Dienstag, 6. Juni 2006
Erzreaktionär oder vom Sterben der grossen Häuser
Man könnte denken, der Don Alphonso führt ein prima Leben. Wenn der Tag zu Ende geht, begibt er sich noch einmal auf seine Dachterasse, erfreut sich auch bei diesem kühlen Wetter an einem grandiosen Sonnenuntergang, schiesst ein Bild

und geht dann zurück in seine museumsreif ausgestattete Wohnung, wo er mit Silberlöffeln eine Frau abfüttert, die ihm dann die Nacht unter vergoldetem Stuck versüsst. Man nennt sowas gesicherte soziale Verhältnisse, manche werden das unbeliebte Wort vom Reichtum verwenden, und gerade notorischen FDP-Wählern, die für die ungleiche Verteilung der irdischen Güter und Eliten antreten, steht schnittfester Schaum vor dem Mund. Wenn Menschen in die Ausbeutung hineingeboren werden, ist es ihnen egal, zugunsten des Profits, wenn aber andere in eine Position geboren werden, die sie auch mit Profit nicht erreichen werden, sind sie ungehalten und meinen, jemand in dieser Position habe kein Recht, andere scharf anzugehen, die sich des Profits wegen an dreckige Unterdrücker verkaufen und ihnen beim Image helfen. Sie sagen, ich sei konservativ. Es ist schlimmer. Ich bin erzreaktionär.
Besagte Gruppe, die jeden Monat ihre Miete mutmasslich mit erheblichem Ärger an den Landlord überweist, wird es nicht versöhnen zu erfahren, dass ich nun noch eine wirklich standesgemässe Zusatzwohnung beziehe, mit der ich jetzt 6 Zimmer, zwei Küchen, zwei Bäder und einen Abstellraum habe, oder eine grosse Wohnung und drüber eine Gästewohnung. Massenhaft Platz für abertausende Kristalle, neue Möbel, kubikmeterweise Preziosen aus edlem Metall, nur flüchtig eingestelltes vermittelt schon einen hübschen Eindruck.

Wer wäre ich, das zu bestreiten. Ich mag Möbel mit Geschichte aus Vollholz, ich habe wenig Sinn für Neues, Edelmetall ist dauerhaft und kann den Erben übergeben werden, was ich beim kaum billigeren Ikea Starterset bezweifle. Das also ist mein erzreaktionärer Lebensstil, der sich kaum unterscheidet von den Werten meines Ururgrossvaters, dessen massgefertigte Möbel sich noch heute ohne jedes Geräusch in den Angeln drehen, und durch massive Stahlkeile zerlegbar sind. Insofern ist der optische Eindruck des Hierseins schön: Viel Platz, beste Lage, man könnte sich auf den Perserteppich legen und Frauenhälse kraulen. Und nicht an das denken, was die Verantwortung über so ein Gebäude bedeutet.
Schon mal eine Wohnung restauriert, Ihr Neider? Zwei Zimmer? Drei? Ein ganzes Haus vielleicht mit 8 Zimmern? Und zwar Altbau, nicht irgendwas Neues, wo die Leitungen und Stecker an der richtigen Stelle sind, mit 5 Schichten Tapeten, 30 Malschichten und Putz, der nur manchmal hält? Stellt Euch das mal bei 53 Räumen vor. Mit diversen Vor- und Rücksprüngen sind das gschmackige 250 Wände. Und 70 Türen. Vor fliessend Wasser, Gas und Strom war das alles nicht so schwer, da gab es ein Abort und einen Kamin, das war alles. Damals gab es ein halbes Dutzend Köchinnen, Lehrbuben und Dienstboten, die den Laden in Schuss hielten. Für nicht mehr als einen Schlafplatz, Essen und ein freies Wochenende, was damals hier als Skandal galt und Untergang des Abendlandes, diese Leute so zu verwöhnen.
Heute bin ich nicht allein, aber meine Handwerker sind keine Schwarzen und nicht billig. Es geht nur, wenn ich mich um alles selbst kümmere. Selbst kümmern heisst in einem alten Haus selbst mitarbeiten, damit man die Probleme kennt. Das hier ist so ein aktuelles Problem, verursacht durch Mieter, die das Bad mit einem Pool verwechselt haben:

