Dienstag, 12. April 2005
Warum Bloglesungen gut sind
Weil es Spass macht.
Und das ist, wie übrigens die anderen Punkte auch, ein erheblicher Unterschied zu Lesungen, die man als Profischreiber macht. Wenn ich aus meinem Roman lese, muss ich Performance bringen. Ich bin im Wettkampf mit anderen Autoren um die Gunst des Publikums. Es ist ein Teil des Jobs. Der ist zwar schön, aber dennoch bleibt immer dieses Gefühl im Nacken, dass man hier als Schriftsteller mit einem eingebildeten, idiotischen und trotzdem zu erfüllenden Qualitätssoll konfrontiert ist. Deshalb Lampenfieber, deshalb Stress, deshalb nach der ersten Lesung tot ins Bett fallen - von wegen Literaturgroupies ficken, muahaha, alles Legende.Natürlich sind diese Gefühle vor einer Bloglesung auch da, aber nicht so stark. Schliesslich sind es ja mehrere Leser. Es geht eigentlich um nichts, ausser um den Spass. mehr Spass an der Blogbar
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Chemiefabrik westlich von Wittenberg

Einfach auf das Bild klicken - willkommen in Deutschland. Hier ist der 2. Teil der Serie.
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Haifisch als Futter
Zuerst mal ist die 98 gegründete Holding einer jener ominösen Spät-IPOs der New Economy, die eigentlich schon 2001 hätten stattfinden sollen, und dann erst ganz klein Ende 2002 über die Bühne gingen - und dann prompt auch empfohlen wurden. Schliesslich, und jetzt wird es spannend, betrieb die Holding auch denangeblich von Promis frequentierten "Shark Club" in Berlin, der letztlich weniger durch die angeblichen Exzesse gewisser Schweizer Diplomaten als vielmehr durch nicht abgeführte GEMA-Gebühren eine gewisse Berühmtheit erlangte.
Dass die Holding auch schon mal Anteile einer gewissen eMind AG und einer gewissen Mallorca Lifestyle AG hatte -nun, das gehört dann eher zu den kleinen Nettigkeiten am Rande. New Economy halt. 120 Punkte bitte.
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 11. April 2005
2do
Termin finden.
Thema finden.
Studiogäste einladen.
Teaser machen.
Laufplan schreiben.
Broadcasten.
Alte Radiomacher kommen langsam zur Überzeugung, dass Bloggen auch nichts anderes ist, als On Air zu sein. Mit gewissen Call-In-Anleihen. Na denn. Mal schaun, was sich da noch alles machen lässt.
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Hadestore quietschen für die Medienport AG
Die Holding, bei deren Vorgänger 2004 auch Lothar de Maiziere Vorsitzender des Aufsichtsrats war, bietet eine ganze Reihe von Produkten an, als ginge es darum, alle Business Modelle der New Economy auf einmal nachzuholen. Jetzt werden wohl reihenweise Webprojekte leicht bleich um die Nase - die MPH Holding zeigt Sites wie anwalt-suchseite.de, forumrecht.com, apothekenport.de, lottoport.de, paarchannel.de und den Softwareanbieter mp-office.
Überregional bekannt wurde Medienport aber noch durch die Idee, Anwaltsberatung in Supermärkten (besonders in Berlin, wo sonst, hier gedeihen ja auch Jamba und Co. prächtig) durchzuführen: 50 Euro pro Beratung oder mit Stoppuhr 1 Euro pro Minute. Die Idee war einfach - auf der einen Seite sind viele arbeitslose Rechtsanwälte - auf der anderen Seite sah die Medienport AG gegenüber der Welt: "Unsere Zielgruppe sind vor allem Arbeiter, Arbeitslose und Angestellte, aber auch andere interessierte Bürger."
Bei solchen Amtsgerichtsnummern erscheinen Arbeitslose wirklich als ein Markt mit Zukunft. 120 Punkte bitte.
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Wunderglaube in der Moderne

