Bild des Tages: Der Türkenfrieden

Zu den Urmythen des rechten Europas zählt die Geschichte der Türken vor Wien in den Jahren 1529 und 1683, die gerade noch aufgehalten wurden, bevor sie Europa überrannt hätten. Abgesehen davon, dass man als aufrechter Bayer Österreich an jeden verkaufen würde, der auch nur eine Runde Döner dafür ausgibt: Das Ganze ist eine Legende. Die Hohe Pforte war in der gesamten frühen Neuzeit eine normale europäische Grossmacht mit normaler europäischer Politik. Sie nutzte als solche die Schwäche der Habsburger in Österreich schamlos aus, kassierte die als "Türkengeschenk" umschriebenen Tribute, hatte aber auch gute Freunde in Europa - gerade das katholische Frankreich war so gut wie immer mit der Türkei verbündet. 1688 zettelte Frankreich den Pfälzer Erbfolgekrieg an, um den bedrängten Osmanen auf dem Balkan den Rücken zu stärken.

Umgekehrt hatten die Habsburger 1552 auch keine Bedenken, sich bei der Teilung Ungarns mit den Osmanen einen Teil unter den Nagel zu reissen. Die Atrozitäten des sog. 5. österreichischen Türkenkrieges - der mit der zweiten Belagerung Wiens - hat man damals gemalt; man kann nicht sagen, dass sich das Christentum bei Massakern in Belgrad und Zenta, wo ohne Unterschied alle Konfessionen niedergemetzelt wurden, sich irgendeiner Schuld bewusst war. Im Gegenteil, man webte diese Schlachtereien in Tapisserien und tafelte noch Jahrzehnte später im Anblick von Grausamkeiten, die den Vergleich zur Deutschen Wehrmacht in der Ukraine nicht scheuen müssen.

Aber das Bild, das ich zeigen möchte, ist ein anderes: Hier sieht man, dass es natürlich auch Frieden geben kann. Ein niederländischer Stich von 1719 zeigt die Unterzeichnung des Friedensvertrages vom 21. Juli 1718 in Passarowitz in Serbien. Wir sehen von links nach rechts: Den österreichischen Kaiser Karl VI, den Gesandten Venedigs, und den türkischen Sultan Achmed III.



Nebenbei beschloss man auch umfangreiche Handelsabkommen für den Balkan. Das hätte wohl kaum ein zurückgebliebener Bauer in Europa geglaubt, dem man mit Schauergeschichten über die mörderischen Janitscharen das Geld zur Finanzierung des Krieges abgepresst hatte. Danach brachen für den Rest des Jahrhunderts ziemlich ruhige Zeiten auf dem Balkan an, abgesehen von zwei erfolglosen Versuchen Österreichs, das osmanische Reich in Angriffskriegen zu vernichten. Kein Wunder, Europa hatte in der Folgezeit andere Sorgen als die Türken: Den 7-jährigen Krieg etwa, der nur zu deutlich zeigte, wie wenig die heitere Pracht des Rokoko und die Aufklärung zur Realpolitik beitragen konnten. Ein Krieg, den man gerne vergisst, obwohl er die Killing Fields der Weltkriege vorwegnimmt.

Nur zu verständlich also ist es, wenn Voltaires Candide nach seiner Irrsinnsreise durch die westliche Welt in der Zeit dieses Krieges am Ende seinen Frieden findet in Istanbul, als Untertan des Sultans. Frieden, das ist immer mehr als eine Option, es ist die Mutter aller Dinge, und wenn ich jetzt das Geschrei der braunen Gosse höre, die sich ein neues Belgrad wünschen und Kreuzzüge und den Clash of Civilisations, und dazu falsche Bilder der Geschichte heraufbeschwören, dann kann ich denen nur raten: Informiert Euch besser mal über die Geschichte.

Freitag, 10. Februar 2006, 11:26, von donalphons | |comment

 
Erst das Drama in der Türkenstraße, dann der Türkenfrieden. Thematisch sehr einseitig heute :-)

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Ich kenne mich zwar eigentlich in der Geschichte etwas aus, aber diese Zusammenhänge kannte ich bisher auch nicht. Sehr interessant. Ein deutlicher Beweis für die "westliche" Geschichtsschreibung.

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Wie willst du das in ein verbohrtes Landser- resp. Tschetnikhirn reinkriegen? Vergebene Liebesmüh'...

