Die kleine A-List-Verschwörungstheorie

Die angeblich egalitäre Bloggesellschaft - eine Chimäre, eine Legende, alles gar nicht wahr. In Wirklichkeit, so eine amerikanische Studie, kapseln sich die A-List-Blogger ab, verlinken fast nur untereinander, und linken nicht zurück, wenn jemand anderes auf sie linkt. Dadurch entsteht eine Hierarchie, oben wenige, die für die grosse Masse die Themen, den Ton, die Richtung vorgeben, unten diejenigen, die arm, ohne Leser vor sich hinvegetieren. Das war, salopp wiedergegeben, eine der zentralen Thesen des Vortrags von Prof. Dr. Neuberger bei der Konferenz in Karlruhe.

Nach meiner Meinung ist das eine Verschwörungstheorie, die sich ihre Argumente ohne Wissen darum holt, was in der Blogosphäre wirklich geschieht. Sie geht von der Grundprämisse aus, dass Blogger generell um hohen Traffic wetteifen, dass es ihr Ziel ist, den Aufmerksamkeitsmarkt der Blogosphäre zu beherrschen.

Jeder, der sich mal ein bisschen umgeschaut hat, weiss, dass das schon aus strukturellen Gründen nicht möglich ist. Die allermeisten Blogs bedienen einen mehr oder weniger klar umrissenen Markt. Vielleicht ist es Stricken, Gothik, Selbstverstümmelung, Sex, Magersucht, eine Popgruppe, Photographie, eine Depression, ihr Arbeits- oder Privatleben, Kultur, Politik, was auch immer, anything goes und das auch in den krudesten Mischungen.

Daraus folgt, dass die A-Lister, wenn man den Begriff schon nehmen will, selbst nur einen kleinen Teil der thematischen Bandbreite des Interessen der Blogger wiedergeben können. Was zur Folge hat, dass A-Lister angesichts der grossen Menge von Blogs in Deutschland dennoch kaum zur Kenntnis genommen werden. Wenn wir im Moment von etwa 120.000 mehr oder weniger aktiven Blogs ausgehen, verlinkt weniger als 1% davon den momentanen Spitzenreiter, das Bildblog. Anders gesagt, über 99% verlinken das Topblog nicht. Weit weniger als 1% verlinken IT&W und Spreeblick. Bei Blogbar, das als Metablog eigentlich beste Aussichten hat, viele Blogger als "Nabelschaublog" zu interessieren, sind es unter 0,5%, Rebellen ohne Markt, immerhin noch in den Top20, kommt gerade man auf 0,3% Verlinkung aus der Blogosphäre. 99.7% verlinken mich nicht. Aufgrund der Unzulänglichkeit von Blogstats.de, worauf diese Zahlen beruhen, kann es durchaus sein, dass man die Zahlen sowohl der Blogs als auch der Links vergrössern, vielleicht sogar verdoppeln muss - am Verhältnis ändert sich dadurch nichts.

Die vergleichende Analyse der Links ohne Berücksichtigung der absoluten Zahlen ist ein höchst fragwürdiges Unterfangen. Es genügt nicht, nur auf die Toplisten zu schauen; man muss auch verstehen, was sie sagen. Es gibt Blogs, die mehr verlinkt werden als andere, aber sie dominieren nicht. Sie sind nur in kleinen Kreisen bekannt. Aber selbst, wenn wir mal davon ausgehen, dass jeder zweite Leser hier Blogger wäre, würde dieses Blog hier selbst an den besten Tagen von über 98% der Blogger ignoriert werden. Das allein relativiert die Idee, dass es so etwas wie die Marktbeherrschung durch A-Lister überhaupt gibt.

Bleibt die Frage, warum man darauf kommt, dass man sich für einen Link mit einem Gegenlink bedanken müsste. Ich habe keine Ahnung, ich kenne sowas nur vom äusserst unseriösen Fall der Kelly M., in dem ein "Jugendbündnis Weisse Rose" mit einer einzigartigen Spamaktion versucht hat, sich mit Links auf Gegenseitigkeit auf die Toplisten zu setzen. Ein ähnliches verhalten kenne ich sonst nur von einem Cluster stark rechtslastiger Blogs, die hier gern als Neoconnards bezeichnet werden und deren Mitglieder dazu tendieren, andere Blogs zwecks Awareness zu spammen.

