Real Life Sommer 1984 - Days of Splendour

Es ist kein Tag wie jeder andere. Der Weg in die Stadt, zuerst über den Feldweg, der das kleine Seeviertel mit dem grösseren Westviertel verbindet, entlang der geraden, breiten, wenig befahrenen Strasse vorbei an den Villen, in denen Bankdirektorentöchter tot und leer in Richtung Ehe vor sich hindämmern, gesäumt mit gelben 911er Targas und seegrünen S-Klassen, über die Ringstrasse durch den Park über den geborstenen Festungsanlagen, diesen Weg fährst du diesmal allein auf deinem stahlblau-gelben KTM-Rennrad. Es ist Sommer, es ist heiss, die Schule wird nur vier Stunden dauern, und dann bist du erlöst.

Heute wird es furchtbar. Es ist ohnehin kein Spass, als Aussenseiter in dieser eher technisch orientierten Schule. Nur langsam beginnen sie, ein wenig Respekt zu haben. Seit den Surfbrettern bist du plötzlich interessant für die Mädchen, die raus zu dir an den See kommen, auch die S. ist dabei und die B., was so ziemlich alle verwundert. Irgendwie ziehen ihre Enduros nicht mehr so richtig. Die langen Jagden auf dem Rennrad durch das Altmühltal sorgen dafür, dass die schlagenden Proleten und ihre Freunde das Konfliktmanagement aktiv aus der Reichweite deiner Beine verlagern. Du hast einen Tanzkurs gemacht und eine wirklich hübsche Partnerin bekommen, die den Ansprüchen deiner Eltern genügt. Sommer 1983 und 84, da schien sich alles zum Guten zu wenden.

Bis zu diesem Morgen. Da war deine kleine Schwester schon früher reingefahren, mit ihrer besten Freundin B., einem intriganten Stück aus einer Doppelhaushälfte, das dich nie leiden konnte. B. war schon am Nachmittag davor dabei, als sich die Katastrophe anbahnte. Nach langem, beständigen Nerven, Drängeln und Erpressungen über die Noten - wenn nicht wie sie will dann keine Einser mehr - fügte sich Frau Mama ins unvermeidliche und beauftragte Papa, von der Dienstreise dieses braune Ding mitzubringen, das an diesem Tag deinen gesellschaftlichen Untergang bereiten würde. Am späten Nachmittag packten Mama und Schwester im Beisein von B. das Ding aus, die kleine Schwester tanzte vor Glück durch das Wohnzimmer, die Mahnungen, es nicht in die Schule mitzunehmen in den Wind schlagend, und du wusstest, es würde die Hölle werden.

Du bist auf den letzten Drücker gekommen, hast dein Rennrad abgesperrt und bist in die erste Stunde gerannt. Chemie, bei diesem elenden rechten Stück Pädogoabschaum. Rein, hinsetzen, Rucksack auf - der Gong, gerettet, keine dummen Fragen. Aber schon in der ersten Pause kann U., der dich in diesem Jahr des Surfens und Tanzen und Lebens schulisch überflügelt, den Mund nicht halten und fragt dich graderaus, ob das stimmt, was sich wie ein Lauffeuer auf dem Schulhof verbreitet hat. Dass deine kleine Schwester wirklich das braune Ding hat, dass es echt ist, und dass ihr so reiche Leute seit.

Deine kleine Schwester macht sich an diesem Tag keine Freundinnen, was insofern ein Problem ist, als du gern mit der ein oder anderen neuen Feindin gerne rumgeknutscht hättest. Mit dem scheusslichen braunen Ding hat das definitive Distinktionsmerkmal Einzug in die Welt das provinziellen Teenager Einzug gehalten, und du bist als Bruder mitgefangen. Alle reden darüber. Schaut sie euch an, die Signorina Porcamadonna. Was sie da hat, in cognacfarben mit der dunklen Schrift und den Buchtstaben C und M. Es ist echt, es ist teuer, igitt wie kann sie nur, was sind das nur für Leute, dass sie ihr erlauben, mit dieser

M-C-M Tasche

in die Schule zu gehen.

Der Sommer bleibt heiss, der See ist zu schön und die Bretter sind so verlockend beim Bräunen, lange hält die Sippenhaft nicht vor. Zumal nach einer Woche die Tochter der Pelzhändler mit Mamas goldbesetzter Tasche mit dem LV-Schriftzug auftaucht. Zwei Buchstaben, die zwar niemandem so richtig was sagte, aber das protzige Gold macht was her. Bald darauf haben auch andere Töchter Taschen mit M-C-M, und so betrat das Böse diese Welt der bis dahin unschuldig-dummen Gemeinheit. 21 Jahre ist das jetzt her. M C M war inzwischen zurecht fast pleite.

