: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 15. Juni 2012

Wenn ich noch Münchner wäre

würde ich am Sonntag gegen die dritte Start- und besonders Landebahn stimmen, und zwar aus vollkommen egoistischen, klassenbewussten und von dem Pack auf Max und Leopold genervten Gründen, die andere vielleicht als kleinlich und unfair abtun.

Aber dann wäre ich noch Münchner, und als solchem stünde es mir zu, dass es mir egal sein könnte, was das Politikgschleaf von mir denkt. Wir haben ihren Transrapid versenkt und ihre Hochhäuser niedergehauen, und wann no oana vo dene...

Ihr habt verstanden. Höflicher, ein klein wenig, steht das in der FAZ.

... link (40 Kommentare)   ... comment


Zwischen halb 9 und 10

Im Winter kam ich oft in die Dunkelheit hinein, weil die Tage nach ein paar Stunden Licht so früh endeten.



In Italien merkt man den Übergang nicht so stark, es ist schön, warm, und länger hell - gut eine viertel Stunde, und es ist eine andere Helligkeit. Man fäkt, wenn man fahren will - und so viel Zeit hatte ich diesmal auch nicht.



Und jetzt sind die Tage so lang, um 10 ist es noch leidlich hellt, und gegen Mittag ist es heiss, viel zu heiss, um sich auf dem feuchten Asphalt zu schinden. Nur ein Radler vermag zu ermessen, wie wichtig Alleen sind, und warum sie noch so oft in Italien stehen.



Man ist hier schneller auf den Hügeln denn im Wald; der Wald kommt erst weiter hinten, und mn wäre lang unterwegs, wollte man jede Minute in der Sonne mit einer Minute im Schatten vergelten - mindestens 3, 4 Stunden vielleicht.



Und aus anderen Gründen als in Italien geht das hier im Moment nicht. Also fliege ich an der Grenze zwischen Tag und Nacht entlang, was ein wenig schade ist.



Das smaragdgrne Klein kommt da leider gar nicht so gut zur Geltung.

... link (1 Kommentar)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 15. Juni 2012

Zuckersüsse Erdbeeren

Dieser dritte Wohnsitz verändert die Wahrnehmung von Deutschland: ich fahre im Spätwinter am Tegernsee los, und in Italien ist zwischen März und Juni kein grosser Unterschied, die Wochen fliessen sa dahin, es ist halt so, wie es in Italien ist: Schön und mild. Letztes Jahr kam ich inmitten einer grauenvollen Kälteperiode zurück, und vorgestern Nacht habe ich überlegt, die Heizung einzuschalten. Gleichzeitig, keine Frage, ist draussen eindeutig Sommer. Es fühlt sich ähnlich wie ein Jetlag an, aber mit Jahreszeiten.

Immerhin sind die Erdbeeren reif (in Italien war das kurz vor dem ersten Beben). Und im Laden hre ich, dass schon länger ein passendes Paket auf mich wartet.











Und den Quark und den Rahmen bekomme ich bei einem Rundweg in der Stadt. Was ich dort nicht bekomme, ist ein Platzerl für die Dame. Eventuell werde ich diesen Sommer doch ein wenig umhängen müssen.

... link (30 Kommentare)   ... comment


Wenn ich Google wäre

würde ich mit dem neuen Leistungsrecht das alte Google News platt machen, mit die 250 besten Onliner des Landes kaufen, es mit eigenen Inhalten neu aufziehen, damit die deutschen Medien im Internet ausknipsen und die führenden, dann ruinierten Verlagsmanager von Springer als Reinigungstruppe für den Saniärbeeich einstellen. Als 1-Euro-Jobber. Und eine Glaswand vor ihnen bauen, an der jeder vorbei muss, der was von Google haben will.

Aber ich bin ja auch evil.

... link (19 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 14. Juni 2012

Madonna della Corona

Das ist einer dieser Orte, wenn man ihn sieht, glaubt man zuerst an eine optische Täuschung.



Menschen können sehr seltsame Dinge tun, wenn sie an etwas wirklich glauben.

