Sehr zu empfehlen - Für lange Winterabende

Manchmal frage ich mich, ob der demographische Knick in Deutschland nicht auch sehr viel mit der steigenden Mediennutzung zu tun hat. Wer Abends vor der Glotze oder dem Internet abhängt, macht sicher keine Conversation mit dem Partner, vergisst, wie das mit den Komplimenten geht und redet statt dessen komisches Zeug über dieses Internet da, was kaum jemand versteht - sollte diese Person denn je in die Situation kommen, ein potenzielles Sexualobjekt in einer Kneipe anzusprechen.

Ein weiteres Zeichen für einen tiefgreifenden kulturellen Wandel ist das Ende von Gesellschaftsspielen wie beispielsweise Rommee. Man kann auch gerne meine mit Schafkopfen angereicherte Jugend als wenig sinnstiftend erachten, aber ich wage zu behaupten, dass sie weitaus spannender und billiger war als die Zeit irgendwelcher asozialer Vollpfosten, die sich mit ihren Handies photographieren und die Bilder im gleichen Raum zuschicken, was manche dann als cutting edge der personalised information elite auffassen. Mit irgendwelchen handwerklichen Hobbies muss man erst gar nicht rechnen - ein paar Suchabfragen in der Blogosphäre zeigen schnell, dass fast nichts aus eigener Arbeit und so gut wie alles von H&M und Ikea kommt. Selbermachen, das war mal. Und das, obwohl sich der Winter ideal dafür anbieten würde, dauert er in Deutschland doch von November bis März.

Wie auch immer: Mir kann das nicht passieren. Mindestens eine Woche Nachtarbeit, eher zwei, stecken im heute erbeuteten, links abgebildeten Stuhl:



Wiener Biedermeier, so um 1830, erstklassiges Nussbaumwurzelholz, wunderbar geschnitzt, mit einer langen Geschichte immer an Städten an der Donau, und in grauenvollem Zustand. Allein schon der Bezug. Vieles erkennt man auf dem Bild nicht: Furnierschäden, zwei schlechte Restaurierungen, das Polster ist kaputt, der Schellack ist ruiniert, und momentan ist die Sitzhöhe für den ausgewachsenen Mitteleuropäer zu niedrig. Allerdings: Der Stuhl rechts sah vor 20 Jahren auch nicht besser aus. Es ist nie ganz verloren, wenn man ein Fach mit starkem historischem Realienbezug studiert. Nicht, dass man damit Autos reparieren könnte, aber alles, was vor der Industrialisierung war, bekommt man irgendwie hin. Und Holz ist nun mal eine Leidenschaft, gerade, wenn es um so ein Stück geht - 1830 konnte ein normaler Arbeiter für den Preis dieses Stuhles drei Monate eine Wohnung für sich und seine Familie mieten.

Eigentlich ging es bei dieser Jagd um Geschenke für andere - daraus wird jetzt nichts. Ich weiss zwar noch nicht, wo ich ihn hinstelle, er ist ja auch nicht zum Benutzen und ein Einzelstück, aber: Ein Platzerl find sich immer, für diesen Zeitgenossen Heines. Komme mir keiner mit Metternich, bittschön, in diesen langen Winternächten, wenn nebenbei Rossini läuft und der Rechner leise schnurrt, um denen da draussen zu erzählen, wie es mit dem Prachtsück weitergeht, und ob sich nicht a Gschpusi findet, die darauf eine Champagnertorte* löffelt.

Sonntag, 20. November 2005, 20:52, von donalphons | |comment

 
... also doch zum Gebrauch. Bin gespannt wie das weiter geht mit diesem Stuhl ...

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Den Bezug habe ich gerade entfernt. Darunter schaut es schlimm aus, das Sackleinen über den Federn ist gerissen. Aber, wie es der Zufall haben will, ist im Haus bei der Restaurierung ein Quadratmeter Sackleinen original aus den 20er Jahren angefallen - damit hatte man eine verschlossene Tür verkleidet. Vielleicht kann ich es doch selber machen...

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Ein Quäntchen Glück gehört einfach dazu :-)

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Dann noch hin und wieder eine kleine Wunde, 2 Schiefer, und viele alte gute bayerische Flüche, laut vorgetragen. Da erstaunt mich mein Aktivwortschatz mitunter selbst.

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Jo sakrahunkenblitznocheins
So etwa?

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jokruzinesnhimmiherrgottsakramentzefixhallelujamilegstamoaschdudreckadgloscheamviadlbloadan

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wenn wir in rente sind, oder vielleicht auch schon vorher, dann komm ich mal einen langen winterabend zum gepflegten rommee beim tee vorbei. aber ohne klopfen. das ist dann eine angemessene beschäftigung für elderly ladies, und meine schönen, aber momentan leider vollkommen ungenutzen piatnik-karten werden endlich mal richtig eingespielt. (ich hab natürlich das tudor rose set, mit den englischen herrschern drauf.)

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jaja, kneipen-/spieleabende...
...kommen zwar echt ausser mode, aber was gibt es schöneres? rommee, backgammon oder ne gepflegt partie billard... das ist doch um einiges kommunikativer als "world of warcraft" (der kneipenersatz für eine halbe generation). hab n kumpel, der hat original seine gesamten semesterferien vor der kiste gehangen... das geht mir hier in mitteld.land eh aufn keks, die jungs ham keine kneipenkultur, jedenfalls in meiner stadt nich!

@don: zu dem biedermeier-stuhl: gehört da nicht originalerweise so n netz aus bast (oder was dat is) drauf? meine großmutter hat so dinger, die sind damit bespannt... weis aber auch nich ob das original is... auf jedenfall: nette stühle!

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In meinen Kreisen war so etwas noch nie aus der Mode. Selbst Schach mit nem Glas Wein und Käse dazu in einem Bistro liegt mir näher als PC-Spiele. Billiardieren nach gepflegtem Tanzbein und vor ordentlichem Rotweingezeche allemal.

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@ andrea: Falls es Dich demnächst in den Süden verschlagen sollte, gern auch schon früher - den englischen Spieltisch aus Mahagony habe ich ja.

@ general: Der Billardtisch ist ohnehin einer der zentralen Desiderate für die spätere eigentliche Wohnung. Einer, mit dem man sowohl Pool als auch Carambolage spielen kann... einer mit Netzen in der Ecke, aus Holz... das muss ich nur noch finden.



Wenn alle Zargen (Sitzflächenränder) an der Oberkante durchlaufen, dann ist die Korbbepannung authentisch, so wie bei dem. Allerdings hat man im Biedermeier Kissen darauf gelegt. Immer schön ein Auge darauf haben, nicht dass soas mal auf dem Müll landet - dem Stuhl hier wäre beinahe das gleiche passiert.

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bloss mal so:

http://www.dick.biz/

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Im ersten Moment dachte ich ja, es wäre...

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