem Stein ihrer Dummheit
und Literatenkünkeleien
an den hässlichen
Halsgurgeln.

Samstag, 5. Juni 2004, 01:35, von donalphons | |comment

 
Da möchte ich mich gerade mit
Leipzig anfreunden, und nun dieser Beitrag, der Zweifel sät!

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Allerdings
... auf was hab ich mich da eingelassen ...?

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Ihr macht einen Fehler. Nur einen, aber es ist der des Lebens. Sag ich Euch.

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Leipzig ist nicht schlimmer als Münster, Giessen, Cottbus, Saarbrücken und all die vielen anderen Städte, die eine Uni haben aber keine Zukunft - oder die Zukunft schon hinter sich. Wer dort studiert und an seiner Zukunft arbeitet, wird nie in den wichtigen Städten der Welt landen.

Da stimme ich donalphonso zu.

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Münster kenn ich - das ist wenigstens weitgehend hergerichtet. Leipzig ist von sich selbst hingerichtet. Das ist ein Unterschied.

However, ich denke, dass jeder Versuch, kreatives Schreiben in Käffern zu vermitteln, scheitern muss. Die Leute schreiben dann Bücher und Themen, die in den Hauptabnahmezentren, den urbanen Zentren, nicht gelesen werden. Bei Diätratgebern, Einrichtungsbüchern und Promigeständnissen ist das was anderes, aber Literatur geht nur in Metropolen oder von Leuten, die in Metropolen gelebt haben.

Womit hierzulande nur München, Frankfurt, Köln und Hamburg bleiben.

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Wobei sich die Frage stellt, ob Du Literatur oder vermarktbare Literatur meinst. Ein Kafka oder Pessoa kann überall schreiben - wenn er es will.
Denn ich bin immer noch so versnobt, Literatur "sub specie aeternitatis" zu sehen - sprich, vorwiegend das als Literatur zu betrachten, was nicht nach ein paar Jahren vom pechschwarzen Fladen der Vergessenheit gnädig zugeschissen wurde - oder vermutlich werden wird.

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"München, Frankfurt, Köln und Hamburg"
Jetzt sehe ich's gerade! Mach mir meinen Döblin und meinen Serner nicht madig!

("Berlin Alexanderplatz": Amazon-Verkaufsrang 3.691.
Gut gehalten nach 75 Jahren!
https://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423002956/qid=1086435234/sr=2-1/ref=sr_2_11_1/028-3013666-0967705 )

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Oh Du Münchner
Leipzig und noch mehr Dresden sind die einzigen lebensbejahenden Städte im Osten, auch die einzigen, wo man, neben Berlin, als Wessi leben kann. Wir haben sicherlich höchst unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine Stadt lebenswert macht-müsste ich zwischen Berlin und München wählen, entschiede ich mich für Berlin, und zwischen München und Leipzig-na, das wäre zumindest die Wahl zwischen zwei gleich großen Übeln-oder zwei gleich großen Wonnen, je nach Standpunkt. Richtig Osten, mit aller Depression, das ist Magdeburg, Chemnitz, Stralsund. Eisenhüttenstadt, Cottbus, Wolgast, Uckermünde toppt das noch, das ist sibirisches Vorland.

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Nun ja, München und Frankfurt glänzen in letzter Zeit auch eher mit der Transformation ganz passabler Journalisten zu mittelmäßigen Autoren.

Was Tiefgang betrifft, nun ja: Wenn ich mir Deine Texte über Münchner (die Personen, nicht die Stadt) hier und auf DCT so anschaue, so zeichnen sie doch ein eher düsteres Bild.

Und Leipzig, solltest Du vielleicht mal besser kennenlernen, Deine Beschreibung läßt mich grobe Unkenntnis vermuten.

Übrigens wie siehst Du denn Berlin in diesem Zusammenhang, schließlich ist es jetzt ja offenbar Deine neue (berufliche) Wahlheimat. Und gehört nicht zu "München, Hamburg, Köln, Frankfurt"...

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Alles nur nicht die Wahlheimat! Ich habe immer darum gekämpft, diese Niederlassung nach München zu bringen, aber auf mich hört ja keiner. Nur wurde die Leiterin schwanger, und sonst gab´s niemanden, der das hätte machen können. Ist also nur für den Übergang.

Dass Münchner oft hohl und nach dem Motto "Eure Armut kotzt mich an" hedonistisch sind, steht ausser Frage. Dafür gibt´s auch was literarisches vorn Latz. Aber nach der Prügelei ist es dort immer noch angenehm, was man von Berlin nicht sagen kann. Berlin gehört einfach nicht in die Linie der Metropolen, sondern in die der outgesourcten Slums.

