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Freitag, 27. Juni 2008

Empfehlung heute - die wunderbare Jugend

einer Tochter eines italienischen Eisherstellers findet sich im Blog der Intelligent Life, an dem man wunderbar die Dummheit deutscher Fäuletons ergründen kann - denn hätten sie auch nur ein Bröckerl Hirn, würden sie ihren Lesern ähnlich schöne Seiten schenken.

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Der neue Spielplatz für Foodporn

So sieht es aus, wenn man etwas Kartoffeln, Broccoli, Zuchini, Egerlinge, Tomaten, Eier, saure Sahne, Spinat, Lauchzwiebeln, Rukola, einen milden Gorgonzola und Scamorza zu einem Gratin formt, es in den Ofen stellt -



und dann wie geplant im Rechaud daheim serviert. Ich bin kein grosser Fan von Restaurants, die sich schon ziemlich strecken müssten, um ähnliches zu bieten.



Für vier Personen auf jeden Fall ausreichend. Aber vielleicht bräuchte ich doch noch ein zweites Exemplar. Man weiss ja nie, wer kommt, und so eine Bergwanderung macht hungrig.



Nein, es ist nicht gerade die leichte Küche. Aber fasten werden wir alle noch, wenn wir tot sind. (Vielleicht sollte ich mal wieder ein Berliner Müllbild aus dem Archiv holen, um mich zu erinnern, dass alles hier keine Selbstverständlichkeit ist)

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Freitag, 27. Juni 2008

Real Life 26.6.08 - Zahltag

Wer zahlt sie eigentlich?

Wenn alles gut geht, wird das bei dem Streitwert für die Gegenseite so teuer, dass Sie sich darüber keine Gedanken machen müssen.

Und wenn nicht?

Die meisten Mandanten haben ihre Anlagestrategien breit aufgefächert, grauer Kapitalmarkt, Aktien, Festgeld, Immobilien,und vermutlich jede Menge Schwarzgeld irgendwo. Und es gibt so Tage, da entgeht nichts den schlechten Meldungen, da wollen Anwälte viel Geld für den Schriftsatz der Selbstanzeige, die Steuer will Geld, die Inflation frisst die Festgeldzinsen auf, die Aktien crashen, von den Immobilien kann man nicht runterbeissen, obwohl das fein wäre: Denn der graue Kapitalmarkt nämlich braucht erwartungsgemäss frisches Geld von den Gesellschaftern. Heute war so ein Tag. Ein verdammt hässlicher Tag. Es ist gar nicht so leicht, an so einem Tag einer Betroffenen eine schlüssige Antwort für den schlimmsten Fall zu geben.

Keiner, vermutlich. Soweit ich informiert bin, haben die meisten Gesellschafter schon Vorsorge getroffen, damit die Geschichte nicht auf ihr Vermögen durchschlägt. Schlecht für mich, aber ich kann es irgendwo verstehen. Allerdings kann es auch sein, dass die Gegenseite versucht, ihr Geld aus der Gefahr zu bringen, für den Fall, dass sie verlieren. Wäre auch nicht besser. Es kann alles sehr, sehr lang dauern. Vielleicht sollte ich mal anfangen, meine Rechnungen einzutreiben.

Sie lächelt süffisant und beruhigt dich, dass du bei ihr keine Angst haben brauchst, denn sie hat keinen Mann mehr, dem sie noch etwas überschreiben könnte, und wenn es durch alle Instanzen geht, wirst du das Vergnügen haben, deine Auftraggeber die Rechnungen mit ihrem Erben ausfechten zu sehen, denn sie glaubt nicht, dass der freiwillig irgendwas rausrückt. Draussen gleitet unter Regenschleiern die entzückende Landschaft des Starnberger Sees vorbei, leider unter einem grauen, feuchtnassen Bleihimmel, der den Blick zu den Alpen in etwa so versperrt wie die lausige Natur der Berlinimmobilie den Weg zum versprochenen Ertrag.

Du erzählst ihr den neuesten Tratsch von den armen Schweinen, mit deren Geld gerade in der Hauptstadt weisse Pferde in Restaurants untergebracht werden, und welche Summen angeblich bezahlt wurden, um genehme Berichte darüber in ohnehin fondsfreundliche Zeitungen zu bringen. Von der Designclique der selbsternannten "Designladies", die Frauen umgarnt, deren Männer dann zeichnen oder bei Verfahren helfen sollen. Es geht immer noch schlimmer, hier kann man sich wenigstens wehren, oder dem Gegner einen Herzkaschperl mitverursachen. Dann kommt das Tor, das sich automatisch öffnet, die Auffahrt, und sie bittet dich, in die hallenartige Garage zu fahren, von da aus hat sie es bei diesem Wetter leichter ins Haus.

Zwei grosse Wägen stehen noch da, und Möbel. Das kommt alles raus, sagt sie und entschuldigt sich für die Unordnung, das steht jetzt schon hier, seit sie die Stadtwohnung aufgegeben haben, jetzt will sie Ordnung machen und hat auch schon einen Händler, der das ganze Zeug abholt. Ein Halsabschneider, aber sie hat keine Lust, sich noch damit auseinander zu setzen, der Erbe hat kein Interesse dafür, nur die Sache mit den Stühlen von ihren Urgrosseltern ärgert sie: Die sind nämlich durchaus was wert, aber damals beim Umzug gingen die Kissen verloren, und deshalb würde sie der Erbe wegwerfen, der Händler jedoch will sie einfach so umsonst haben. Die beiden da.



