Zu Besuch bei der Bürgerlichkeit

Ich kann es verstehen, wenn die Medien heute, nach 15 Jahren in der trendigen, hippen Sackgasse des Temponachmachens, zurück wollen zur ruhigen Bürgerlichkeit. Die lange bekniete, angeschleimte junge Zielgruppe hat sich wegentwickelt vom Papiermedium, und so bleibt nur der Rückzug auf ein Klientel, das freakiges Layout eher widerwillig mitgemacht hat, die Best Agers, die Silver Hairs, die Vertreter klassischer Sekundärtugenden, mit denen man eine Familie, ein Internat, ein KZ oder ein mittelständisches Unternehmen betreiben kann. Diese Klientel ist die sichere Bank für Printmedien, es sind die Abonichtabbesteller, es sind die, die sich eine Zeitung halten, wie sie sich vielleicht einen Hund halten, und in diese Rolle fügen sich FAZ, Zeit und Süddeutsche gerade wieder mit wohligem Schauder ein. Denn warm ist es unter dem Tisch des Spiessers, und es gibt, wenn man brav ist, auch Leckerlis. Besonders, wenn man dem Spiesser vorlügt, er wäre ein Vertreter der gesellschaftlich so wichtigen Bürgerlichkeit, vergeistigt beginnend bei dem Adelspostenjäger Göthe über den dreckigen Nazi Wagner bishin zum den reaktionären Adenauer. Das alles kommt jetzt wieder aus den Rinnsalen der Gossen gestunken, braun und nach Verwesung duftend, aber wer weiss, vielleicht gefällt es ja dem Publikum.

Es wird zum Trend erhoben, und die bei Ex-Nazis gekauften Umfragen machen auch den Jungen weiss, dass sie traditionelle Werte wollen, ach wie schön wäre es, wenn sie es glauben würden und sich danach verhielten, zum Wohle der Presse, des Merkels und der personalgepimperten, blagenwerfenden Familienvonundzu. Retro ist schick, Retro zu prä1914, prä1945 kommt ja nicht so gut. Das Vorbild kann man sich anschauen. Zwischen den Posten Varia und Möbeln beim Auktionshaus Behringer habe ich zwei Stunden Zeit, das zu besichtigen, was von den Medien als altneues Ideal gepredigt wird. Nie war Bürgerlichkeit selbstbewusster, ungebrochener, skrupelloser und so ideologisch gleichgeschaltet wie im Kaiserreich zwischen 1871 und 1918. Mit der Königswarter Strasse in Fürth hat sich das zu Geld gekommene Bürgertum ein Denkmal erschaffen, aus dem jetzt die letzten Stücke herausgebrochen werden, die bei Behringer unter den Hammer kommen.



Weitgehend unzerstört reihen sich hier Prunkbauten kilometerlang aneinander. (Mehr Bilder im Bildteil hier) Säulen, Architrave, Stuck, Figuren, Lisenen, Obelisken und jede andere architektonische Spielform wurden verwendet, um nach draussen zu zeigen, was man ist und was man hat, und vor allem, was man gerne wäre, nämlich: Dem Adel, der besseren Klasse gleichgestellt, oder zumindest akzeptiert. Steif ging es drinnen weiter, die Damen hatten keinen Beruf und konnten sich der Sauberhaltung des Haushalts widmen. Keine Glotze, kein Radio wollte Gebühren oder Anrufe bei 0800er Nummern, und so ging das Geld in zwei Meter Schiller, Heine und Göthe, die aber doch zu anstrengend waren, weshalb man sich das Lokalblatt und die Gartenlaube hielt. Ja, es waren goldene Zeiten für die Presse, als die Bürgerpaläste hoch aufragten, kein Wunder, dass man sich in den Medienzentralen den Diwan zurückwünscht und den grossen Eichentisch mit geschnitzten Löwenfüssen, auf denen die warme, gebügelte Zeitung liegt, die später auch das Tischgespräch beherrscht.