... link (23 Kommentare)   ... comment


Frei

Ich war knapp davor, einen grossen Fehler zu machen. Einen sehr, sehr grossen Fehler. Die Sorte Fehler, die andere in unglückliche Ehen treiben. Nur eben nicht mit einer Frau.

Das ist vielleicht auch nur gerecht. Der eine wünscht sich eine dauerhafte Beziehung so sehr, dass er im falschen Moment Ja sagt. Der andere hat andere Schwächen. Bei mir sind es Bücher.

Seit Februar lag ein gewisser Druck auf mir, das Gefühl, etwas wirklich gern tun zu wollen und die Ahnung, dass es nicht gut ausgehen würde, weil vieles einfach nicht glatt und sauber laufen will. Wenn ich in solchen Zwiespalten stecke, kompensiere ich es durch Schreiben, oder anders gesagt, es schreibt mich über all die Sorgen hinweg. Hier jedoch war es genau das Kernproblem, denn es ging um dieses Schreiben. Und da drückt man vieles einfach beiseite. Man kommt weit und weiter, und wenn das eine so gut geht, vielleicht klappt das andere ja trotzdem.

Und dann kam der Vertrag - durch einen Fehler sehr spät. Und dann das Erdbeben - gerade rechtzeitig. Ziemlich viele, eigentlich alle Freunde fanden die Idee, ausgerechnet jetzt, in dieser Zeit nach Italien zu gehen, statt zu unterschreiben und mit dem Geld ein Jahr Urlaub zu machen, reichlich doof. Ein Jahr Nichtstun, ist ja egal, kein Ärger mehr mit den Kommentaren, kein Warten auf das Anteasern mehr, einfach ein Jahr gutes Leben, oder auch länger. Andere würden vielleicht eine Flasche Sekt aufmachen, ich machte mich auf in die Ruinen. Es ist schon ein komisches Gefühl, vor so einer 12 Meter hohen, bröckelnden Kirchenfront zu stehen, wo es keine Absperrung gibt, oben ist alles offen, und die Risse gehen bis ins Fundament, auf einem Steinhaufen gestürzter Trümmer, hochzuschauen und zu denken - jetzt ein 5er, und es wird posthum, wenn sie es von der Festplatte kratzen. Aber soll das mein letzter Text gewesen sein? Das? Und was werden sie daraus machen?

Das 5er kam nicht, aber der Anruf vom Anwalt, der den Vertrag schnell gelesen hatte und nicht zufrieden war. Nun könnte man sicher noch etwas machen, dachte ich am Abend, und tat das, was ich immer tue: Ich kochte einen Tee, hob die Kanne, und das Wasser spritzte über den Herd und die Küchenzeile, und grellrot wurden die blauen Flammen.

Denn das 5eer kam in der Nacht. Die Front brach weiter ein, architektonisch betrachtet ein klein wenig, aber ein paar Kubikmeter Ziegel sind relativ, je nachdem ob man drunter steht oder nicht. Man kann auch nicht anders, als Angst zu empfinden, über das, was ist und das, was man getan hat. Aber es hat in mir die Gedanken wieder gerade gerückt. Das mag blöd klingen, aber wenn man die Wahl zwischen einem Erdbeben und einem nicht unlukrativen Vertrag hat, ist das Erdbeben in seiner Absolutheit und Ehrlichkeit die bessere Entscheidung. Und so wie sich die Erde von der Spannung mit einem Beben befreit, habe ich mich jetzt nach langem Überlegen auch befreit. Vexilla regis Prodeunt Inferni, die Banner des Höllenkönigs kamen auf mich zu, ich habe sie gesehen und gespürt. Es ist alles nicht wichtig, das Erdbeben ist gross, und was wir auf seiner brüchigen Kruste tun, sagen oder schreiben, ist bedeutungslos.

Ich war zwischen Reggiolo und Gonzaga, ich sah die Zelte auf Wiesen und unter Bäumen, ohne Sanitäranlage, und an Bächen, sie sind da seit Wochen und werden Monate bleiben, immer so weiter an den Strassen, 60 Kilometer lang und 40 Kilometer breit:

















Ich liege in meinem warmen Bett, ich bedaure ausser den Menschen dort unten nichts. Was ich schreiben musste, habe ich geschrieben.

