Real Life 16.1.05 - Jungfernstieg

Entschuldigung?
Es ist dunkel, es regnet, ein paar Meter schwappt eine ölige Brühe in der Innenalster. Meine in Erwartung nordestdeutscher Verhältnisse gewählte Jacke ist, seitdem ich aus den Hyatt gekommen bin, wahrscheinlich genauso nass wie das weisse Mäntelchen, in dem die junge, schlanke blonde Frau friert.
Ja bitte?
Kennen Sie sich hier aus?
Ich bin seit 7 Stunden in Hamburg. Ich bin 1,80 Meter gross und nicht gerade verhuzelt, wie man in Bayern sagt, aber ich bin auch erkennbar südlicher Abstammung, zumindest, wenn ich mir die hier in rauen Mengen auftretenden grossen, blonden, nordischen Menschen anschaue. Und dann fühle ich mich instinktiv, nun, sagen wir mal andersrassig, was ich ja eigentlich auch bin. In Bayern gehe ich als Bayer durch, aber hier beschleicht mich seit 7 Stunden das Gefühl, in einem Lusttraum von Lebensborn-Fanatikern gelandet zu sein. Die Frau im weissen Mäntelchen müsste eigentlich erkennen, dass ich nicht von hier bin.
Nein, bedaure, ich komme aus München.
Es ist wirklich kalt, eine steife Brise kommt aus dem Norden und weht ihr die Haare aus dem Gesicht, und sie lächekt.
A so, jo, I a. Oba wissns velleicht, wo des via Johreszeitn is, is des des linke oda des rechte von dene erleichtetn Heisan?
Oisa, vom rechtn kumm I grod hear, des woas ned, oiso muass es as linke sei.
Danksche, sagt sie, so breit, dass es irgendwo aus der gegend um Mühldorf kommen muss. Mühldorf am Inn. Die reden so breit. Und haben oft noch Brauereien.
Bittsche, sage ich im gewöhnlichen Mittelbayerisch, von dort, wo die Bäcker um 2 Uhr nachts an die Öfen gehen. An schena Obnd.
Eine hochgeschossene, blonde Frau mit gentomatenroter Haut kommt während des bayerischen Abschiedszeremoniells vorbei, und weil wir in dieser vulgär klungenden Fremdsprache reden, schickt sie uns den Blick eines Schillparteianhängers, der zwei bongospielende Afrikaner sieht.

Ich bin ganz im Norden, ganz oben, und bei der Fahrt zum nächsten Ziel läuft inm Radio ein Lied mit dem Tiel "Nordisch by nature".

Dienstag, 18. Januar 2005, 16:47, von donalphons | |comment

 
Das ist eine witzige Geschichte!
Fast wie wenn man in London Deutsch spricht, ausser das hier Fremdsprachen niemanden interessieren weil ja eh keiner Englisch spricht, sondern Zuaheli, Spanisch oder Russisch, oder aber Cogney, aber ganz bestimmt nicht Englisch so wie man das in der Schule mal gelernt hat. Also von daher wohl n bissi schlimmer.

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In den ersten Tagen im Mittelwesten der USA hjaben sie michg auf grund meiner Aussprache immer gefragt, ob ich Engländer sei...

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... und mich wegen "Tomäto" immer ob ich Ami bin.
So kann's gehn! Jetzt weiss ich wie's in london geht:
"Toma'oh"

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@ ein bayer in hamburg
War mal bei der Uffzschule in Pinneberg. War schon irgendwie lustig als anzicher Frange under all den Nordlichdern. Dei riedn a´ Gschmarri. Dou grigst des Aafgschau wennst ned´ so redst wäi dei. Es kommt ja nicht von irgendwo das die Franken die Elite Bayerns sind.

In diesem Sinne, lieber Don.

Gott mit dir du Land der Bayern

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Ich würde das gar nicht wie in diesen komischen Serien sehen wollen. Aber, wie meine Grossmutter zu sagen pflegt - "a andere Rass", zumindest die grossen Hellen.

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Und da sagt man immer, Blond sei auf dem Rückzug. Diese Massen von riesigen blonden Brünhilden, geradezu furchterregend. Ziehen die eigentlich nie um? Heiraten die nie auswärts? Oder sind ei Hamburger Gene einfach immer dominant? Oder gibt es vielleicht tatsächlich irgendwo ein Hamburger Landesamt für Zuchtangelegenheiten?

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Nö. Die Blondhilden machen die Hanseaten privat.
Die Pfeffersäcke von der richtigen Seite der Alster (ich komme ja von der falschen) würden an so eine heikle Frage nie den Staat ranlassen. Nee, der Blondinismus mit Perlenkette entsteht in privaten Zuchtanstalten längs der Elbchaussee oder des Leinpfads, in Schulen, die mit "...eum" enden, den richtigen Hockeyclubs und und notfalls im X5 mit dem klugen Kennzeichen NF-HH ####, das zum billigeren Nutzen des Sylt-Shuttles berechtigt.

