Nachruf

Ich habe in den letzten Tagen nicht gut und nicht viel geschrieben. Weil ich zunehmend widerwillig etwas anderes schreiben musste, was ich eigentlich hasse. Einen Nachruf für ein Buch. Wenn ich einmal sterbe, ist mein letzter Wunsch: Haltet Euer Maul, verschwindet, raus mit Euch, geht feiern, ihr könnt nichts mehr tun, ich kriege es nicht mehr mit, und irgendwann ist es auch für Euch zu spät. Alles, nur kein Nachruf.

Aber egal. Es ist ja keiner gestorben, es geht nur um eine Webseite.

Dotcomtod - wir tanzten auf ihren Gräbern

Die Geschichte von Dotcomtod ist in Jahren gerechnet kurz. Gegründet wurde das Portal für exitorientierte Unternehmensmeldungen von drei Berliner Freunden, die unter den Namen Lanu, Joman und Boo agierten, im Jahre 2001. Beteiligte täuschen sich leicht; die meisten "fühlen", dass Dotcomtod mit dem Niedergang der namensgebenden Dotcoms im April 2000 startete, aber tatsächlich verbreitete sich die Nachricht dieses Projekts zuerst auf der Fachmesse CeBit 2001, also ein Jahr nach dem Beginn der Krise des Neuen Marktes. Drei Jahre später wurde Dotcomtod wegen rechtlicher Probleme und innerer Querelen unter den Beteiligten abgeschaltet. Ein langes Dasein - war es nicht.

Aber was für ein Dasein! Dotcomtod war das erste, von Nutzern gestaltete Internetmedium, das es geschafft hat, in Deutschland der professionellen Konkurrenz über lange Zeit die Schau zu stehlen und die Kompetenz zu vermitteln, die andere nicht hatten oder haben wollten. Ein Haufen käuflicher Hypemedien zum Thema New Economy ging in diesen Jahren unter, grosse mMedienhäuser machten Millionenverluste, aber die kostenlose, nicht kommerzielle Webseite Dotcomtod hörte nicht auf, Nachrichten zu veröffentlichen, die sich sehr oft, zu oft als wahr herausstellten: Entlassungsrunden und panische Geldgeber, Pleiten und verbrannte Milliarden. Es war ein täglich geschriebenes Worst Case Szenario. Die meisten Firmen, die dort Eingang fanden, verliessen es später als knallroter, insolventer Exit, und das einzige, was von ihnen blieb, waren Erfolgspunkte für den erfolgreichen Autor, der die Pleite verkündete. Um es brutal, aber ehrlich zu sagen: Sie krepierten, damit Dotcomtod leben konnte. Es musste ihnen schlecht gehen, damit die Autoren ihren Spass hatten. Dieser gnadenlose Zugang zum Gegenstand der Berichterstattung war angesichts der sonst weit verbreiteten Unterstützung von Firmen durch die Medien einzigartig.

Im Kern war Dotcomtod noch nicht mal eine Nachrichtenseite wie sein amerikanisches Vorbild, sondern ein Spiel. Wer sich dort anmeldete, suchte sich einen Tarnnamen wie "Peter H.", "Che2001" oder "Q.". Als solcher konnte er dort Meldungen über den Niedergang von Firmen schreiben: Für eine normale Meldung gab es 20, für eine Insolvenz 100 Punkte. Ziel war es, so viele Punkte wie möglich zu sammeln, um damit auf die Topliste der besten Sentinels - so der Name der Mitglieder - zu kommen. Zu Beginn hatte Dotcomtod ein kleines Problem, weil es nur möglich war, andernorts bereits veröffentlichte Nachrichten abzuschreiben. Recht schnell wurde dann aber die Kategorie Insider eingeführt und belohnt: Von da an konnte man auch die Dinge schreiben, die nicht in den Medien standen. Die Insiderberichte machten aus einer Sammelstelle für schlechte Nachrichten die gefürchtete Hinrichtungsstelle, die der Welt sorgsam verheimlichte Schieflagen aufzeigte.