... link (38 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 12. Juni 2012

Unstatthafte, aber passende Vergleiche

Sie selbst nennen sich vielleicht "Berliner Piraten" oder "Berliner Abgeordnete" oder "Piratenfraktion"; ich jedoch bezeichne sie als Ehssan Darians missratene Rasselbande, , die in ihrer unerträglichen Art auf dem gleichen Weg wie StudiVZ ist. Zumindest in meinen Augen sind die destruktiven Qualverwandtschaften offensichtlich.

... link (12 Kommentare)   ... comment


Noch einmal nach Mantua

Es war von Anfang an klar: Diesmal würde ich keine Wochen und Monate dort verbringen. Diesmal war ich offiziell dort, mit Reiseantrag und Unterschrift und Lieferbedingungen, es war beruflich. Es ist ein seltsames Gefühl, die Region, die in den letzten Jahren meine dritte Heimat wurde, mit allem, was dazu gehört, Rituale, eine Wohnung, Räder in der Garage und Bekannten, plötzlich wieder als Reporter zu bereisen. Aber das löst sich dann auch irgendwie, denn Mantua ist zu schön.



Genau genommen: Alles zusammen in meinen Augen die schönste Stadt, die ich kenne. Natürlich gibt es auch hier Nachteile, und ich bin nicht blind für die Probleme, aber den perfekten Ort gibt es nicht. Mantua gibt mir aber rundum ein gutes Gefühl, in den Monaten, da ich dort lebe.



Und sie tun alles, um das Elend des Terremoto zu überdecken, zu kaschieren, es abzuwaschen und zu vergessen. Mantua ist eine sehr lebensfrohe Stadt. Also machen sie weiter.



Sie machen die Stadt sauber und wischen den Staub weg, der aus den Gebäuden gerieselt ist.



Und plötzlich, nach Jahrzehnten, passiert auch auf der Rückseite des Rathauses etwas. Sofort. Wer hätte das nach all der Zeit gedacht?



So gross ist das Vertrauen, dass sie nun wieder vor dem gebrochenen Turm an der Piazza Mantegna stehen, als wären die Gitter bedeutungslos.



Die Mauer dort gilt als baufällig, aber die Gitter stehen nah dran, was soll da schon passieren. Der Schock, als man hier alles zur Zona Rossa erklärte, ist weg.



Und bald darauf das Gitter auch. Jemand hat es weggebracht. Die Risse des Erdbebens sehen auch so aus, als wären sie schon seit jeher in der Wand.



Auch der Kreis der reichen, alten Damen ist wieder in der Bar Venezia, als wären sie niemals weggeblieben. Es geht wieder um die wirklich wichtigen Dinge des Daseins, um Ehen, Kinder, Todesfälle.



Mein Lieblingsstrassenmusikant ist unüberhörbar wieder da, und schrammelt, wie immer bestens gelaunt, Lieder der Sehnsucht über die Plätze.



Und unausrottbar wie das Unkraut und bewehrt mit Ponadersandalen aus jenem Gummi, aus denen er ansonsten Panzerketten macht, der bildungshungrige deutsche Tourist, unbeirrt wie ein Panzer IV in Schönheit nach jenem Stil suchend, für den er erst mal Schuhe kaufen gehen sollte.



Nur manchmal trifft es einen wieder, dieses Entsetzen. Der Wochenmarkt am Donnerstag fällt aus, und wo früher Frauen diese pervers hohen Schuhe kauften, ist immer noch alles gesperrt, und wird es lange bleiben.



Aber es gibt ja auch Alternativen, wohlbekannte, beste und oft beschriebene Häuser, wo sie inzwischen wieder die CD mit den Italohits der 60er Jahre laufen lassen, und mitsummen.



Also setze auch ich mich hin, denke nicht mehr an die Zona Rossa, nütze den Augenblick und bestelle, was ich immer bestelle. Das hier ist die Kantine, die ich in meinem Berufsleben haben will.