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Die sind verloren. Aber ich persönlich glaube an die Aufklärung, und wenn diese Bande hier die Macht übernimmt, dann gehe ich vielleicht auch in die Türkei. Und bestelle meinen Garten.

Aber jenseits der Hetzer und Hassprediger der rechten Deutschen sehe ich eigentlich sehr viel Vernunft.

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Information und Aufklärung, das Antidot gegen fanatischen Haß, wird von den Urhebrn desselben aber gar nicht gerne gesehen. Was übrigens für Haßprediger auf allen Seiten gilt: Sowenig bin Ladin, Sarkawi & Co, für den Islam stehen, sowenig repräsentiert die braune Gosse den Westen.

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Aber genau das muss man der braunen Gosse klar machen, und deshalb freut es mich, dass langdam aus der Blogosphäre immer mehr ausgewogene Stimmen kommen, die erst mal nachdenken, statt das Spiel des Mobs zu spielen.

Abgesehen davon ist es bescheuert, wie eine kleine Minderheit in der arabischen Welt und ihre Entsprechungen die Medien so dominieren können, wenn in Niederbayern und der Oberpfalz gerade eine humanitäre Katastrophe beginnt. Die sollten das Maul halten und Schnee schippen.

mach ich ja auch, 20 Zentimeter in 24 Stunden

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Und? Stoiber vor Ort? Oder muss es wieder mal der Gerd machen?

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Stoiber kommt prinzipiell immer zu spät bei solchen Gelegenheiten. Wie auch immer, das da drüben ist kein Spass, und die Regierung hat schon mal vrkündet, dass sie nicht alles zahlen will.

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Wäre vielleicht mal wieder an der Zeit, architektonische Innovationen aus vergangenen Jahrtausenden im Alpenraum einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

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ich glaube, bei diesen unmassen von schnee hat das nix mit architektur zu tun. allerdings warte ich seit tagen auf einen artikel von maxeiner&miersch, indem uns erklärt wird, dass dies ein beweis dafür sei, dass wir keinen klimawandel hätten... sie scheinen sich nicht so recht ranzutrauen...

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Probleme? Welche Probleme? 1 Meter dicke Mauern und solche Balken



haben jetzt 406 Jahre gehalten - wer so baut, der kann auch dem Klimawandel getrost ins Auge blicken. Zumindest, was die Statik angeht. Und bei Dachneigungen über 35° rutscht das alles sowieso schnell runter.

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@nixxon: Mir ist bislang nicht zu Ohren gekommen, dass Satteldächer mit einer einigermaßen vernünftigen Dachneigung (40 Grad oder mehr) vom Einsturz bedroht wären. Und wenn man von der Sorge befreit ist, dass einem die eigene Hütte auf den Kopf fällt, dann kann man ein paar eingeschneite Tage meist doch recht entspannt verleben - Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel.

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@don: wenn 35 Grad auch reichen, umso besser :-)

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Na, wir haben schon etwas mehr - da mussten sich die italienischen Bauherren der Gesellschaft Jesu dem Druck der bayerischen Zimmerleute beugen. Das versaut war ein wenig den Eindruck der italienischen Maniera, aber es hat gut gehalten. 35° war hier bei uns das Minimum, aber das Haus ist gross, deshalb ist es steiler.

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@hockeystick: freilich hast du recht, was diese ganzen hässlichen flachdachschachteln angeht. aber die müssten doch eigentlich fast jeden winter einkrachen, warum ausgerechnet in diesem so vermehrt?

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Das hängt mit den Bauvorschriften und der Witterung zusammen. Je nach Region sind Flachdächer bis 100kg oder so pro qm ausgelegt, das reicht fast in jedem Winter, aber eben nur fast. Und in diesem Winter haben wir eben mal wieder schön viel Schnee, der nie richtig weggetaut ist, der nasse Neuschnee liegt also auf einer schön verdichteten alten Schneeschicht, und bumm. Da sind es dann schnell 150 kg/qm oder mehr. Und im Moment überlegen sich die Leute dann gut, ob sie noch aufs Dach steigen und schippen, oder ob sie es lieber bleiben lassen.

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könnte man den schnee nicht auch mit heizkanonen einfach abschmelzen?