Der Balken am Rand ist 14 Meter lang und trägt einen Teil vom Dach. Nebenbei stehen auch noch zwei Mauerzüge darauf. Dieser Balken ist komplett verrottet und muss ausgetauscht werden. Zur Verfüllung wurde so um 1730 Bauschutt genommen. Und Müll. Und Dinge, bei denen man besser nicht genau hinschaut, und auch gar nicht hinschauen kann, wenn der Staub fliegt. Das muss alles raus, und dann muss eine Lösung für den Balken her. Vielleicht habe ich Glück und kann etwas einsetzen lassen. Vielleicht habe ich Pech und die Nässe ist unter den nächsten Raum gezogen. Dann muss ich an die Mauer. Und vorher zum Denkmalschutz. Wenn ich ganz viel Pech habe, ist die Schilfschicht zwischen unter dem Verputz der darunter liegenden Decke verschimmelt. Dann kann ich auch die Decke abnehmen. Das heisst, das könnte ich, wären da nicht sorgsam konservierte und gesicherte Fresken an der Decke. Wie es nun mal so ist ein einem ehemaligen Jesuitenzentrum. Die hatten Geschmack und keine Ahnung, dass da mal ein Bad drüber stehen würde.
Mag einer von den obigen Blödschwätzern hier vorbeikommen und das wunderbare Leben im Stadtpalastschutt beim Ausschaufeln mit mir teilen? Arbeitsbeginn so gegen neun, und wenn die Handwerker gegangen sind, geht es in der eigenen Wohnung weiter. Stuck geht ja nicht allein an die Decke, so ein Pech aber auch. Wir hätten aber auch noch 50 Meter Gang zum Spachteln und Streichen. Und 8 Fenster. Alte Fenster, die auch noch verkittet werden müssen. Und Abschleifen sowieso. Ach so, die Holzvertäfelung im Erdgeschoss, die braucht auch eine neue Fassung. So ist das, in den Stadtpalästen unter der Strahlenkranzmadonna.
Ich kann mir vorstellen, was die obigen neoliberalen Dreckspinscher da sagen würden: Verkaufen und auf die faule Haut legen, den Rest des Lebens. Oder entkernen und Arztpraxen rein, auch das sichert ein sorgenfreies Dasein. Das ist genau das Geschmeiss, das zurecht am Resopaltisch nagt, denn diese Denke ist es, die unsere Städte ruiniert. Die schon als Elitestudenten von Ihresgleichen in den WGs rausqutschen was geht. Und damit das Sozialgefüge schädigen. Eine Stadt ist ein lebendiger Organismus, keine verfickte Ansammlung von Profitcentern. Ein grosses Haus bedeutet zuallerest eine grosse Verantwortung vor der Geschichte, man ist nur ein weiterer Diener in einer langen Kette, wenn man es richtig macht. Es ist Verantwortung für einen Lebensraum, dem wichtigsten Lebensraum dieses Landes, denn ohne die Altstädte und ihre konservierten Bestände wäre Deutschland nochmal weitaus hässlicher und geschichtsloser, als es ohnehin schon ist. Ein grosses Haus muss leben, es braucht normale Menschen, die sich darin bewegen, und es darf in der Nacht keine Wüste sein, sondern muss in die Dunkelheit strahlen. Ein grosses Haus bedeutet völlige Hingabe, da gibt es kein Wenn und Aber und keinen Dienstschluss. Es ist verdammt viel harte Arbeit für das, was an Miete reinkommt, und man muss dafür geschaffen sein - die Blogweicheier, die Drehstuhlfurzer wissen nicht, was das ist, Arbeiten in einem grossen Haus.
Das Schlimme ist: Es gibt nur noch wenige grosse Häuser in Familienbesitz. Was hierzulande zu Recht bedauert wird, der Niedergang der britischen Houses, ist bei uns schon längst Realität. Die letzte Generation, die den Erhalt des grossen Hauses noch als Verpflichtung ansah, krepiert gerade einsam gegenüber im Altersheim, und deren Kinder, inzwischen auch so um die 60, verkaufen es dann Wohnung für Wohnung, getrennt mit Rigips und Verantwortungslosigkeit. In meiner Generation sind es dann nur noch ein paar Dutzend, die sich mit grösseren Häusern dagegen stemmen, und alle anderen Stadtpaläste dieses Ortes gehören schon entweder profitmaximierenden Investoren, der Stadt oder der Kirche. Die damit umgehen, dass es der Sau graust.
Ich will mich nicht beschweren. Es muss jetzt gemacht werden, ich wusste, dass Mitte dieses Jahrzehnts zwei Jahre dafür geopfert werden müssen, dass meine Karriere eine Auszeit bekommt und ich nicht nach Zürich gehen werde, und in 7 Jahren ist dann das dreistöckige Hinterhaus dran. Seit 406 Jahren steht diese Einheit, seit 160 Jahren gehört sie uns, und kein Millimeter wird davon hergegeben. In Italien sieht man das Sterben, das vom Zerstückeln ausgeht, besser als hinter den getünchten Leichenfassaden in Deutschland:

Denn dort hat die Stadtkultur viele Häuser geschaffen, die man als Palazzo bezeichnen kann, und auch hier können nur die wenigsten die Komplexe halten. Dann wird eben verkauft. Und die Besitzer können sich nicht auf die Erhaltung verständigen. In diesem Beispiel geht Seccomalerei der Spätgotik vor die Hunde. Man hat sie vor dem Verkauf freigelegt und restauriert, aber jetzt bröckelt sie weg. Oben hat jemand eine Klimaanlage rausgehängt, die alten Fensterstöcke herausgebrochen, und zerstört damit die feine, barocke Fassadengliederung.
Dagegen halten ist einer der Jobs, für den man geschaffen sein muss. Man muss dem Renditegefasel ein Beispiel entgegensetzen, man muss es wollen, und man muss bei der eigenen Biographie Kompromisse eingehen. Man muss nicht über Härte und Disziplin und Schmutz und Schwielen reden oder bloggen, das sind banale Grundlagen des Arbeitens in einem grossen Haus. Hier gibt es weiterhin die glänzende, lebensfrohe Oberfläche des Don Alphonso Porcamadonna, dem zum völligen Glück nur das Erlebnis fehlt, diese bloggenden Feiglinge, die nicht mal die Oberfläche verstehen, nur mal einen einzigen Tag Dreck des Jahres 1730 schaufeln zu lassen. Schimmel, Käfer und Rattenkadaver inclusive.
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Montag, 5. Juni 2006
Gibt´s nicht
Houkl-Boukl-Fest in Neuenhinzenhausen mit den "Moskitos"
Mitunter bleibt man sprachlos, wenn sich einem Bayern mal wieder als die fette, hässliche Dorftritschn präsentiert, die es nun mal leider ist. Alle Vorurteile, gegen die man in Berlin und anderswo anredet, werden mit ein paar Worten bestätigt. Es gibt für die, die suchen, auch Bilder, die alles bestätigen. Bayern ist schlimm. Und färbt auch auf Zugezogene ab.
Denn das selbstzufriedene Grinsen der Vollprolls, die ihre aufgemotzten Hobel nach Neuenhinzenhausen bei Sandersdorf nahe Altmannstein in der weiteren Region Eichstätt pilotieren, sieht man auch hier bei uns bei zugereisten. Und dabei handelt es sich nicht um norddeutsche PR-Mitarbeiter, die Opel für eine Handvoll Euro im Internet einkauft und sich auch noch mit den Gurken abbilden lassen. Es sind die hiesigen Elitestudenten, die im Spätwinter ihr Sommersportfest abhalten. Und für den "Shuttle-Service" vom lokalen Weltkonzern den neuesten benzinsaufenden Suff oder war es SUV bekommen. Und damit mit überhöhter Geschwindigkeit ausgerechnet durch das Viertel fahren, in dem diejenigen wohnen, die hier das Sagen haben. Da sitzen sie also am Steuer ihrer Monsterwägen, die bei uns als eher unfein gelten - aber was macht man nicht alles für den Amerikaner - schauen blöd und riskieren das Leben unserer Katzen, die es gewohnt sind, dass man einen Bogen um sie fährt, wenn sie auf der Strasse liegen. Im kleinen Nobelvorort am See, wo die ihr Sportfest für angehende Erwerbs
"...ergriff ich die einmalige Möglichkeit, einen KPMG'ler in bankenprüfungsüblichen Vier-Augen-Prinzip aber dafür äußerst prüfungsunüblichen Badeshorts gegenüberzutreten. In unserem Gespräch kamen weder sportliche noch rechnungslegungstechnische Themen zu kurz. Einige Wochen später hielt ich schließlich den ersehnten Praktikantenvertag in den Händen."
Für die, die schon immer mal wissen wollten, nach welchen Kriterien Eliteberater ausgewählt werden. Da lernt man die Houkl-Boukl-Parties in Neuenhinzenhausen fast wieder zu schätzen.
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Raumfarben die wo von daheim kemman

Wände in Ocker, Fussleiste und Stuck in Grau, Decke weiss und der Stuck wird in Gold abgesetzt. Stammt, wie passend, aus einem gescheiterten Investment der Gesellschaft Jesu Anno 1755, der Wallfahrtskirche Bergen bei
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Montag, 5. Juni 2006
Gräten, Gas, Glitter, ein Genick und HWV 289
Vom Eingang kommt weiterer Lärm, ich sehe die Ursache nur von hinten, gross, grausam blond und ein langer Hals unter den perfekt fallenden Haaren, der Kopf dreht sich weg von mir, aber der Hals reicht mir, es ist Andrea. Sie dreht sich weg, weil sie ihre Tochter mitgeschleift hat, die, perfekt hergerichtet in pink und Zöpfchen, erkennbar die Schnauze voll hat von dieser Morgengestaltung in irgendwelchen Kirchen, die niemand als Kind leiden kann. Sie zieht eine Schnute, schaut Andrea missmutig an, und als die Ermahnung vorbei ist, fängt sie an, auf die Melodie einen kindischen Walzer zu tanzen. Als Andrea das Balg aus der Kirche schleift, ist der Gesichtsausdruck von Andreas Mutter ähnlich verzerrt wie die Gesichter der stürzenden Engel über der Orgel.