Auf dem Weg zum Schuherwerb - was wäre Italien ohne neue Schuhe - komme ich noch an jenem barocken Palazzo vorbei, schaue mir den Stuck an und sage mir: So ist das. Unten rumoren die Drachen in der Erde und drohen alles zu zerstören, aber darüber werden Füllhörner des Lebens ausgeschüttet. Das ist es. So ist dieses Land. Schon immer gewesen. Man muss es nehmen, wie es ist.



Dann radle ich heim, räume meine Wohnung auf, verstaue das Rad in der Garage, packe nicht allzu viel ein, wozu, ich bin ohnehin bald wieder hier, und mache mich auf den Weg, entlang der üblichen Route, und überwältigt von der Schönheit des Landes.



Spät komme ich heim, öffne ein Paket, koche noch, setze mich an den Rechner und lese Liebensgrüsse von den Drachen:

#terremoto Ml:4.3 2012-06-12 01:48:36 UTC Lat=44.88 Lon=10.89 Prof=10.8Km Prov=MANTOVA,REGGIO EMILIA,MODENA
von Novi di Modena, Modena

Ich möchte gerne zurück. Aber niemals mehr aus so einem Grund.

... link (8 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 11. Juni 2012

Einmal um Mirandola herum

Noch einmal wollen wir nach Süden fahren. Dorthin, wo nicht nur ein paar Häuser, sondern eine ganze Stadt gesperrt ist.



Mirandola liegt auf dieser Karte hier genau dort, wo die drei Sterne so nah zusammen sind. Entsprechend wird man schon am Ortseingang begrüsst.



Und machen wir es wie die ehemaligen Bewohner, die hier in den Camps sind. Gehen wir einmal um die gesperrte Altstadt herum und schauen.



Hier geht es zum Corso, der guten Stube der Stadt, wo man sieht und gesehen wird. Das geht jetzt natürlich nicht, aber es sind wenigstens Stühle da, damit man betrachten kann, wie sich der Katastrophenschutz durch die Zona Rossa bewegt.



Daneben steht das Pestkirchlein, zum Dank für die Verschonung von der Seuche errichtet. Noch. Ich glaube nicht, dass man es wird retten können.



Und jetzt - es kommen noch viele Bilder - bitte weiter in den Kommentaren.

... link (4 Kommentare)   ... comment


Diese Stützen tragen noch

Nach 8 Tagen Auszeit wegen Terremoto Neues bei der FAZ vom Klassenkampf von Oben: Heute mit Riestersparern, die keine Heuschrecken sein wollen, und Banken, die ihnen für die Transfersteuerverhinderung die Pistole an den Kopf drücken, und Journalisten, die sich auf Kommendo entsetzt geben und die Regierung bitten, solch einträgliche Mafiamethoden doch nicht zu schädigen.

... link (29 Kommentare)   ... comment


Assolutamente

Halt! Stehenbleiben! Sind Sie wahnsinnig? Da sind Risse im Torbogen, dahinter sind zwei Türme und eine ganze Kirche schwer beschädigt!



Absolut kein Zutritt für niemanden! Assolutamente! Auch auf Englisch! Keine Ausnahmen, nichts da.



Und damit auch jeder weiss, wie ernst uns das ist, haben wir schwere Barrieren aus Eisen aufgebaut, die für jeden Vierjährigen fast unüberwindlich sind, wenn er gefesselt ist, und rotweisse Bänder daran geknotet. Doppelt!



Auf der einen Seite. Auf der anderen sind die Angestellten raus, von 12 bis 4 ist Mittagspause, und das Neuverknoten ist zu viel Arbeit, wo es doch assolutamente verboten ist, das hier zu betreten.



Ja, so ist das hier bei uns im Weltkulturerbe. Wir kümmern uns, wir nehmen das ernst. Und vielleicht in vier oder fünf Jahren, wer weiss



ist der Taubendreckhaufen auch so gross geworden, dass er von selbst vom Eingang zu einem der schönsten Innenhöfe Italiens assolutamente herunterfällt. Wozu sich jetzt schon damit abtun?

... link (2 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 10. Juni 2012

Der sichere Hafen

Mantua und die Erdbebenregion, das ist so wie Jaffa und Gaza. Unten ist es schlimm und oben badet man in Zufriedenheit, mit dem Gefühl, sich das verdient zu haben. Forneria delle Erbe, Abulafia Bakery, Bar Venezia, Andromeda Hill.