Dort stehen zwischen Schränken und Tischen zwei rot und gold gefasste Rokokostühle mit hohen Lehnen, nicht perfekt erhalten, aber keine Kopien, geschnitzte Originale aus der Zeit um 1740 mit alten Reparaturen. Die Sorte, deren Anblick dir in der Leistengegend weh tut. Die Sorte, deren Marktpreis auch reiche Designcliquen in Berlin nicht mal eben aus der Portokasse bezahlen könnten. Um 1870, erzählt sie, hat ihr mit Getreidespekulationen und Überseeprodukten reich gewordene Urgrossvater im Badischen ein Schloss mit dem gesamten Mobiliar gekauft, vieles wurde ausgetauscht und das Schloss durch den Wandel der Zeiten wieder verkauft, aber diese Stühle haben sich erhalten, natürlich müsste man sie renovieren, aber zum Verschenken an einen Händler, nein, da würde sie sie lieber verheizen.

Ich tausche meine Forderungen gegen die Stühle, sagst du, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, dass dein Verhalten absolut unschicklich ist. Und du eigentlich keinen Stuhl mehr brauchst.

Sie findet das unschicklich, da viel zu teuer bezahlt und drängt dir obendrein noch ein Teeservice auf, das du natürlich auch nicht mehr brauchst.

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Empfehlung heute - Mönche essen alles.

Insofern ist es mutig, sich als Gorillaschnitzel in die Klauen einer Kirche zu begeben.

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Donnerstag, 26. Juni 2008

Ich will ja nichts sagen.

Aber es gibt Kombinationen, die gehen gar nicht: Wie heute etwa, auf dem Rückweg von Hinterriss.



Heftiger Regenschauer, glitschige Strasse von Österreich den Achenpass hinauf, eine nicht ganz untückische Linkskurve gleich hinter der bayerischen Landesgrenze, ein Opel Corsa, offensichtlich zu hohe Geschwindigkeit, und dann das übliche bei bei berg-und kurvenuntaugleichen Opels: Das Ding untersteuert vermutlich, der Fahrer zieht dann in seiner Not - die Leitplanke! Die Schlucht! zu hektisch am Lenkrad, vorne vertschüsst sich die Reifenhaftung, und ab geht es mit einer Pirouette in die Felswand, die besser als derAbgrund ist, aber auch nur graduell. Da steht er dann, rechts vorne totalgeschadet, und tropft trauriges Öl auf die Strasse, und daneben telefoniert der Besitzer, dem nichts passiert ist.

Über dem toten Corsa, über dieser ganzen unfreundlichen Melange wehen, an jedem Fenster angebracht, vier Deutschlandfahnen im feuchten Wind nach dem Gewittersturm.

...



Liebe fahnentragende Opelstrassenverstopfer: Wie wäre es, auf Kühe umzusteigen? Ich bin bei Eng einen Kilometer mit einer Kuhherde mitgeschlichen, das waren sehr nette Begleiter, trittsicher, kurvenstabil und keine einzige landete in der Felswand, obwohl dort die Kurven noch enger und glitschiger als am Achenpass waren - und das ganz ohne Opelfahfrer am Steuer. Ich verstehe absolut nicht, warum es mehr befahnte Opel als glockenklingende Kühe auf Deutschlands Strassen gibt.

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Ironie auf Reisen

Ich habe in der schlechtesten Phase der Sanktionen gegen das blauschwarze Haiderbündnis in Österreich gearbeitet, und kein Geheimnis aus meiner Einstellung gemacht. Ich war dort, ich weiss, mit wem ich es dort zu tun habe.



Insofern ist es eine bittere Ironie, an so einem Tag den deutschen Nationalismus ausgerechnet zu den Österreichern, nachgerade den Tirolern zu fliehen, aber mei - die rettende Grenze ist nah, und die Fahnendeppen sind alle in der Schweiz oder da, wo ich herkomme.

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Wieder geöffnet

Es gab da ein, sagen wir mal, Problem, das mich gezwungen hat, Rebellen ohne Markt zu schliessen.

Und wie es aussieht, gibt es auch eine Lösung, die weitere Störfälle dieser Art nachhaltig behebt.



Erklärung kommt, aktuell sind noch keine Diskussionen nötig.

Edit: Die Erklärung ist da.

Edit 2: Nochmal der Ablauf für all die Gaffer-Lanus, Verschwörungsdeppen und anderen Minderkompetenten, die Blödsinn schreiben, ohne zu denken oder informiert zu sein:

Der Nutzer P****** setzt gestern Abend - als Sysadmin von Blogger.de, was ich nicht wusste, woher auch - einige seiner typischen Schwachsinnskommentare ab, die ich lösche - kaum ist einer weg, ist ein neuer da. Daraufhin setzt er hintereinander zwei ähnlich unfreundliche Beiträge - nicht Kommentare - in mein Blog, die deutlich machen, dass er offensichtlich Zugriff auf zentrale Admin-Funktionen meines Blog hat. Einmal kann Zufall sein, aber der Typ kennt Antville, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass er zweimal nacheinander die "comment"-Funktion unter dem Beitrag mit der "Beitrag schreiben"-Funktion in der linken Seitenleiste verwechselt.
(https://rebellmarkt.blogger.de/stories/1160278/ und `http://rebellmarkt.blogger.de/stories/1160292)
Danach schreibt er nochmal zwei Kommantare, ich lösche das Zeug, und er verfasst in seinem Blog die Drohung, mein Blog komplett zu löschen:

"wer so bekloppt ist, ist mal irgendwann einfach weg.
d e l e t e
zuckt in den fingern"

Daraufhin habe ich mein Blog zugemacht, um es zu schützen.