Irgendwelche Beamten haben damit nix zu tun. Selbst der Bürgermeister mit seinem kleinen Appartement in Westerland gehört nicht wirklich dazu. Zwar ist er fast blond, aber ...

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Die richtige Seite der Alster
ist aber auch verdammt schön. Die dort gezüchteten Blondhilden lassen dann im Auslandstudium in Monaco an der Isar die Sau raus. Dort dürfen sie endlich dick auftragen, was in Hamburgia, meiner Liebe, doch irgendwie verpönt ist. Trotz des X3 zum 18.

Auf der richtigen Seite der Alster.

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Wobei mir einfaellt ...
... das gerade in England auch nur 10% aller Blondinen naturblond sind, der rest sind irgenwelche Wasserstoff-blondierten Essex-Girls, und davon gibts n Haufen.

War auf dem V-Festival, so n grosses Festival von Virgin, da waren 75% aller Maedels (falsch)Blond.

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Bei uns in der Provinz gibt es die daqnn als Elitessen, aber fallen dann total aus dem üblichen Schema raus; man erkennt sie auf den ersten Blick.

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Elitessen gibt es also nur am Land? Wie heißt denn die Münchner Abart? Und wie sieht die Berliner Version aus? Und verfügen Sie über ein ganzes Bestiarium der definierten Damenwelt? Immer her damit, hier ist einer einzelnen Dame gerade schrecklich langweilig.

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Nun, die klassische Elitesse kommt aus Norddeutschland an die Elite-Uni meiner Heimatstadt, und ist eben gross, blond und mit hochragenden Wangenknochen versehen. Ich glaube, die süddeutschen Elitessen gehen eher nach Witten oder nach St. Gallen; wer von hier kommt, findet meine Heimat eher uncool. Gut, es gibt noch eine Reihe von Elitessen aus dem Badischen und Schwäbischen hier, die nicht so auffallen.

Wie auch immer, nachdem man in meiner Heimat eher klein, rund, kurzbeinig und dunkel ist - die Folge der in Bayern nicht eben gern gehörten Tatsache, dass man hier dank später Völkerwanderung im 6. Jahrhundert mehr von den Tschechen und Slowaken denn von den Kelten oder Germanen abstammt - stechen diese nordischen Typen eben hervor. Auch ist der gesamte Habitus anders.

Abgesehen davon, tendiere ich nicht dazu, Frauen in die Schubladen meiner gesitigen Louis-XV-Kommode zu verfrachten. Kann es sein, dass Sie sich angesprochen fühlen?

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Als was? Unter Ihren Elitessenbegriff bin ich, glaube ich, unsubsumierbar. Und eine blonde Brünhilde wäre ich vielleicht manchmal gern - das würde mir viel Ärger ersparen. Indes - es hat nicht sollen sein.

Nein, die Frage nach einer Typologie ist verhältnismäßig ernst gemeint. Die meisten Leute verfügen über solches ein mehr oder weniger ausgefeiltes Ablagesystem, der größere Teil teilt es einem nur nie mit oder schaut halt nicht in die eigenen Schränke.

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Nun, wer nicht ablegt, findet später nicht wieder, wenn er dringend Kommunikationsstrategien braucht, und tatsächlich lassen sich gewisse Ähnlichkeiten nicht bestreiten. Banales Beispiel: Frauen, die Escada hassen, sollte man kein Parfum von Hugo Boss schenken. Trägerinnen von Comme de Garcon kann man schmeicheln, indem man erzählt, wie dehr man das Ausscheiden von Thierry Mugler aus der Modeszene beweint. Reiterinnen sollte man nicht mit Edelstahlbesteck bewirten, und die typische Germanistin wird einen nur dann akzeptieren, wenn Zettels Traum zerlesen im Bücherregal steht. Und sage keiner, dass das Äusserlichkeiten sind: Wem es an Tiefe mangelt, der hat eben nur die Oberfläche als Ausdruck seines Wesens. Ich schätze das mehr als die seelenlosen Dinger, die mit Ach und Oh und stillem, stets präsenten Leid ein Wesen vorgaukeln wollen, das nicht ist.

Mit all den oben geschilderten Personen bekommt man es zu tun, beruflich oder accidental, aber was der Mensch hinter Don Alphonso zu seiner Lebensgestaltung bevorzugt, ist nochmal eine ganz andere Sache - allein, ich befürchte, dass es kein Frauenbild ist, für das sich die grosse Mehrheit dieses Landes erwärmen könnte.