... link (9 Kommentare)   ... comment


Preisstabil seit dem 29. Mai.

Hotel International, Quistello, Mantova.



Das erste Haus am Platz. Sauber und gerade in jeder einzelnen Fensterachse von oben nach unten gebrochen.



Als wäre es in eine Brotschneidemaschine gekommen.

Mal scheint es, als gäbe die Erde Ruhe, aber dann zittert sie in der Zone wieder viermal in einer Stunde.

... link (2 Kommentare)   ... comment


Und die Kapellen

Von den über 100 schwer beschädigten Kirchen wird man mindestens 14 abreissen müssen, sofern da noch etwas zum abreissen da ist. Die Franziskanerkirche In Mirandola, die 1943er Neorenaissancekirche in Mirabello, und eigentlich will ich mich auch gar nicht an den Spekulationen beteiligen. ich war bei einer Kirche auf dem Land, die sieht gar nicht so schlimm aus, aber es wird einfach kein Geld da sein. Pfarrer gibt es schon lange keinen mehr, Messen alle paar Wochen mal. Aber Schlimmer sind solche Fälle:



Das Oratorio San Venerio in Reggiolo steht für all die anderen Kapellen in der Landschaft. Die hier ist an der alten Strasse von Gonzaga am Po Richtung Süden und weiter nach Reggio und Rom; und man darf wohl vermuten, dass hier im Mittelalter der Friedhof der Siedlung war. In dieser Lage gehört das Kirchlein zwingend zur Kirchenausstattung des Ortes. Zumal San Venorio auch der Schutzpatron des Ortes ist; mit ziemlicher Sicherheit war hier die erste Kirche, bis man später im Ort selbst jene Pfarrkirche baute, die auch schwer beschädigt ist. Und weitere Kapellen an den Ortsrändern.





Aber der romanische Campanile der Kapelle, der zu einer sehr viel älteren Kirche gehört, kennzeichnet das frühe Bauen in diesem Ort. Diese Kapelle, mag sie auch im Rokoko neu errichtet worden sein, muss hier stehen, hier beginnt die Geschichte, hier ist der Ort verankert, und die Geschichte sollte nicht nach 800 Jahren zu Ende gehen. Aber zugleich ahnt man: Das wird eine teure Sache werden.





Und in Reggiolo schaut es schlimm, sehr schlimm aus. Die Jugensdstilvillen, das Theater, das Rathaus, die ganze Innenstadt ist Zona Rossa. Das Landhaus gegenüber der Kapelle braucht ein neues Dach. Wer soll sich da um so ein Gebäude ohne Funktion kümmern?

Ich weiss, warum man das tun sollte, aber das wird die Menschen nicht sonderlich anrühren. Es ist verständlich. Aber das ist das Drama, das gerade passiert, auf 2400 Quadratkilometern. Die, wenn nicht schnell etwas passiert, in 10 Jahren viel, so viel verloren haben werden.

... link (6 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 8. Juni 2012

Die Putztruppe

Und plötzlich ist viel Polizei da. Leute mit offiziellen Ansteckern und Funkgeräten und Schuhen, wie man sie hier nicht tragen kann. Nicht von hier. Zu gut angezogen. Die Lieferwägen zu neu und glänzend. Die Leute von hier sind alle aus den Wohnungen gezwungen worden, und jetzt im Lager, nur mit ein paar Koffern. Die sehen nach zwei Wochen Camp nicht mehr so aus. Sie würden in der absolute verbotenen Zone auch keine weissen Hemden tragen. Die ganze Stadt ist leer. Keiner mehr da, ausser den Tieren. Die neuen Leute teilen Teams ein, befehlen, verteilen Aufgaben, klären eine Route durch die tote Stadt. gehen rein, und machen sie hübsch, säubern die Steinhaufen. TV-Teams bringen sich in Stellung. Der Präsident kommt, und seine Leute sind schon am Abend vorher fertig. Mirandolo ist tot, aber sauber, der Dreck davor wird noch verstaut und weggebracht. Dann kann der Präsident kommen.



