: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 22. Juli 2012

Dreiste Lügen und traurige Wahrheiten

im übrigen kann ich zwei der drei von don alphonso mir zugeschriebenen zitate weder erinnern noch per google verifizieren.

Mir war schon klar, dass der Beitrag über die Angst, Berlin und die 1000 Euro ziehen würde. Mir war auch klar, dass Michael Seemann trotz Postprivaschismus nicht begeistert sein würde, dass ich ihn als Beispiel nenne. Aber es ist schon komisch, wenn dann jemand, der explizit peinliche Bilder von sich ins Netz stellt, behauptet, irgendwie wäre das doch nicht so. Vor allem, weil er in seinem eigenen Blog per Suchmaske suchen und finden kann. Ich trage das mal nach:

Ich habe kein Geld. Ich wohne in einer 30qm-Wohnung, esse jeden Tag Nudeln und bin trotzdem ich dauernd pleite.
(https://mspr0.de/?p=2630)

ich protestiere dagegen schärfstens
(https://mspr0.de/?p=1468)

vom kulturellen Wertegefüge unserer leistungsorientierten und in protestantischer Arbeitsethik ertränkten Gesellschaft
(https://mspr0.de/?p=1122)

Da ist auch nichts aus dem Kontext gerissen. Und der stellt sich hin und erzählt öffentlich was von Kontrollverlust und Filterbubbles und Querylogy? Wie lächerlich ist das? Wie ein Webexperte, der beim Klauen von urheberrechtlich geschütztem Material erwischt wird und sich damit rausredet, ein Häkchen nicht gesetzt und eine Warnung nicht ernst genommen zu haben. Wenn wir über die Substanzlosigkeit solcher Leute reden: Hier bitte. Für Leute auf der Borderline ist Postprivacy nur die logische Grundvoraussetzung. Passt mir eine Realität nicht, erfinde ich halt eine neue.



Es ist kein Geheimnis, dass Seemann, der Michi, jetzt an einer Erwiderung bastelt, vielleicht in seinem eigenen Blog, und wer weiss, vielleicht verschachert er sie ja an die Zeit - dann würde ich ihm hier raten, besser mit dem Lügen aufzuhören, sonst kracht es. Aber g'scheid.

Wobei ich den Zorn, der da zu Tage getreten ist, teilweise nachvollziehen kann: Denn wer lässt sich schon gern als Teil der Argumentation der Gegenseite verwenden, noch dazu, wenn die in einer vorteilhaften Position aus dem Klubsessel heraus über die Zeitung hereinbricht. Ja. Klar. Das kann nerven, wenn demnächst die Nebenkostenrechnung kommt, und zum 1.1. die Mietsteigerung, und die Gentrifizierung voranschreitet und der andere scheinbar lebenslang im Warmen sitzt. Und dann kommen auch solche Umverteilungsphantasien wie 100% Erbschaftssteuer. Und die Abschaffung von Immobilieneigentum. Die Netzneutralität ins reale Leben tragen, alle gleich machen und gleich leben, so wie das dann eben Leute wie der Michi machen: Auf nicht gerade extrem hohen Niveau, aber mit viel Freiheit und ohne viel Ärger mit einer unangenehmen Arbeit. Die Cloud wird schon wissen, wo man Beiträge unterbringen kann. Irgendwie geht das schon weiter. Sie wollen ja alle irgendwie Autor und intellektuell sein. Ich hatte noch so einige Zitate, ich konnte nur drei bringen. Und was soll ich sagen: Der Michi. Der hat gar nicht mal so unrecht.



Denn die 30 Quadratmeter und die Nudeln sind nicht der Worst Case. Es geht immer etwas schlechter. Nehmen wir mal seinen Kumpel von den Postprivaschisten, den Tarzun aus dem Piratenvorstand. Der ist nicht Berlin, sondern in München, und braucht eine neue Unterkunft.

