: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 12. Juli 2007

Segler, Golfer, Lobo

Während drüben bei Yahoos früherem Werbepartner Spreeblick ein wenig biologistische Hetze gegen die Kinder von Besserverdienenden betrieben wird, kann man im Werbenetzwerk Adical auch noch ganz anders. Ich persönlich meide solche Wäb tuh oh Iwänts wie die Cholera, ich war da zu oft und ertrage diesen Unsinn da nicht mehr, aber es begab sich, dass der grosse Schweiger und Adical-Geschäftsführer Sascha Lobo plötzlich doch den Mund auftat, und zwar bei einem Ontröprönör-Treffen im schönen - oder so - Bremen. Und wie es der Zufall so wollte, ist unter den High Potentials der altehrwürdigen Wrackplünderermetropole auch ein alter Bekannter das Dotcomtodzeiten, der freundlich genug war, mir einen kleinen Bericht über Lobos Auftritt bei den Seglern und Golfern mit dem longen Tail zu schicken. Und bevor einer nörgelt: Ich arbeite nicht wie Stefan Niggemeier, ich habe natürlich vorher eine weitere, unabhängige Quelle befragt:

Bei der adical-yahoo-Geschichte war Sascha Lobo abgetaucht. Wieder aufgetaucht ist er in der Bremer Provinz. Dort gibt es noch Leute, denen Lobo die digitale Bohème als Panazee verkaufen kann und die begeistert jedem zuhören, der ihnen hilft, ihr Pleite-Bundesland schön zu fabulieren. Da sieht man routiniert über die verrosteten Eisenträgern im heruntergekommenen Hangar am Airport Bremen hinweg.

Willkommen in der deutschen Realität abseits der schicken DLDs, Barcamps und web2.0-Tagungen. War (fast) alles so wie früher. Bunte Punkte auf dem Namensschild (gelb=Dienstleister, rot=Investor, grün=Gründer, usw. - die Älteren werden sich erinnern), die Subventionshaie aus der Wirtschaftsförderszene, Start-up-Gründer, Verwaltung, Politik und sogar zwei Landesminister (Senatoren) - nur die Location und das Catering waren Web2.0 und nicht NE.

Warm-Upper Dirk Beckmann gab den Massstab vor: Milliarden werden investiert, Web2.0 ist eine "Kulturrevolution", eine "Haltung". Und wie auf Bestellung wird "Yahoo Clever" gelobt. Er nutzt es regelmässig. Er also.

Alles bereit zur Lobo-Selbstvermarktungsshow. Irgendjemand hatte Lobo wohl eingeredet, dass er vor honorigen hanseatischen Kaufleuten auftritt. Sein Iro blieb im Schrank, und er wandte sich in sonorem Ton an die "Golfer und Segler" im Publikum. Zwei eigene NE-Pleiten sollten als Ausweis der Erfahrung herhalten und natürlich sein Netzwerk. Wie die Freundin in New York, die als Beispiel für die beeindruckende Macht des Longtails herhalten musste. "Jamie", so ihr Name, beklebt Lichtschalter mit Renaissance-Motiven und vertickt diese im Internet. Ein Business-Konzept, das uns ohne Web2.0 erspart geblieben wäre.

Natürlich spielen blogs eine Rolle in Lobos Social Media Welt, obwohl er eigentlich gekommen war, "um Sie vor Blogs zu warnen". Sieht aus, als hätte aus der adical-Diskussion gelernt. Blogs sind eine gefährliche Sache: "ab heute wird zurückkommuniziert". In der Provinz galt es für den Propheten bahnbrechende Entwicklungen zu verkünden. Vor 10 Jahren musste ein Experte ein Buch schreiben, um von den Medien wahrgenommen und zu Talkshows eingeladen zu werden. Heute reiche ein Blog aus - ohne zu darauf einzugehen, dass er selbst doch ein Buch brauchte. Der Vorteil von Web2.0 ist die Ansprache ohne Streuverluste. Da gäbe es einen Blogger, der Monoblock-Stühle [ja, der Garten-Sondermüll] als Thema auserkoren hätte. Ein echtes Expertenblog. Verlustfreie Werbeplattform für Plastikfetisch-Artikel?

