Real Life 10.03.05 - Vermeidungsdate

Eigentlich müsste sie was tun, aber sie hat den ganzen Tag schon gelernt und geschrieben, und jetzt mag sie nicht mehr. Ich habe in meiner Stadtwohnung das Licht brennen lassen, also hat sie mich angerufen und gefragt, ob sie vorbeikommen kann, auf 1, 2 Stunden. Als ich ja sage, ist sie erleichtert. Es ist nicht so einfach, in der Provinz während der Ferien um Mitternacht noch ein Spontandate zu finden.

Als sie dann da ist, sagt sie ziemlich ehrlich, dass sie eigentlich gar nichts getan hat. Burn Out Syndrom. Das kommt davon, wenn sie mit völlig überzogenen Erwartungen in ein Studium gehen, das trotz aller Versuche, es hip und cool zu machen, doch nicht der kürzeste Weg zur Frühpensionierung ist, gehe dabei über Los und den Prada-Shop, ziehe einen tollen Job beim Praktikum ein und verbringe den Rest Deiner Tage in der Schlossallee. Die Hoffnung hat sie immer noch, irgendwo, aber davor ist ein Riesenberg Arbeit, und ihre Motivation ist nicht grenzenlos. Momentan ist sie auf genau 0. Es reicht noch, um in die Dusche zu gehen, und sich mit mir zu treffen. Also sitzt sie in ihrer wenig ansprechenden Hauskleidung auf dem Biedermeiersessel, trinkt Tee und meint, dass auch bei diesen Temperaturen bauchfrei nicht zu Lungenentzündung führt. Ich bin eigentlich ganz froh, dass eine Lawine meine Dachterasse verschüttet hat, sonst würde sie in ihren dünnen Fetzen auch noch raus und sich ein paar Zigaretten anstecken.

Sie erzählt einiges, was den Schluss zulässt, dass sie sich lebendig begraben fühlt, und ich schaue oft auf ihren Bauchnabel, damit sie sich attraktiv und begehrt fühlt. Irgendwann fällt ihr Blick auf den moppligen Laptop, der hier rumsteht, und sie findet ihn in seinem Lindgrün und seinen üppigen Formen furchtbar veraltet. Irgendwo auch vintage, doch, das runde, dicke Ding gefällt ihr, und in dem Lindgrün hat sie auch ein Kostüm, aber es muss ja Ewigkeiten her sein, dass man solche Rechner, was ist das denn für einer?



Sie kniet davor, schaut sich die üppigen Rundungen an, und ich fühle mich etwas alt. Mein alter Siemens ist einer von drei Laptops, die wirklich noch die Blüte der New Economy erlebt haben. Wenn man mal einen Film über diese Zeit drehen wird, wird man den CXOs und BizzDevBienen ultraflache, silbergraue Subnotes in die Hand drücken, wie man sich das vielleicht so vorstellt, aber die Realität sah anders aus. Was damals auf nicht allzu vielen Tischen in den besseren Etagen der Firma stand, erinnerte noch an Schreibmaschinen mit Monitor. Die Veteranen dieser Zeit laufen noch, aber alle technischen Daten werden heute bei ein fünftel des Preises um den Faktor 10 übertroffen. Mir ist das egal, für meine Zwecke reichen auch noch diese ältesten Vertreter ihrer Gattung. Der hier hat viel erlebt, meine erste Powerpoint, Aufstiege, Untergänge, Verrat und Lüge; nach einer Weile mochte ich ihn, wie man eben eine dralle Italienerin in lindgrünen Kleid mag. Und als ich das Blog hier in Grün und Dunkelrot einrichtete, war es eine Reminiszenz an diesen Laptop mit seinen dunkelroten Taskleisten, der alles überlebt hat. Die Firma, die ihn gekauft hat, hat 2000 den Exit gemacht, aber da war er schon in meinem Besitz.