Auf das Allegro folgt das leicht enttäuschende Adagio, mit etwas postkoitaler Trauer, ich drehe den Kof hinauf zu den schwarzen Engeln, und einer sieht mich. Na, meint der kratzt sich das Kraushaar, come sta? Va bene. Mann, keine Probleme? Echt nicht? Hast Du gesehen? Sie war allein. Ohlala, das ist doch ganz was Neues, ihr Mann hat sie doch immer so behütet, und jetzt ist sie hier, mit Tochter, also ist er auch nicht zu Hause, was mag das bedeuten? Vielleicht hat er ja aufgehört, von ihrem Nacken - er schwingt sich von der Decke, fliegt herunter und drängelt sich zwischen mich und Andreas Mutter, die ihn erahnt und ein Jucken in der Nase empfindet - an diesem langen Hals herumzuspielen, 7 Jahre ist die Hochzeit her, als Du so rüde abgesagt hast, 7 Jahre ist eine lange Zeit, vielleicht lässt sich ja was machen zwischen Dir und ihrem langen Hals, sie ist ja prima erhalten und tut auch was dafür.
Er lächelt mich schief an, ich lächle schief zurück. Weisst Du, sage ich, ich habe ja immer gesagt: Nie was mit verheirateten Müttern, nie im Seminar, nie was mit Blondinen, und wir beide wissen, dass es nicht geklappt hat mit den Vorsätzen, bis zum nächsten Mal. Auch gab es einen Fall einer verheirateten blonden Mutter im Seminar und noch dazu auf Exkursion und es blieb keinem verborgen, aber - nicht Andrea. Der Hals ist wunderbar, aber der spiessige Rest ist nicht mal einen Schatten auf der Seele wert, die ich ohnehin nicht habe. Hast Du gesehen, wie sie ihre Tochter zurechtzüchtet? Nein, danke, da bleibe ich lieber bei...
Der Engel tappst genervt auf der Kirchenbank herum, sinkt tiefer, spreizt obszön die Beine und rammt seinen spitze grosse Zehenkralle Andreas Mutter in die Wade, die sich dort heftig kratzt. Wie... wäre es sonst mit was Feurigem? Was richtig Heisses? Ich hätte da... Ich habe da, unterbreche ich ihn

etwas richtig Heisses. Vier gierige Flammen, die sich verzehren, und ein dunkles, heisses Loch, in das ich ganz schön was reinschieben kann, das stundenlang heiss bleibt und bis 250 geht. Wollte ich schon immer haben. Besser als nur elektrifizierendes Gefummel. Gib Dir also keine Mühe.
Diablo, sagt der Leibhaftige, das nenne ich einen Mann. Aber trotzdem, wie wäre es mit so einer netten Brünetten? Das magst Du doch, jung, zierlich, formvollendet, wenn Du die Rücken, na... Naja, sage ich, ich habe gerade vorher auf Brünett gelegen, auch hier aus dem Donautal,

ganz wunderbare Gräten waren das, ein wenig hart, aber ich bin ordentlich rangegangen, da hat was geheult, und danach war sie wie durchgepustet, Du ahnst es nicht, obwohl, doch, Du kennst das ja, also es war so richtig versaut - und in sein spitzes Ohr geflüstert - mit dem Staub-sau-ger.
DU SCHWEIN, ruft er aus, mitten in einen Moment der andächtigen Stille im Adagio, und ich schaue weg, damit keiner auf die Idee kommt, dass ich ihn kenne. Aber die Spiesser sind ergriffen genug, um gar nicht auf ihn zu achten, der insistiert: Ich gebe Dir Sex, dass Du innen weissglühend sein wirst, und es wird ganz einfach gehen, glaub mir, schau, da vorne ist die junge Baumbichler von der Getränkemarktdynastie, die ist zu haben für ein Schnipsen! Du meinst so richtig gleissend, heize ich ihn an, so Licht wie tausend Sonnen und achtfach, dass alles funkelt und glänzt, oder? Ja! JA! grölt er, und ich sage:

Hab ich aber auch schon. Und zwar wann immer ich will. Ein, aus, ich bin der Herrscher, ich bin da oben drauf, und, mit Verlaub, das geht auch ohne Dich. Es ist nämlich so, werde ich vertraulich, ich darf das ja, denn wir kennen uns schon lang, ich habe heute meine neue Wohnung bekommen, meine neue Lotterhöhle, einen echten Sündenpfuhl an der Stelle, wo früher sich die Jesuiten kasteiten und ihren Schachsinn schrieben, da bin ich jetzt, und ich will verdammt sein, wenn ich für alles weitere Deine Hilfe bräuchte. Und jetzt will ich in Ruhe den 5. Satz hören.
Pah, sagt der Böse, piekst Andreas Mutter die Kralle in die Nase, so dass sie im elegischen Moment, da die Orgel verklingt, niesen muss, und flattert an die Decke, wobei der Flügelschlag von den Spiessern für Klatschen gehalten wird, weshalb sie peinlicherweise vor dem abschliessenden Andante pflichtschuldig daneben klatschen. So ist das, am Sonntag Vormittag in der grossen Gesellschaft der kleinen Provinzstadt.
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Die Arglose im Ausland
Die Häuser, die man mit ein bißchen guten Willen als fertig bezeichnen kann, sehen aus wie eine grotesk entartete Ingolstädter Fertigtoskana-Vorstadt, das sind die Kalabresen mit Geld.
Andrea ist in Kalabrien.
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Sonntag, 4. Juni 2006
Sehr zu empfehlen - Ein verdammt schwerer Fehler