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Über die Dachkonstruktion lässt sich gut diskutieren, aber auch ein Satteldach in Deggendorf muss heute keinen halben Meter nassen Neuschnee aushalten, jedenfalls soweit es die Norm betrifft. 100 kg/qm galt bis Juli z.B. für Flachdächer im Bayrischen Wald bis zu einer Höhe von 400 m ü.d.M. Jetzt sind es im Bayrischen Wald bei gleicher Lage fast 150 kg/qm und in Deggendorf (früher gleiche, jetzt andere Zone) sind es immer noch rund 100 kg/qm.

Zwei Dinge zeigt die Schneekatastrophe:
Das Wort Katastrophe ist verbraucht. Gestern im Radio die Meldungen über die Schneekatatsrophe habe ich nicht beachtet. Erst als ich heute über 50 cm Neuschnee in einer Nacht gelesen habe, war das Ausmaß klar.
Wenn der Einsatz der Bundeswehr im Inland notwendig ist, ist das auch ohne Gesetzesänderung möglich.

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@Dächer: Landschaftlich passend oder nicht, ein Friesengiebel, dafür konstruiert, die Feuersbrunst nach außen abgleiten zu lassen, hätte keine Probleme mit irgendeiner Schneelast.
@Literaturtipp zum Türken und so: Gazi Caglar/Hakan Ates Bakar, Die USA im Nahen Osten. Geschichte und Gegenwart einer imperialistischen Beziehung, erklärt die Hintergründe des Nahostkonflikts aus dem historischenZusammenhang, was in diesem Fall heißt, dass mit den Gesellschaftsstrukturen des Osmanischen Reiches während der Renaissance angefangen wird.

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@nixxon: Im Prinzip sicher schon, nur: Wieviele (an einen Kranausleger montierbare) Heizkanonen gibt es in Niederbayern, die zudem noch stark genug sind, um einige Tonnen Schnee pro Dach in vertretbarer Zeit wegzutauen? Schätzungen im zweistelligen Bereich würde ich für zu optimistisch halten.

Nachtrag: Der Zusammenhang zwischen minimal zu verkraftender Schneelast und Dachneigung ist in Deutschland natürlich auf das Grad genau geregelt.

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Da keilt der Amtsesel
Ich weiss schon, warum ich zu gut erhaltenen Gebrauchtimmobilien vor dem Biedermeier greife.

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Immerhin ist auch eine Regelung für Luftschlösser vorgesehen ("Fliegende Bauten").

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Candide ou la raison enflée
Alphonso sagt, nicht ganz ohne Naivität (Candeur): "Aber ich persönlich glaube an die Aufklärung". Ja, warum auch nicht? Hat Candide schließlich auch getan, jedenfalls vor seiner Resignation in den KEPOS als in das Feld humaner Klein-, statt rationaler Großordnung. In seinem Verzicht auf eine wahnhaft aufgeblähte Vernunft und ihr Korrelat, die perfektible Welt, hat er zumindest so etwas wie antike Weisheit und Gemessenheit verraten, die übrigens durch Hassparolen gegen Andersdenkende durchaus verraten werden.

Übrigens: Condorcet und sein Henker Robespierre haben, wussten sie das?, gleichermaßen an die aufgeklärte Vernunft GEGLAUBT. Witzig, nicht? Dass Ihr Linken, ähhhh, Sozialdemokraten nicht einmal mehr Euren Adorno/Horkheimer kennt, -bin erschüttert.

Die Hohe Pforte war, ach ja, fällt mir gerade mal so ein, erst seit dem Krimkrieg vollwertiges Miglied der europäischen Diplomatie. Nun sind deren Grenzen und moralische Maßstäbe für die heutige EU (auf die EU-Aufbahme der T. spielen Sie ja ganz offenbar an) in etwa ebenso bindende Vorbilder, wie die heutige Türkei etwas mit dem Osmanischen Reich zu tun hat. Wenn Sie in der T immer noch den Rechts- oder sogar Polit.-Nachfolger der Hohen Pforte sehen, dann glaube ich, dass wir Konservativen in Damaskus, Beirut, Haifa, vermutlich sogar in Teheran, besser gelitten sein dürften als Sie, nur mal so am Rande.

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@hockeystick: Aktueller ist die Wikipedia, denn die Norm wurde stark überarbeitet. Darin ist nicht mehr nur die Abhängigkeit von der Dachneigung sondern Beiwerte für jede mögliche Dachform festgelegt.
@donalphons: Der Fortschritt moderner Berechnungsmethoden hat eben nicht nur Vorteile. Ich wohne auch lieber hinter einer dicken Sandsteinwand, als in einem Fertighaus, auch wenn das Dach zu schwach für eine Naturschieferdeckung ist.