Lobo sah in Zukunft "für jeden Markt eine Community". Second Life wird es jedoch nicht sein, "da brauchen Sie nicht zu investieren" - "geben Sie kein Geld aus". Selbstkritisch vermerkte er, dass dies sich in seinem Buch noch anders angehört hatte. Nicht jeder Trendzug fährt halt zum Erfolg. Wenn es Richtung Kinderpornos und Cybersex geht, springt auch Lobo besser ab.

Das urbane Pennertum, die Experten für beklebte Lichtschalter und Billigstühle, wurde in der Veranstaltung als neue "creative class" gefeiert, das von den Städten anlockt werden müsste, damit die Unternehmen dann von selbst kommen. Da stellt man sich unwillkürlich das von Lobos ZIA geplante Schlafsacklager "9to5" vor. Nachdem in Bremen die übliche Wirtschaftsförderung das Land an die Wand gefahren hat, muss man befürchten, dass die Senatoren Lobo ernst nehmen und Campingplätze freiräumen.

Gott sei Dank wurde die abschliessende Diskussion ganz schnell abgesagt. Ein Blick nach draussen hätte genügt, um das reale Business zu sehen und nicht die Gaga-web2.0-Geschäftsideen. Die Boombranche der letzten Jahre: Die Jets der Billigflieger für Ausflüge in die Realität statt ins virtuelle Netz. Leider werden nie Digitalnomaden in den Fliegern sitzen, auf dem Weg zum Strand, wo sie mit dem Notebook arbeiten und Aufträge nur zwischen 20:00 und 24:00 Uhr entgegennehmen.

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Vielen Dank, A.! Und um das an der Stelle auch noch gleich loszuwerden: Aufgrund einer massiven Uneinsichtigkeit eines wenig seriösen Autors und trotz mehrerer Warnungen musste ich jetzt auch noch eine Strafanzeige gegen ein kommerzielles Medienangebot stellen lassen. Nur damit sich demnächst keiner wundert, wenn es wieder etwas härter zugeht - sage bitte keiner, ich würde das heimlich tun.

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Der beste Kauf des Sommers

Ich so, vor drei Wochen: Oh, ein hübscher Kerzenhalter!

Iris so: Oh Gott nicht schon wieder, es ist Sommer, da braucht das kein Mensch, und es steht dann nur wieder rum.

Ich so (vollkommen ungerührt): Was kostet der?

Händler so (mit Blick auf die zeternde Iris): 10 Euro

Ich so: Gekauft!

Iris so: ichfassesnichtschonwiedereintrummderhatnenhau (oder so ähnlich)



Ich so: Jetzt bitte. es wird sicher irgendwann wieder Winter. Da kann man den gut brauchen. Ausserdem hat sie eine hübsche Nase.

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Empfehlung heute: Eine gute Idee für Schäuble

hat Sven Scholz, denn vielleicht kennt der Innenkriegsminister einfach nicht das Grundgesetzt - und das kann man ja leicht ändern.

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Ma non troppo I: Bolivian Baroque Vol.2

Es ist, denke ich, allgemein bekannt, was der "Stadtpalast" war, bevor er von meinem Clan erworben wurde: Eines der Zentren der Gesellschaft Jesu, eine ihrer wichtigsten Bildungseinrichtungen nördlich der Alpen, und nur der historische Abstand mildert eine harte Beurteilung nach unseren heutigen Standards. Wer hier wohnte und arbeitete, war führend beteiligt an der Bekämpfung von Vernunft, Aufklärung und der Freiheit des Menschen. Ich bin in diesem Haus geboren worden, ich bin sein Hüter, und es ist ein Stück historischer Gerechtigkeit, hier heute ganz andere Dinge zu tun und schreiben zu dürfen, unfassbar weit entfernt von dem, was sich die Erbauer und Bewohner je hätten vorstellen können. Und dennoch beginnt diese Serie nun mit dem Wirken und der Musik eben jener Herrschaften, die in mir eine Ausgeburt der Hölle sehen würden, deren Vernichtung ihnen einst mit netten Zuwendungen vergütet werden sollte - man kennt das mit den Jungfrauen von 1 bis 70 ja auch aus anderen terroristischen Kulturkreisen.