Es gibt mehrere Gründe, die gegenseitige Verlinkung nicht vorzunehmen. Würde ich alle Verlinker in die Blogroll aufnehmen, würden da links vielleicht 500, 600 Blogs stehen. Ich wage es zu bezweifeln, dass das irgendjemandem was bringen würde. Generell negiere ich auch die Wirksamkeit dieser Links selbst bei A-Listern. Denn, um nur mal ein Beispiel zu bringen: Johnny vom Spreeblick verlinkt mich in seiner Blogroll. Gestern hatte er laut Blogcounter 6393 Visits auf seiner Website. Davon kamen nur 16 über diesen Link auf meine Seite. Das sind rund 0,25%, oder anders gesagt: Ein Link in der Blogroll bei einem Topblog wie Spreeblick bringt so gut wie nichts. Das entkräftet die Behauptung, die Verlinkung zwischen den A-Listern würde eine homogene, viel beachtete und besuchte Gruppe von A-Listern erst entstehen lassen.

Ich persönlich vermute ohnehin, dass Links weit weniger bedeutend sind, als angenommen wird. Das Publikum von Rebellen ohne Markt liegt bei 1/3 bis 1/2 von dem, was Spreeblick hat, clickt aber die links stehende Girlreihe öfter. Aber auch nicht besonders, mehr als 30, 40 Hits am Tag sind es kaum. Auch bei mir kommen die Leute vor allem wegen diesem Blog hier, und sicher nicht mehr als 10% nutzen die Blogroll.

Selbst, wenn ich in einem Beitrag verlinke, gibt es selten mehr als 300 Visitors, die dem Link folgen; das entspricht maximal 20% der täglichen Leser hier. So hat es der gestern verlinkte und heiss debattierte Beitrag von Media-Ocean nicht mal in die Top-100 bei Blogcounter geschafft, sprich, weniger als 370 Visits bekommen.

Und würde denn wirklich jemand clicken, wenn ich alle Verlinker hier jeden Morgen entgegen meiner Gewohnheit - denn eigentlich ist mir das von wenigen Ausnahmen abgesehen völlig wurscht - rausziehen und publizieren würde?

http://www.zielpublikum.de/blogs.htm
http://www.vuck.net/blog
http://www.svenscholz.de/?p=395
http://www.subfrequenz.net/linker/index.php?cat=33
http://www.rola.ndgu.de
http://www.odenwald-geschichten.de
http://www.myblog.de/somlu
http://www.nerdcore.de/wp/2005/09/26/ich-bin-deutschland-2
http://www.mischamandl.de/blog/2005/09/25/blogs-in-der-wissenschaft.hartz4
http://www.mela.de

Das ist jetzt nur mal die unterste Ecke meiner Referrer vom heutigen Morgen. Drüber kommt noch fünf bis zehn mal so viel. Wer es selbst anschauen will: Hier clicken und den Seitenquelltext aufrufen. Sowas müsste ich den obigen Theorien zufolge jeden Morgen machen, um kein elitäres, kleine Blogger ausbeissendes, pardon hier darf ich, Arschloch zu sein. Natürlich auch noch sauber verlinken, damit es mir das Layout nicht zerschiesst, und mit einer Empfehlung versehen. Sorry, das macht keiner, das geht schlichtweg nicht.

Und dann ist da noch was: Die Trackbacks. Das Linken auf Gegenseitigkeit kann man sich dadurch bei konkreten Debatten komplett sparen, das steht dann einfach im Kommentar. Wenn jemand hier einen Trackback setzen will, kann er das manuell in den Kommentaren tun. Wird oft genug gemacht. Das kann mitunter nervig sein, es gibt leider genug Trackbackspam und oft auch Blogger, die um des Trackbacks wegen trackbacken, ist aber längst normal. Jeder kann sich also bei einem A-lister einklinken. Wenn es dann langfristig mit dem Traffic und dem Wachstum nicht klappt, ist nicht das Problem des A-Listers. Erst, wenn man ihn dazu zwingen würde, sich um alle anderes zu kümmern, seine Leser aufzufordern, dort bitte doch auch das Blog voranzubringen, wäre die egalitäre Bloggerei vorbei. Dann würde ich dicht machen.

Ich komme zum Schluss: Die obige Analyse zur Hierarchie der Blogger ist falsch; ihre Argumente halten einer Überprüfung nicht stand. Sie kann nur entstehen, wenn jemand von Aussen kommend aufgrund seiner nicht auf die Blogosphäre übertragbaren Medienkenntnisse eine falsche Fragestellung entwickelt, einen verzerrten Eindruck vom Wesen der A-Lister hat und aus nicht verstandenen Toplisten unzulässige Rückschlüsse zur Stützung seiner Thesen zieht. Ohne auch nur ein mal mit denen zu reden, die im Zentrum seiner Untersuchung stehen, A-Lister wie die anderen Blogger. Was dann in einem fernen Land übernommen und in einem wissenschaftlichen Vortrag entsprechend kolportiert wird.

Und dann gibt es also Jungsakademiker, die meinen, es wäre unanständig, wenn man das Wort Ficken verwendet. Na ja. Wenn sie meinen.

Dienstag, 27. September 2005, 10:04, von donalphons |