Es gab viele, die daran ein Interesse hatten. Die New Economy ging nicht in Ehrlichkeit und Einsicht unter, sondern mit einer bis dahin in der Wirtschaftsgeschichte nicht gekannten Blase aus Lügen, Verrat, Betrug und Abzockerei. Der Börsenhype hatte viele Milliarden in den Markt gepumpt, jeder wollte dabei sein, und alle hatten den Wunsch, noch schnell zu kassieren. Unfertige Firmen legten am Neuen Markt völlig überbewertete Börsengänge hin, es gab Kriminelle wie im Fall Comroad und pervers überzogene Zukunftsversprechen wie bei Intershop. Die berufliche Existenz vieler schnell angeworbener Journalisten hing davon ab, dass es mit dem goldenen Zeitalter weiter gehen würde. Die Rechnung bezahlt haben die ausgetricksten Kleinanleger, die ausgebeuteten Praktikanten, die Angestellten, die auf vermeintliche Berufe der Zukunft gesetzt und damit eine sichere Anstellung verloren hatten. Die New Economy erschuf ein Ungleichgewicht beim Reichtum und der Wahrnehmung der Realität. Manche hatten einfach keine Lust auf Lügen, PR und Täuschung. Die gingen dann zu Dotcomtod. Nicht, weil sie Dotcomtod unbedingt mochten. Es gab einfach keine andere Alternative.

Es war diese Kombination aus Fachwissen und zentraler Anlaufstelle, die Dotcomtod zu einem Selbstläufer machte. Dotcomtod war der Ort, an dem man schreiben und diskutieren konnte, was andernorts verboten war. Bei Dotcomtod sah man das wahre Ausmass der Krise, nicht nur die geschönte Version der Medien. Man hat den Schreibern oft Sozialneid oder Rachegelüste nachgesagt. Soweit ich die Sentinels jedoch kenne, waren es Leute, die irgendwann einfach nicht mehr die Lügen ertragen haben. Es waren Berater und Firmengründer, Designer und PR-Schreiber, Programmierer und Studenten. Man hätte die Sentinels nehmen und mit ihnen ein vorzügliches Team für ein Startup bilden können. Vielleicht war Dotcomtod das letzte Projekt, in dem all das Positive der New Economy - die Aufgeschlossenheit, die Motivation, die Gemeinsamkeit - noch einmal spürbar war. Eine Utopie der New Economy, als sie längst morsch, verfault und schimmlig war.

Natürlich war der Ton bei Dotcomtod nicht das, was man als angemessen oder fair bezeichnen würde. Die Beiträge waren schonungslos, brutal, laut und voller Schadenfreude. Der Tod mancher Firmen wurde über Wochen und Monate begleitet, erhofft und ersehnt. Man kann es zynisch nennen, aber was an den technisch-unmenschlichen Begriffen der Medien - wie etwa "Marktbereinigung" oder "Reorganisation" - besser als Pleite oder Entlassungsorgien sein soll, wurde von den Medien nie hinreichend erklärt. Die schuldigen Unternehmer, die nur zu leicht gute Presse für das nächste unverantwortliche Hypeprojekt bekamen, konnten bei Dotcomtod nicht mit Schonung rechnen. Es war das publizistische Rennen zwischen den auftoupierten Pudeln der Häuser Burda, Holtzbrinck, Turi und G+J, und den Wölfen der freien Wildbahn. Es war ein Rennen über eine lange Strecke, aber das, was heute die allgemeine Meinung über die New Economy ist - eine entsetzliche Fehlentwicklung durch unverantwortliche Zocker und Versager - stand mit vielen Meldungen zuerst bei Dotcomtod.

Bis zum Ende blieb Dotcomtod eine Pflichtseite für alle, die in diesem Bereich tätig waren. Das Problem war jedoch der Erfolg: Mit dem Sterben der Dotcoms, mit dem Untergang der schönen, neuen Wirtschaftswelt und der Flucht seiner Protagonisten in die Old Economy wurde das Betätigungsfeld zunehmend eng. Die Erkenntnis, dass die meisten Firmen Müll waren und der Nemax nie wieder steigen würde, hatte sich allgemein durchgesetzt. Der Mainstream hatte die Botschaft von Dotcomtod akzeptiert, hakte das Thema ab und wandte sich neuen Themen zu: Dem Boom der Banken, den sensationellen Eigenkapitalrenditen, der deutsche Export, der Aufstieg Irlands, Osteuropas und der Schwellenländer. All das, was gerade in der nächsten, identisch gestrickten Blase zusammenbricht.