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Mittwoch, 25. Juni 2008

Die Unmöglichkeit des Picnickoffers in Form eines Eierkorbes

Meine Grosstante, die noch in Zeiten des britischen Empire das Leben in einem grösseren Haus kennenlernen musste - schliesslich war Deutschland in den 30er Jahren kein gutes Land für Mädchen, denen man ihre nichtarische Herkunft deutlich ansah - war desöfteren Zeugin, wie man in Grossbritannien Picnic gemacht hat. Im Gegensatz zur heutigen Vorstellung fuhren keine kleinen Roadster über gewundene Strassen, einen Picnickoffer auf dem Gepäckträger, sie hielten nicht irgendwo auf der Wiese an und rollten eine Decke aus. Picnic bedeutete, dass die Hausherrin den Dienstboten Anweisungen gab, und irgendwann ging die eingeladene Gesellschaft in den erweiterten Garten oder angrenzende Latifundien, und dort stand dann das Picnic, ohne dass es jemanden interessiert hätte, in welchen Behältnissen es dorthin gelangt ist. Wenn in "Brideshead revisited" die beiden Helden Charles Ryder und Sebastian Flyte mit einem Auto rausfahren und unter einem Baum die Wachteleier in zu viel Champagner ersäufen, ist es eine aufständische Jugendkultur der 20er Jahre, aber ganz sicher nicht die feine englische Art. Diese Art kümmerte sich nicht um Dinge wie einen Picnickoffer, um die sich das Personal zu kümmern hatte.

Nun hat der Verlauf der allgemeinen Geschichte Westeuropas die Dienstbotenscharen länderübergreifend aussterben lassen, womit ich und andere Kinder aus vermutlich besseren Häusern nun doch gezwungen sind, selbst für den Transport und das Decken der leinenen Tafel zu sorgen. Und obwohl ich Heuschnupfen habe und nicht gern im Gras sitze, wäre es natürlich, wenn Gäste kommen, gar nicht schlecht, ein entsprechendes Körbchen zu besitzen. Nun war ich letzten Sonntag sehr spät auf dem Antikmarkt, und am Eck einer Reihe war vor einem Transporter nur noch ein Objekt nicht verstaut: Ein klassischer Eierkorb aus Bayern, ein zwingendes Weidenschmuckstück für jede Bäuerin in Tracht. Das trug die Zenzi, als die Erzeugerpreise noch keine französischen Luxuswaren ermöglichten:



Nun sind solche Korbformen natürlich universal, und was in Bayern zu Markt und Messe mitgetragen wurde, hat sich in England, sei es nun bei Online Auktionen oder im Antiquitätenhandel ironischerweise als "vintage picnic basket" einen heute beliebten Nutzen erschlichen, der wohl auch meinem Händler nicht ganz klar war, als er einwilligte, den Korb für sechs Euro zu verkaufen. Tatsächlich hat er eine ausreichende Grösse für bis zu vier Teller, Tassen, Untertassen, Gabeln, Messer, einen Tortenheber, ein kleines Silbertablett, eine Menge Kuchen und eine rokoköse Silberkanne englischer Herkunft, die gekonnt verschleiert, dass wir es hier mit einer brutalen Brauchtumsentleibung zu tun haben. Oben müsste man noch eine Decke mit Schottenkaro legen, darin eingewickelt eine Thermoskanne mit Tee tragen, und fertig ist der komplett falsche Eindruck einer erfundenen britischen Tradition mit einem Miesbacher Eierkorb. Aber was bleibt einem übrig, wenn die wahre Tradition nicht ohne ruinöse Beschäftigung von Butler und Maids mit Leben zu erfüllen ist - man baut sich eben eine eigene Tradition, oder beruft sich auf Evelyn Waugh.

Solange man nicht auf Leute trifft, die den Schwindel auffliegen lassen. Nur wenige Stände weiter wurde ich von einer indigenen Dame angesprochen, die den Korb gebührend bewunderte und gleich richtig einordnete: Als Prunkstück der bäuerlichen Tracht nämlich, und ihrer Hoffnung Ausdruck gab, dass meine von ihr angenommene Freundin keines von den Flitscherln wäre, die Polyestertracht nur auf dem Oktoberfest zur MCM-Tasche tragen, sondern eine, die wüsste, was sich gehört.



Recht hat sie natürlich, es ist kein normaler Weidenkorb für den Alltag, dazu ist er zu fein und zu detailreich gefertigt. Ich werde damit leben müssen, in diesem postfeudalen Europa ein Leben aus Spolien vergangener Grösse zusammenzufügen; ein Miesbacher Körberl auf englischer Decke, Familiensilber mit einem Restservice vom Trödel; und selbst die victorianische Kanne gab sich vor 130 Jahren alle Mühe, ein Rokoko nachzuahmen, das es so nie gegeben hat.

Bleibt als Entschuldigung gegenüber den grossen alten Zeiten nur der Verweis auf die schrecklichen Alternativen von Einweggeschirr, Chinaimport und Tupperware. Und Waugh, natürlich.

