: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 5. Dezember 2003

Real Life - Oktober 2003

Ach, guten Tag, sagte die Pressefrau auf der Buchmesse, etwas betreten. Es war nicht ihre Schuld, dass der Verlag damals das "Autorenschmoren" mit mir gespielt hatte. Erst als die Rechte weg waren, wurde sie vorgeschickt: Wir hätten doch bei den Interviews ein gutes Verhältnis gehabt, und wir sollten nochmal drüber reden. Aber da war es schon zu spät, und die Wochen davor waren nicht gerade ein gutes Beispiel für die Pflege von Jungautoren. Jetzt war die Jungautorin, die sie statt dessen gross bringen wollten, bei Amazon dauerhaft nicht unter den 100.000 bestverkauften Büchern, und Liquide nach 100 Tagen in der 2. Auflage.

Nein, gut ging es ihr nicht. Es war schwer, die paar jungen Leute in die Medien zu bringen. Das Geld machten sie mit ein paar Glücksgriffen im internationalen Rechtehandel. Die Popliteratur ist tot, es gibt nichts neues, alles ist irgendwie schon gesagt, es gibt keinen erkennbaren Trend mehr, gab sie zu und bot mir einen Prosecco an. Eine nostalgische Reminiszenz an bessere Tage. Ich trinke nicht.

Macht nichts, sagte ich. Es könnte schlimmer kommen. Lebert, Illies, Franck, Jenny, die schönen Hoffnungen, alles beim Teufel. Ihre Verlage verdienen keinen roten Heller. In ein paar Monaten wird die Restauflage eingestampft. Egger und Landwehr mit ihren durchgeknallten Forderungen können sich auch gleich in die Papiermühle begeben, direkt, nicht über Los und keinen weiteren Vorschuss einziehen.
Judithakenzinkenhermann ballert der Markt beim nächsten Buch aus dem Orbit. Sie wird es sich still gefallen lassen, denn sie gehört auch zu dieser Lahmarschclique, für die Revolution der Applaus des Establishments war. Kein Mut, kein revolutionäres Bewusstsein.
Und dann kommt was Neues. Kracht, Biller, Lager, Casati, ich selbst, wir sind alte Säcke für die nächste Generation. Die werden jeden über 30 abschaffen, bevor wir Riesterrente sagen können. Und ihr Verlage werdet sie drucken und hypen. Geschieht uns recht. Wir haben uns über den Markt definiert, und ohne Markt gibt es uns nicht. So what. Hey, it´s the end of the world as we know it, but I feel fine.

Ein lichtblondes Ding, das eine Weile sinnlos eine banal hübsche Figur abgegeben hatte, setzte ihre dünnen Beine in Bewegung und kam rüber. Die Pressefrau stellte sie als die litarische Hoffnung vor, die nicht zu den besten 100.000 gehörte. Sie sagte zwar ihren Namen, aber sie meinte es so. Die deflorierte Hoffnung gab mir die Hand, leicht, anämisch, von ober herab und am Gelenk abgewinkelt. Das Wort Ficken hatte wahrscheinlich der Lektor für sie in ihre federleichten Erzählungen genagelt.

Ah ja - Don Alphonso - der mit Liquide. Jetzt schreibt sie ja auch an einem Roman, erzählte sie. Wieder über ziellose junge Leute, und andere ziellose Leute sollen ihn kaufen. Es gibt keine Richtung, aber eine Menge Leute gehen dorthin und werden das Buch kaufen. Glaubt sie.

Die Pressefrau sagt nichts. Weil die Autorin trotz der netten Kritiken bei ein paar 100 Stück hängen bleibt, ist sie verbrannt. Es gibt keinen Markt für sie. Es sei denn, sie wird nach Klagenfurt eingeladen. Eine Runde harthirnficken, kein Blümchensex oder poppen auf der Wiese, sondern hardcore, dann wird sie auch noch kulturseitlich genommen.

Auf ihrem Klappentext steht was von atemlos stiller Literatur. Abgewürgt nennt man das beim Auto.

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Wachstum

Die Krise entsteht nicht so sehr durch den Stillstand der Entwicklungsmechanismen als vielmehr durch die Entwicklung selbst.
Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla, April 1971

Wir erwarten einen Umsatz für das Gesamtjahr 2000 von über 100 Millionen Euro und werden uns darauf konzentrieren den Umsatzanteil des Kerngeschaft auf über 70 Prozent auszuweiten.
Alexander Falk, Vorstandsvorsitzender ISION AG, AdHoc vom 26. April 2000

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Unsere RAF

Niemand bringt heute Rebellen um. Kein Einsatzkommando des Bundesgrenzschutzes jagt einen signalgrünen 911er-Porsche, aus dem junge Leute mit H&K-Maschinengewehren feuern. Es gibt keine Leichen, kein Blut und keine Märtyrer.

Die Helden der Wir müssen weiterleben. Sie begeben sich freiwillig in U-Haft. Die Beschlagnahmung ihres Vermögens schmerzt sie etwas, und ihre Anwälte unterstellen dem Staat nur Raubabsichten. Aber keine Isolationsfolter oder Nazi-Methoden, was die Sache sehr unsexy macht. Und so vergessen Wir das PopBizzIdol Alexander Falk, das genau 6 Monate nach dem Haftbefehl immer noch einsitzt.

Die Köpfe der Bande leben. Aber sie sind zu abgeklärt und zu wenig von ihrer Mission (Mischn) überzeugt, als dass sie mit einer Kugel einen Mythos schaffen. Sie haben keine Mission. Es wird kein Stammheim geben.

Das ist der Fehler, der das Scheitern total macht.

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