Ich würde nicht so weit gehen und behaupten, dass Frau Casati, Herr Gorkow, (zeitweise) Frau Wetzel oder gar Herr Schirrmacher gute Autoren sind. Allein, die Reduktion der jungen Literatur auf Leipziger, Berliner oder sonstwie östlicher Arbeitsamtdurchbuchvermeider ist ein echtes Drama, das anderen, vielleicht besseren Jungautoren den Weg verbaut. Hörte ich doch selbst bei einem Gespräch mit einem Müncher Verlag: "Ja, Signor Porcamadonna, wenn ihr Buch in Berlin spielen würde, dann könnte man das gut in die Medien bringen.."

Es ging, wie man gesehen hat, auch ohne.

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Metropolen
Gerade darum ist Berlin eine Metropole: wegen der Slums. Alle Weltstädte haben die, New York hat Harlem, Quuens, Hell´s Kitchen, Brookly und die Bronx, London das Eastend, na, und wenn ich mir Kairo so anschaue, wo man nachts über die schlafenden Armenfamilien auf dem Gehsteig drübersteigt (und mein Freund Mohammed hat eine Armenfamilie in einer Erdhöhle im Garten der väterlichen Villa wohnen, der er regelmäßig Bakschisch gibt), dann ist das eine der Komponenten, die Metropole ausmachen. Und da München das nicht hat, ist München Provinz. Also nicht Provinz in dem Sinne, wie Stendal oder Altötting oder Greuifswald Priovinz ist, aber Provinz als Gegensatz zu Metropole. Was Du hinsichtlich der Literaten und der brunzdoofen Vernageltheit von klischeefixierten Verleger-Dumpfnasen schreibst, hast Du natürlich voll recht.

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New York hat Harlem, Quuens, Hell´s Kitchen, Brookly und die Bronx, London das Eastend, na, und wenn ich mir Kairo so anschaue, wo man nachts über die schlafenden Armenfamilien auf dem Gehsteig drübersteigt

Dann ist also Marzahn eine Metropole, weil es den Slum Berlin hat?

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Gut gegeben,lieber Don!
Von meinen Rechtschreibfehlern mal abgesehen, der Nörgler mag mich prügeln, sage ich es so: Berlin ist slummiger als andere Weltstädte (außer: New York , Kalkutta, Kairo etc, etc,.......) und weltstätdtische Slums sind kompatibel mit Berlin.

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>Nun ja, München und Frankfurt glänzen in letzter Zeit auch
>eher mit der Transformation ganz passabler Journalisten zu
>mittelmäßigen Autoren

Der Illies ist aus Gießen (!), und was hinter dem Taunus ist, ist für unsereins eine andere (dunklere) Welt.
Der Schirrmacher ist nur wegen dem Job hier und fühlt sich eigentlich als Berlin-Bewohner.
Oder wen hast Du sonst noch gemeint?

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A´propos Gießen
Gießen gehört in die Rubrik ideelles Gesamtgöttingen: reine Universitätsstadt ohne Arbeiterbevölkerung, weltoffene Geisteshaltung bei inzestruöser provinzieller Enge der sozialen Millieus, das Ganze in einem Talkessel. Viel Kopf, wenig Bauch, keine Muskeln, viel Moral, viel Puritanismus (der nicht religiös gemeint ist, sondern eher bedeutet, einen Lebensstil/eine Geisteshaltung bis zur tödlichen Konsequenz durchzuziehen). Und wichtig: Alles ist eine Art Mode, wenn man älter als 30 und mit dem Studium fertig ist, ist das Alles nie passiert.

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Und nochmal Berlin:
Ach! ich möchte jung sein, Inka Parei heißen,
auch mal einen großen Preis gewinnen
und erleben, wie sich alle um mich reißen:
Iris Radisch, Thomas Steinfeld, Burkhard Spinnen.

Ach! ich möchte schön sein, einen Namen tragen,
der so klingt wie Dichternamen klingen:
irgendwie exotisch; so daß alle Leute fragen
und, wenn ich berühmt bin, alle für mich springen.

Ach! ich möchte da sein, wo jetzt alle dichten:
vielleicht in Mitte oder Friedrichshain;
denn die allererste der Autorenpflichten
lautet: Du mußt ein Berliner sein.


Geschrieben anläßlich der Bachmannpreisverleihung 2003.
Siehe https://www.hoeherewelten.de/berlin.htm.

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