Voltaire nimmt in seinem Candide so gut wie alles an Zeitgeschichte mit. In einem Parforcereritt durch vier Kontinente lässt er seinen Helden die Schattenseiten der Welt des 18. Jahrhunderts erfahren, und überall lauert Betrug, Gier, Dummheit und religiös motiviertes Verbrechen auf die Helden. Eine Ausnahme aber macht er, und die betrifft ausgerechnet die ihm ansonsten höchst verhasste Gesellschaft Jesu. Denn bevor Candide den sog. Jesuitenstaat in Paraguay erreicht und dort den Bruder seiner Angebeteten ersticht, erzählt ihm sein derber Diener Cacombo von den Sitten im Herrschaftsgebiet der Gesellschaft. Und es ist gar nicht so arg negativ: Es geht dort "nur" um die Ausbeutung von den Eingeborenen, Durchsetzung der jesuitischen Staatsdoktrin und um Machtspiele gegen die spanischen Siedler und die spanische Krone. Das ist für Voltaire, relativ betrachtet, ein sehr mildes Urteil, zumal es erkennbar die schlechte Nachrede einer Buffofugur ist.

Der Jesuitenstaat bringt die Aufklärer in Argumentationsnöte. Viel ist darüber in Europa nicht bekannt, denn die rund 30 Mustersiedlungen für einen Indiostamm, die von der Gesellschaft im heutigen Bolivien, Paraguay und Argentinien in abgelegenen Regionen gebaut werden, legen keinen Wert auf Einmischung von aussen. Die Jesuiten hatten die Erlaubnis direkt von der spanischen Krone, sich nach ihren eigenen Vorstellungen um die Indios zu kümmern. Im Gegensatz zu den weltlichen Siedlern, die Indios gnadenlos bis zur - man kann es nicht anders sagen - Vernichtung durch Arbeit treiben durften, solange sie nur einen Geistlichen zu ihrer Bekehrung unterhielten, versuchten die Jesuiten, die eingeborene Bevölkerung behutsam für ihre Werte zu begeistern und ihre Existenz zu sichern. Die heute als Weltkulturerbe geschätzten Jesuitenreduktionen waren tatsächlich eine Art gelebte Sozialutopie, die sich zumindest von der umgebenden Ideologie der Ausrottung fundamental unterschied.

Man könnte jetzt lange darüber diskutieren, ob das Angebot "sanfte Bekehrung gegen Schutz vor der Vernichtung und Sklaverei" fair war. Jedenfalls waren die Reduktionen durch ihre straffe Organisation wirtschaftlich so erfolgreich, dass man in Europa vermutete, die Siedlungen würden durch Gold- und Silberbergwerke und Ausbeutung der Indios das Vermögen der Nachfolger des Ignatius mehren. Genaues wusste keiner, denn der Zutritt zu den Siedlungen war Europäern nicht gestattet, und auch die Priester hielten sich weitgehend fern von den zumindest teilweise autonomen Gemeinschaften. Bis auf die Messen, die man zusammen zelebrierte, und die den Schäfchen alle Herrlichkeit des Ordens vorführen sollten.



Womit wir bei der CD "Bolivian Baroque volume 2" des auf alte Musik spezialisierten Ensembles Florilegium aus England und seiner Entdeckungsreise zu den musikalischen Schätzen der Gesellschaft in Bolivien sind. Florilegium hat früher schon eine Reihe aussergewöhnlicher Tonträger produziert, wie etwa feinste Aufnahmen der Kammerkonzerte von Telemann, die sich fundamental und wohltuend von den Kurorchesterfassungen unterscheiden, die man für 2,99 Euro in Massenmärkten in MP3-Krachwürfelabmischung bekommt.

Im Gegensatz dazu ist die vorliegende CD keine "sichere Bank". Die Komponisten, deren Musik in bolivianischen Archiven schlummerte, sind teilweise trotz der Recherchen des Ensebles anonym geblieben, und selbst Locatelli, Balbi, Bassani und Brentner gehören nicht zwingend zum Kreis derer, die man im Konzertverein Hinterbüschelhausen aufführen würde. Aber was für ein Verlust! Schon das Allegro Assai von Balbis Sonate No. 9, mit dem die CD eröffnet, lässt dem Ensemble freien Raum zur Entfaltung seiner ganzen Könnerschaft, die Aufnahme ist nicht weniger als brilliant, und wunderbar saftig im Hall der originalen Jesuitenkirche. Wenn man dem Ensemble glauben darf, ging es dem Tontechniker nicht allzu gut - aber davon hört man auf der CD absolut nichts.

