Im Exil

In meiner neuen Küche war das vermutlich hässlichste Stück Linoleum der westlichen Welt. Irgendein Gestalter, der sich hochmütig Designer nannte und gerade von seiner Frau verlassen wurde, setzte sich an einem Montag ziemlich verkatert hin und zeichnete das, was er für eine Plastikentsprechung des Miami Vice Stils hielt. Am Abend kam er dann erneut besoffen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, und sein Boss liess diesen Entwurf nur fertigen, weil der Gestalter die Firma geprellt hatte, die Verluste minimiert werden mussten und die Maschinen nicht ausgelastet waren. Nur so konnte es zu diesem beige-hellblau-zartrosa Alptraum kommen. Und der musste raus. Zwei Löchlein offenbahrten darunter liegende Dielen, schnell war das Teppichmesser gezückt und die Erinnerung an das Zeitalter der Schulterpolster und in der Öffentlichkeit getragenen Schweissbänder getilgt. Leider waren die Dielen darunter nicht wirklich in Bestzustand, man kann auch sagen: Ganz unverständlich war nach einigen Mal- und Einlassversuchen die hässliche Abdeckung nicht.

Eine Lösung musste her, und die kam gestern in Form von Robert. Robert ist die zahmere Alternative zu Charly dem Knochenbrecher, und zusammen sind sie die besten Handwerker, die man bekommen kann. Wenn ich hier Handwerker sage, dann meine ich das im bayerischen Wortsinn: Menschen, die mit ihren Händen alles machen können. Sollte hier jemals einer der Gegner aus dem aktuellen Blogkrieg in Person aufkreuzen, würde ich Robert und Charly anrufen, das Problem im polnisch-bayerischen Doppel zu lösen. Das sind Leute, die Mauern mit dem Vorschlaghammer einreissen. Echte Mannsbilder. Robert hätte auch noch drei Brüder. Mein Wohnzimmer ist gross, aber wenn die drin stehen, wirkt es wie eine Puppenstube. Jedenfalls ist Robert gerade da und macht den Küchenboden.



Was mit enormen Dreck, Gestank und Lärm verbunden ist. 30er Schleifpapier auf Dekaden fragwürdiger Lacke ist kein wahres Vergnügen, auch wenn die Küche nur 9m² gross ist. Einmal die Küchentür öffnen, und der Staub quillt in dicken Wolken ins Esszimmer. Und das in einer Wohnung, in der parallel gekocht und gegessen werden soll. Das geht nicht, allein schon, weil der Boden eingelassen wird, und bis er getrocknet ist, dauert es 48 Stunden. Solange gibt es keinen Abwasch, keinen Gasherd, und schon gar kein Frühstück im Bademantel am Küchentisch. Der Lebensablauf kommt schwerstens durcheinander.

Aber es gibt ja noch die zweite Wohnung unter dem Dach, die mittlerweile das Arbeitszimmer ist. Auch dort ist eine Küche, ein Bad, und vor allem: Saubere Dielen, Ruhe, und kein Staub. Als zusätzliche Bereicherung noch diesen Abendhimmel.



Schön, sagt die Liebste, schaut noch etwas anschmiegsam hinaus, trinkt den Cabernet Sauvignon, dreht sich um und kleckert, schon leicht beschwippst, beim Einschenken auf das alte Leinentischtuch, und ein delikates "Oh" entspringt ihren feuchten Lippen.

Sagen wir mal so: Es könnte alles viel schlimmer sein.

Samstag, 2. Dezember 2006, 21:07, von donalphons | |comment

 
<klugscheißmodus>
Linoleum ist kein Plastik. Dazu mal echtes deutsches Bildungsfernsehen: http://www.wdrmaus.de/sachgeschichten/linoleum/
</klugscheißmodus>

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Sagen wir einfach was es war: Polyvinylchlorid

Im Brandfall entsteht bei der Zersetzung von PVC unter anderem der stark ätzende gasförmige Chlorwasserstoff (HCl), beim Zusammentreffen mit Wasser entsteht daraus Salzsäure. Bei PVC-Bränden entstehen Dioxine und Furane sowie die am Ruß fixierten, hochgiftigen, teilweise auch cancerogenen polykondensierten Aromaten wie Benz(a)-Pyren, Pyren und Chrysen. Wenn es Weich-PVC war, dann muss man nicht bis zum Brandfall warten: Phthalate als Weichmacher, die zum Teil leber- und nierenschädigend sind und im Verdacht stehen, krebserzeugend zu wirken.

