Die Armut trifft mich wie ein Schlag.
Ich bin spät Nachts nach Berlin gefahren, habe mich 2 Tage eingebunkert und nachgearbeitet. Die paar Meter von der Wohnung zum Büro gibt es keinen Schmutz, keine gebrauchten Kondome, keine abgestellten Möbel. Vor dem Fenster steht ein Baum, und mildert die Aussicht auf den Betonklotz auf der anderen Seite der Kreuzung.
Aber dann muss ich doch raus, rüber über die Brücke zur Post, und auf dem Weg dorthin ist alles in den unterschiedlichen Stadien des Zerfalls. "Frisch restauriert" gibt es nicht, der billige Putz bröckelt sofort weiter, die Sprayer freuen sich über die Freiflächen, und jedes kleine Fleckchen unter den Bäumen wird zur gemeinschaftlichen Müllkippe. Die Gegend ist nicht reich, aber doch nicht so arm, als dass sie auf das Saufen aus den Dosen verzichten würden, die hier rumliegen. Hinter den alten Fenstern hängen oft nur nackte Glühbirnen von der Decke; draussen sind noch Kriegsschäden sichtbar.
Und durch all diesen Niedergang werde ich morgen fahren, in ein topsaniertes Edelgebäude, wo ein unsinkbarer Konzern seinen Geburtstag feiern wird, mit etwas Kunst zum Thema Identität im digitalen Zeitalter, vorbei an den Pennern, den türkischen Kids und den Sozialhilfeempfängern mit Alkoholproblem, und ich werde reden, höflich sein und nicht darüber diskutieren, dass das digitale Zeitalter eine Luxusflucht für ein paar wenige ist, während draussen der analoge Müll regiert, vor dem man eine Weile die Augen verschliessen kann, als digitale Identität, aber irgendwann werden sie kommen und uns holen, wenn wir nicht schnell genug wieder weg sind, oder mal bei unserem Springen von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt ausrutschen.
Aber dann muss ich doch raus, rüber über die Brücke zur Post, und auf dem Weg dorthin ist alles in den unterschiedlichen Stadien des Zerfalls. "Frisch restauriert" gibt es nicht, der billige Putz bröckelt sofort weiter, die Sprayer freuen sich über die Freiflächen, und jedes kleine Fleckchen unter den Bäumen wird zur gemeinschaftlichen Müllkippe. Die Gegend ist nicht reich, aber doch nicht so arm, als dass sie auf das Saufen aus den Dosen verzichten würden, die hier rumliegen. Hinter den alten Fenstern hängen oft nur nackte Glühbirnen von der Decke; draussen sind noch Kriegsschäden sichtbar.
Und durch all diesen Niedergang werde ich morgen fahren, in ein topsaniertes Edelgebäude, wo ein unsinkbarer Konzern seinen Geburtstag feiern wird, mit etwas Kunst zum Thema Identität im digitalen Zeitalter, vorbei an den Pennern, den türkischen Kids und den Sozialhilfeempfängern mit Alkoholproblem, und ich werde reden, höflich sein und nicht darüber diskutieren, dass das digitale Zeitalter eine Luxusflucht für ein paar wenige ist, während draussen der analoge Müll regiert, vor dem man eine Weile die Augen verschliessen kann, als digitale Identität, aber irgendwann werden sie kommen und uns holen, wenn wir nicht schnell genug wieder weg sind, oder mal bei unserem Springen von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt ausrutschen.
donalphons, 22:05h
Mittwoch, 13. Oktober 2004, 22:05, von donalphons |
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nase,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 00:57
danke, sie sehen ja, was man sieht.
sagen sie das, hören sie nicht auf.
sie müssen nicht übertreiben, sie müssen nur feststellen...
sagen sie das, hören sie nicht auf.
sie müssen nicht übertreiben, sie müssen nur feststellen...
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medvedj,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 01:23
Apropos Bleibe:
Hat jemand in Berlin eine Unterkunft für einen 18 jährigen Schüler, IT-Skills, belesen, dialektisch gut drauf, Skatspieler, Skifahrer, charmanter Hetero; möglichst < 30 min Fahrzeit zur Schule in Westend? Noch gut 1 1/2 bis zum Abi?
