Die amerikanischen Rentner und die Finanzmarktsteuer

Gordon Brown, der englische Premierminister, der trotz der Korruption und moralischen Diskreditierung seiner thatcheristischen Gegner nichts mehr zu verlieren hat ausser den nächsten Wahlen - Gordon Brown will nun also auch eine Finanzmarktsteuer: So eine Art Absicherung der Akteure gegen die von ihnen verursachten Risiken beim Staat. Oder auch: Wer den Schaden anrichtet, soll auch dafür ein klein wenig zahlen. Meines Erachtens würde man besser fahren, wenn man den Finanzmarkt einfach auf das Notwendige eindämpft und beim Rest schaut, was in die Produktion darf und was man mit Rechtsmitteln in die Gefängnisse schickt. Vielleicht können ja die einen die Gefängnisse der anderen bauen - aber das kommt nicht. Wenn überhaupt, dann so eine Art Tobinsteuer, die einen Teil der globalen Spelulation eindämmen will. Wie allgemein bekannt sein dürfte, ist nur ein winziger Bruchteil des Handels an den Finanzmärkten durch die reale Wirtschaft nötig, der Rest ist Zockerei.



Wenn man sich die neueste Nachricht aus England vor Augen hält, versteht man schlagartig, warum Brown das fordert: Die Times berichtet über den tatsächlichen Umfang der Kosten, mit denen die Bank Lloyds gestützt werden musste: 165 Milliarden Pfund mussten allein an diese Krisenbank verliehen werden, um sie über Wasser zu halten. Mit solchen Summen kann man ganze Staaten zum Einsturz bringen - das ist mehr als doppelt so viel wie die geplante Rekordneuverschuldung des Bundes für 2009. Allein für eine einzige Krisenbank, von der noch immer nicht klar ist, ob sie langfristig allein überleben kann.

Nun hätte so eine Finanzmarktsteuer, käme sie global, einen gewissen Reiz darin, dass sie risikenminimierend wirkte - einfach, weil zusammen mit der Steuer riskante Transaktionen ein grösseres Verlustrisiko mit sich bringen, und gerade das extrem schnelle Handeln abgedämpft werden würde, zugunsten einer eher fundamentalen Analyse und Berücksichtigung mittelfristiger Erträge. Wer dennoch weiter Risiko fahren wollte, müsste eben genauer hinschauen, und vielleicht würden dann sogar die Ratingagenturen das ein oder ander Mal die Wahrheit schon sagen, bevor sie von selbst ans Licht kommt. Einfach, weil durch diese Stellschraube nicht nur Geld abgeführt werden, sondern auch der Profit nachhaltiger sein muss. Die USA haben in Form des Finanzministers und vermutlich in Absprache mit dem Präsidenten dieses Landes uhd dort wiederum mit Rücksicht auf die Wahlkampfspender von der Wahl oder Wall Street sofort und kategorisch nein gesagt.



Das liegt meines Erachtens vor allem an den Rentnern und der Art, wie sie in den USA ihre Rente bekommen: Durch Rentenfonds, die die Einnahmen anlegen und mit den Erträgen die Renten bezahlen. Das ist fein, wenn das, was man reinbekommt, dem entspricht, was man ausgibt. Das Problem ist aber, dass die öffentlichen amerikanischen Rentenversicherer nur ca. 2800 Milliarden Dollar an Vermögen haben, ihren Einzahlern aber 3600 Milliarden schulden. Da ist eine massive Lücke von rund 22%, und nach gängiger Praxis würde man eigentlich sagen: Entweder sind die pleite, oder die Anleger müssen verzichten. Oder aber, und das ist es, was getan wird, die Rentenfonds stecken das Geld in möglichst profitable Anlageformen und schaffen es, damit die Lücke zu schliessen. Rentenfonds können nicht alles in riskanten Anlagen verzocken, aber in den letzten Jahren gingen sie verstärkt in Hedge Fonds - wenn überhaupt, dann können die das enorme Loch schliessen. Auch das ist natürlich wieder eine Umverteilung durch Finanzmarktzockereien, zeigt aber auch den Unterschied zwischen Europa und den USA:

In Europa wird mit einer Finanzmarktsteuer letztlich nicht die Bank belastet, sondern der Anleger, an den die Kosten mutmasslich weitergereicht werden - vielleicht nicht komplett, manches kann man auch verschieben, aber zahlen werden vor allem jene, die das Rad des Finanzmarktes mit ihrem überschüssigen Geld antreiben. Diese Steuer wäre also gerade in Deutschland und anderen europäischen Ländern eher eine Reichensteuer, und für Brown vermutlich auch ein Ansatz, um den Hass auf die Bankster und Profiteure mit einem Ventil zu versehen.

In den USA dagegen müsste man sich nicht nur mit Einbussen beim letzten funktionierenden Wirtschaftszweig neben der Rüstung rumschlagen, man würde auch den Rentenfonds das Leben und die Jagd nach einer ausgeglichenen Bilanz stark erschweren. Gerade die riskanten, schnellen Geschäfte, die eine Finanzmarktsteuer trefen würde, wären dann nicht mehr so lukrativ, und eine Lücke über 0,8 Billionen schliesst man nicht mit mündelsicheren Papieren und normalen Ausschüttungen. Das geht nur mit Hebeln, Abwesenheit von Kontrolle und Verlagerung des Ponzi-Schemas der Rentenfonds auf andere Marktteilnehmer. An der Stelle mit steuernbedingter, genauer Prüfung und Entschleunigung die Bremse reinhauen, wäre höchst kontraproduktiv. Nicht nur für die Reichen und Goldman Sachs, sondern auch für die amerikanischen Renter, die sich vielleicht Gedanken machen würden, über dieses Loch von 800 Milliarden. Denn mit dem gefickt werden ist es so eine Sache: Es wird erst zum Problem, wenn man kapiert, was geschieht. Um das zu verhindern, muss das Kasino wieder eröffnet werden. Finanzmarktsteuern stören da nur.

Sonntag, 8. November 2009, 14:56, von donalphons |