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Das scheint ja ein richtiger Abenteuerurlaub zu werden. Vielleicht sollte man dem Newbie doch einen Ratschlag geben.
Also, der Bayer spricht in HH grundsätzlich seinen fremden Dialekt. Das gibt den Hamburgern Gelegenheit ihre bekannte Weltoffenheit zu zeigen. Schon hat der Bayer die Herzen gewonnen.
Im Übrigen würde man hier fremden Rassen nie feindlich begegnen, wenn es denn so etwas wie Rassen gäbe. Schließlich hat man die sechs? sieben? acht? Weltmeere befahren und ist dabei ganz anderen Creaturen begegnet. Oder wenigstens haben die Urgroßeltern bei Hagenbecks den Hereros gelassen in die dunklen Augen geblickt.
Da wird einen der Bayer auf keinen Fall erschüttern.

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Bayern
ist ja nicht gerade Seefahrer-Nation!

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Das stimmt nicht! Wir haben durchaus Isarflösser, Donaubefahrer, Fischerstecher und eine weissblaue Flotte auf dem Starnberger See.

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Nicht zu vergessen die Schiffschaukeln auf dem Oktoberfest!

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Und Steckerlfisch hamma a.

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Suesswassermatrosen
Pah!

Im uebrigen, meine Familie (im Gegensatz zu mir und meinem Alten) haelt grosse Stuecke auf die Herkunft, man quaelte mich mit dem Stammbaum und das mein Urgrossvater ein Kapitaen der ECHTEN Tiefwassersegler, somit also Hanseatisches Urgestein gewesen sein soll.

Macht mich das jetzt zu nem besseren Menschen?

Stammbaumforscher waren mir schon immer suspekt, zumal, wer weiss wer von den alten Boecken mal "quergef*ckt" hat ...

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Nun, aus bayerischer Sicht macht das Dich zum Original-Fischkopf. Nicht nett, nicht meine Sicht, hart, aber es ist so.

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denn ma Butter bei die Fische
Deine anthropologischen Studien in allen Ehren, aber um in die Tiefen der sehr raffinierten Arbeiter-und-Kaufleute-Aristokratie zu schauen, muss man hier geboren sein. Ich selbst habe ja leider nur zwei Hamburger Großeltern, aber immerhin kommt eine weitere aus Mecklenburg und ist damit halbwegs akzeptabel (den Großvater aus Witten versuche ich gegebenenfalls zu verschweigen). Bei den Urgroßeltern sind es dann auch nur drei. Schade. Dennoch: Diese hübsche Mischung aus echtem Arbeiteradel und einer gewissen Gediegenheit der leicht verarmten Kaufmannsfamilie ist immer nett gewesen.

Und dann: Ein Hamburger geht nicht weg (weshalb deine Elitessen hier sicher auch nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen werden) außer vielleicht ins Internat oder nach London - aber London ist nicht weg, sondern nur die andere, großstädtische Variante von Hamburg. Und ein Hamburger zieht zwar hin und wieder um, nie jedoch über die Alster oder die Elbe (wobei ich bei unserem sechsjährigen Intermezzo in Duvenstedt auch erst nach der Unterschrift unter dem Kaufvertrag gemerkt hatte, dass es zwar gefühlt weiterhin östlich, in Wahrheit aber westlich der Alster liegt).

Der Hamburger an sich hat weder Vorurteile noch etwas gegen Fremde oder Arme - er hat nur nichts mit ihnen zu tun. So einfach ist das.

Und nu kommst du.

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Ich bin ja auch schon wieder weg - und ich glaube nicht, dass Hamburg deshalb traurig ist.

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siehst du? So fängt es immer an. Ihr Südler versteht uns einfach nicht.
Das fängt an bei "da nich fü-a" als norddeutsche Variante von "gern geschehn" - und endet noch nicht bei "und nu kommst du" für "und was ist deine Meinung dazu?"
Ich bin ja immer gern in München und immer auch gerne wieder weg. In Berlin nur letzteres :-)

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Mich hat das "Moin Moin" am Nachmittag schon immer etwas verwirrt....

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Hier im Norden müssen wir Omas aushalten, die ihre Arme ausbreiten und "Nu komma baa mich baa!" rufen, wenn sie die Enkel an ihre breite Brust drücken wollen. Das ist schon hart, aber fördert die Fähigkeit, auch in rauher Umwelt überleben zu können.
Und rauhe Umwelt gibt es auf dem platten Land im verschwenderischen Übermaß. Hier leben Menschen, die "Heini" gerufen werden und andere danach beurteilen, ob sie mit dem Fendt eine gerade Furche ziehen können. Sie fahren beulige Altautos und haben Kontostände, bei deren Anblick die NE-Helden dieser Welt spontane Neidpickel bekommen würden. So manchem sichelbeinigen Norditaliener (das sind die Menschen südlich Kassel) würde hier wohl andauernd "plümerant" werden...

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Was soll ich da erst sagen? Ich bin noch zehn Zentimeter kürzer als Du ...

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Buharrr!

...weiß ja net was mich mehr schreckt.
Lebensborn oder Mühldorf.

Mich fragend ob ich auch hin und wieder wie ein Schillparteianhänger auf bongosprechende Bayern
herabblicke?!

...und ich bin bloß ein Westfale in Hamburg.

- Grussregierung.

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