Und jetzt kniet die Elitesse davor, befühlt spöttisch die Biegungen und kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass das mal schick war. Ihre Zukunft ist schlank, lean, reduziert, hart wie die Wirbel, die hinten zwischen der Hose und dem scharzen Pulli mit den roten Rennstreifen rausschauen. Es wird ein Rennen, sie ist dafür wie geschaffen, wenn sie morgen ausgeschlafen ist und sich ein wenig erholt hat. Keine Frage, sie ist sogar in der Pole Position, aber es gibt keinen Grand Prix mehr zu holen. Und wenn sie aus der Kurve fliegt, werde ich vielleicht vorbeikommen, mit meinem lindgrünen alten 57er Laptop-Caddy aus der goldenen Zeit, und schaun, ob da noch was zu retten ist. Ein Mädchen, das drei Jahre früher in der Wohnung neben ihr war, hat im Praktikum in einem Investmenthaus einen Berechnungsfehler gemacht, mit ein paar Zigtausend Schaden. Eine Menge Geld für so ein junges Ding. So geht das Rennen, manche haben einen ganz normalen Rennunfall und scheiden aus. Mit der war ich damals eine ganze Nacht auf der Dachterasse, the night after. Aber davon erzähle ich der Elitesse nichts. Warum auch. Sie wird es selbst herausfinden.

Donnerstag, 10. März 2005, 11:03, von donalphons | |comment

 
Es ist ein Genuß...
... Deine Texte zu lesen. In Worte gehüllt die Dinge zu
sehen, die man so oft seinen Mitmenschen mitteilen
möchte. Und nicht kann, weil einem die richtigen Worte
fehlen...

Hmm.... ich stelle gerade fest, dass ich viel zu oft hier
vorbeischaue...

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Das hier ist nur um drei so hingesabbelt, als sie gegangen ist. Eigentlich war es ein ganz lustiger Abend, nur war das das einzige Fragment, das ich ohne Indiskretion beschreiben konnte.

Und ich

soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
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soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
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soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen
soll nicht mehr so viel bloggen

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Streiche "nicht mehr so viel", setze mehr :-)

Darum geht es ja. Um dieses einfach hinklatschen. Ich
kenne Menschen, die perfekte und lesenswerte Texte
produzieren können. Wenn man Ihnen Zeit gibt.

Ich kenne nur wenige (so doof das klingt), die wie Du in
der Lage sind, einfach drauf los zu schreiben. Ich kann
sowas nicht.

Das ist wohl auch der Grund, warum Du Bücher verkaufen
lassen kannst und ich mich mit Daus rumschlage. Denen
muss ich nur böse eMails schreiben. Maximal.

:->

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Jein, eher nicht. Blogtexte gehen im Buch schlecht bis überhaupt nicht. Es gibt Ausnahmen, aber das meiste wollte ich so nicht gedruckt sehen, und was ich für Print schreibe, lönnte ich online nicht lesen.

Bloggen ist Spass. Schreiben ist fucking, bloody, harte Arbeit.

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Keine Ahnung, kann ich nicht mitreden. Ich schreibe
ja nicht selber.

Was das Lesen angeht: ich lese fast alles lieber auf Papier
vor mir. Schade für die Umwelt, ich gebs zu, aber ich
bin kein guter Monitorleser.

Aber ich bin ja eh so einer kranker Geist, der auch gerne
Telepolis als Magazin kaufen würde :-)

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Mit Daus rumschlagen? Was ist das? Unter Dau kenne ich ein traditionelles arabisches Segelschiff. Mein erstes Notebook arbeitete mit DOS 5, Windows hätte nicht auf die Festplatte gepasst und war damals nur in Institutsnetzwerken verbreitet. Schade, dass es kaputt ist. ´War sehr absturzsicher, nur die wenigen Errors waren völlig anders als heute - so Steuerzeichen-Salat auf dem Display. Das hatte 64 Graustufen, und darum beneideten mich alle.

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Immer noch besser als schwarz und weiss auf der Schreibmaschine, die in München auf dem Schreibtisch steht (Erika von 1930, daran dann die Autorenphotos mit verträumten ichfickegut-Lächeln).

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Zur Not tut es auch ein Griffel und Tontafeln.

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Zeit für Kriegsgeschichten:

Das Foto habe ich sofort als Siemens erkannt. Hatte ich auch einmal und es sind auch viele Erinnerungen mit verbunden.

