Wir sterben einsam.

Ich kenne eine ältere Dame, die ein Haus an einem See in Oberbayern hat. Und diese Dame hat einen einzigen Sohn, der wiederum hat eine Frau und mit dieser Frau zusammen ein Kind. Letzthin habe ich ihr geraten, die Schwiegertochter mt Rattengift aus dem Weg zu räumen. Die hatte sich nämlich bei einem nicht allzu verschwiegenen Makler erkundigt, wieviel Miete so ein Haus bringen würde, und angedeutet, dass es nächstes Jahr so weit sein sollte. Die Dame ist zwar älter, aber noch durchaus in der Lage, Bäume umzusägen, Holz zu schlichten und eine Strecke zu schwimmen, auf der ich mich in eine Bleiente verwandeln würde. Es gab, als die Geschichte herauskam, einen grossen Krach, in dessen Folge die Dame verstand, dass sie ziemlich alleine mit der Auffassung war, das Pflegeheim könnte noch warten.



Ich gebe offen zu, dass ich keine Ahnung habe, wie es andernorts, in anderen Schichten ausschaut. Aber meine Mutter sagte mir einen alten Spruch, der hier bei den Bauern beliebt war: "Weidergebn - Nimma lebm". Und ich habe einen Freund aus dem Dorf, bei dem wir früher gefeiert haben. Im leerstehenden Austraghäusl für die Alten. Das so kalt und primitiv war, dass sie sicher nicht sehr alt wurden. Möglicherweise ist es also nicht neu und überall üblich, den natürlichen Gang der Dinge zu beschleunigen. An das muss ich immer denken, wenn man mir bei den wenigen seltsamen Gelegenheiten Kinder eintgegenhält und mir erzählt, wie toll das mal sein wird, wenn man alt ist, und jemanden hat, der sich um einen kümmert.



Ich habe keine Kinder, ich will keine Kinder, und ich habe die brutal-schlächtigen Gene zweier ziemlich robusten Familien in mir, deren Angehörige sehr alt werden und, wenn sie dann endlich sterben wollen, das auch vergleichsweise schnell tun. Leben, sterben, etwas anderes gibt es bei uns nicht und zum Arzt geht man auch nicht. Dennoch habe ich zwei Jahre Erfahrung im fast täglichen Besuch in einem Altersheim, und dort kannte mich jeder. Als derjenige, der immer kam. Um es ganz brutal zu sagen: Die anderen kamen in aller Regel zu Weihnachten, Ostern, zum Geburtstag und nach dem Sterbetag. Keine Grattler. Beste Familien der Stadt. Oft gehörte Ausrede der Enkelinnen, die anzusprechen ich mich ab und an erdreistete, weil das Elend der auf dem Gang versauernden, von der Gesellschaft ausgeschlossenen Damen und ihrer Lügen - die B. käme schon öfters, ich würde sie nur verpassen - nicht zu ertragen war: Sie können nicht, sie müssen sich um ihre eigene Kinder kümmern.



Praktisch, so ein Kind. Und auch irgendwo verständlich. Man kann sich das Leben noch einigermassen schön machen, da mag man nicht wirklich zuschauen, wie ein anderer über Jahre zerfällt. Zumal das heute eine ziemlich lange und ungewohnt harte Erfahrung sein kann. Nachvollziehbar, irgendwo. Sicher auch mal für das eigene Kind, später mal. Manche haben das Glück, genug Geld für einen getarnten Pflegeplatz zu bekommen; ich kenne so eine Einrichtung in Rottach, mit Wappen, Chalets, Arzt und 2500 Euro Miete pro Person, ohne Extras. Rottach ist hübsch weit weg von München, also am Wochenende, da klappt das. Oder am Wochenende drauf. Andere haben im Alter das Geld nicht. Tja.



Vermutlich werde ich einsam sterben. Offen gesagt, ich möchte damit auch keinem auf den Sack gehen, so ich nicht die Torheit begehe, zum Finale die Barchetta in den Dienstwagen eines besonders widerlichen Politikers zu setzen, den anderweitig zu überleben mir nicht vergönnt wäre. Ganz sicher aber werde ich ohne die Torheit sterben, ein paar Hunderttausend in Blagen versenkt zu haben, die schon mit dem Antiquar telefonieren, um meinen handsignierten Mann zu verscheuern und die Erstausgabe des Candide taxieren zu lassen. Sterben ist immer einsam, das muss man alleine tun, so langweilig und banal es auch ist, aber es ist sicher leichter, wenn man sich nicht über all die Versäumnisse ärgert, die nun jenen zum Vorteil gereichen, die sich nachher mindestens so von irdischen Bedrängnissen befreit fühlen, wie man es selbst tatsächlich ist.

(Alle Bilder aus Hall in Tirol, das zum leben schön ist)

Donnerstag, 18. September 2008, 01:43, von donalphons | |comment

 
Ja, gruselig, wenn man sich so vorstellt, als alter Mensch die freundlich lächelnden Erben schon mit den Füßen scharren zu hören. Das gibt's alles. Und wird vielleicht schlimmer. Aber gibt's denn keine Hoffnung, dass man (durch Erziehung, eigenes Vorbild oder so) auch ein anderes Verhältnis zu den Nachkommen haben kann?

