Real Life 03.12.05 - München dünkelt

Über das Glatteis, vorbei an den Resten eines umgekippten Lasters und ein paar anderen Trümmern hinein in die Stadt, die so gerne eine Weltstadt wäre und deren literarische Creme im Moment unisono flennt, auf dass das städtische Kulturvollzugsblatt auch weiterhin erhalten bleibt. Der Organisator des Aufstands der Anständigen Autoren ist ein alter Bekannter, der langsam das kulturelle, nun schon viele Dekaden alte Vakuum mit Umtriebigkeit auffüllt. Hättest du ihn darauf hingewiesen, dass du Berlin verlassen hast, wärst du vielleicht auch auf der Liste der angefragten Vorleser in einem Kampf, der sowas von fucking sinnlos ist, sollen die Herren Autoren doch mal den Arsch hochbekommen und bloggen, dann klappt das auch mit dem Lesungsmarketing. Aber nein, dann müssten sie ja was ohne Förederung tun, ohne Förderung rührt hier in der Stadt keiner einen Finger, und irgendjemand kennt man ja immer, der irgendein Projekt betreut. Wie eben dein Bekannter.

Jetzt, im Eis und Schnee, ist das Risiko eines Zufallstreffens mit anderen Buchschreibern nicht allzu gross, keiner sitzt im Moment draussen, wo dein natürlicher Weg zum Bäcker führt. Im Sommer ist das widerlich; wer denkt, die ganzen Berlinromanwixer in Berlin ohne Kohle seinen die Pest, hat noch nicht die Münchner schwarzen Pocken erlebt, die mit ihren rechteckigen Brillen Mädis des staatlichen Jugendhirnfickfunks Geschichten darüber erzählen, wie gemein die Welt doch zu junger Literatur ist. Weil kein Verlag will, weil Berlin cooler ist, weil München irgendwie nicht die richtigen Krisen hat und die Provinz im Moment sowieso rult, verdammt wieso sind sie keine dieser Leipziger Nadelschnallen, die haben es gut, aber in München reicht es gerade mal so mit Zeitschriften und den mies besuchten Lesungen, wo sowieso nur die drin sitzen, die auch so gern mal da vorn sitzen würden.

Ja, der Biller, der ist auch nmach Berlin gegangen, Recht hat er, das SZ Magazin ist immer voll mit Zeug von anderen, noch nicht mal eine Kunstkulturzeitschrift gibt es hier, nur diese tollen Blondinen, die aber lieber Anwälte ficken und Berater, aber nicht so im Prinzip aufsteigende Stars wie sie. Aber vielleicht wird es besser, wenn sie sich auf so ein Stipendium bewerben, wobei, da muss man ja was haben, Magersucht zum Beispiel oder eine ausländische Herkunft oder zumindest einen gut gemixten Genpool, Juden gehn noch immer egal wie scheisse die Bücher sind und Asiatinnen sind verdammt schwer im kommen. Ach so, Klagenfurt, das wäre auch noch eine Sache, genau, aber da brauchen sie auch erst einen verlag, und sie kennen zwar jemanden, der jemand bei der Stadt kennt, der ihnen den Raum gibt und die Mittel, aber leider keinen, der einen Verleger kennt. Kann sein, dass aber der B. einen Verlag aufmacht, so einen ambitionierten Kleinpublisher mit Eventagentur und so, der kennt sicher ein paar Leute, die was über die tollen neuen Kleinverlage mit ihrem tollen Programm machen, dann wäre das eine Möglichkeit, aber klar doch.