Schliesslich lassen sich, wie das indigene Unterschichten-Marketing weiss, die Leute am Telefon alles, auch den letzten Dreck andrehen. Aktien, Versicherungen, Mehrwertdienst-Lebenshilfe, Esoterik, Zeitungsabos, Sex vom Tonband. Ein Geschäftsmodell mit Zukunft. Zwischen Rügen und Zwickau gibt es Hunderttausende, die nur darauf warten, sich von einem mit Aufbauhilfe geförderten Seriengründer die Kehlen wundzutelefonieren. Damit sie auch mal ordentlich teleshoppen gehen können, zum Beispiel. Da helfen dann auch die Landesmedienanstalten gerne weiter.
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Samstag, 9. April 2005
Dirt Picture Contest - Kein Schutzengel für Marketing
Ich persönlich hatte mehr mit Marketing zu tun. Und nach meiner Überzeugung ist es nie gut, wenn an der Schnittstelle zwischen der Realität da draussen und der im Eifer der Gründung entstehenden Hyperventilations-Realität drinnen Leute sitzen, deren Realitätserfahrung sich zwischen Business Lunch, After Work Party, First Tuesday und Bizz-Abo entstand. Das Marketing ist gewissermassen der Parkwächter, der diese Firmen-Rennsemmeln bei Vollgas in die Parklücke einweisen muss. Auf dem Posten würde man sich eigentlich alles andere als chemopralle Spezialisten im Fingernagellackieren oder Praktikantinnenficken wünschen. Fakt ist - da, wo der Parkplatz sein sollte, stand in der new Economy zu oft der von den Marketeers übersehene Betonpoller namens Realität drin.
Man kann das so bildlich sagen, aber als ich gestern durch das Reichshauptslum Berlin a.d. Spree führ, da habe ich es gesehen - das Marketing, das am Realitätspoller klebt:

Wer immer das gebucht hat, hatte nur Augen für den Waschbrettbauch, und nicht für die Umgebung. Und ich habe in meinem Kopf ein sehr scharfes Bild von der Person, die das verwantwortet hat. Marketing ist schlimmer als HR.
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Media Cluster Bomb TV München
Die ganze Geschichte ist hier. Es hätte auch anders laufen können, aber das Ergebnis wäre das gleiche geblieben. Berliner brauchen gar nicht fett grinsen - auch TV Berlin, zur gleichen Gruppe gehörend, soll wackeln. Die 120 Punkte kriege ich noch - für TV München will ich sie gleich.
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Freitag, 8. April 2005
Nachbereitung

Übrigens, meine Oma hat auch noch massenhaft alte Tonbandrollen von mir als Kleinkind, das Zeug ist echt hart, das halten auch erfahrene Headbanger nicht aus, ein Glück, dass dem alten mintgrüne Tonbandgerät irgendwann eine Röhre durchbrannte und das Quellenmaterial der Marke LAUT, VIEL und HUNGRIG nicht mehr spielbar ist. Aber ich schweife ab.
Frau Modeste beschreibt dagegen, wie es denn so war, auf der Bühne und davor und danach. Mehr Gedanken und mehr als nur 40undeinpaarzerquetschte Worte gibt es auf Zuschauerseite bei 40something. Holgi hat auf dem Heimweg ein Liedchen gesungen, das mir zumindest vom Text her sehr gefällt. Länger als 5 Minuten dauert die Partyberichterstattung von 5Minuten. Frau Engl wartet mit einem Bild auf, bei dem unsereins zum Schatten seiner selbst wird. Und ein Video - geschnibbelt aus Webcambilder - gibt es hier. Die Kritiker waren sehr angetan von der Veranstaltung und der lasziven Stimme von Modeste und hoffen auf Fortsetzung - jo, kann/soll man machen.
In 40 Jahren dann wird jemand versuchen, das alles nochmal abzurufen, aber wahrscheinlich ist es dann längst verschwunden, ge404t, weg, vorbei - nur meine Minidisc wird es bewahrt haben. Vielleicht. Und dann wird er vielleicht die Aufregung, die Freude und am Ende auch den Stolz in den Stimmen merken, es getan zu haben.
Und übrigens: Die Dame auf dem Bild, das ist sie, die Grossmutter mit den Tonbändern in jungen Jahren. Wahre Schönheit vergeht nie.
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Dirt Picture Contest - Ganz in der Nähe ist Jamba