München oder Umgebung (MVV-Innenraum oder S-Bahn/Regionalbahnhofsnähe)
Augsburg/Ingolstadt wäre als Plan B wohl auch OK
WG-Zimmer, Appartement oder ne Wohnung (teilmöbliert ist ein plus)
450 € warm (jaja, München, ich weiß, im Moment sind es 430€ fürs 15qm-Zimmer inkl. Internet und Putzservice)
Nicht in Frage kommt alles, wo jemand Provision will. Punkt.
(https://tarzun.de/archives/465-Sleepless-in-Munich.html#content)

15 Quadratmeter für 430, gut, das ist München, könnte man sagen. Aber den Plan B kenne ich bestens aus der Erfahrung, die der Michi so hasst, und seit ein paar Tagen ist hier bei uns blankes Entsetzen, denn die Münchner bauen draussen an der Autobahn, was für hiesige Verhältnisse wenig erbaulich ist: 28 Quadratmeter kosten dort 155.000. Das sind 5500 Euro pro Fläche, auf der mein Sessel steht. Wer immer das mietet, muss im Jahr mit 7500 Euro kalt rechnen. Man kann sich ausmalen, wie weit man in diesem Plan B mit 450 warm kommt. Und das, obwohl das eigentlich viel Geld ist.



Ich bin davon, obwohl das natürlich auch bei uns durchschlägt, überhaupt nicht begeistert. Nicht wegen Tarzun, mein Mitleid hat Grenzen, aber wegen so vielen anderen: Gerade die Preisspünge bei kleinen Wohnungen drücken deren Bewohner hinunter ins nächste Niveau. Wir kommen wieder dorthin, wo wir einmal waren: Dass in den Lagen, in denen man leben möchte, die Kammer die Normalität wird. Aber für diese Leute gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten, denn bei uns ist zwischen Alpen ujnd Donau alles dicht. Berlin geht in die gleiche Richtung. Und dann steht durch den Druck der Immobilien Verkleinerung an. Das kann man als junger Mensch, der dem Umziehen mit einer Tasche huldigt, vielleicht eine Weile machen. Aber es frisst Chancen in einem Lebensalter, in dem andere gerade den Grundstock für private Umverteilung legen. Mit jeder Einzimmerwohnung, die Eltern jetzt in den Universitätsstädten für den Nachwuchs kaufen, weil die Zinsen so niedrig sind und das Kind einen Grundstock haben soll, wird der Platz enger. Berlin hat keine Studiengebühren und zahlt noch Prämien. Klingt erst mal toll, legt aber das Fundament für die Aufwertung und Vertreibung der Mieter. Nicht so schlimm, wenn das ganze Leben in der Cloud ist. Mit 25 oder 30. Aber es kann sein, dass sich mit 35 oder 40 die Paradigmen des Lebens verändern. Vielleicht will die Freundin nicht mehr neben dem Altkleiderhaufen leben, vielleicht wird man ausgegrenzt, weil alle anderen irgendwann mal einladen können, und man selbst immer ins Cafe muss. Das alles kann eine Weile gut gehen. In Berlin vielleicht sogar sehr lang, je nachdem, wie weit man sich mit dem Provisorium aus dem Zentrum vertreiben lässt.



Es kann also sehr viel schlimmer kommen. 15 oder 10 Quadratmeter. je nachdem, wie übel die Krise ausgeht, und welche Möglichkeiten dann für die Menschen im Provisorium dann noch vorhanden sind. Ich weiss das nicht, ich sehe nur die Berichte aus Spanien. Und dass die Leute, die von dort aus bei uns ankommen, extrem motiviert und leistungsbereit sind. Und ich sehe auch, dass sich in meinem persönlichen Umfeld die Wünsche verschieben: Drei oder vier Zimmer, Küche, grosses Bad, Abstellraum, 80 Quadratmeter, das ist normal. All die grossen Flächen werden bei den Reicheren gerne genommen. Oder sie haben sie schon länger. Haben rechtzeitig zugegriffen, weil sie 1 und 1 zusammenzählen und verstanden haben, dass dieser Euro nicht mehr viele Chancen hat. Was in diesen Bereich gegangen ist, kommt so schnell nicht mehr auf den Markt: Im dicht bebauten Umkreis meiner Wohnung in München etwa gibt es exakt eine vergleichbare Wohnung zum Verkauf, für einen atemberaubenden Preis, aber nur am lauten Altstadtring. Sonst nichts. Da ist einfach kein Platz, keine Chance für die lockeren Hipster dieser Welt. Und es wird sie dort auch keiner vermissen. Gentrifizierung heisst auch: Leute mit Bierflaschen in der Hand sind unerwünscht, Kreativität nur bitte mit Vermögen. Das Selbstbild dieser Leute, dass sie für die Atmo wichtig wären, und das Viertel heiter und jung machen - das täuscht.



