Sehr zu empfehlen - Jan Graf Potockis Sierra Morena

Die Zeit um das Ende der napoleonischen Herrschaft scheint eine grosse Zeit für Autoren gewesen zu sein, die eine Verpflichtung empfanden, mit einer Kugel in den Kopf ihrem Dasein ein Ende setzen zu müssen. Nachdem Modeste schon auf das traurige Schicksal Kleists hingewiesen hat, möchte ich nicht darauf verzichten, einen anderen Selbstmörder dieser Epoche vorzustellen: 1815 erschoss sich in seinem letzten kleinen Hause der dem Wahnsinn verfallene Jan Graf Potocki, der Legende nach mit einer silbernen, geweihten Kugel, denn er hatte Angst, ein Werwolf zu sein.

Ein wahrhaft erstaunliches Ende für einen grossen Aufklärer. Potocki war ein polnischer Adliger, der seine Bildung, seinen Stil und seine literarischen Vorbilder vor allem im Frankreich der Diderots, der Voltaires, der Le Sages und der Mirabeaus suchte. Er war Diplomat, Forscher, Universalgelehrter, Reisender, und nebenbei auch noch Verfasser eines Buches, das neben den Gefährlichen Liebschaften und der Philosophie im Boudoir in den Zeiten der französischen Revolution die Epoche der Aufklärung noch einmal in allen Facetten zusammenfasst: Die Abenteuer in der Sierra Morena, ein Buch, das in keiner neu zu errichtenden Bibliothek fehlen darf.



Was Potocki über de Sade und Laclos erhebt, ist der Verzicht auf die allzu starke Konzentration auf Sex; vielmehr vermengt er die unterschiedlichen Methoden der Aufklärungsliteratur zu einem stimmigen, auf über 800 Seiten höchst charmanten und unterhaltsamen Roman. Gespräche, ineinander verschachtelte Rahmenhandlungen, kurze Exempla und gelehrte Disputation wechseln einander ab, verwoben in eine Mischung aus Schelmenroman, Abenteuergeschichte und Novellenzyklus. Ganz nebenbei vermittelt er Philosophie und Freidenkertum, erklärt die Sinnlosigkeit und das Versagen von Religionen und Moral, und entwirft eine leichte, delikate Ethik der Freude, irgendwo zwischen Epikur, Aristipp von Cyrene und einem lebensbejahenden Hedonismus.

Vor dem Leser wird eine Schatzkammer an schillernden Personen ausgebreitet, das Helden und Schurken umfasst, leichtsinnige Frauen und schwerdumme Betschwestern, stolze Herzoginnen und verdammte Giftmörderinnen, Räuber und Bischöfe, Meuchelmörder und Ordensritter, Geister und Kabbalisten, Liebende und Heuchelnde, Vizekönige, Scheichs, Juden, Christen, Schiiten, Sunniten und Atheisten, den ewigen Juden und zwischen all den Schichten ein unendliches Gestrüpp von Hass, Gier, Liebe, Treue, Verrat, Freundschaft und niedrigster Heimtücke. Nichts ist diesem vorgeblichen Bericht über 66 Tage in der Sierra Morena aus der Feder eines gewissen Alphonso van Worden fremd.

Potocki hat die Aufklärung nicht so konsequent und radikal auf die Spitze argumentiert wie de Sades Boudoirphilosophie, und seine verschachtelten Geschichten sind bei weitem nicht so raffiniert wie Laclos Liebschaften. Er ist nicht radikal neu und besinnt sich aller von ihm geachteten Vorgänger. Dennoch, trotz der vielen Zitate, für die man sich bestens in der Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts auskennen sollte, ist das Buch jedermann leicht verständlich. Es hinterfragt den abendländisch-christlichen Unwertekanon, umtänzelt mit feinem Florett die staubigen Lügen und Vorurteile der Kultur des Hasses und der Lügen, und versetzt dem Moloch - gegen den zu kämpfen auch heute in Zeiten von Volksbibel und geistlosem Papismus, von Merkel und Stoiber jedem aufgklärtem Menschen ein Anliegen sein sollte - viele kleine, tödliche Stiche in den stinkenden Eingeweide, so dass am Ende nichts zurückbleibt als ein helles Rokokolachen der Ethik über dem faulenden Kadaver der Dummheit.

Ich denke, wer in den Urlaub fährt, vielleicht sogar auf den Spuren einer Grand Tour in den Süden wandelt, sollte sich die drei Bücher besorgen und auf dem Weg lesen. Laclos erklärt vorbildhaft, wie einfach man sich den ewigen Mysterien der Frauen und Männer gewinnbringend nähern kann, de Sade gibt das nötige Wissen für eine Nacht der Freuden, und Potocki kann das ethische Rüstzeug für ein aufgeklärtes Gespräch am nächsten Morgen liefern.

Ich wage zu behaupten, dass Kenner dieser drei Werke eigentlich keine schlechten Menschen sein können. Und ja, natürlich ist es kein Zufall, dass mein Roman so viele Kapitel hat, wie Potockis Roman Tage.

Freitag, 1. Juli 2005, 19:17, von donalphons | |comment

 
Danke, Don, dafür!!!

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Keine Ursache :-)

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Auch noch...
Wir weisen die geneigten Lesern unsererseits auf die drei Weisen des XX. Jahrhunderts hin: Blaise Cendrars, George Bataille und natürlich der unvergessene Paladin, Meister des Hochseils: D.H. Lawrence.

undead, undead...

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Ah, Potocki, geliebt und nicht nur einmal gelesen.

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