Nur dauert das noch. Und ansonsten hat niemand daran Interesse. Früher hat man sowas schnell zu einem Loft umfunktioniert, aber die meisten ähnlichen, sanierten Objekte die Spree runter sind in etwa so begehrt und marktgerecht wie die hiesigen UMTS-Studien, Anthologien junger Berliner Bröckchenliteraten aka Betriebsschleimbatzen, korrupte Berlinbanker und Anwälte für Medienrecht - was diese Stadt halt so hervorbringt.
Immerhin bietet die Ruine den polnischen Punks Schutz und Unterkunft, und davor ist ihr Privatstrand. Mit bemerkenswert wenig Glassplittern - schliesslich wäre das nicht gut für die Hunde. Für sie ist das längst eine Art Heimat. Vielleicht empfinden sie sowas wie Glück und Zufriedenheit, wenn sie nach dem Autoscheibenwaschen über die Brücke kommen, und die leeren Fensterhöhlen und den brüchigen Schornstein sehen, im Wissen, dass der Kapitalismus bald überall so aussehen wird. Nur noch eine kleine Weltrevolution, dann ist es soweit.
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Die soziokulturelle Komponente

Es war keine einmalige Aktion. We shall return. Wahrscheinlich an einem Freitag. Neue Themen, mehr Blogs, andere Texte, mehr Charaktere, immer dressed up. Und mit einer Wild Card für die, die sich auch trauen und wollen. Und noch viele weitere Ideen. Eher bald als später, und ganz sicher bold - Futura Bold.

Danke, an alle Besucher, Chile, Modeste, Wortschnittchen, Johnny und Tanja.
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Donnerstag, 7. April 2005
Querschnitt
Die Texte:
Table Dance
Real Life 29.12.04 - Stützen der Gesellschaft
Bäckerei Stern
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Quote of the Day:
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Das Managermagazin, das Trendbüro und der Tod der Qualität
Da gibt es also diesen Artikel, eine "Trend-Kolumne", geschrieben von einem gewissen "Trendforscher Thomas Steinle". Nur indirekt erfährt man, dass er wohl nicht für das Manager Magazin arbeitet, sondern eigentlich Mitarbeiter des Trendbüro Hamburg ist, genauer: Partner im Trendbüro, ein Deeplink entfällt wegen der Verwendung von Flash. Dessen Chef ist Prof. Peter Wippermann - ein Typ, den manche nach seinen schon mehrfach ausgerufenen, aber nicht wirklich eingetretenen Trends nicht wirklich für die Creme der Trendforschung halten. Traurige Berühmtheit erwarb sich Trendforscher Wippermann dem 2001 viel zu spät herausgegebenen "New Economy Duden", der ziemlich gut aufzeigt, wie sehr sich das Trendbüro auf die Analyse von Trends versteht. 2003 proklamierte Wippermann eine Revolution des Alltags durch MMS bei Spiegel Online, mit Worten für die Ewigkeit: "Wer in den Urlaub fahren kann und mit einem Ohr im Büro bleibt, dabei mit dem Handy Fotos macht und sie am Strand versenden kann, hat mehr vom Leben." Mehr an der Blogbar
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Sammelklage gegen Jamba/Jamster in Kalifornien!
Wer immer diese Idee hatte, wird sich jetzt vielleicht ärgern: In Kalifornien hat der Vater eines minderjährigen Mädchens Klage gegen Jamster eingereicht: Die Vorwürfe lauten auf Betrug und irreführender Werbung. Die Tochter hatte sich unwissentlich ein Abo bestellt und in der Folge monatlich 1,99 Dollar an Jamba bezahlt - 1,99 Dollar, die ganz sicher nichts von dem aufwiegen, was jetzt auf Jamba zurollt. Denn hier geht es nicht um einen kleinen Einzelfall, bei dem Jamba vielleicht besser das Geld einfach zurücküberwiesen hätte. Hier geht es den Anwälten des Klägers dezidiert um eine Sammelklage, der sich möglichst viele Geschädigte abschliessen sollen. Dass es sich dabei zuerst mal um kleine Summen handelt, spielt keine Rolle: Entscheidend ist, wie das Urteil oder die aussergerichtliche Einigung ausfällt
Und da trifft Jamba das eigene System in den Rücken: Denn auch eine Class Action, eine Sammelklage ist so eine Art Abo mit später folgenden Kosten. Zuerst mal kostet es nichts, sich der Klage anzuschliessen. Gewinnnen die Anwälte aber, müssen die Kläger einen Teil der erstrittenen Summe an die Anwälte abtreten. Und angesichts der Vorwürfe kann es bei einer Verurteilung durchaus sein, dass Jamba neben der Rückerstattung der Abogebühren auch noch zu empfindlichen Geldstrafen für jeden einzelnen Fall verpflichtet wird. Insofern hat da kein Anwalt Interesse an einer banalen Rückzahlung - diese Anwälte wollen Jamster an die Eier, und zwar so richtig. Die wollen keine handvoll Dollar, sie wollen Millionen für sich und ihre Kunden.
Will sagen: Wenn die damit durchkommen, ist Jamster in den USA tot. Dann gibt es ein Urteil, nach dem sich andere Gerichte orientieren können. Dann werden sich viele denken: Hey, super, ich will mein Geld zurück. Aber schon jetzt stellt sich die Frage, ob nicht noch andere Kanzleien mit einsteigen. Callahan, McCune & Willis ist eher ein kleinerer Fisch in dem Geschäft - die Giganten mit erheblichem Einfluss heissen Milberg Weiss und Cohen Milstein Hausfeld & Toll. Jamba hat das Pech, sich auf zwei Lieblingsfelder dieser Class Action Anwälte begeben zu haben: Jugend- und Verbraucherschutz. Und allein die Tatsache, dass geklagt wird, ist für Jamba extrem unangenehm: Solche Pozesse sind nicht nur teuer, sondern erzeugen auch konsequent schlechte Presse. Die Öffentlichkeit ist in solchen Fällen immer auch eine Waffe, und Berichte über die Geschäftspraktiken sind Gift für den Aktienkurs von Verisign.
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300.000
Messen seit ... 20 August 2004
Summe der bisherigen Websiteabrufe 300.541
Irgendwann heute Nacht kam der 300.000ste. Wenn das so weitergeht...
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Mittwoch, 6. April 2005
Arme Blogosphärensäue
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Medienkompetenz