Besagter Tisch hat nachher bei Behringer die Nummer 5203, Limit 120 Euro. Auf den Türmen der Häuser stehen dicht gedrängt die Satellitenschüsseln, und der Stuck an der Decke wird von billigen Flutern in der Ecke verschandelt. Niemand würde heute noch so bauen, statt dessen reduziert man die Formen auf das wesentliche und investiert das Geld lieber woanders, Plasma-TV zur WM etwa, oder die Reise nach Mauritius, gebucht im Internet, oder man erwirbt die schlichte Toplinie von Rolf Benz. Die alte Lampe von Opa wird schon lang nicht mehr geputzt, vielleicht landet sie auch bald beim Behringer, spätestens beim nächsten Umzug, den, wie im Wirtschaftsteilm der Zeitung gefordert, unsere flexible, allzeit bereite Zeit mit sich bringt. Also an dem Tag, wo auch gleich das Abo abbestellt wird, kurz bevor die neue Bürgerlichkeitsimulation bei einem Möbelhaus vor einer anderen Stadt gekauft wird.



Die Vorfahren sind längst zerfallen in der sandigen Erde der Fürther Kirchhöfe. Es führt kein Weg zurück in diese Zeit, in der die Zeitung mangels Konkurrenz zwingend dazugehörte. Wer jetzt aus dem Kauf von Rosenthal Maria Weiss oder R&B Fischbesteck, aus Benimmkursen und Tischsitten schliesst, dass ein relevanter Teil der Gesellschaft zurückgeht in den Historismus, weiss nicht, wie das Vorbild tatsächlich beschaffen war. Und er sieht nicht den Umgang besagter Bürger mit den Trümmern der Vergangenheit, die im Fürther Auktionshaus in der Dunkelheit wenig später den Besitzer wechseln. Zitate sind es allenfalls, Nostalgie vielleicht oder Exzentrik, Anbiederung an die bessere Gesellschaft oder den CEO - aber nichts, worauf man als Zeitung sein Recht zur Existenz ableiten könnte.

Angesichts dessen, was die elektronischen Medien an Lebensentwürfen zwischen Seelenstrip, Starallüren und Krawalltalk bieten, mag die neualte Bürgerlichkeit vielleicht sogar einen gewissen Charme haben, allein es fehlt die Bereitschaft. Und angesichts der politischen Richtung dieser medialen Hoffnung, die gern Thron, Altar, Militarismus im Inneren und Bückling vor den ostelbischen von Spackos hätte, kann ich die fehlende Willigkeit nur begrüssen, selbst wenn ihre kronleuchternden Spolien später im Auto bei der Fahrt über Fürths zerborstene Strassen fröhlich klimpern.

Nachtrag: Ich lese übrigens am Samstag in Fürth, gleich um die Ecke...

Mittwoch, 22. März 2006, 10:45, von donalphons | |comment

 
Steif ging es drinnen weiter, die Damen hatten keinen Beruf und konnten sich der Sauberhaltung des Haushalts widmen

Wollen wir mal nicht die Hausangestellten vergessen. Ohne Waschmaschine, Haushaltschemie und Staubsauger - und mit den Kindern - das war nur von den "Damen" alleine nicht zu bewältigen.

Heute zeigt sich die neue Bürgerlichkeit darin, dass Häuser mit grossen Gärten einen Preisabschlag bekommen, da niemand seine Zeit in die Gartenkultur stecken will und das mit dem gesparten Geld lieber Gadgets kauft.

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Nun, diese Widmung bedeutete ja das Rumscheuchen des Personals, das zeitlebens nie mehr hatte als die 10 Quadratmeter neben der Küche, die wir gerade in ein Arbeitszimmer umbauen. Ohnehin denke ich, dass ich einer der Letzten bin, die noch wissen, wie das ist, mit einer Haushälterin gross zu werden.

Und was braucht man in Zeiten täuschnd echter Kunstblumen noch einen Garten?

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Die deutsche Bourgeoisie war nach 48 ein nachgemachter Adel, nicht umsonst sprach man von Schlotbaronen.