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hella,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 11:10
dass das digitale Zeitalter eine Luxusflucht für ein paar wenige ist, während draussen der analoge Müll regiert
Sehr schön, sehr treffend. Nach den Buchmessen und DCT Allgemeinheiten wird ihr blog ja wieder lesbar.
Sehr schön, sehr treffend. Nach den Buchmessen und DCT Allgemeinheiten wird ihr blog ja wieder lesbar.
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donalphons,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 12:24
Nehmen Sie es mir nicht übel, aber mein Leben besteht daraus, lesbare Sachen zu produzieren. Hier im Blog geht es darum, die Texte jenseits dieses Anspruches zu produzieren.
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kay,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 11:42
Jeder hat auch das Recht auf Verwahrlosung...
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hella,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 11:48
Ja, der amerikanische Traum. Jeder kann aus seinem Leben alles machen. Das Glück liegt auf der Strasse, man muss es nur aufheben.
Solange in unserem Staat Finanzmittel umverteilt werden, um soziale Verwerfungen auszugleichen, gibt es kein Recht auf Verwahrlosung.
Solange in unserem Staat Finanzmittel umverteilt werden, um soziale Verwerfungen auszugleichen, gibt es kein Recht auf Verwahrlosung.
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donalphons,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 12:34
pfffh - soweit ich das sehe, nimmt sich jeder das Recht, das er kriegen kann, der kleine Schwarzarbeiter wie der gutbürgerliche Steuertrickser und der StiftunginLiechtenstein-Gründer. Zumal es auch eine Form der Edelverwahllosung gibt. Ich fürchte, heute Abend werde ich ein paar Exemplare dieser Gattung zu Gesicht bekommen.
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che2001,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 13:13
Verwahrlosung
Langzeitarbeitslosen Sozialhilfempfängern in Ghetto-Stadtvierteln bleiben wenig Alternativen zur Verwahrlosung. Aber Leute, die alle Möglichkeiten haben, sie nicht nutzen und auf hohem Niveau verwahrlosen, sind eine andere, sehr peinliche Kategorie, die richtig widerlich wird, wenn die Verwahrlosung keine materielle, sondern eine moralische ist. Olle Bismarck sagte einmal: "Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt." Das ist heute anders: Ersetze "verwaltet Vermögen" durch "verbrät Vermögen" uns "Kunstgeschichte" durch "Wirtschaftsinformatik", dann hat man es schon, mit einem Unterschied: In unserer schnellebigen Zeit werden die Schritte von Generation 2 bis 4 alle auf einmal erledigt.
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shesaiddestroy,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 14:29
Ground Zero
Der Wedding lehrt uns Demut. Ich habe jahrelang zwischen Müllerstraße und Gesundbrunnen-Center gelebt und werde dies nun wieder tun. So sehr ich diese Gegend verflucht habe, wegen dem ganzen Dreck, der Gewalt und der Kotze, so sehr habe ich sie schätzen gelernt. Vor allem Abends, nach dem Tag in der Agentur in ihrem Reality-Distortion-Field oder nach dem "Cookies", wo es noch immer Menschen gibt, die "Vibes" spüren und Qvest für ein Magazin gehalten haben. Der Wedding holt Dich zurück, zeigt Dir, worauf es wirklich ankommt. Und das ist nich viel, aber mehr, als man in dieser seltsamen Stadt zu erwarten hat.
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donalphons,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 14:32
Hallo Nachbar. Mal schaun, ob Du mir ins Fenster schauen kannst. Ich bin der mit der allabendlichen Voodoo-Zusammenkunft, wo wir Pit-Kabel-Puppen verbrennen.
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shesaiddestroy,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 15:03
Gewisse Insider-Quellen verrieten mir Deinen temnporären Standort - kann sein, dass wir tatsächlich nicht allzuweit voneinander entfernt sein werden. Nach dem kommenden Wochenende werde ich hoffentlich etwas schlauer sein. Das schöne am Wedding ist ja, dass man, wenn es mal ganz eng werden sollte, immer noch sagen kann: "Ich wohne in Mitte."
Die Eingemeindung vom Prenzlauer Berg (den nur Nicht-Berliner "Prenzlberg" nennen) nach Pankow war da weitaus zersetzender für die Selbstidentifikation.