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Das Müllproblem.

Darüber müssen wir reden. Über das Müllproblem, das sich in internetverschmutzenden Wegwerfblogs des Bayerischen Rundfunks äussert. An der Blogbar.

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Dienstag, 24. Juni 2008

Die 3-Euro-Frage

machen sie mal ein experiment und leben sie von drei euro/tag. ohne mutters vorratskammer.
Eine schwierige Frage in einem Kommentar. Allerdings mache ich mit einem Kilo Erdbeeren (selbstgepflückt 1,50), einem einem halben Kilo Zucker (0,25), 100 Gramm Butter (0,20), 200 Gramm Mehl, 0,2 Liter Milch (0,30) und 10 Eiern von meinem Lieferanten (1,50 Euro) genug Pfannkuchen für drei Tage. Ein Tomaten-Champignon-Kartoffelgratin für 2 Tage geht auch für 4 Euro. Ansonsten trinke ich Tee - kostet so gut wie nichts, wenn man Cay nimmt. Die Frage ist hart zu beantworten, aber die Haushälterin, bei der ich das Kochen gelernt habe, hat mir nicht nur das Reiben des Käses gelernt, sondern auch preisbewusst arbeiten. Ich sage nicht: Billigst einkaufen. 3 Euro ist hart, verdammt hart, aber ich will nicht ausschliessen, dass es geht. Spass ist es natürlich nicht. Man muss einfallsreich sein.



Die Frage ist in gewisser Weise hypothetisch, und auch die Antworten können der Sache nicht gerecht werden. Es ist ein wenig wie die Frage, die man früher Verweigerern stellte: Was würdest Du tun, wenn ein Russe Deine Freundin vergewaltigte, und Du hättest ein Gewehr in der Hand. Der Russe, wie wir wissen, kam nicht, und ich habe eine - relative - Sicherheit, dass ich die Frage nicht im Ernstfall werde beantworten müssen. Ich sage es mal so: Ich würde vermutlich alles daran setzen, das zu ändern. Das fängt beim Thema "Beschaffung aus der Natur" an, und ich meine das nicht ironisch, sondern vollkommen ernst. Schliesslich kommen die besten Zwetschgen auch in diesem Blog nicht vom Markt, sondern von einem Baum auf einer aufgelassenen Streuobstwiese. Und im Herbst würde ich vermutlich Unmengen Äpfel bunkern, soweit das irgendwie möglich ist. Einfach, um Geld zu sparen und dann in noch schlechteren Zeiten mehr zu haben.

In dieser Frage, die sicher auch geprägt ist durch das Hartz-IV-Unrecht in Deutschland, wäre der nächste Schritt die Verbesserung der Einnahmen. Ich halte in gewissen Grenzen Schwarzarbeit für eine legitime Antwort auf dieses System, das nicht hilft, sondern abdriften lässt.

- Kleiner Exkurs an dieser Stelle: Eine Bekannte meinte partout Schauspielerin werden zu wollen, ging auf eine private Schule, bekam eine Krise, schmiss hin, ohne sich abzumelden und stand nach einem Jahr vor einem massiven Schuldenberg, den zu sanieren sich die Eltern weigerten - oder erst gar nicht gefragt wurden. Das habe ich dann gemacht, aber das Kernproblem war gar nicht das Geld, sondern das Wiedereingliedern in ein normales Leben, das nicht geprägt ist von der Suche nach finanzieller Rettung. Mama hat es nie erfahren, und ihr Kühlschrank ist wieder offen. Exkurs Ende.

Und wenn es nur Putzen bei einer Freundin ist. Und wenn es nur 20 Euro pro Woche sind. Ist auch schon was. Und nein, ich finde nicht, das Putzen schändet. Ebenso wenig wie Schneeräumen, Fenster streichen, und andere Dinge, die ich auch tue. Nicht, weil ich es mir nicht leisten könnte, einen Handwerker zu rufen, sondern weil ich den Eindruck habe, dass es mich sauber erdet, in den nächsten Wochen alle 73 Stufen im Komplex zu fegen, zu reinigen, zu verspachteln und neu zu streichen. Ich glaube nach altes sozialistischer Manier an die Bewusstseinsstiftung durch Arbeit jenseits von Powerpoint und hohen Stundensätzen. Und ich denke, dass Leute, die 3 Euro am Tag und kein soziales Netz haben, mehr Geld und ein soziales Netz brauchen. Wenn Schwarzarbeit der Weg dazu ist: Für die Gesellschaft ist es allemal besser.

Ich weiss sehr wohl, dass es mit dem "Du brauchst Geld geh arbeiten" allein nicht getan ist, und die Probleme sehr vielschichtig sind. Aber ich habe auf Ausgrabungen in Zusammenarbeit mit den von Arbeitsamt vermittelten Hilfskräften - sagen wir es ehrlich, die Alkoholiker vom Kaff - gesehen, dass eine Tätigkeit Chancen eröffnet. Ich bin in der Hinsicht ein Bekehrter, denn die Vorstellung, dass ein Alkoholkranker auch nur in die Nähe meines Planums kommt, war mir zu Beginn ein Graus. Und ich bin ganz sicher keiner gewesen, der von sich erwartet hätte, mit "so jemandem" zu kooperieren; noch dazu, wenn es Ende Februar ist und die Grabung im Schneestrurm stattfindet und die Tolaranz ungefähr auf Null sein sollte - aber es ging. Es ging sogar sehr gut.