@che
Mein erstes "Notebook" war ein Compaq portable III mit orangenem Plasma Display (so 1987 rum). Lief mit DOS 3.3

Wenn ich die Meldungen von der Cebit so verfolge, dann habe ich den Eindruck, ich bin 80. Oder braucht wirklich jemand ein home-entertainment-centre das mit WLAN alle MP3s, Fernsehen, DVDs usw. aufs Klo überträgt? Was mich ein wenig hoffen lässt: Bei Ebay gehen alte, gute Notebooks wie ein IBM X20 für 200-250 Euro weg (ohne WLAN, ohne CD/DVD-Laufwerk, mit Schrott-Akku und teilweise fehlendes Netzteil, obwohl man für 150 Euro mehr ein super-hyper-Notebook mit allen schnick-schnack bekommt. Das müsste eigentlich jeden IT-Manager zum Verzweifeln bringen.

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Der Witz ist: Mit Rechnern, die in der Leistung einem C64 entsprachen, aber so gr0ß waren wie ein Kühlschrank, ist man zum Mond geflogen, damals, 69.

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Siemens 710, genauer gesagt. Kostete mit 13,3 Zoll, 2.-Akku, 196 MB Ram und 6 BG-Platte so um die 13.000 Mark Freundschaftspreis. Hatte nicht jeder. Ist aber auch nicht umzubringen.

Ein IBM X20 wird auch in drei Jahren noch laufen. Ein Gericom - da wäre ich mir nicht so sicher. Und wirklich gute Notebooks sind bis heute nicht billig - man denke an 4000-Euro-IBMs mit 14 Zoll Bildschirm - nichts für Schnickschnack-Freaks, aber wer sowas will, achtet eben auf Qualität und Langlebigkeit.

Ich kann auf dem 710 einstündige Radiosendungen machen. Das ist weitaus mehr Anforderung an den Rechner, als alles, was man bis heute im Bereich unterhalb von DTP macht. Insofern ist mir eine gute Tastatur, die nach 10 Jahren noch geht, wichtiger als ein Prozessor, den ich nie ausreize.

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wohl gesprochen Don.
In der Firma achtet man heute auf auszugebendes Geld und passt die Anschaffungskosten und die zu erwartende Lebensdauer der eigenen an. Mithin werden Kisten gekauft, naja den Rest kennst Du schon.

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Ich habe schon mal einen Pitch erlebt, da hat der Gericom gestreikt. Saublöd, wenn das die Minuten sind, wo sich entscheidet, ob man nochmal Geld bekommt oder nicht.

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Schwergewicht
Als DTP-Macher und Webseitenbauer kann ich grundsätzlich nur mit Workstations was anfangen und brauche vor allem ein gutes Display - und da ist mein 22er Thinkvision ungetoppt.

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DAU, nicht Daus
Ei der Daus, da hat der unreal ja die falsche Form der Vermehrung für Dümmster Aller User benutzt. Das nur mal am Rande für den che.

Bin ich froh, dass ich noch Laptopfrei rumlaufen kann und nicht dem Trend der Zeit hinterherrennen muss.

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Mußte das Mädchen mit ihrem Privatvermögen für den Schaden haften oder hat sie sich lediglich den Lebenslauf mit einem "wir sorgen dafür, daß du nie wieder irgendwo einen Job bekommst" versaut? Und was wäre schlimmer?

[Für Fehler, die Praktikanten machen, sind IMO diejenigen (mit)verantwortlich, die sie ausgebildet und angeleitet haben. ]

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Da war kurz davor eine Kündigungswelle, und die haben sie in der letzten Woche nach drei Monaten noch mal was richtiges tun lassen. Es ist ihr in der Nacht passiert, und bis die Folgen aufgefallen sind, war es schon eine Woche später.

Man hat sich dann mit ihr geeinigt, dass sie einen kleinen Teil zahlt; sie hat wohl durchblicken lassen, dass sie eventuell die Geschichte publik macht. Das Problem für die Bank war, dass sie ihren Kunden hohe Fees abnehmen, aber wenn statt der Manager Praktis an den Schalthebeln sitzen, kommt das nicht so gut. Sie hat ohne jede Frage einen schweren Schnitzer gemacht, aber das Umfeld war die Ursache. Sie hat dann einen anderen Weg genommen, was sicher nicht ganz dumm war. Es hätte auch noch schlimmer kommen können

Ich schreibe hier nicht, welches Haus das war, aber seitdem rate ich alles und jedem, auf keinen Fall mit der Bank dahinter Geschäfte zu machen. Billig, ich weiss.

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