: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 12. Dezember 2003

Eybel

Irgendwann ist Schluss mit den Gebräuchen. Kein Kindergeburtstag mehr, keine Ostereier, kein Nikolaus. Zumindest war das noch vor ein paar Jahren so. Niemand hatte Zeit, den 6. Dezember mit den Eltern zu verbringen. Das hat sich geändert.

Eybel hat wieder Hochkonjunktur. Zumindest bei Julias Eltern. Sie kamen auf dem Rückweg vom Tegernsee vorbei und brachten ihr eine Tüte gemischtes Durcheinander mit. Von allem etwas, Nougat, Meeresfrüchte, Marzipan, weisse Schokolade, weil sie sich nicht sicher waren, was Julia nach all den Jahren mag.

Julia rührt nichts davon nicht an. Die Tüte mit der grünen Schleife stand eine Weile hinten auf dem Küchentisch und wartete darauf, dass sie wieder von ihrem Schlankheitswahn runterkommt. Sie wiegt 56 Kilo bei 1,75 Meter. Zu viel, als dass sie das Zeug von Eybel anfassen würde.

Am Montag kommen ihre Eltern wieder. Es geht um die Wohnung. Seitdem Julia keine Arbeit mehr hat, wird es mit der Miete eng. Ihr Vater hat inzwischen mit dem Vermieter über den Kauf der Wohnung gesprochen, und hat einen guten Preis erzielt. Er will, dass sie sicher leben kann. Am Montag ist der Notartermin, und dann ist sie eine Sorge los. Ihre Eltern würden auch für alles andere aufkommen, aber das ist keine Lösung. Die Arbeitslosenhilfe läuft aus, sie braucht dringend irgendeinen Job, und nächste Woche sind wieder zwei Vorstellungsgespräche. Sie darf nicht fett werden. Aber wenn die Eybel Pralinen immer noch da sind, werden ihre Eltern beleidigt sein.

Seit gestern verfüttert Julia die Pralinen deshalb an ihre Bekannten. Es tut ihrer Laune nicht gut. Der Sack hat 50 Euro oder mehr gekostet. Das Geld hätte sie dringend anderweitig bräuchte. Aber ihre Eltern, die gerne ins Oberland und an die Seen fahren, hätten nur wenig Verständnis für neue Straussenlederstiefel. In Cremebraun. Ihre Mutter hat einen Ökofimmel, der sich gegen Straussenleder sträubt und echte Schokolade befürwortet. Auch wenn letztlich damit Bekannte ihrer Tochter gestopft werden.

Die Schokolade auf den Mandelplätzchen ist nur ein dünner, fast geschmacksneutraler Film, mit zarten, rautenförmigen Linien auf der Rückseite. Nur sehr gute Schokolade kann so fein geformt werden.

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Real Life - Oktober 2002

Wieviele Unternehmen haben Sie wirklich in den Abgrund geschrieben, fragte mich der ältere Herr.

Kann ich schlecht sagen. Eine Information führt nicht zur Insolvenz, das verfehlte Geschäftsmodell tut es. Manchmal streichen die Banken dann eher die Kreditlinien. Wenn es Konzerntöchter sind, wird schneller durchgegriffen. Wenn´s hochkommt: Als Don Alphonso von Dotcomtod vielleicht 5, 6 Firmen in der Munich Area.

Nicht mehr?

Nein. Jeder McK-Senior richtet mehr Schaden an als ich. Wenn man das als Schaden sehen will.

Wissen Sie, sagte der ältere Herr und winkte der Kellnerin, eigentlich haben Sie Recht mit dem, was Sie schreiben. Diese Welt, die wir beide erlebt haben, wird es in ein paar Monaten endgültig nicht mehr geben. Für Sie wirkt das wie das Ende einer Ära. Ich habe die Rezession Anfang der 80er miterlebt, den 87er Crash, und das waren echte Einschnitte. Dagegen ist das heutige Scheitern der New Economy eine Lappalie. Diese Generation nicht geht vor die Hunde, sie wird nur etwas zurückgestutzt. Sie dachten, sie müssten nicht mehr aufbauen, wie ich das in den 70ern noch machen musste. Sie wollten abräumen. Und das ist es, was der Markt letztlich nicht mitgemacht hat.

Ihr Businessplan legte das Abräumen zugrunde. Irgendwann standen sie dann vor mir als grossem Konzern und haben es versucht. Sie wollten gleich, sofort nach oben. Aber seit ein paar Monaten sind die Märkte wieder sauber. Man macht wieder reale Geschäfte. Niemand versucht, mich heute noch über den Tisch zu ziehen. Diese jungen Leute haben vielleicht etwas über den Markt gelernt, bei Ihnen und bei mir. Vielleicht merken sie es sich.

Ich grinste. Er grinste zurück. Dann kam die Studentin, die in diesem restlos überteuerten Cafe kellnerte. Er gab ihr ein sehr galantes Trinkgeld.

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