In den Camps sagen sie, es hätte halt gedauert, bis die Teams geplant hätten, wie die Bilder aussehen sollten. Die Hiesigen sind noch entsetzt, aber auch schon misstrauisch. Sie haben gesehen, wie die kamerateams gingen, und jetzt wieder kommen, aber nicht wegen ihnen und ihrer Geschichten. Die Putztruppen haben neue Schilder dabei, auf denen steht, dass die Stadt auferstehen wird. Es soll wirken, als hätten es die Hiesigen gemacht, aber die Hiesigen haben nicht mal neues Band, um ihre Läden abzusperren. Die Putztruppe macht einfach, was und wo sie will. Die Putztruppe ist der Herrscher der Stadt. Alle anderen sind im Lager.



Immer öfter höre ich das Wort. Jetzt, da sie wissen, dss sie den ganzen heissen Sommer im Lager sein werden, weil es einfach nicht anders geht, wenn sie nicht weg können, taucht es auf. L'Aquila. Sie haben Angst, dass sie hier zwischen den Schnellstrassen und Bahnstrecken zu den reichen Städten in den fünf, sechs am schlimmsten betroffenen Orten einfach vergessen werden. So viel wäre zu tun. Aber die Putztruppe hat allein schon zwei Wochen gebraucht, die Stadt nur für den Durchmarsch des Präsidenten und der Regionalpoloitiker zu sichern, die man in den Lagern nicht oft sieht. Monti dagegen steht vor einem Misstrauensvotum und ist in Rom. Der Staat hat andere Sorgen, wegen Spanien und der Banken. L'Aquila, sagen sie hier, könnte das hier werden, wenn die Putztruppe weg ist, und nur das Plakat bleibt. In L'Aquila war es auch so.

... link (15 Kommentare)   ... comment


Grotesk

Die meisten kennen das vielleicht. Das Telefon klingelt, man sieht die Nummer, und ahnt, dass die anrufende Person, die an sich durchaus gute Seiten und Qualitäten hat, nun mal ihre miese Laune rauslassen möchte. Ganz grosses Theater.



Natürlich geht man trotzdem ran, immer diese dummen Vorahnungen, eigentlich ist sie ja gar nicht so - und dann ist es prompt schlimmer. Irgendwas passt nicht, irgendwo ist der Wurm drin, und das ist die Gelegenheit, jetzt mal richtig aufzudrehen. Hier weiss sie, dass sie es kann, am anderen Ende ist ja ein netter, höflicher Mensch.



Und man denkt dann so bei sich: Ein Ausweg muss her. Ich packe dieses Gekreiche nicht mehr. Manchmal ist es noch übler, da gibt es keinen Auswegm die schlechte Laune ist nicht nur am Telefon, sondern auch in Persona m Anmarsch. Das ist dann doppelt schlecht. Man weiss, was kommen wird, aber so ist es halt. Und mit so einem Gefühl bin ich nach Quingentole gefahren. Ich wusste, was ich sehen würde.



Ein Jahr harte Arbeit, ehrenamtlich, freiwillig, mit dem Ziel, Kultur in die Provinz zu bekommen, zerstört. Da hilft keine Kirchenkollekte und kein Sponsor, das ist nun mal so, wie es ist, und schlimmer. Sicher, das Theater ist faschistisch im Stil, aber gut erhalten, mal von der Bühne abgesehen, und sie wollten nette Dinge tun.



Die Betroffenen sind erfreulicherweise aber gar nicht so wie das, das ab und zu angerufen hat, um Tage zu ruinieren mit schlechter Laune. Sie sind optimistisch und kämpferisch und machen weiter, und fast schäme ich mich, weil ich, nun, ich könnte auch anders, mich zwingt ja keiner, ich könnte genauso an den Gardasee, alle anderen werden vom Erdbeben unterjocht, ich bin freiwillig hier, ein Tourist der Katastrophe, den sie irgendwann wieder abziehen werden, und der nicht helfen kann, das alles aus dem Dreck zu ziehen. Aber ich kann schreiben.