Aber nun ersteht die aus einem Münchner Friseurladen hervorgegangene, durch geschmacklose deutsche Vorstadtkinder und halbseidene Damen, amerikanische Prinzessinnen und asiatische Luxusgeschöpfe gerade so überlebt habende Marke MCM neu. In München. Und irgendwo in Hokaido, in Berkeley oder in Singapur wird nächstes Jahr ein Junge widerwillig durch einen unschuldig verzauberten Park in die Schule gehen, wo alle wissen und jeder auf ihn mit dem Finger zeigen wird, wegen dem täschchengewordenen Bösen, das seine Schwester wieder in eine heile Welt hineinträgt.

Donnerstag, 10. November 2005, 13:10, von donalphons | |comment

 
the summer of 84
two tribes und jenseits von eden

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Ah,
El Nino de Angelo. Was hab ichs gehasst...

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Cosi fan tutte in der Staatsoper München.

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Torville und Dean
in Sarajevo

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Spandau Ballet und Gold. Es war nicht alles schlecht, damals.

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1984 war ein funky summer in Berlin:

Cameo - "She's strange"
Jocelyn Brown - "Somebody else's guy"
Prince - "Purple rain - LP"

und nachts in den Silver Wings Club der Air Force in Tempelhof oder den Starlight Club in der McNair Kaserne.

Wenn ich so in Erinnerung schwelge: Noch mal 22 sein - nee. Aber die coolen Clubs der US-Streitkräfte und die Atmosphäre - ja.

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Wenn ein Rentier nicht mehr rennt wie ein Tier, sind wir jenseits von Schweden,
wenn die Gülle überm Öresund stinkt und der Tanker in der Ostsee versinkt,
dann war der Schwede wieder breit.

Ansonsten: Pat Benatar, Love is a battlefield.
TonSteineScherben, Der Turm stürzt ein
Billy Joel, I see the lights go out on broadway, I see the Empire State Bulding burn
Bruce Cockburn, Stealing fire

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... Spandau Ballet waren ja die, die nicht "so gerne auf Tournee gingen" weil man da "so unangenehm schwitzt" ... soviel Arroganz wurde reich belohnt ....

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wer so aussieht
[Bild gelöscht, Don]


darf auch nicht schwitzen wollen

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Supatyp, noch so eine Aktion mit einem geschützten Bild, oder auch nur ein Gemaule, und es war Dein letztes Posting hier, verstanden?

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1984 - plötzlich mutierten alle zu wandelnden Litfaßsäulen (Marc O'Polo...)

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Lacoste ist auch wieder gross da, Fred Perry auch...

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Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, warum zum Teufel sich die Mitschüler plötzlich alle blasszitronengelbe Sweatshirts anziehen, die den orthographisch entstellten Namen eines lange verstorbenen venezianischen Kaufmanns auf dem Rücken zeigen.

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Die Mitschüler, die so rumrannten, waren für uns Popperschweine, mit denen man nicht redet. Unsereins sparte auf eine Hein-Gericke-Jacke.

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Ich trug Fischerhemd, Streifenjeans und Chucks. Und dabei bin ich im Großen und Ganzen geblieben, außer den Streifen.

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Surf-T-Shirts, Jeans und hohe Vans war mein Outfit damals. Die Vans auch im Winter, obwohl die mit Shoe-Goo geflickte Sohle nicht dicht war. Bis auf die Surf-Shirts ist mein Freizeit-Outfit gleich geblieben. Und zu einem Zopf gebundene lange Haare habe ich auch noch - sind nur weniger geworden.

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Lacoste im Sommer, weisse Hemden im Winter, schwarze Hosen immer, dito Schuhe.

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Sommer 1984
schöne Geschichte - wie immer klasse beschrieben, man kann sichs so richtig vorstellen! MCM sagt nem Techie wie mir zwar nix (obwohls meine Freundin wahrscheinlich gern haette), aber an Sommer 84 erinner ich mich auch, war mein Abi.

Grüße. Thango

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mcm - jetzt auch als schuh
http://www.hypebeast.com/archives/36391_1-thumb.jpg

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Nix gegen gelbe Porsche Targas, so haben wir doch alle angefangen, oder?

(Der Besitzer war übrigens tatsächlich Bänker).

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Genau so einen meinte ich :-)

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seltsam ,
mir fallen zu '84 nur "it' all over now, baby blue" und ein paar unanständige sachen ein, an handtaschen erinnere ich mich beim besten willen nicht. ich glaube, ich war auch ziemlich arbeitslos, nein, nicht ganz, ich habe affen gefüttert ein paar monate lang..

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Ich ziehe in eine WG in Brixton. Im Erdgeschoss ist ein Obst- und Gemüseladen, durch den wir durchgehen müssen, wenn wir in unsere Wohnung wollen. Mike spielt Schlagzeug, Tam singt beim Abwasch und Nichola hört beim Bügeln immer die "A Hatful of Hollow"-LP von The Smiths oder "Reckoning" von R.E.M. Nachts wummern die Bässe von der illegalen Reggae-Disco nebenan, manchmal fallen deshalb Sachen vom Kaminsims in meinem Zimmer. Unten auf der Straße heulen oft die Polizeisirenen.