Generell noch was zum Konsum: Antiquitätenkauf ist absolut nicht teuer. Ganz im Gegenteil. Ich persönlich finde Ikea, Roller, XXLvollgeilramsch extrem teuer, ich würde dort nie, nie, nie einkaufen. In der Provinz gibt es einen Caritasladen, der sein Angebot aus Entrümpelungen bezieht. In Rosenheim ist es eine wunderbare Töpferei beheimatet, die in Altbayern viele Kunden hat - unter anderem auch meine Familie. Ich habe bei der Caritas ein ganzes Service von Vogt gefunden und gekauft, das jemand nicht mehr haben wollte, und für einen Preis, der kaum über dem liegt, was Einweggeschirr kostet (trotzdem kann ich Vogt mit bestem Gewissen zu den marktüblichen Preisen empfehlen). Natürlich ist diese Art des Kaufens nicht so einfach, es erweitert und beschränkt gleichermassen, es passt eben genau nicht zu der Konsumkultur, die alles jetzt sofort in tausend Variationen anbietet.

Das Thema ist zu ernst, als dass man darüber Rechnungen begleichen sollte, aber - das wird jetzt etwas prekär, man darf nicht verallgemeinern - ich sehe im weiteren Umfeld der Bloggerei natürlich auch Fälle, für die das Internet zu einem falschen Fluchtweg wird. Das treibt mich gerade etwas um, weil ich einen Artikel zum Thema Kunstfiguren schreiben muss, und die literarische Fiktion abgrenzen möchte von kaschiertem Not und Elend oder Borderlinern. (Um das Problem dieser Realitätsverzerung mal zu verdeutlichen: Es gibt da jemanden, der angeblich wahnsinnig viele Projekte in Berlin macht und im privaten Gesprächen im vollsten Brustton der Überzeugung behauptet hat, ich wäre ein ganz armer Schlucker und würde das alles nur erfinden - bis ich an den Tegernsee gezogen bin) Da hängen dann Leute am Bildschirm und finden ein Fenster, das man auch aus dem übelsten Loch heraus mit einer Fluchtvision füllen kann, statt sich um die reale Verbesserung ihrer Lage zu kümmern. Das betrifft auch die Schattenseite des digitalen Lumpenpacks loboistischer Prägung, die Ritalinsociety, die Projektversprechungsmaschinierie, die partiell auch immer wieder im 3-Euro-Fragenraum kampieren muss. Ich frage mich manchmal, ob die es überhaupt anders wollten. Ob ihnen die selbsterfindung und der Druck durch Elend nicht sowas wie einen perversen Kick gibt.

OK. Es kann natürlich auch sein, dass jemand mit diesen 3 Euro mitten in Berlin sitzt, nirgendwo ist ein Kartoffelacker, die Menschen aussenrum sind komplett scheisse und das Putzgewerbe ist in der Hand von Weissrussen. Ich würde weggehen. Ziemlich genau dorthin, wo ich herkomme, und das Arbeitsamt nicht weiss, wo es die Leute herbekommen soll. Vielleicht hat man am Ende nicht dafür studiert, oder die Ausbildung passt nicht, aber ich bin lieber am Band, statt von drei Euro am Tag zu leben. Und in Sachen Band weiss ich, wovon ich rede.

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Empfehlung heute - Diesmal nur für eine Leserin

Die aktuelle Sommerhutmode ist da!

(Warum sollte man immer an alle denken?)

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Als Amerika noch grossartig war

Die beste aller möglichen Welten der frühen 50er Jahre waren die Vereinigten Staaten von AMerika. Nicht perfekt, keine Frage, aber wo sonst hätte man leben wollen - im kriegszerstörten Europa jenseits von Südfrankreich? Im Ostblock? In den Kolonien? In den südamerikanischen Diktaturen?

Irgendwann in den 60er Jahren hat Europa dann die USA überflügelt, in den 70ern setzte Japan zum Überholmanöver an, und inzwischen heisst die Konkurrenz der ehemals mächtigsten Nation der Erde China, und man ist vom Wohlwollen unerfreulicher Staatsfonds abhängig. Ein Souvenir aus den besseren Zeiten, als die Autos grösser wurden und das Jet Age die Propellermaschinen ablöste, habe ich gestern noch zum englischen Rechaud erworben. Und siehe, die amerikanischen 50er passen zu den italienischen 90ern.

(Ja doch: Etwas bayerisches habe ich auch noch gekauft)

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Montag, 23. Juni 2008

Kommen/Gehen

Jetzt, da die Massen das Gebirgstal wieder verlassen, die letzten Badenden die Kleider anlegen, komme ich.



Grossbild hier

Sehr, sehr wenig Fahnen an den Autos, selbst wenn man die erzwungen deppenzeichenfreien Cabrios und Oldtimer rausrechnet. Einer von hundert, und der dann, ich sage es wie es ist, mit ostdeutschem Kennzeichen. Ich vermute, es gibt einen Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und öffentlich transportierter Nationalstolzerei. An Tisch im Lokal oberhalb des Bildes dann Gespräche über Luxemburg, Liechtenstein, Kölner Immobilien und anderes, was die Menschen hier bewegt. Der Verdacht, dass die Namen der Steueraffaire an die Medien geleckt wurden, weil im Gegenzug ein gewisses Staatssystem Informationen über kommende Durchsuchungen an ihm nahestehende Unternehmer geleckt hat. Ein Schriftsatz mit Selbstanzeige, der nur 4 Minuten zu spät eintrifft, 4 lausige Minuten, ist ein seltsamer Zufall.