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Wie man die Angst vor dem Tod überwindet
Staring at the Sun. Overcoming the Terror of Death
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Ich glaube nicht, dass man da mit Erziehung was machen kann. Kinder sind mit 25 weg und das Problem beginnt 25 Jahre später, da kann sich viel verändern; noch dazu, wenn es nicht wirklich ein wirklich bombenfester Clan ist. Angesichts der langen lebenszeit wäre es vielleicht erzieherisch klüger, pey a peu teile des Vermögens abzugeben, das erhält die Loyalität und und mindert den Druck, habe ich mir sagen lassen von einer Frau, die das so macht.

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Verwandtschaft entpuppt sich spätestens dann, wenn es um's Erben geht. Da kann z.B. ein Munch plötzlich verschwunden sein, der eine Woche vor dem Ableben des Besitzers noch an der Wand hing.

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Wertpapier, Bargeld, Silber, Schmuck, Kunst. In etwa in dieser Reihenfolge.

Es gab in meiner Familie, angeheiraterer Teil mal ein Fall, da wusste die Mutter, dass es Krieg geben würde und hat deshalb vor ihrem Tod einen Haufen Bargeld in ein Album gesteckt, von dem sie wusste, dass die Frau ihres Sohnes kein Interesse haben würde, sehr wohl aber ihre Tochter. Vererben hat immerhin den Vorteil, dass man auch nach dem Tod nochmal für Strafe, Hass und Ärger sorgen kann.

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einsam
ich glaube, man stirbt so, wie man gelebt hat. immer. bei den menschen in meiner unmittelbaren umgebung, die dieses jahr gestorben sind, war es jeweils so.

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Ich habe manchmal den Eindruck, dass das Eltern-Kinder-Verhältnis in weniger wohlhabenden Familien besser ist. Zum einen reden die Eltern den erwachsenen Kindern weniger rein, weil sie selbst wissen, dass es auch andere, möglicherweise bessere Lebenswege geben mag als ihren eigenen, zum anderen spielt das Thema Erbe eine kleinere Rolle. Wie gesagt, ist eher ein Eindruck.

Meine Familie zählt wohl eher zur besser gestellten Mittelschicht, ich habe aus diversen Gründen den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen (davor stand ein jahrelanger, sehr schmerzhafter persönlicher Entwicklungs- und Ablösungsprozess), und ich glaube auch nicht, dass ich viel Lust haben werde, mich um meine Eltern zu kümmern, wenn sie alt und gebrechlich sind (finanziell und mit praktischen Dingen vermutlich schon, wenn das notwendig werden sollte, aber emotional - dazu habe ich nicht die Kraft, nach all den Dingen, die da vorgefallen sind, ich kann mich wirklich nicht verbiegen). Was das Geld angeht, zähle ich allerdings nur auf mich selbst. Es muss eben ohne Erbe oder andere familiäre Zuwendungen gehen.

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Ich will hier noch etwas leben, deshalb erzähle ich jetzt besser mal nichts zum Eltern-Kind-verhältnis in meiner näheren Umgebung, aber: Auch da gab es massive Defizite. Aber das ürfte weniger der "Trigger" für das Abwenden sein, als der allgemeine Zeitgeist und die passenden "Produkte".

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Natürlich gibt es die Einsamen im Altersheim
aber 80jährige Terroristen im Haus gibt es auch

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Klar. Es gibt verschieden Stufen der Problematik. Aber im grossen und ganzen scheint mir die Arschlochquote durch alle Altersstufen identisch zu sein.

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1 von 10
ist keins (wenn man Glück hat).

Danke Lemmy. Recht hast du.

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Ich weiß nicht, was ihr wollt. Früher gab es auf den Bauernhöfen dieses kleine Häuschen (Altenteil) und es war doch wohl selbstverständlich, daß sich die Alten frühzeitig dorthin verkrümelten und nicht bis Ultimo warteten, bis sie ihren Blagen den Hof übergaben.

Als diese gesunden Verhältnisse herrschten, hatten wir - aufgrund geringerer Lebenserwartung - auch weniger Probleme mit der Rente.

Wie sagte doch einst ein kluger Mann: "Komisches Volk, diese Deutschen. Erst wollen sie keine Kinder in die Welt setzen und dann wollen sie nicht sterben."

Oder wie anderer kluger Mann sagte: "Kerls, wollt Ihr ewig leben ?"

... und Frauen wie @amelia kamen früher ins Kloster. Da hatten sie dann eine Aufgabe. Kräutergärten anlegen, viel Beten, Syphiliskranke pflegen und so.

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Und Makler hat damals überhaupt niemand gebraucht (und heute eigentlich auch nicht)

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Europameister im Nichtkinderkriegen sind übrigens die von mir favorisierten Norditalienerinnen. Die haben dann aber die Zusammenrottungen alter hexen auf der Piazza oder, falls vermögend, juwelenbehängt im Feinkostgeschäft.

Erbonkel und Erbtante. Das ist besser als Kloster.

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Nur als einziger Neffe, sonst wirds übel und dem Charakter nicht förderlich

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ich biete mich hiermit zur adoption an. Alternativ können wir das Vermögen auch gemeinsam verprassen, dann gibts wenigstens keinen Ärger wenn ich es dann schlussendlich erben soll.

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Das Adoptionsanerbieten dürfte noch gefährlicher sein als eine Versklavung im Austausch für Kartoffelschalen und dem Zugang zur Feuerstelle (Modell Don). Beim Adoptieren erwachsener Männer kommt NIE etwas Gutes heraus. Adopton von Erwachsenen ist hier also so ähnlich wie eine notgeborene Bankfusion:

Das Elend wird nur größer dadurch.

(sorry - aber das musste ja mal gesagt werden) ;-)

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