Nun könnte man sagen, ok, ein paar Pfeifen gibt es immer. Nur sind es diesmal besondere Pfeifen - die Seite gehört ausgerechnet zum News-Bereich der Bitkom, des angeblich grossen, wichtigen Lobbyverbandes der IT-Wirtschaft. Sehr kompetent, ich muss schon sagen. In der Pressemitteilung sagt BITKOM-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder: "Die Zeit der Kostenlos-Kultur geht zu Ende, gleichzeitig steigt die Qualität der Angebote." Es geht dabei um Pay-Content - was ich, wie manche vielleicht wissen, für einen Totgeburt halte.
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He, Spiegel Netzwelt!
Was hat das mit Journalismus zu tun? Nicht nur kopieren, ohne selbst über den Text zu reflektieren, und dann auch noch fast 2 Wochen dafür brauchen? Jaja ich weiss, so eine Qualitätseinleitung, ein paar Qualitätskürzungen und Formulierungen a la "sagt in dem Blatt" brauchen Zeit. (thx Mathias)
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Die Must haves der jungen Leute
Wie deine Eltern nach ihrem Kurzurlaub in der Krisenregion berichten, hat sich das fragile Gleichgewicht aber wieder hergestellt. Allerorten, von Seeshaupt bis Garmisch, hat man ein neues Wort entdeckt, das diese erbärmliche 500-Euro-Grenze atomisiert. Den armen Greisen, denen der brutale Staat alles bis auf ihre paar Wohnblocks, die Villa, zwei Autos, das Cabrio für den Sommer und die 10 Wochen Urlaub im Jahr wegnimmt, bekommen jetzt zwischen Lüstern und kleinen Silberdosen zu hören, dass das, was in diesem Geschäft gezeigt wird, "die Must haves der jungen Leute" sind.
Der im krisengeschüttelten Oberland kursierenden Legende zu Folge sind diese Must haves besagter junger Leute vor allem Silbergegenstände. Historistische Etagieren zum Beispiel. Fussschalen. Englische Silberkannen, eine Weile nicht wirklich begehrt, sind jetzt wieder wichtig für die jungen Leute. Es geht ganz sicher nicht mehr um den Versace-Protz, oder gar den Kolonialstil, diese Eiche Rustikal der New Economy, sondern wieder um klassische Werte. Biedermeier, Empire, historische Lackschränke aus China zum Aufbewahren der kleinen Preziosen. Das wollen die jungen Leute, wenn sie up to date sind. Daneben liegt die amerikanische Elle Decoration, die tatsächlich den Nachweis erbringt, dass sich dergleichen in den Räumen jüngerer Topmanager, Künstler und Berufskinder befindet. Es sieht aus wie in den südfranzösischen Villen der späten 50er Jahre.
Ausserdem, so sagt man, ist der venezianische Spiegel ganz gross im Kommen; ein Geschäft etwa weigerte sich sogar, ein Exemplar überhaupt anzubieten. Jedenfalls nicht unter 2000 Euro, wenn es denn unbedingt sein müsse und man dem aus dem badischen angereisten Ehepaar sie Freude machen könne - weil, gut, es stimmt schon, ohne so ein Must have der jungen Leute kann man eigentlich nicht nach Hause fahren, das verstand die Händlerin in ihrem Dirndlkostüm. Und gab dem Drängen nach, wie meinen Eltern dann beim letzten Galamenu erklärt wurde. Inzwischen sind die Käufer mit ihren Schätzen und dem SLK schon wieder daheim, ein paar Kilometer nördlich des Bodensees.
Und auch deine Eltern sind wieder da, und nein, gekauft haben sie nichts. Aber wenn du wieder in Berlin bist, könntest du schon mal nach einem silbernen Brotkorb schauen, und ein grosser, geschwungerer englischer Kerzenhalter hätte sicher auch noch Platz. So wie das eben in den Wohnungen der jungen Leute ist, oder besser: In den Vorstellungen, die man im Oberland von diesen Wohnungen hat. Du sagst ja, klar, mach ich, du wirst schon was Entsprechendes finden, und fährst, vorbei an schlafenden Katzen auf dem Gehweg, hohen Hecken und schmiedeeisenen Toren unter dem strahlend blauen bayerischen Himmel Richtung Norden.