Und ich habe ihn nicht genommen. Einerseits zu teuer, andererseits das Transportproblem. Allerdings hätte ich jetzt, genauer, seit heute Mittag den Platz dafür. Und so ein Stück findet man selten, sehr sehr selten, zumal, wenn das gute Stück auch noch eine lange, anhand der Brandzeichen nachvollziehbare Geschichte hat. Allerdings, da wo er steht, steht er schon länger. Vielleicht...
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Totalitäre unter sich
Marx/Bakunin, Goebbels/Hugenberg, APO/RAF, DVU/NPD lieferten und liefern teilweise bis heute Beispiele für ähnliche Urgründe und Entwicklung bei später aufbrechenden Konflikten um die Meinungsführerschaft. Meist ist es eine Radikalisierung - oder, wenn man so will, konsequentes Zuendedenken der eigenen Ideologie - die einen Riss zwischen den Durchgeknallten, denen alles egal ist, und den Durchgeknallten, denen nicht alles egal ist, entstehen lässt. Und genau das ist jetzt wieder passiert, im braunen Sumpf der Blogosphäre, der sich irgendwo zwischen Verfassungsfeinden und/oder FDP-Mitgliedern abspielt. Denn das, was als "prowestliches Treffen" einer Reihe von mehr oder weniger rechtslastiger, neoliberaler oder einfach tatsächlich nur amerikafreundlicher Blogger auf dem Nockherberg begann und gross werden sollte, liegt heute in Scherben.
Dabei hauen sich beide Seiten Dinge um die Ohren, die ich weitgehend bestätigen kann: Tatsächlich gibt es besonders bei Myblog.de Webseiten, die in ihrer fremdenfeindlichen Sprache und dem Hass und Gewaltandrohungen gegen Andersdenkende nicht signifikant von normalen Neonaziseiten unterscheiden. Ausser vielleicht von der "Dimmih"-Paranoia, die bei diesen Blogs besonders ausgeprägt scheint und sogar den Beckstein erwischt. Das ist allerdings nicht ganz neu, die Radikalisierung ist allenfalls verbal, nicht aber inhaltlich. Umgekehrt muss man konzidieren, dass diese extremen Blogs tatsächlich die Meinungsführerschaft von Blogs übernommen haben, deren zentrale Schaltstelle "Statler und Waldorf" noch einige andere Inhalte hatte, als blosse Rechtfertigung von Folter. Der Streit um die islamfeindlichen Karikaturen aus Dänemark hat die vulgären Fremdenfeinde beflügelt und gross gemacht. Ihre Ziehväter aus der Puppenloge haben sie früher gern verlinkt, dann Differenzen festgestellt - aber da war es dann schon zu spät. Bei aller Ablehnung wird man damit leben müssen, dass die neuen Feinde jetzt die grossen Player sind, mit bis zu dreimal so vielen Nutzern wie das inhaltlich doch sehr mau gewordene frühere Zentralorgan. Und das bezieht sich nicht auf den Vorwurf der Rechtsextremen, die Puppenloge wäre inzwischen aus beruflichem Opportunismus nicht mehr so eingestellt wie sie.
Natürlich gibt es auch einen Unterschied zwischen den Kommentatoren der Streiter; der Wunsch, Gegner umzubringen, seien es Kritiker in Deutschland, mittelamerikanische Politiker oder allgemein Muslime, liest sich anders als Personen, die im Zusammengang von 24 toten unschuldigen Irakern von "leichten Unannehmlichkeiten" sprechen oder solche Geschehnisse als leider unvermeidbar hinstellen.
Der Unterschied ist in etwa so gross wie zwischen, sagen wir mal, dem überzeugten Mauerschützen und demjenigen, der den Antifaschistischen Schutzwall aufgrund seines Abos des Neuen Deutschland als nötig erachtet. Zwischen dem Illegalen, der die Waffen besorgt und seinem Freund, der RAF-Terror als nicht immer glücklich, aber unvermeidbar zur Herbeiführung anderer Gesellschaftsformen erachtet. Beide können sogar ein und die gleiche Person sein, in jedem Fall ist es ein Komplex. Bei unseren rechten Blogkameraden kommt das auch dadurch zum Ausdruck, dass sie Fans oder gar Mitglieder der gleichen Partei sind - ohne das, denke ich, wirklich zu wissen, schliesslich arbeiten sie ja unter Pseudonm, aber doch ist es so.
Jetzt, da zwei aus dem gleichen Stamm, "alte Weggefährten", zu weit gegangen sind, entlinkt und beleidigt man sich, beschuldigt einander des Abweichlertums, und es sieht für mich als jemand, der politisch in der linken Mitte zu verorten ist, so aus, als hätten die ganz Durchgeknallten gewonnen - solange, bis mal jemand den Dreck genauer liest und ihnen den Staatsanwalt auf den Hals hetzt, der sich dann eventuell auch über die Verbindungen zum Spammer und Domaingrabber Achim "Jo@chim" Hecht wundern wird, der auch nach der frischen Absage seine alten Ergebenheitsadressen an diese Leute immer noch im Blog stehen hat. (zu spät, zu spät :-)) Eine vollständige Trennung ist aber auch nicht festzustellen, hat man sich doch nur einiger Protagonisten entledigt, denn bei den geringen Unterschieden ist es gar nicht so leicht, Grenzen zu ziehen.
Wie auch immer: Die Nockherbergverschwörung ist vorbei, die Szene ist zwar immer noch wie früher, aber dennoch zerstritten und zerstückelt. Das wird nichts mehr. Und um mit dem alten dicken Kohl zu sprechen: Darüber sollten wir uns freuen.
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Freitag, 2. Juni 2006
Still und ruhig