Traditionelle Werte will ich auch. Ich denke da an eine Tradition, die von Weitling und Proudhon über Marx und Durutti nach Chiapas und zum Weltsozialgipfel führt.

btw., gerade für den Bayern interessant:


Rosa Meyer-Leviné: Leviné. Leben und Tod eines Revolutionärs. Erinnerungen

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Der Verwertungsdruck ist nicht hoch
in Fürth. In der Königswarter kannst du noch Wohnungen bekommen - in anderen Städten aussenrum (Erlangen/Nürnberg) sind die selten bezahlbar geworden. Zusammengehalten wird das noch von einem Inmobilienmagnaten, der nichts verkauft, nur kauft. Die Anekdote dazu: angeblich stand der vor einem größerem Häuserblock und sagte zu seinem anwesenende Architekten "so was will ich auch noch" - der Architekt dann "das gehört dir schon". In der Königswarter sind die Häuser innendrin nicht so zerstückelt worden um mehr Miete rauszuschinden. Nachteil sicher: dem Fürther fehlt jeder Sinn für sowas - die stehen im Schnitt eher auf Ikea. Aus dem Umland sickert auch kaum was ein - Fürth gilt im Umland als nogo-area. Der durchschnittliche Siemensianer aus Erlangen verirrt sich nie dorthin - der fährt dann lieber jeden Tag 20 Kilometer in sein Wüstenrotverbrechen mit 20 qm Garten.
Der Stadtpark ist schön - es gibt eine "Milchgaststätte".
PS: Blöderweise verhindert der Familienkram den Besuch der Lesung am Samstag :-(

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Ich weiss - der hier kommt direkt aus der Königswarter Strasse:



Den mochte man wegen der Schäden nicht mehr haben, da kriegen sie jetzt 100 Euro für, dafür bekommt man 2 Billyregale, nicht umsonst gilt Fürth in den einschlägigen Kreisen als gutes Jagdrevier mit dummen Bewohnern. Fast so gut wie Glasperlenhandel gegen Gold mit Indianern in der Zeit um 1500. Putzen, neue Folie unter die Schäden, eine Stunde Arbeit, mehr wäre es nicht.

Immerhin wird der Stuck nicht runtergeschlagen, und irgendwann werden sie es schon noch begreifen, die Fürther.

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Wegen dieser Spiegel
gibt es in Fürth noch über 20 quecksilberverseuchte Häuser. Da wurde früher das Quecksilber in Eimern in den 3. Stock getragen um die Spiegel zu beschichten. War echte Heimarbeit - hat sich leider dann etwas aufs Gemüt der Arbeiter ausgewirkt. Vor dem Anmieten von Räumen sollte man doch lieber Fragen was da so früher gemacht wurde. Das mit dem Jagdrevier stimmt auf jeden Fall. Im Stadtwald gibt es noch einige Villen, die aufs Ausräumen warten. Die Jungen werden den Inhalt schnellstens verscherbeln wenn die Alten unter der Erde sind. Da ist schon der Sperrmüll dieser Häuser für manche Insider ein gefundenes Fressen.

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Nur 20? Da wird wohl so einiges verschwiegen, oder man hat einfach nicht genau nachgeschaut. Über Quecksilber schreibe ich demnächst mal was, aber nur so viel: Das Problem ist weniger das Hochschleppen, als vielmehr das Ausdrücken des Spiegels, denn dann läuft das Quecksilber aus der Form auf den Dachboden, in die Balken, und von dort aus, wir sind ja im Fachwerkfranken, durch alle Stockwerke.

Übrigens auch noch in diesem Jahhundert: Der allererste dieser Spiegel, den ich in Fürth gekauft habe, stammt von einer Glasermeisterfamilie. Der Opa war noch in der Branche und hat diese Dinger in den 60er Jahren zusammengekauft und daheim restauriert. Und zwar auch noch mit Quecksilberamalgan. Da dachte sich keiner was.

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Meine Güte, als ob die Spaßgeneration der Gegenpol zum (Scheiß)Bürgertum wäre! Mir geht die Bürgerlichkeitsdiskussiond derart auf die Nüssen (einschließlich der nur scheinbar ironischen Neospießeraktion der taz), weil ich nicht aus dem bürgerlichen, sondern dem proletarischen Millieu stamme - und das ist auch gut so.
Bei uns zuhause (in den fünfzigerm sechziger und siebziger Jahren) war es einfach pekuniär nicht möglich, Möbel zu kaufen, die hundert oder mehr Jahre halten sollen, und fürs Durchfrosten von Trödelmärkten und Antiquitätenläden hatte der gemeine Arbeiter keine Zeit - mal abgesehen vom Mangel an Bildung, der ihm die Beurteilung von "Qualität" erschwert hat.