Du hast einen Auftrag, ein Gespräch, ein Meeting, das ziemlich wichtig ist, und bist gedanklich nicht wirklich bei der Umgebung der Autobahn, die sich von der Provinz über das Fränkische, die Oberpfalz, den Thüringer Wald, die verrottende Brache um Leipzig bis hinein nach Berlin kontinuierlich verschlechtert. Du rumpelst über die Chausseestrasse zur Alten Lokfrabrik, wo früher die New Economy hauste, über Schlaglöcher und vorbei an den grossen Freiflächen, die die Landschaftsgestalter der Alliierten in dieser Stadt anstelle von dichter Wohnbebauung kreierten, und dazu fällt ein fieser, schmutziger Regen. In einem lichten Moment wunderst du dich, was zum Teufel du hier eigentlich verloren hast. Aus der Lokfabrik kommt ein Schwarm junger, bauchfreier Dinger in Rosa und himmelblau, ungepflegt, abgerissen und viel zu dünn, oder dem typischen, quellenden Speck einer falschen Ernährung. Das einzige Must have, das sie wahrscheinlich haben, ist ein Scheck, um die drei Monate Mietrückstand zu bezahlen.
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Dienstag, 5. April 2005
Eigentlich wollte ich nachher eine CD kaufen
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Nach der Vorhölle

Die ganze Serie gibt es morgen, oder so. Es wird noch besser. Noch höllischer. Da wohnen übrigens auch Leute daneben - nur arbeiten tun sie nicht. Weil Arbeit ist hier nicht. Aber immerhin kann man gegen den Frust Scheiben einschmeissen. Sehr viele Scheiben. Wenn ich wählen müsste, zwischen der Vorhölle meiner Herkunft und dem hier, zwischen dem, was in der privilegierten Provinz ist und was sich im Osten als gesamtdeutsche Zukunft abzeichnet, dann fällt mir die Entscheidung leicht.
Und bitte keine Illusionen - das ist nur ein Ruinengebäude von vielleicht 30 auf der Strecke von der A9 nach Wittenberg, die so aussehen - und von diesen 17 Kilometern muss man noch 7 Kilometer Biosphärenreservat wegrechnen. Bleiben 10 Kilometer für 30 Ruinen übrig.
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Montag, 4. April 2005
Das nicht vorhandene Geräusch des Reichtums
Und auf die turmversehenen Villen deiner ehemaligen Nachbarn. Die sind auch in Urlaub, ganz klassisch Malle die einen, Krisenprävention in Norddeutschland die anderen, weil die Ehe der Tochter sich rapide zu einem Scheidungsfall mit Gütertrennung entwickelt, und das wäre für diesen Clan ein eher unvorteilhafter Deal. Lieber nochmal soweit kitten, dass man einen Ehevertrag hinbekommt, und dann der Bruch. Aber das braucht Überredungskunst, und deshalb sind sie erst mal ein paar Tage im Norden. Nachdem sie sich ein paar Tage vorsorglicher Entspannung im Süden geleistet haben. Und auch in vielen anderen Häusern schaltet die Alarmanlage künstlich die Lichter ein. So ist das hier im Frühling - die Feriensaison hat begonnen, für die, die hier in den 70ern und 80ern sich architektonisch verewigt haben.