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Hört sich sehr idyllisch an. Könnten sogar die ersten Sätze in einem Drehbuch-Exposé sein.

1984 - ich wohne in meiner 1-Zimmer-Wohnung mit Blick auf die Frachtmaschinen der Air Force in Tempelhof. Die 3 Aussenwände und die Einscheibenfenster sorgen dafür, dass nicht nur die Wasserleitung im Klo eine halbe Treppe tiefer im Winter regelmässig einfriert. Der Ofen zieht nicht richtig und bleibt in der Nacht kalt, weil ich eine höllische Angst vor einer CO-Vergiftung habe. Alle 30 Sekunden verschwindet das Bild im schwarz-weiss Fernseher, weil die Radaranlage reinstrahlt. Der Begriff "Elektrosmog" ist noch unbekannt.

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1984
Ich schiebe Wachdienst in einem Atomraketenlager im Westerwald.

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1984 sinds noch ein paar Jahre bis zum Abitur und ich jobbe mit Kumpel A. als Putzwombel im oertlichen Freibad, der Sommer zeigt sich von seiner besten Seite und spendiert wochenlange Regenfronten - als den Bademeistern keine vernuenftigen Ersatzarbeiten mehr einfallen schickt uns einer der Weisskittel mit einem Schlauchboot und einem Eimer mit irgendwelchen Chlorpulverkrams ins Fuffzigmeterbecken, Kumpel S., der Kumpel A. an diesem Tag ersetzt, geht nach dem Chloreinsatz ueber Bord und taucht reichlich ausgebleicht wieder auf.

Im gleichen Sommer verteilt Kumpel A. auch noch einen ganzen Becher Joghurt (natur) ueber die in der Bademeisterkabine gefundenen Pornoheftchen - was zu leichten Missstimmigkeiten zwischen den beiden erbittert konkurrierenden Bademeistern fuehrt.

Im Sommer 93 verbrennt Kumpel A. ungluecklicherweise nach einem Frontalzusammenstoss in den Pyrenaeen, Kumpel S. hat seine Farbe wiedergefunden und lebt nach wie vor vor Ort von seiner Frau und ein wenig Musik.

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1984
war ein jahr, in dem wir gespannt warteten, was von orwells "science fiction"-vorstellungen wirklichkeit geworden war.

heute sind wir viel weiter, orwell konnte sich das sicher nicht vorstellen

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1984
Ich lande mit Lungenentzündung im Klinikum - zuerst auf der idyllischen und ruhigen Isolierstation, dann in der normalen Kinderklinik. Die 29jährige Stationsärztin wird einer der größten Crushes meines Lebens bleiben; überall erklingt Bronski Beats "Smalltown Boy" und ich genieße es, den herrlichen Sommer hinter Klinikmauern zu verbringen und - auch als Hete - am Leben zu leiden.
"Cry cry cry, cry, boy, cry cry cry!"

(Wann war es nochmal so schön?)

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Nana, mouchi, lassen wir die Kirche mal im Dorf: Rein technisch gesehen gehen die Überwachungstechniken zwar weiter als bei Orwell, aber politisch ist seine Utopie überhaupt nicht eingetroffen. Der Staat, der ihm vorschwebte, war härter als China unter Mao, und er ging davon aus, dass die ganze Welt so organisiert würde.

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che, natürlich gebe ich dir Recht. Andererseits konnten wir uns diese Techniken absolut nicht vorstellen, als wir Orwell lasen.

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Da hatte ich schon Welt am Draht gelesen, die Vorlage für Matrix und noch mehr für The 13th Floor, und ich konnte mir ganz andere Dinge vorstellen. Aber Du hast natürlich recht, wenn Du sagst, es wäre nicht vorstellbar gewesen, als Orwell 1984 schrieb. Aus der Perspektive eines türkischen oder syrischen Gefängnisses betrachtet sind bestimmte Teile des Werks übrigens beklemmend aktuell. Klassisch: Mutter eines inhaftierten Kurden ruft an und fragt, wann sie ihren Sohn sprechen könne und bekommt zur Antwort: "Wir werden die Leiche schon noch freigeben." Die Frage der Wächtner vor dem Verhör, ob Du Coca oder Pepsi willst, bezieht sich auf die Sorte der Flaschen (mit Kronkorken drauf), die sie Dir gleich in den After drehen werden. Als tough gilt, wer seine Genossen nicht verrät, sondern seine Wächter verspottet, während er mit dem nackten Hintern auf der Herdplatte sitzt. Verhörrealität im zauberhaften Orient anno 2005.

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