Aber es wird nicht lange halten, denn alles Gute hat sein Übel, und hier in Bayern heisst das Übel Volksfst, wozu es das Gschleaf aus den Käffern hereinzieht, die sich hemmungslos betrinken und - in den letzten Jahren - zunehmend hirnlos in der angrenzenden Altstadt marodieren. Die Nacht wird ein Feuerwerk bringen und Kotze an allen Ecken und Enden, und ich lasse das ganze Haus im Licht erstrahlen, um dem Mob den Raum, den sie im Dunklen erobern, zu nehmen. Das hier sind keine italienischen Touristen, die Spass haben wollen. Das hier sind die Ausgeburten der Hölle: Grossmehringer, Köschinger, Irschinger und das Schlimmste von allen: Neuburger. Ein paar wird es auch derbröseln, heute nacht, das Holz für ihre Marterl ist schon gefällt, und die bayerische Abendluft riecht nach dummen, banalen Tod, dem Vorrundenaus des drögen Fans.
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Welche Raumfarbe?
Der Gang, durch den man die Wohnung betritt, bekommt die Farbe vom Bue d´Oro, wo ich meine letzte Pasta essen will, das ist schon mal klar:

Dann wird es ein recht grosses Speisezimmer geben, so ein richtiges Speisezimmer eben, wo man ohne Not eine hufeisenfömige Tafel hineinbekommt und 16 Leute. Da dachte ich an diese Farbkombination:

Und einen Saal, für den ich in den etwas verwegeneren Momenten meines Daseins die Anschaffung eines Flügels, was natürlich bei meinem Hass auf das Klavierspiel, aber gut, egal, jedenfalls ist da ein Raum, in dem man auch kleinere Lesungen für bis zu 30 Besucher machen könnte, und den will ich in einer Farbe, die in Italien kaum an die Fassaden kommt, weil der Himmel so viel davon hat:

Und die Details in Kirchenfarben abgesetzt. Vielleicht stuckatiere ich auch noch eine Kartusche über den Eingang, worin ich einen Totenkopf
Wer weiss und unten kommentiert, in welchem berühmten Roman des XX. Jahrhunderts das auf einem Totenkopf in wessen Besitz steht*, bekommt einen halben Liter hiervon:

Der erste, der die richtige Antwort kommentiert, gewinnt. Falls sich bis Mitternacht aber niemand findet, nun, dann behalte ich es. Das wird hier schon nicht schlecht, keine Sorge. Das sind dann übrigens die Farben des Gästeschlafzimmers, denn die Gäste sollen sich fühlen wie in Öl eingelegte Champignons. Nachdem mancher Leser vielleicht auch zu Gast in diesen Räumen sein wird: Passen die Farben?
* googlen zwecklos. Google ist in Sachen Literatur eine Katastrophe. Es steht zwar irgendwo, aber um es zu finden, muss man den Namen des Romans kennen. Und ich nehme mir heraus, den potentiellen Sieger mit einer zweiten Frage auf die Probe zu stellen. Kleine Hilfe: Die Realität beisst nicht nur Winona. ;-)
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Unheiliger Geist zu Pfingsten