Das alles hat die Kälte ins Puck und ins Maxim getrieben, wo sie Grappa saufen und öfters mal wichtige Gespräche mit ihren Agenten führen, die auch aus der hiesigen Scene sind und schon mal was mit der Stellvertretenden hatten, nur dummerweise ist das ein Kunstverlag, da geht nix, aber wenn die eine junge Literaturlinie aufmachen, dann geht das ganz sicher, und so lange verteilen sie ihre Visitenkarten und passen auf, dass sie nicht daneben greifen und eine nehmen, die sie auch noch als

- Galerist
- Journalist (frei)
- Eventmarketeer
- Werbefachmann

ausweisen, oder was sie sonst noch machen, um sich den schönen Schein und die Leasingrate leisten zu können. Manchmal hat ja irgendein Minister Lust auf Kultur bei seinen Events, dann kriegen sie manchmal einen kleinen Auftrag und geben 10% an die Studentinnen der Kunsthochschule weiter, die es umsetzen und auch gern die Chicks on Speed wären, aber halt nur die Barhendl in einem orange erleuchteten Schlauchcafe sind, neben den aussortierten Volontärinnen und anderem Treibgut am Isarstrand. Du bekommst es nur so am Rand mit, manchmal erzählt dir einer was, oder du bist mit einem Haifisch unterwegs und sie laufen dir dabei über die Quere.

Gestern warst du einkaufen im Baumarkt, da war eine, die war einer anderen wie aus dem Gesicht geschnitten, die gleichen hellblauen, schmalen Augen aus der Oberpfalz, der asiatisch angehauchte Typus, der da manchmal rumläuft und von dort nach München kommt, um sein Glück zu machen. Sie hatte einen Typen dabei und einen Kinderwagen, und du musstest mit deinen übernächtigten Augen ganz schön nah ran, um zu erkennen, dass es nicht die war, von der sie dir ab und zu was erzählen, weil sie wissen wollen, ob da noch was geblieben ist. Sie war es nicht, aber sie könnte es sein, warum auch nicht, irgendwann werden sie schon vernünftig und tun, was übrig bleibt, wenn alle Hoffnungen von den Büchern, den Features, den Redakteursposten und dem Kulturmanagement verflogen sind.

Du bist wieder in der Munich Area, du siehst Gespenster, du kennst ihr Vorleben und das Ende, und du bist verdammt mies drauf. Ohne Grund, einfach so. Oder doch, natürlich, weil es immer noch so ist wie früher. München dünkelt. Besonders da, wo du völlig übernächtigt lebst.

Sonntag, 4. Dezember 2005, 11:44, von donalphons | |comment

 
Ein Wort:

Winter

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In 3 Worten: Winter in München.

Aber ganz so leicht ist es auch nicht, gewisse ERscheinungen sind auch im Sommer eine Zumutung.

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Da sag ich mir: proletarisch bleiben!
Hier oben, zwischen Autoschmiede und Stahlwerk gibt es diese Lebenswelten nicht. Aber man munkelt, bei unseren Hausbesetzungen sei der deutsche Punk geboren worden. Naja, genausgenommen etwas weiter südlich, in der Jüdenstraße in Göttingen.

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Diese Leute gibt es auch in der linken Proletversion. Das sind dann die, die ewige Sendungen über Widerstandskämpfer machen, über die es schon 100 andere Sendungen gibt und die dennoch behaupten, man habe diesen Mann vergessen und sie machen jetzt den endgültigen Romkan auf Basis ihrer Sendung darüber. Bevorzugt sind das dann kurz geratene Ledermantelträger, die irgendwann mal ein Kinderbuch gemacht haben und sich dann eine Weile bei einem grünen Lieblingsprojekt durchgefuttert haben und heulen, dass Tolwood so furchtbar kommerziell ist.

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Die, die ich kenne, arbeiten hauptamtlich auf ABM-Basis für Menschenrechtsorganisationen oder Frauenhäuser oder NGOs, sind zwischendurch immer wieder arbeitslos und halten ein "normales" Berufsleben für moralisch nicht vertretbar, weil mit den eigenen Idealen nicht vereinbar. Da gilt meist die Devise "lieber politisch korrekt von Sozialhilfe leben als in der Wirtschaft arbeiten" - wovon die Schankwirtschaft, die letztlich, wenn alle Stricke reißen, etlichen doch ein auskommen bietet, ausdrücklich ausgenommen ist. Aber Möchtegern-Literaten, das gibt es in meiner Umgebung nicht und hat es nie gegeben, allenfalls ein paar bildende Künstler, die aber auch nur als Einzelgestalten, nicht so gehäuft, dass da eine Szene draus wird.

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