: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 2. Dezember 2006

Im Exil

In meiner neuen Küche war das vermutlich hässlichste Stück Linoleum der westlichen Welt. Irgendein Gestalter, der sich hochmütig Designer nannte und gerade von seiner Frau verlassen wurde, setzte sich an einem Montag ziemlich verkatert hin und zeichnete das, was er für eine Plastikentsprechung des Miami Vice Stils hielt. Am Abend kam er dann erneut besoffen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, und sein Boss liess diesen Entwurf nur fertigen, weil der Gestalter die Firma geprellt hatte, die Verluste minimiert werden mussten und die Maschinen nicht ausgelastet waren. Nur so konnte es zu diesem beige-hellblau-zartrosa Alptraum kommen. Und der musste raus. Zwei Löchlein offenbahrten darunter liegende Dielen, schnell war das Teppichmesser gezückt und die Erinnerung an das Zeitalter der Schulterpolster und in der Öffentlichkeit getragenen Schweissbänder getilgt. Leider waren die Dielen darunter nicht wirklich in Bestzustand, man kann auch sagen: Ganz unverständlich war nach einigen Mal- und Einlassversuchen die hässliche Abdeckung nicht.

Eine Lösung musste her, und die kam gestern in Form von Robert. Robert ist die zahmere Alternative zu Charly dem Knochenbrecher, und zusammen sind sie die besten Handwerker, die man bekommen kann. Wenn ich hier Handwerker sage, dann meine ich das im bayerischen Wortsinn: Menschen, die mit ihren Händen alles machen können. Sollte hier jemals einer der Gegner aus dem aktuellen Blogkrieg in Person aufkreuzen, würde ich Robert und Charly anrufen, das Problem im polnisch-bayerischen Doppel zu lösen. Das sind Leute, die Mauern mit dem Vorschlaghammer einreissen. Echte Mannsbilder. Robert hätte auch noch drei Brüder. Mein Wohnzimmer ist gross, aber wenn die drin stehen, wirkt es wie eine Puppenstube. Jedenfalls ist Robert gerade da und macht den Küchenboden.



Was mit enormen Dreck, Gestank und Lärm verbunden ist. 30er Schleifpapier auf Dekaden fragwürdiger Lacke ist kein wahres Vergnügen, auch wenn die Küche nur 9m² gross ist. Einmal die Küchentür öffnen, und der Staub quillt in dicken Wolken ins Esszimmer. Und das in einer Wohnung, in der parallel gekocht und gegessen werden soll. Das geht nicht, allein schon, weil der Boden eingelassen wird, und bis er getrocknet ist, dauert es 48 Stunden. Solange gibt es keinen Abwasch, keinen Gasherd, und schon gar kein Frühstück im Bademantel am Küchentisch. Der Lebensablauf kommt schwerstens durcheinander.

Aber es gibt ja noch die zweite Wohnung unter dem Dach, die mittlerweile das Arbeitszimmer ist. Auch dort ist eine Küche, ein Bad, und vor allem: Saubere Dielen, Ruhe, und kein Staub. Als zusätzliche Bereicherung noch diesen Abendhimmel.



Schön, sagt die Liebste, schaut noch etwas anschmiegsam hinaus, trinkt den Cabernet Sauvignon, dreht sich um und kleckert, schon leicht beschwippst, beim Einschenken auf das alte Leinentischtuch, und ein delikates "Oh" entspringt ihren feuchten Lippen.

Sagen wir mal so: Es könnte alles viel schlimmer sein.

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