Nach rechtlichen Problemen und internen Querelen über die Verantwortlichkeit wurde Dotcomtod 2004 von einem Gründer gegen den Wunsch vieler Mitarbeiter abgeschaltet, und der Nachfolger Boocompany ist trotz einiger aufgedeckter Skandale nie mehr so erfolgreich gewesen. Manche Sentinels gingen eigene Wege. Für ein paar Jahre war Dotcomtod der Ort, an dem man im Netz gewesen sein musste. Es war eine wilde, laute und zügellose Party gegen die etablierten Medien, es war hochgradig erfolgreich und hat seinen Teil dazu geleistet, die New Economy zu beenden. Dotcomtod hat am Ende bestimmt, was der Nachwelt an Wissen über diese Zeit erhalten bleibt. Das ist mehr, als viele lasche, vergängliche Postillen von sich behaupten können.

Medien müssen auch irgendwann sterben. Aber wenn sie schon sterben müssen, dann nur so, wie Dotcomtod. Wir haben auf ihren Gräbern getanzt. Die Legende von den wilden Tagen der Wölfe auf der kotztütenblauen Seite lebt weiter. Eine Webseite mit php und Leuten, die die Wahrheit sagen wollen, reicht aus.

Donnerstag, 22. Januar 2009, 21:12, von donalphons | |comment

 
Legende, weil Anonymität gepaart mit subversiver Wahrheitsliebe aus dem deutschen Internet fast verschwunden ist.

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Anonymität ist in Gartenhausenzwergistan etwas ganz arg unfeines. Wenn man etwas zu sagen hat, hat man gefälligst mit dem eigenen Namen einzustehen. So die Meinung nicht weniger aufrechter Bürger und Mitglieder vor allem der besseren (Medien-)Gesellschaft.

Aus diesem Grund gibt auch (fast) jeder Realnamler immer nur KuschelmuschelWeichspülZeugs von sich oder lügt gleich wie gedruckt, denn die Wahrheit tut nunmal verdammt weh und provoziert dadurch üble Reflexreaktionen, welche dank des netten Gartenhausenzwergischen Abmahnwesens und der Pressekammer Hamburg auch noch kräftig Unterstützung bekommen.

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Sehr schön dargestellt! –

Was hat es mit dem Buch auf sich?

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Es geht um eine Sammlung der Gewinner des alternativen Medienpreises (you know, the guys with the piano) und um Bürgermedien generell.

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"the guys with the piano"
Das wird für mich immer zu meinen schönsten und witzigsten Abenden gehören.

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dotcomtod war damals eine Offenbarung.
Täglich mehrmals reinschaun war Pflicht. Nicht nur wegen dem Entertainment, es hat mich auch damals vor Fehlentscheidungen bewahrt, sei es toller Job oder 1a Anlagemöglichkeiten.

Und es war immer sehr spannend zu lesen.

Hab mir sogar damals ein Soli-T-Shirt gekauft (spreadshirt *hüstel*). Spannt jetzt etwas um den Bauch.

Eine bessere Website als die damals ist mir bis jetzt eigentlich kaum untergekommen. Mittlerweile bloggt halt jeder vor sich hin, aber damals kam alles zusammen: lanu, Don, noergler, che, PerterH, netbitch, etc., auch die goergens-family als Quotentroll war grad noch irgendwie lustig.

dotcomtod war wichtig! Und gut! Und großer Spass!

Warum sich jetzt einige aus der Zeit so abgrundtief hassen, muss ich nicht verstehen. Kommt vor. Die Beatles konnten sich irgendwann auch nicht mehr ausstehen. Egal.

Als Leser bin ich beim Don hängen geblieben, nicht nur wegen der Blogbar. *

Egal. Ich wollt's loswerden. Kommt vom Herzen.