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Silber ist vollkommen überbewertet

Man kann den schlechteren Ecken der Blogosphäre, in denen das Geld für kurzlebige Computerprodukte, Alkohol und Zigaretten ausgegeben wird - nur Ritalin gibt es dort auf Rezept - natürlich nicht absprechen, dass sie nicht ab und an recht haben. Selbst bei Fragen, die den Kern dessen ausmachen, was in diesem kleinen Projekt geschildert wird: Vieles muss einfach nicht sein. Wer weiss, ob man auf dem Werberstrich in Kiel mit ein paar lumpigen Euro nicht auch glücklich ist, die Veröffentlichung in einem Zuschussverlag als Einstieg zum Bestsellerruhm begreift; man kann online viele Feinde der Freunde finden und mit ihnen einen Nachmittag durchfeinden, das erspart einem die Notwendigkeit, mal wieder rauszugehen und zumindest zu versuchen, sowas wie "Sex" zu bekommen, man kann sich die prekären Verhältnisse hinmanagen, und sich am Ende sicher sein, dass es einem noch besser geht als denen, die man nicht mag. Und so ist es einfach, schnurstracks an folgenden Angeboten eines netten Herrn mit einem hübschen Wagen vorüberzugehen, denn Silberwaren, pah, wer braucht das schon.



Kommt das Essen doch ohnehin aus der Einwegverpackung, der Tiefkühltruhe, vom Dönerplanet3001, oder anderen Segnungen der Moderne, die es erlauben, mehr zu bloggen und weniger zu rühren. Und sollte man doch mal irgendwas überbacken, sei es nun eine Lasagne oder Gratin, findet sich garantiert irgendwo in der Küche ein dreckiges Geschirrtuch, mit dem man das 200 Grad heisse Gefäss mitsamt der, na, sagen wir mal geniessbaren Füllung aus dem Ofen entfernt. Jetzt wäre natürlich ein Untersetzer gut, so eine heisse Glasform nimmt viel Hitze auf und kann einen Tisch schon mal ordentlich ruinieren. Mit fast schon schmerzenden Fingern absetzen, Untersetzer suchen, das glibbrige Ding unter der Kaffeekanne hervorziehen und auf den Tisch legen, die Finger an der Form verbrennen,das dreckige Geschirrtuch wieder aufnehmen und die Glasform mit dem unschön schwarzen Rand, wo der Käse verbrannt ist, abstellen: Fertig ist ein gedeckter Tisch, der optisch nicht die Unverfrorenheit besitzt, das Essen in Sachen Geschmack zu übertreffen. Dann klatscht man alles auf die Teller und schlingt es schnell hinunter, denn das Essen wird kalt, und wenn man fertig ist, setzt man sich an das Notebook inmitten des Chaos der Wohnung und verkündet: Silber ist vollkommen überbewertet, nur was für Angeber und Äusserlichkeiten sind bäh, wenn sie jemand anderes vertritt. Und es stimmt:



Es geht, wie oben beschrieben, wirklich ohne Silber. Wer aber nicht weiterstolziert, sondern den Händler kennt, der erwirbt ein silberglänzendes Rechaud mit durchaus üppiger Formgebung, einem durchbrochenen Ständer unten, einem Deckel oben und einer ofentauglichen Glasform in der Mitte. Die Idee dieses Instruments ist Folgende: Man nimmt die Glasform mit der Mahlzeit aus dem Ofen und stellt diese schon in der Küche in den Ständer. Anschliessend setzt man den Deckel darauf und nutzt jetzt die sinnigerweise am Ständer angebrachten, kalt bleibenden Griffe, das Ganze aufzutragen: Ganz ohne Topfhandschuhe oder was sonst einen in heutigen Küchen verunziert. Zu Tisch kann man das Essen ruhig etwas stehen lassen, dann den Deckel lüften, angemessene Portionen verteilen und den Rest durch den Deckel vor der Auskühlung, und im Freien vor Insekten schützen. Keiner muss schlingen, man kann eine Pause einlegen, sich unterhalten, es bleibt alles gleichmässig warm - und sollte es etwas länger dauern, kann man auch Teelichter darunterstellen - dafür gibt es übrigens auch eigene Behältnisse aus Silber.



Es mag natürlich durch das Volumen üppig erscheinen, und somit moderner Küchenideologie entgegen laufen - aber das Gegenteil ist wahr. Der Rechaud verbraucht Raum in der dritten Dimension, er reckt sich nach oben, und verbraucht auf der Tischebene weniger Platz als eine Form mit - in aller Regel grösserem - Untersetzer. Die Existenz vieler Leute jedoch, die allesamt nicht verhungern, selten kochen und dergleichen Gerät für überflüssigen Tand halten, zeigt natürlich, dass es nicht sein muss. Es geht wirklich auch ohne. Gehen sie also bitte an dem obigen Herrn vorbei, beachten sie auch weiterhin nicht sein Angebot und sorgen sie mit verbrannten Pfoten und schlechtem Frass dafür, dass auch diesmal langfristig der die besseren Chancen beim Nutzniessen unseres Rentensystems hat, der hinter Material und Form den Nutzen zu erkennen in der Lage ist.

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Samstag, 21. Juni 2008

Awareness

Der eine: Vater von jemandem, mit dem ich mal in München zu tun hatte.