Das eine ist die Debatte um BGE, um das freie Tempelhofer Feld, um das Guggenheim Lab und die Mediaspree. Das andere arbeitet sich eben dort ab, wo es weniger Widerstände gibt. Mauerpark, Kottbusser Tor (warum eigentlich? Scheusslicher geht es doch kaum), alter Westen, Mehringdamm. Die reale Entwicklung zieht den BGE-Wünschen den Boden unter den Füssen weg, bis sich die Mehrheit sagt: Es ist wirklich billiger, denen ein paar Kröten hinzuwerfen, damit sie in ihren Rückzugsgebieten tun, was sie wollen, statt das System zu behindern. Das ist die Gefahr, die ich im BGE sehe: Dass es eine Art soziale Abwrackprämie sein wird, um Störer dorthin abzuschieben, wo man damit noch leben kann. Wie das dann mit Bildung, Versorgung, Medizin und Notfällen ist: Egal. Sie haben ja das BGE. Das muss sonst keinen kümmern, der Rest hat eine bedingungslose Abkoppelung dieser Leute, aus der es kaum einen Weg zurück geben wird. 1000 Euro mag für jemanden, der nur Nudeln oder Döner isst, eine Menge Geld sein. Aber vielleicht ist es auch eine lockere Art, die Probleme zu beseitigen. Kein Reicher geht heute freiwillig ins Bargeld, die wollen alle in die krisensicheren Werte, sie wissen schon warum. Andere wollen 1000, eventuell bald wertlose Euro, und dann alles selbst zahlen? Vielleiecht ist das ja doch ein Deal. Mal durchrechnen, und mit der Wertsteigerung von Vierteln und Quartieren aufrechnen, aus denen sie bald weichen müssen.



Ich lese immer nur den Jammer, wenn die Nebenlosten kommen. Was sonst passiert, merken sie nur, wenn sie die Wohnung wechseln müssen: Wenn plötzlich wieder alles teurer wurde, weil sich der Markt drastisch verändert hat. Leute wie der Michi und der Tarzun müssten sich eigentlich jeden Tag mit dem Immobilienmarkt auseinandersetzen, mit den zurückgehenden Privatkrediten, die drohen, die auszuschliessen, mit der Frage der Konzentrationsprozesse und der Akkumulation, die gerade passiert, ohne dass man etwas dafür tun muss. Ich habe etwas, ich könnte mich jetzt kräftig hebeln und in Berlin einen halben Piratenvorstand ausnehmen, bis er quiekt, einfach so, weil die Krise für mich arbeitet, und ich auf vielen Quadratmetern sitze. Da hilft dann auch keine Vermögenssteuer und keine Utopie der Umverteilung. Die Entscheidungsschlacht dieser Krise, wie jeder Währungskrise, wird allein um die Realwerte geschlagen, nicht um die Lappen des BGE, die so irrelevant wie Reichs- und Rentenmark sein werden. Und das wird darüber entscheiden, wo sie bleiben, und welche Optionen sie in einem neuen, altbekannten Umfeld noch haben. Vielleicht haben sie dann 15% als Piratenpartei der Verlierer. Dann gnade ihnen Gott.

Die Halsabschneider, die 155.000 für 28 Quadratmeter wollen und die grosse Koalition beherrschen, werden es sicher nicht tun.

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