Gehet hin in Unfrieden, denn nicht das Helle der Messen, allein das Dunkle, Makabre und Groteske mag Euch gefallen, Ihr verkommenen Seelen.
Am Sonntag, den 04.06.2006
Um 19.30 Uhr
Im Lass uns Freunde bleiben
Choriner Str. 12 - Berlin
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Donnerstag, 1. Juni 2006
Lest diesen Text
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Kränker als krank
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Aus News Frankfurt wird Business News
- Es gab die für das Projekt anvisierte Zielgruppe nicht
- Es bringt nichts, wenn man die bekannten Titel des eigenen Hauses kannibalisiert
- Auch ein Schleuderpreis von 50 cent ist kein zwingender Kaufanreiz
- Für publizistischen Printramsch ist es schwer, Anzeigenkunden zu finden
- Die Inhaltebeschaffung über Klau bei Blogs lohnt sich nicht
- Die Auflage war unter aller Sau
- ganz im Gegensatz zur Konkurrenz, der man das Wasser abgraben wollte
- Das Vertriebssystem, das sich auf Blöde stützen sollte, die vom Zeitungsjungen zum Redakteur werden wollten, ging nicht auf
- Nur das Beschäftigen von Billigjournaille unter Tarif, das hat funktioniert, weil es genug Verzweifelte gibt
Eigentlich sollte man jetzt erwarten, dass der Holtzbrinck-Konzern, dem all das mit seiner Billig-Tabloid-Zeitung "News Frankfurt" passiert ist, jetzt das tut, was die eigene neoliberale Hauspresse wie Wirtschaftswoche oder Handelsblatt in den Kommentaren raten würde: Ein umfassendes Gemetzel unter denen, die es verbrochen haben. Da kann der Laden noch so sehr von wertvollen Erkenntnissen reden, die Grunderkenntnis lautet, dass die Idee vom ersten Moment an völlig idiotisch war und das Ergebnis so miserabel geworden ist, wie es bei New Economy Dropouts häufig ist. Es ist ja nicht so, dass die grundlos auf die Fresse gefallen sind. Und immer wegen dem gleichen Grundproblem: Es sind Rebellen ohne Markt. Sie wollen etwas Neues, haben aber keinen Peil von dem, was da kommen wird und was gekauft wird.
Nun könnte man sagen, dass Holtzbrinck die paar Millionen Verluste schon verschmerzen kann, denn Frankfurt war ein Markt, in dem man bis dahin als Lokalpresse nicht präsent war und gegen übermächtige Gegner keinen Ruf zu verlieren hatte. Also alles halb so schlimm, es ging ja um die Leserschaft der anderen. Man könnte jetzt sagen, auch ein Vollversager kriegt noch zwei Monate, bis man ihn stillschweigend entsorgt. War halt ein Versuch, war nicht gut, nächstes Spiel, neues Glück.
Aber dass Holtzbrinck mit "Business News" jetzt mit der Mannschaft, die es erwiesenermassen nicht geschafft hat, mit dem selben Macher an der Spitze nach Berlin geht, ausgerechnet in den insolventen Slum, um dort wieder eine 50-Cent-Ramschzeitung für Wirtschaft zu machen, diesmal aber das eigene Kernpublikum ins Visier nimmt, das Handelsblatt liest und gleichzeitig das Handelsblatt für die Ramschpostille inhaltlich ausnimmt, dass man diesen Schaden in Kauf nimmt, solange man der FTD Leser wegnimmt -
Das alles zeigt meines Erachtens, wie verzweifelt man im Hause Holtzbrinck an der Spitze sein muss. Natürlich muss man als Zeitung neue Wege finden, an die Leser und Nutzer zu kommen. Aber dass Ausbeutung, Dumping und Übernahmen noch nicht mal bei müden U-Bahn-Lesern Erfolg haben, hat man bei der News Frankfurt erlebt. Wie das bei einer jungen Zielgruppe mit Interesse an Wirtschaft gelingen soll, die sich sowieso ihre Informationen als Bröckcheninhalte schon längst im Netz holen kann, bleibt das süsse Geheimnis von Leuten, die vermutlich auch nicht wissen, wie man dafür Werbung akquirieren soll. Mal schaun, ob Holtzbrinck dem elenden Gewackel jetzt wieder 20 Monate wie bei News Frankfurt zuschaut.
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Dirt Picture Contest - Bei den Aufsteigern

Hinunter auf die Strasse also mit dem lila Sofa, das einen als billige Gelegenheit seit der Verbringung von Tante Erna ins Altersheim begleitete - man hatte damals ja nichts. Und hinweg auch mit der Schlafcouch, die Gäste sollen bitte ins Hotel, die sind alt genug und brauchen nicht am Morgen das Bad verstopfen. Und morgen geht es dann mit dem SUV in einen Möbelladen in Schöneberg, wo es jetzt tolle chinesische Hochzeitsschränke aus Polen gibt, und hübsche rote Kronleuchter aus Plastik. Endlich schön einrichten! Wenn nur nicht das viele Beige vor den Fenstern wäre, in Beigeberlin.
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Mittwoch, 31. Mai 2006
Schaut Euch das bitte an
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Nachts
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Zielgruppenspezifische Werbeumgebung für PR-Autoren

Ihr seid Blogger.
update: oder ihr seid opelvertreter kommt via wirres.net oder einer erbärmlichen werbewebseite. dann bedaure ich, aber ich habe leider keinen blogartikel zu verkaufen. und ich will auch eure gurkenhobel nicht fahren. ja, schade. sorry, aber für 1200 euro kriegt man halt nur eine rostmühle oder einen felix, wahlweise in ämsieärmlich oder piapiaster. aber wenn ihr schon mal da seid:
EURE AUTOS SIND SO HÄSSLICH WIE EUER MARKETING
Und das heisst was.
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Dienstag, 30. Mai 2006
Deutsch-türkische Tischsitten
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Dirt Picture Contest - Licht und Schatten