Und Pit-Kabel-Puppen werde ich nicht verbrennen. Nicht, solange es noch einige "lebendige" NE-Zombies in Hamburg Berlin und München gibt...
Die Eingemeindung vom Prenzlauer Berg (den nur Nicht-Berliner "Prenzlberg" nennen) nach Pankow war da weitaus zersetzender für die Selbstidentifikation.
Und Pit-Kabel-Puppen werde ich nicht verbrennen. Nicht, solange es noch einige "lebendige" NE-Zombies in Hamburg Berlin und München gibt...
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donalphons,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 15:34
Das Schöne am Wedding ist die Randlage zu Mitte, so wie die Tyrannenburg laut Renaissance-Verständnis in die Stadt eingebunden sein sollte. Nicht drinnen und nicht draussen. Ideal, um das Zentrum und das Umland zu beschiessen. Und gleichzeitig der Vorhof zuur Hölle. Und nur urch eine Brücke und einen Abgrund von Ostberlin getrennt.
Was ist mit SSD geworden?
Was ist mit SSD geworden?
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hella,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 16:17
Ich habe jahrelang in Neukölln gewohnt. Mein Lebens-Bedarf an Demut ist gedeckt. Irgendwann ist es nicht mehr die Antithese zu falschem Glanz und Glitter, sondern einfach nur noch Müll, Dreck und Gestank.
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donalphons,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 17:01
Du hast überlebt, Du bist rausgekommen, Du blogst nicht wie der Schockwellenreiter. Keine Folgeschäden ;-)
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booldog,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 17:27
@shesaiddestroy: Hallo Nachbarin!
Habe gerade meine Auffangstellung im S-/U-Bermudadreick Osloer - Bornholmer - Wollankstr. bezogen.
Auch ich schätze es inzwischen sehr, nicht direkt in MitZelHain zu wohnen. Brächte mit der Zeit Derealisationserscheinungen mit sich, vermute ich.
(Obwohl... - manchmal fahre ich gerne über Pankow, um die Pankstraße nicht immer sehen zu müssen... ;-))
Und auch den einbrechenden Winter und die Kälte lerne ich hier zu schätzen. Fegt das Hedonistenpack von der Straße in die orangen, überfüllten Cafés mit den beschlagenen Fensterscheiben und schafft Waffengleichheit, da das feindliche Klima Hänger und Nicht-Hänger gleichermaßen benachteiligt.
Auch ich schätze es inzwischen sehr, nicht direkt in MitZelHain zu wohnen. Brächte mit der Zeit Derealisationserscheinungen mit sich, vermute ich.
(Obwohl... - manchmal fahre ich gerne über Pankow, um die Pankstraße nicht immer sehen zu müssen... ;-))
Und auch den einbrechenden Winter und die Kälte lerne ich hier zu schätzen. Fegt das Hedonistenpack von der Straße in die orangen, überfüllten Cafés mit den beschlagenen Fensterscheiben und schafft Waffengleichheit, da das feindliche Klima Hänger und Nicht-Hänger gleichermaßen benachteiligt.
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shesaiddestroy,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 18:46
@donalphons: SSD ruht bis ich die organisatorischen Dinge erledigt habe. Danach geht's weiter - mit einem anderen Schwerpunkt zwar, aber garantiert unfreundlich genug.
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donalphons,
Donnerstag, 14. Oktober 2004, 18:54
Na das ist doch erfreulich äh unerfreulich.
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shako,
Samstag, 16. Oktober 2004, 13:33
Na, da kommt ja einiges zusammen ...
... wer hätte das gedacht?! Schönen Gruß aus Moabit, was ja auch - formal - "Mitte" ist und beinahe Wedding ...
Wie wird das eigentlich sein, Herr Alphonso, wenn Sie dann am 26. 10. in der Volxbühne sind, wirds da sowas wie einen "Bloggertreffpunkt" geben, dass man sich mal bekannt machen kann untereinander? So vor-, neben- oder hinterher?
Wie wird das eigentlich sein, Herr Alphonso, wenn Sie dann am 26. 10. in der Volxbühne sind, wirds da sowas wie einen "Bloggertreffpunkt" geben, dass man sich mal bekannt machen kann untereinander? So vor-, neben- oder hinterher?
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