Aber es ist sehr still hier. Nur die Vögel, ganz selten mal der Kleinlaster der Gartenpfleger, hier ob ihrer universellen Einsetzbarkeit auch "Muckimänner" geheissen. Die meisten Restfamilien teilen sich hier jeweils einen Muckimann. Sonst rührt sich wenig. Die meisten Kinder sind längst erwachsen, studieren oder wohnen woanders. Einzige Ausnahme ist der Versager in der Parallelstrasse mit seinem Lotus und seinem Ferrari, der zwar eine Visitenkarte, aber keinen echten Beruf hat. Der ist hier manchmal laut.
Du hast dich inzwischen an die Abwesenheit von Geräuschen und Ereignissen gewöhnt. Dein Tagesablauf wird von der Katze bestimmt, die sechsmal was fressen und 30 mal rein und raus will. Das Leben hier erfüllt die Menschen mit Zufriedenheit und Ruhe, und du fragst dich, ob alle Dynamik und Anstrenung, Engagement und Speed in den anderen, grossen Städten nicht nur eine Folgeerscheinung des Zwangs ist, die Miete zusammenzukratzen und dauernd dem drohenden finanziellen Engpässen zu entgehen. Hier beeilt sich niemand. Hier gibt es keinen Grund, sich selbst oder irgendwas zu hinterfragen. Hier ist es ruhig, und von den Turmzimmern kann man hinüberblicken zum kräftigen Zinnoberrot des Tennisplatzes.
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Deklaration

Die Dachgarten-Saison ist eröffnet! Unter mir wuseln die Elitessen, über mir sirren die Schwalben, es ist Frühling und ich habe jetzt schon 12 Stunden volle Sonne. So ist das Leben in der Provinz - wonnig und sonnig. Und müsste ich nicht demnächst wieder nach Berlin, dann wäre es schön und gut so.
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Kaum mach ich am Montag das Internet ein,
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Sex.
Nun sass ich vor zwei Wochen mit Don Dahlmann und Chile zusammen und besprach die am Donnerstag stattfindende Lesung, und als die Frage aufs Thema kam, sagte jemand ziemlich grossmäulig: "Sex, F....., Bettgeschichten, schlechtester Sex seit je her..." Ich sah mich ob dieser Dreistigkeit erstaunt um, welcher verrohte Kerl das wohl gesagt hatte. Don Dahlmann war es nicht, Chile bestritt glaubhaft, es gewesen zu sein, also blieb eigentlich nur ich übrig, obwohl mir als Sohn aus besserem Hause dergleichen Äusserungen ganz sicher nicht die seidenbeschlagene Wiege gelegt wurden. Schamerfüllt fügte ich noch an "Und natürlich auch die Anbahnung desgleichen..." - und die anderen haben mich nicht abgehalten.
Nun war mir bekannt, dass die anderen an der Lesung teilnehmenden AutorInnen Sex und Beziehung als ständiges Thema in ihren Blogs haben und das gezielt zum Eigenmarketing nutzen - aber ich? Hier gibt es doch keinen Sex, Don Alphonso lebt keusch und zurückgezogen, und wenn dann doch mal was passiert, ist da bestenfalls ein Bild mit ausgezogenen Schuhen, aber das kann man nicht vorlesen. Und so sitze ich hier und krame in meinen alten Geschichten und erkenne: Ich hatte zu wenig Sex und viel zu wenig Texte dazu. Das kann ja heiter werden, am Donnerstag bei Johhny.
Trotzdem einfach unter donvsdon@gmail.com anmelden - selten werden sie ein so rotwangiges, früher grossmäuliges und jetzt schamhaftes Nervenbündel in einem Smoking auf einer Bühne vor einem Mikrophon gesehen haben, neben einem Routinier wie Don Dahlmann und drei schönen Frauen, die mich spielend an die Wand lesen werden.
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