Die Dielen abzuziehen war eine gute Entscheidung.

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*Hust* *KEUCH* *röchel*

Igitt. Wenn Holz Feuer fängt, verbrennt man wenigstens okölogisch.

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Phatale Weichmacher? Wer will sowas schon?

Ich schuettel gerade etwas den Kopf. Als du den PVC rausgerissen hast, war ich gerade am Parkett legen, nu wird geschliffen und poliert und ich bin am naechsten Parkett ...

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Wird da nicht wieder PVC und richtiges Linoleum durcheinandergeworfen?

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Hauptsache, es ist weg.

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beige-hellblau-zartrosa Alptraum klingt nicht nach Linoleum. Linoleum ist auch erst seit ein paar Jahren wieder "in". In den 30 Jahren davor hat man in Gedanken nur Bohnerwachs und Amtsflure damit verbunden und das schöne bunte preiswerte PVC gekauft.

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Mein Wissen über Bodenbeläge nimmt mit Ausnahme von Knüpfkunst nach 1920 rapide ab, muss ich gestehen.

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Wie sieht eigentlich das Arbeitszimmer aus, Don? Gibt's davon schon irgendwo Bilder?

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Nur ausschnittsweise. Beim War Room bin ich ein wenig pingelig, weil es mein eigentliches, wahres Zuhause ist. Über das da unten können wir reden, das sind nur die Repräsentationsräume.

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Gut schaut's aus. Wie man jemals auf die flächendeckende Abedckung der Böden dieser Republik mit Auslegware kommen konnte, erweist sich einmal mehr als Rätsel.

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Sinnvoll?
Ich gebe es zu: Ich habs auch schon gemacht. Teppich rausgerissen, Kleber mühsam entfernt, stunden- und tagelang geschliffen und dann noch gebeizt... Dielen sehen schön aus.
Aber: Waren die nicht eigentlich immer nur die Unterlage für "bessere" Bodenbeläge? Ich weiß es nicht - ich kenne keine "original" erhaltene hochherrschaftliche Altbauwohnung mit Dielen, nur solche mit (altem) Parkett (geklebt mit Teerkleber auf ... Dielen!).
Machen wir uns da nicht etwas vor mit dem "Wiederherstellen" der Dielen?
Wie gesagt, ich weiß es nicht. Manchmal denke ich - zugegeben beim Blick aufs Parkett hier -, es wäre schöner, auf wieder freigelegte Dielen nochmal zweikommazwei Zentimeter Holz draufzutun (auch aus Rücksichtnahme gegenüber den "Unten-Wohnenden").

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das kommt drauf an, von welchem jahrhundert wir reden. der teppichwahnsinn fing hier ja erst im 19. an. davor haben sich leute eher gehütet, auf den kostbaren teilen herumzutrampeln (außer in palästen) und haben die teppiche hübsch auf den tisch gelegt. Guckst Du hier: tischteppich. und stein war teuer. steinboden gabs vor allem im erdgeschoß oder im flur. in den zimmern waren's dielen, nix anderes. kann Dich also beruhigen: wir machen uns nix vor.

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Ein wenig machen wir uns doch was vor. Die Dielen waren nicht glattgeschliffen und geölt, sondern mit Ochsenblutfarbe behandelt.

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Diese Dielen hier wurden in den 50er jahren des letzten Jahrhunderts eingebaut und haben eine lückenlose Geschichte bis zum 80er Jahre Laminat.

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@strappato:
in so einer rinderbluthoelle habe ich knapp 2 jahre gewohnt. das war die sparversion zum abschleifen und versiegeln. es hat nix genutzt, die faulstellen haben das Blut einfach hochgedrueckt und bluehten weiter. das war sanierung in frittenhain, schnell schnell husch husch.

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@spaetburgunder:
Ich kenne es so, dass in sehr hochwertigen Altbauwohnungen einige Räume mit Parkett ausgelegt sind. Die haben dann z.B. Schiebetüren von Raum zu Raum, die beim Öffnen in der hohlen Wand verschwinden. Das war die "Gute Stube" und das "Herrenzimmer".
In den weniger guten Zimmern und im Flur lagen und liegen auch heute noch einfach nur Dielen, ursprünglich mit sog. Ochsenblut behandelt.

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