Der Punkt, an dem ich wusste, dass ich die CD haben muss, und für den allein sich die 25 Euro für die Super Audio CD gelohnt haben, sind die knapp vier Minuten des "Glória et honóre" aus der Feder des tschechischen Komponisten Jan Josef Brentner, das voller Stolz und Selbstbewusstsein kongenial alles zusammenfasst, was so ein Jesuitenmissionar empfunden haben muss, wenn er sich im bolivianischen Dschungel zum Herrscher in seinem eigenen kleinen Reich aufgeschwungen hatte. Hybris, Arroganz, in dieser geistlichen Chormusik ist so viel von der schwärzesten Form der Weltzugewandtheit, ein völliges Fehlen jeder Demut, es ist ein fast schon totalitärer Lecktmich-Track, den man sich wirklich mitten im tiefsten bolivianischen Urwald vorstellen muss, tausende von Kilometer und ein Ozean entfernt von der nächsten Kontrollinstanz, zum Ruhme des Ordens aufgeführt und der Verherrlichung seiner Ziele. Dann entfaltetet das Stück seine volle Wucht. Sollte man vorhaben, sich jemals mit 30o Sachen auf Koks in einem Ferrari in den Brückenpfeiler zu knallen, den man voller Überheblichkeit noch mit "Verpiss Dich" anbrüllt - dann ist das der passende Soundtrack dafür.

Mit dem Arakaendar Bolivia Choir stehen dafür Stimmen zur Verfügung, die zudem nicht im Mindesten so gezügelt, kontrolliert und gefällig glatt sind, wie europäische Chöre. Es ist eben nicht mehr europäisches Barock, das in Bolivien aufgeführt wird, es ist Lateinamerika über europäischen Vorbildern, und es bemächtigt sich der strengen liturgischen Kompositionen wie der Urwald einer Kirchenruine. Wer allerdings Latino-Remmidemmi erwartet, wird enttäuscht - Arien wie "Quis me a te sponse separábit" stellen höchste Ansprüche an die Sänger. Wer etwas über die Aufnahmequalität wissen will, spiele Track 8 an - 8 Glockenschläge mit allen Nebengeräuschen in 31 Sekunden, danach kann man sich jede Debatte sparen, selbst wenn man im Booklet nicht nachgelesen hat, was da verwendet wurde.

Was ich persönlich ein wenig schade finde, ist die unvollständige Darstellung der Jesuitenreduktion und ihrer historischen Hintergründe. Die Grundlagen stehen zwar im ersten Teil der Serie, werden aber nicht tief genug diskutiert, um den kompletten geistesgeschichtlichen Hintergrund der Musik darzustellen. Die Musik steht zwar für sich selbst, aber es ist noch erheblich mehr als europäischer Barock in Südamerika. Es ist sicher nicht das übelste Kapitel in der Geschichte des Ordens, nicht im Mindesten, aber man sollte bei all der Gewalt und Kraft, die der Musik innewohnen, nie vergessen, dass es mit ein wenig Pech und Indoktrination an den Höfen des 18. Jahrhunderts ganz schnell zur Begleitmusik der Vernichtung der Aufklärung in Europa hätte werden können. Denn wer sich so masslos im Urwald feiern lässt, kennt keine Zurückhaltung und würde auch die Welt in Brand setzen, um seine Ziele zu erreichen.

Das ist es, was mir diese Musik sagt. Sie ist grandios, gewaltig und nicht weit entfernt von der Gewalttätigkeit. Es ist die Musik von Ausbeutern, Gehirnwäschern und Unterdrückern, sie ist es wert, gehasst zu werden, und zu allem Überfluss höre ich sie in diesem Moment genau an dem Ort, von wo aus sich der Orden über die Welt verbreitete. Wo ich sitze, war ihre Bibliothek, nebenan starb ihr brutalster Verfechter, und nur diese Musik und der Raum, allein in der Nacht mit drei Kerzen, während im Giftschrank neben mir Neumayrs Religio Prudentum von 1764 in ihrem weissen Pergamenteinband schimmert - das wäre zu viel. Diese CD von Channel Classics schafft etwas, das noch keiner vor ihr gelungen ist.

Sie macht mir Angst.

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