Und dann sagt der Sindaco, ich sei ja interessiert an solchen Sachen. Ob ich vielleicht die Fresken von Giulio Romano sehen möchte? Die zeigen sie nicht dauernd her, das geht gar nicht, da müsste man noch viel machen, aber das hier ist nicht nur das Rathaus, sondern auch die Villa, die sie zum Palazzo del Te dazu hatten, auch von Giulo Romano ausgemalt, weiss nur keiner, oder nur wenige, und wenn ich will - natürlich will ich. Ich habe mit dem Schlimmsten gerechnet, es war vielleicht noch etwas schlimmer als gedacht, und dann diese Überraschung.



















Es mag seltsam klingen, dieser Tag war, Kilometer für Kilometer, als würde mir jemand einen schweren Gegenstand auf den Kopf schlagen. Ich habe 1500 Bilder, davon herzeigen würde ich vielleicht die Hälfte, die andere, bedaure, ich will nicht, dass man dieses Land so sieht. Es ist schon schlimm genug. Aber dort oben, allein, bei den tanzenden Nymphen und Faunen, das war vielleicht auch der schönste Tag des Jahres. Trotz allem. Weil der Tag schlimmer war, als ich es mir vorstellen konnte, und doch so viel schöner, als ich je geahnt hätte.

... link (6 Kommentare)   ... comment


vorrun.de/naus/deutsch.html

Buffering 99%

... link (2 Kommentare)   ... comment


Abholhilfe gesucht

An das Ministerium für Entwicklung und Wirtschaftliche Freundenzuarbeit.

Sehr geehrte Damen und Herren,

aufgrund meiner besten Bezihungen zu Ihrer Partei (häufig schreibe ich über Ihr im Piratenvorstand zwischengeparktes Machtzerstörungsinstrument genannt Schramm) möchte ich Sie hiermit ersuchen, im persönlichen Freundeskreis von BND, MAD, STASInachfolgeorganisationen im Bundeskanzleramt und der hessizilianischen Landesregierung nach Möglichkeiten zu suchen, mein für den Gepäckträger etwas zu sperriges Umberto Dei aus Italien nach Deutschland zu bringen.



Dem Abholenden würde ich dann auch noch eine Liste von Besorgungen bei Bacchi in der Via Orefici sowie im Ca' da Trifulin mitgeben, die sich aber auch auf dem Mercato Contandino, immer am Samstag, erledigen lassen würden. Als Dankeschön gibt es ein persönliches Dankeschön!

Das geht alles ganz locker und ich brauche auch keine Auftragsmorde, atomwaffenfähigen U-Boote oder Koffer von den Saudis.

Mit besten Grüssen, Ihr

Don Alphonso vom Orden der tretenden Pedalritter

P.S.: 1400 lumpige Dollar für 9m² Teppich im Blöde-Touristen-Tarif? Ist das ein Industrieteppichboden? Boah. Arme S. Und arme Hunde, die darauf schlafen müssen!

... link (22 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 7. Juni 2012

Neueste illustrierte Nachrichten aus Mantua

+++ Trotz politischer Einflussnahme: Der Palazzo Ducale bleibt vorerst geschlossen. Este deutsche Touristen müssen woanders Haltungsschäden beweisen +++



+++ Aufgrund des verringerten Besucheraufkommens: Zum ersten Mal seit 1486 ist hinter der Piazza delle Erbe Zeit, die Lüftung zu entfetten +++



+++ Nach Verlust der alten Quelle: Der Zeitungsstand unter den Arkaden hat sogar mitunter die FAZ wieder im Angebot - Mittagspause gerettet +++



+++ Schulfrei: Weil die Kinder besser im öffentlichen Raum als in den maroden Schulen sind, haben die grossen Ferien begonnen. Mantua voller Jugend zu ungewöhnlichen Zeiten +++







+++ Und die gute Nachricht zum Schluss: In der Bar Venezia wieder durchgängig Porzellan, kein Einweggeschirr bei Panini mehr. dafür Zierrucola. +++

... link (25 Kommentare)   ... comment


Lustig

Als die Piraten im letzten Jahr mit dem alten Vorstand in den Umfragen auf 13% hochschossen, jubelte der Berliner Klüngel, der sich dann an die Macht putschte.