Der andere: Einer, mit dem ich mal beruflich in Berlin zu tun hatte.



Beide sind heute in den Medien, mit Dingen, die nicht wirklich angenehm für sie werden. Für beide dürfte es sowas wie der längste Tag geworden sein. Und ich bin weit weg, auf dem Berg hinter Greding, und sehr froh, dass sich Lebenswege auch sehr schnell wieder trennen können.

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Empfehlung heute - Kunst nach Stubenzweig

Was... ist das Limit diess Totenkopfes?
150.
Der wird sicher hochgehen bis 400.
Ah na. Des Süscheed is ned jedamans Sache.
Meinen Sie? Gerade das Morbide zieht die Käufer an.
Also ich glaab ned dass des mehr koscht als 150.
Gut, ich probiere es aus.
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Daheim: 150 Limit, gehen wir mal gleich sauber drüber, 300, oder doch 400, oder 450, das ist mit Aufgeld 500, oder gleich den Sarg zu mit 500, oder 510? Hm. 510, ne, doch lieber 552, oder, hm...
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Guten Tag, Porcamadonna mein Name, ich wollte fragen, wie es mit den schriftlichen Geboten war.
Numma 2490, de Quingvase ham Se begommen.
Oh. Und Nummer 2318?
Nain, bedaurre.
Was hat es denn gekostet?
Vierdausendfünfhundad.
Ah ja, danke.
Da ham sich zwei Musemsleude gegenseidich überbooden.
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In solchen Momenten ist es erfreulich, eine feine Analyse zum Kunstmarkt von Jean Stubenzweig - willkommen bei blogger.de - zu lesen.

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Freitag, 20. Juni 2008

Real Life 20.06.08 - Unter eurem Himmel

So wie heute müsste es dann auch sein. Dieser perekte Provinzsommer, wie immer um diese Zeit. Warm, aber nicht zu heiss, noch nicht allzu schwül, ein paar rautenförmige Wolken am blauen Himmel, dazu dieser Garten, ein Zelt, die Stühle, eine kleine Tonanlage, ein paar Dutzend Gäste und für jeden etwas. Eine Berlingeschichte fürs bayerische Gemüt, die überleitende Rolexgeschichte über das Erwachsenwerden im besseren Viertel für ein leichtes Unbehagen, dann eine verschobene Perspektive, andersrum, etwas über Elitessen in der Heimat, die hier allgemein misstrauisch beäugt werden, und als Rausschmeisser dann noch die Geschichte von der heiligen Walburga und dem Stadtpfarrer aus einer zum Glück lange vergangenen Zeit, als Zugabe die Überleitung zu den Erdbeertorten. Das alles in der Hoffnung, dass nicht nur Iris und Susi sich dabei amüsieren und auch etwas Geld zusammenkommt, für den guten Zweck, von dem manche wieder denken würden, du hättest etwas übrig für Kinder. Dabei geht es eigentlich nur um den Test, wie das hier funktioniert, von wo alles seinen Anfang nahm, ob man es zurücktragen kann ins Herz der Nichtigkeit, die der Kitt für das Zusammenhalten in diesem Viertel ist, wo Susi den rechten Schuh auszieht und mit ihren knubbeligen Zehen Gräser ausrupft.



Es geht, es geht sogar sehr gut. Weil du die Stelle mit der Apothekerstochter verschwiegen hast, schliesslich ist ihre Tante die Kulturbeflissene, die das hier verantwortet, die besagte Tochter wird auch kommen und ihr Mann und vermutlich auch das Balg, und weil hier natürlich jeder weiss, wovon du sprichst, ist es besser, gewisse Dinge nicht zu sagen. Man ist amüsiert, man ist froh, dass es nicht um die unverständliche New Economy geht, und auch das, was das Buch hier bekannt gemacht hat - der Umstand nämlich, dass sich jeder gefragt hat, ob es sein Butzenscheibenimitat war, das in Liquide wenig vorteilhaft beschrieben wurde - kommt nicht vor. Du bist im Minenfeld geboren worden, du hast im Minenfeld gelebt, und du wirst dich am bald kommenden Sonntagsmorgen auch nicht in Gefahr lesen. So zumindest der Stand nach der dritten Geschichte.



In Geschichte vier verlierst du die beste Freundin der Veranstalterin. Alle glucksen und kichern, alle kennen die böse Geschichte: Da war nämlich der Pfarrer K., der alle Kinder in der Schule nötigte, wochenlang vor Weihnachten das Geld für die Pausenbrote, die der Hausmeister zu verkaufen pflegte, in Pappkrippen zu stecken, auf denen der Name der Schüler vermerkt war, und wer nicht genug brachte - das war allen klar - würde wenig Spass haben. Gehilfin von K. war Frau D., und die wiederum hatte eine Schwester mit Blumenladen gleich zwischen Schule und Kirche. Dorthin trug K. das ganze Geld für die hungrigen Negerkinder und kaufte Blumenschmuck für die Kirche, und als es aufkam, predigte er wutentbrannt, dass es doch gut sei, die Kirche tue sowieso alles für Afrika und es sei sowieso alles zum Ruhme des Herrn Jesu Christi, Amen, und die Gemeinde hielt brav das Maul. So war das damals, aber du verlierst die Freundin der Veranstalterin.