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Es wäre mir neu, dass ich da oben etwas über Diplomatie geschrieben hätte. Es wäre mir auch neu, wenn man die Diplomatie des 18. Jahrhunderts mit der des fortgeschrittenen 19. jahrhunderts vergleichen könnte. Dennoch unterhielten alle europäischen Grossmächte in Istanbul Vertreter, sogar der Papst hatte unter Süleiman dem Prächtigen dortselbst einen Bischof sitzen, der allerdings Moslem war - so ging das damals zu. Die Türkei ist der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, und das wiederum war selbstverständlich eine Grossmacht, mit der man in Europa reden musste und wollte.

Dass sich kaum jemand selbst als unvernünftig bezeichnet, dürfte allgemein bekannt sein - so begründet die deutsche Aufklärung ihren Christengott ja auch mit Vernunft. Und das ist nun wirklich lächerlich. Zudem predigten auch Diderot und de Sade die Vernunft - und dennoch hassten sie sich und brüllten sich im Kerker an. Mir ist also die Problematik des Begriffs durchaus klar, und das, ohne dass ich erst mal bei Wikipedia nachschlagen müsste.

Und solange ich noch nicht am Goldenen Horn weile, erlaube ich es mir durchaus, ein braunes Schwein als solches zu titulieren. Auch ein Voltaire hat in seinem philosophischen Wörterbuch nicht mir klaren Worten gegenüber seinen Feinden Stellung bezogen - wem´s nicht passt, der mag sich frei entscheiden, ob es ihm hier behagt.

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@martin h.: Dann bin ich ja froh, dass unser Refugium noch nicht nach der neuen Norm erbaut wurde. Sonst wäre die Tragkraft in unserem Falle 40% niedriger...

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Jetzt erst gelesen - es hätte meinen Tag retten können.
Vielen Dank, lieber Don, für diesen extrem guten, extrem wichtigen Beitrag!

(Und das ist keine Schleimerei ...)

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Na, der Tag hat ja noch 1,5 Stunden :-)

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Jetzt nehmen Sie mir doch einfach die Illuison. Da hat einer meiner Vorfahren als General vor Wien gegen die Türken gekämpft, mit Meriten und Verletzung,und nun war das nicht so wichtig für die Verteidigung des Christentums?Des gesamten Abendlandes?Und woran soll ich jetzt noch glauben?

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Was soll ich denn sagen? Da hat mein Vater in der SS-Division Hitlerjugend das Kriegsverdienstkreuz verliehen bekommen, und als es hart auf hart kommt, rettet ihm ein deutscher Jude, Major in der US-Army, das Leben. Und darauf heiratet er die Tochter eines früheren politischen Gefangenen und will von all dem Blödsinn, den man ihm jahrelang eingetrichtert hat nichts mehr wissen.

Und die römischen Legionen haben Barbaren in ihre Reihen aufgenommen, um das Reich gegen Barbaren zu verteidigen, und was passiert? Rom wird von Barbaren zerstört, und Barbaren werden Bewahrer der römischen Kultur.

Hey, um ein Haar hätte das Drachenbanner mit dreifachem Rossschweif über Paris geweht, das Abendland hat sein Bestehen einem bedauerlichen Jagdunfall des großen Khan zu verdanken, man hatte schon dem Stauferkaiser eine Planstelle als Leibfalkner zugewiesen... und das ist mein voller Ernst.

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In Wien war ohnehin jedermanns Verwandtschaft gegen die Türken engagiert, jeder zweite hat Vorfahren, die die Attacke vom kahlen Berg höchstselbst geführt haben, und selbst, wenn der Opa aud besten Gründen noch Pollack hiess, gehörte man doch zu den Verteidigern des christlichen Abendlandes. Auch der letzte Simmeringer Bierdimpfel, der im Beisl unter den Tisch uriniert, nimmt für sich in Anspruch, qua Sperma und Gen Teil des antitürkischen Kampfes zu sein.

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Die dritte Hälfte hat über die Mauern auch während der Belagerung schwungvoll Handel mit den Türken getrieben.

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Und die Vorfahrinnen der Damen, die heute die Krone lesen, wären im Falle eines Falles sicher mitgezogen auf dem weiteren Weg durch Österreich, um beim Plündern zu helfen.

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