Seitdem ist wegen der Querelen und dem Ausbleiben der Sachpolitik die Wählergunst in der gleichen Umfrage auf 9% abgesackt. Oder anders gesagt: 30% der möglichen Anhänger wurden vergrault. Das ist viel

Und die neue Bundesvorständler, die das zu verantworten haben haben, sagen jetzt gar nichts mehr über Umfragen, die irgendwie fatal nach der Linken aussehen.

Transparenzservicebeitrag.

... link (3 Kommentare)   ... comment


Der Marmor hat gehalten

Aber der Stein bricht. Baujahr 1902.



Nicht erhaltenswert.

... link (2 Kommentare)   ... comment


Angst und Trauma

Ich würde es vielleicht so sagen: Zum Trauma ist noch viel Platz. Ich sehe hier jeden Tag haufenweise traumatisierte Menschen, Mantua klingt anders als San Benedetto, Quistello, wo sie die Sandgeysire in den Häusern hatten, klingt dann schon fertig und Finale Emilia oder Mirandello, wo die ganzen Stadtzenren zu sind, sind so still und leise, wie ich mit Buxtehude vorstelle. Ich gehe da rein, gehe so nah ran wie möglich, und gehe wieder raus, und fahre heim nach Mantua, dieses rot geschleifte, lebenspralle Geschenk von einer Stadt, das so viel hervorbringt an Freude und Vergnügen.



Ich achte darauf, dass es mir nicht zu viel wird. Manche, und man kann es ihnen nicht verdenken, sind hysterisch und nicht mehr rational, aber das wäre ich auch nicht, wenn ich mich für 30 Jahre verschuldet hätt, um ein Haus zu kaufen, für das ich mir eine Weile die Versicherung wegen la Crisi gespart habe. Da würde ich vielleicht auch Ideen haben wie "Ich bleibe hier und wenn was passiert, kann ich ja was machen". Wer sich hier umschaut weiss, dass man gar nichts machen kann: Da, wo ich heute war, stehen drei identische Villen nebeneinander, alle drei bestens saniert, zwei stehen und bei einer hat es die Fiundamente zerrissen. Totalschaden. Oben ist sie intakt, aber aus dem Souterrain kotzt der Keller die Steine. Da ist man machtlos. Aber eben auch traumatisiert. Ich steige ins Auto und fahre in die sichere Zone. Nicht mein Haus, nicht meine Nachbarn, wenn es hochkommt, Drittwohnsitz, drei Monate im Jahr. Hier wackelt vielleicht mal die Lampe, das ist aber auch schon alles.



Aber es ist kein Thema, das man einfach mal so nebenbei macht. Ich bin heute wo reingekommen, wo man nicht rein darf, nicht wegen der Gefahr, sondern weil es Bereiche gibt, bei denen kein Text mehr etwas ändern kann, und ich war froh, nicht allein zu sein; danach ist es gut, wenn man mit jemandem reden kann. Es ist Sommer. Es ist Italien. Es ist das schönste Land der Welt, aber Tag für Tag fahre ich in die Zona Rossa, weil ich weiss: Jetzt irgendwohin fahren, wo es einfach nur schön ist, wäre emotional höchst belastend. Man kann den Dämonen nicht davonlaufen, so, wie die Leute von Quistello dem Schwanz des Teufels, das ist der Betoncamapanile, der zu fallen droht, nicht entgehen können.



Die anderen Türme brechen ein wie das World Trade Center, sie zerbersten beim Umfallen und gehen senkrecht in den Boden. Der Turm von Quistello ist massiv, aus Stahlbeton, und hat das Beben gut überstanden. Aber dort, wo er über seine zu schwache Fundamentierung hinfallen wird, ist die Schule und vieles andere, was die Gemeinde sehr viel Geld kosten wird. Und sie müssen damit leben, jeden Tag, jede Stunde, vielleicht kommt ein Beben, vielleicht sacken auch die Fundamente durch, einfach so, weil hier Sand im Boden ist, und den hat das Beben herausgedrückt. Der Turm ist ein bleibendes Trauma. Ich fahre weg. Mit der Angst werde ich schon fertig.



Und deshalb kann ich am nächsten Tag auch wieder rein.

... link (7 Kommentare)   ... comment