* Bin ich halt Groupie. Groupies können es sich aber aussuchen. Und Groupies sind wählerisch. Nehmen nicht jeden.

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Weil es auch bei DCT eine Fassade und ein Familienphoto gab, das nicht alles erzählt hat. Da gab es einen Schwippschwager namens Rob Liebwein, ein Abhauen und eine Bemächtigung, eine Weigerung, die Domain zu übergeben und ab und zu auch Versuche, ein paar historische Fakten neu zu schreiben und sich in Szene zu setzen. Und wenn jemand anfängt, nur zwecks ein paar Links einem anderen beruflich zu schaden, der sie einen Dreck angeht, dann ziehe ich Konsequenzen, egal was war. Irgendwann ist es halt zu viel. Leute ändern sich. Ist auch OK. Ich jedenfalls habe keinen Hass.

DCT war trotz allem toll. ich möchte nichts missen, und ich habe auch keine schlechten Gefühle.

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Weil's gerade so schön passt ...
[ ... und jetzt, da kein Hahn mehr nach Aktien, geschweige denn nach dem Neuen Markt kräht, jetzt ist dieser Mensch einer der sogenannten [Edit:****]blogger: Don Alphonso mit seinem Blog Rebellen ohne Markt ... ]

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Sorry
Das Wort ****blogger stammt aus dem stinkenden Maul eines psychisch gestörten Pleitiers und ist nichts, was ich lesen will. Hierarchie ist immer scheisse, aber besonders, wenn es nur um die Nutzung einer Software geht. Bleiben wir doch einfach beim schlagwortlosen Bewerten. Aber danke für die Blumen.

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Die Kolumne zielt ja genau auf diese bemühte Blogger-Hackordnung ab, insofern musste ich ja einschlägige Begrifflichkeiten verwenden.
Mit "sogenannten" war es wohl nicht genug entschärft?

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Ist das lange her. Gab es nicht auch sowas wie nemwax?

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dotcomtod
den immobilienmakler nicht zu vergessen

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Ich kam mir fast schäbig vor, so viele draussen zu lassen. Eigentlich müsste man mit Dynamit nach Frankfut fahren und alle Namen in den Boden des Börsensaales einsprengen.

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immobilienmakler
ein ewig treuer leser der donalphonsoschen kolumnen

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ok, falls du sterben solltest, verfasse ich keinen nachruf. versprochen. (*fingers crossed behind my back*)

wenn dotcomtod gestorben ist, weil es seinen auftrag erfüllt hatte, dürfen wir jubeln. aber einen wirklichen wandel hat es nicht herbeigeführt, no? das bliebe also nach wie vor als aufgabe bestehen.

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Der Kampf ist nie zu Ende, und was ich tun kann, tue ich hier.

und bis es soweit ist - unsereins ist zäh. ich habe mir fest vorgenommen, alle Juniorabgeordneten der CSU zu überleben.

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Spannend
wäre nun FondsDotTod.

Aufstieg und Niedergehung geschlossener Immobilienfonds zum Aufbau blühender (Land-)Wirtschaften und zur Alterssicherung.

Mit dem Segen aller Seehofers und Bafins.

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Cheers!

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Willkommen an Deck, FoolDC und Immo!

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Den Anstich der Dotcom-Blase besorgte Ende 1999 die von der Künstlergruppe etoy gegen den Domainräuber eToys inszenierte Short-Spekulation auf deren Börsenkurs. Dieser fiel während der Kampagne um $ 4,5 Mrd. und machte den Toywar zur teuersten Performance der Kunstgeschichte.

Interessant an unserer gegenwärtigen Krise ist, daß sie sich im Vakuum vollständiger Oppositionslosigkeit vollzieht. Das Weltkapital hat sich in den vergangenen zehn Jahren zur Welt an sich aufgebläht, sodaß es sich nur noch selbst demontieren konnte. Ein kapitalistischer Akteur nach dem andern tritt nun von der Weltbühne ab, bis neue Akteure deren Bretter bespielen.

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spekulationen
wie hat mein ex-chef mal gesagt:" gute objekte in guten lagen verkaufen und vermieten sich besser als schlechte objekte in schlechten lage" wahrlich einstein !

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