Sehr schön, sagt sie nach Ende des Vortrages, nur die letzte Geschichte geht nicht, das können sie hier nicht machen. Jeder weiss doch, wer K. war. Man muss das doch nicht alles aufwärmen, und er hatte auch seine guten Seiten.

Ach? Die 100% für die CSU im Altersheim, das er betreute? Die Erbschleichereien bei der alten Frau O., wegen denen es zum Prozess kam? Die fehlenden Verwendungsnachweise? Die blauen Flecke der Ministranten? insistierst du, weil hier und jetzt der Ort ist, an dem es sich zeigen wird, was geht im schönen Bayernland, über 30 Jahre nach den Ereignissen und 20 Jahre nach dem Tod von K., der so viele Tugenden wie ein Opel Astra mit einen zugekoksten New Economy Gründer am Steuer hatte.



Gut, versucht die Apothekerstochtertante zu vermitteln, es ist ja nur ein kleiner Kreis, im Internet wo viele heute alles mögliche schreiben, also diese Foren da, da wäre es natürlich unschön, solche Geschichten zu lesen, aber unter uns - er war schon schlimm. Das muss man heute schon sagen dürfen. Meine Nichte hatte auch Angst vor ihm, das war noch einer vom ganz alten Schlag. Die Geschichte zeigt ihn, wie er wirklich war.

Sodann wird die Einladungsliste herumgereicht und überlegt, ob ein "Nihil obstat" erteilt werden kann, nicht dass jemand kommt, der brüskiert sein könnte, Familie A. sicher nicht, die B.´s auch nicht, die D. bringt ihre Kinder nicht mit, das sollte auch gehen, Herr Dr. F. ist ohnehin ein Freigeist, Frau F2. hat ihre Kinder noch nicht mal taufen lassen... In dir reift solange der Plan, eine Alternative anzubieten, die natürlich erst noch zu schreiben ist, über die goldenen Tage auf der Empore des Tennisclubs - und als sie beim Klan Dr. L. ankommen, sagst du es: Ich könnte natürlich, ich mein, ich will keinesfalls einen Skandal, und man muss ja auch nicht die Leute verschrecken, das stimmt schon, also, alternativ auch etwas über das soziale Leben auf der Empore des Tennisclubs schreiben, das plane ich schon länger, über die Selbstverständlichkeit, wie dort Schichten zusammenkommen, um dort Sport zu treiben...



Es ist sehr schön, in diesem Garten. Das Grundstück ist gross, das Haus ist ganz hinten, gewissermassen fast an das andere Haus gebaut, das die Parzelle dahinter dominiert. vorne weit, hinten nah beieinander, man kennt sich, grüsst sich, und man nimmt auch das Babygeplärre nicht krumm, ach woher denn, und man redet auch nicht vom Problem, dass der Vater des spät empfangenen Kindes, und man macht auch keine schlechten Witze mit der Übertragung von den Fachwörtern des Tennislehrers auf das andere, man sagt gar nichts, man weiss, jeder weiss, aber man hat keine Ahnung und würde jetzt auch nicht direkt betonen, dass eine Lesung mit einem Tennisclubsittenbild als Höhepunkt weniger schicklich wäre, als das der ahnungslose Betrachter vermuten wollte.



Ach, das ist doch lächerlich, sie müssen sich da gar nicht weiter anstrengen, betont die Apothekerstochtertante ein wenig unwirsch, K. hat so einen Text verdient, ich finde ihn eigentlich sehr gut, und jeder der kommt, weiss doch, dass unser Herr Porcamadonna kein Kind von Traurigkeit ist.

Dann sagt erst mal keiner was, die Luft bläut und die Amsel zwitschert, dass nur sie hier ficken wird. Susi zupft mit den Zehen ein Gras aus der Wiese, und dann sagt die Freundin der Organisatorin sehr langsam, die Oberfläche des angeblichen Unwissens, Nichtgehörthabens zerbrechend: Verzeihen Sie die indiskrete Frage, aber kann es sein, dass sie noch eine offene Rechnung mit der Stadt haben?



Es ist der 20. Juni 2008. Heute feiern sie gegenüber im katholischen Gymnasium das Abiturfest. Vor 20 Jahren ist es ausgefallen. Da hatte man eine begnadete Flötistin wegen einer Lappalie durchfallen lassen, auf die ganz miese, hinterfotzige Tour, wie es nun mal so ist im katholischen Bayern, so dass ihr das erträumte Flötenbaustudium verwehrt blieb, und sie sprang vom Hochhaus. Iris und Susi waren damals dabei, als ihr euch vor der Kneipe getroffen habt, es war ein wunderschöner, blauer Abend, die Luft war mild und V. meinte, dass man jetzt da hingehen sollte und den Drecksladen anzünden. Ihr seid nicht gegangen, ihr habt nichts getan. Manche haben sich untergeordnet, es gab dann noch einen Schub Selbstmorde, du bist geflohen in andere Städte und Länder, Iris hat geheiratet, es ist 20 Jahre her, nur eine Geschichte, eine Rechnung, die noch zu begleichen sein wird, aber nicht durch das Schreiben, das verdrängt nur die Dämonen, aber es bringt sie nicht um, dazu müsste man schon die Menschen erschlagen, und das will doch keiner, in dieser schönen Stadt unter diesem unfassbar grandiosen Himmel des Sommers, der so vieles vergessen lässt.

(Himmel über der Dachterasse, heute von ca. 20.20 Uhr bis 21.40 Uhr)

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