Wir sind hier in einer besseren Gegend, wo sich manche für besser halten. Genauer, am Helmholtzplatz. Dieser gehobenen Geisteshaltung ist es dann wohl auch zu verdanken, dass vor der Lampe ein Karton mit der Aufschrift "zu verschenken" steht und dieselbe nicht zwecks Zerkleinerung durch den anrollenden Verkehr quer auf der Strasse gelegt wurde.
Also, zumindest noch nicht gestern um halb eins.
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Die Brücke über den Abgrund zwischen den Sümpfen
Wer meine Blogs kennt, weiss, dass ich von Web 2.0 und vielen seiner Vertretern gar nichts halte. Typen wie Sixtus, Eck und Turi haben zwas so eine Klappe, wenn es um das Definieren der megageilen Zukunft geht, haben in der Realität aber so gut wie nichts vorzuweisen - es ist ja nicht so, dass ihre Web 2.0 Aktivitäten jetzt bombenmässig einschlagen würden. Wer sich deutsche Projekte wie Qype, Germanblogs oder Plazes anschaut, wird schnell den morastigen Boden der Tatsachen erkennen: Da geht nichts richtig vorwärts, oben wird vulgär Dampf geplaudert und unten blubbert es ein wenig im stehenden Wasser. Dass einer ihrer Kongresse in Berlin von einer Glücksspielfirma präsentiert wird - wo das eines der ältesten Geschäftsmodelle überhaupt, der Beschiss ist - spricht Bände. Unterstützt von VC-Gebern mit miserablem Track Record aus der New Economy.
Dabei gibt es durchaus Punkte, wo diese Leute recht haben. Die meisten sind durchaus in der Lage, die Veränderungen durch rückkanalfähige Netzwerkstrukturen zu erkennen, die Blogs mehr zufällig denn bewusst zu einem Parallelraum zu den herkömmlichen, vertikal und mit "Fences" abgegrenzten Medien bilden. Auch wenn man in der Interpretation vom Wachsen der Blogs und Schrumpfen der Medien die Zahlen sehr vorsichtig beurteilen muss, ist doch offensichtlich, dass etwas Neues entsteht, das völlig anders funktioniert als alles, was man die letzten 500 Jahre als Medium kannte.
Das sehen auch manche meiner Berufskollegen. Es gibt da grob gesagt drei Haltungen. Die einen sagen, es ist nur ein Modetrend und eine neue New Economy. Tatsächlich hat das Geschrei mancher das Potenzial, an unschöne Zeiten zu erinnern, und der Glaube, dass es Web 2.o mit Ajax, permanent Beta und user generated content schon schaffen wird, ist ausgesprochen naiv - so kann man eine Studentenbutze machen, aber keine Firma. An solche Extrembeispiele klammert sich aber der verstockte Teil der Johurnaille. Sie haben die erste Runde tatsächlich überstanden, was viele andere nicht überlebt haben, jetzt fühlen sie sich sicher. Spassigerweise argumentieren Web 2.0er und Totalverstockte bis auf die persönlichen Schlussfolgerungen weitgehend identisch: Die miese New Economy hat die Spreu vom Weizen getrennt, jetzt wissen wir, wie es wirklich geht, wir sind immer noch da, und heute ist wieder Geld im Internet, das wird super.
Die zweite Gruppe macht ihre Ablehnung an den Bloginhalten fest. Ist doch nichts, taugt nichts, ich hab da mal reingeschaut, was soll das denn bitte sein. Das ist keine Information und keine Nachricht, das brauchen die Leute aber, also wird man uns immer brauchen. Was diese Gruppe nicht erkennt, ist das kleine Problem, dass diese Theorie völlig am Blogger und seinen Lesern vorbei geht. Blogger und Leser wissen überhaupt nichts von der Wichtigkeit des Journalisten. Sie brauchen sicher Informationen, aber nicht aus eine Quelle und schon gar nicht von einem Journalisten. Und die ihnen unterstellte Belanglosigkeit bekommen sie noch nicht mal mit, weil sie nie auf die Kongresse gehen, wo ihre Texte leicht angewidert vorgelesen werden und dann die Frage kommt: Was soll das?
Die dritte Gruppe ist immerhin so weit, die Veränderung wahrzunehmen. Sie versucht, teilweise auch in Anlehnung an die Blogprojekte von Google und Microsoft, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen und die Nutzer zu halten oder zu sich umzuleiten. Gleichzeitig wird mit einer Aufweichung der ohnehin schon matschigen Trennung der Formate, Sonderwerbeformen, Qualitätsabbau und Einsparungen experimentiert. Und diese meist jung-dynamische Klientel ist dann ganz entsetzt, wenn sie bei aller Medienmacht und Einbindung in redaktionelle Strukturen die keinen Fuss auf den Boden bekommt. Weil Bloggen etwas anderes ist als täglich eine hirnlose Bleiwüste von oben nach unten zu den Lesern zu fabrizieren.
Zwischen den beiden Positionen der Journalismus-Brontosaurier und den verstrahlten Web 2.0 Fehlentwicklungen ist ein Abgrund, den man vielleicht ermessen kann, wenn man die Reaktionen auf meine Person sieht: Für die Medienvertreter bin ich ein Spinner und Panikmacher, ein Krawallero, der wegen der paar komischen Blogs da glaubt, eine Bedrohung für die zu sehen, die schon immer da waren und immer da sein werden. Auf der anderen Seite sind die dummdreisten Schwätzer vom Web 2.0, die in mir einen reaktionären Tattergreis sehen, der sich immer noch an New Economy und am Verhältnis der Blogs zu den Medien abarbeitet. Ist doch alles durch, hey, here we go again, und es wäre wirklich nett, wenn ich mal das Maul halten könnte, weil es ja irgendwie scheisse ist, dass jemand mit so einer Meinung trotzdem gut laufende Blogs betreibt, besser jedenfalls als ihre finsteren Internetlöcher, wo sie Beschwörungsformeln murmeln.
Und ich stehe auf der schwankenden Brücke dazwischen und weiss auch nicht, wie lange sie hält. Was ich aber weiss ist, dass sie mir weitaus besser gefällt als der Sumpf auf den anderen Seiten. Weil ich mir sicher bin, dass es hüben wie drüben viele Verlierer geben wird, während unten im Abgrund ein ansteigender Strom gurgelt, von dem niemand weiss, was er in ein, zwei Jahren wirklich anrichtet.
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