Nein, Bürger jeder Größenordnung (von Spieß bis Groß) sind mir fremd. Da ist mir der Fußballproll, der neben mir im Stadion steht, näher.

Mahlzeit!

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Als Tochter eines Briefträgers und frühere Vertreterin der Lederjackenvariante des Girlielooks (Möbel von Ikea waren für uns was Teures, gekauft wurde eher im Drei-Tage-Markt) bin ich da auf einem ähnlichen Level. Auch wenn inzwischen Sportwagen und Escada-Klamotten hinzugekommen sind, die Herkunft bleibt doch präsent. Wobei Trödelmärkte heute eine echt nette Sache sind, und antike Schnäppchen sowieso. Bestimmte Elemente bürgerlichen Ambientes genieße ich, nicht, weil sie bürgerlich sind, sondern weil es sich um Qualität handelt.

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Das Durchfrosten von Trödelmärkten ist ja eher Sache der dort winters verkaufenden Subproletarier ;-)

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Mist! Hab die Tasten mit dem "O" und dem "R" gerade wieder richtig eingebaut ;-)

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Man kann das "Als Adam nahm die Eva ran, wo war denn da der Edelmann" (heisst das so?) auch umgekehrt sehen. Das "niedere" Volk hat in seiner Mehrheit vielleicht nicht das Stilempfinden, wohl aber den Willen zur Schönheit. Daraus speisen sich all die Einrichtungssendungen im TV. Wobei der Unterschichtenerguss natürlich peinlich bemüht ist, den Unsicheren weiterhin Scheusslichkeiten aufzudrücken, die sie in 5 Jahren nicht mehr sehen können. Allein, der Wille ist da.

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Da ist auch Sinn für Schönheit. Von den Pseudovillen im designierten Toscana-Stil bis hin zu Billy leitet die Massen ein gelenktes, auf Moden ausgerichtetes und daher den Neukauf endlos perpetuierendes falsches Bewusstsein, aber auch falsches Bewusstsein hat Bewusstsein und Ästhetik zur Voraussetzung. Im wahrsten Sinne geschmacklos wäre, wenn die Leute sich aus rein pragmatischen Gründen mit Kelleregalen aus Metall einrichten würden.

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Was wir jetzt nach 100 oder 250 Jahren als "Klassiker" feiern waren damals auch nur "Moden".

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Stimmen wir überein, dass Moden wie das Barock oder der Klassizismus eine höhere Produktqualität und eine philosophisch anspruchsvoll unterbautere Formensprache hatten als IKEA oder OKAL?

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Es gibt Moden, die kommen einfach besser als andere. Louis XIV wird immer schwierig sein, und Jugendstil hat einen besseren Ruf als Historismus. Französische Kronleuchter sind begehrt, gleich alte deutsche Exemplare sind es nicht. Zeit ist also nicht alles.

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Das Revolutionäre ist ja, dass auch das gemeine Volk die Modetrends umsetzen kann. Barock, Klassizismus und andere regionale "Trends" waren früher den Königshäusern, Grossbürgertum und dem Adel vorbehalten. Die niederen Stände durften das dann bei den seltenen Besuchen in der Stadt bestaunen. So hatten sich trotz aller Epochen, die Bausweise und Ausstattung der Häuser im ländlichen Raum über Jahrhunderte nur sehr wenig verändert. Wenn dann hatten technische Möglichkeiten (Materialien, Versorgung mit Wasser, Elektrizität, Landmaschinen) eher einen Einfluss auf Baustile als Modetrends.

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Stimmt, das Bauernhaus war von der Karolingerzeit bis zum Klassiszismus zumeist aus Fachwerk und von einer Bauweise, die sich nicht groß von der Häusern der ollen Germanen unterschied.

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Noch n Atlant
Ja, so isses, mag man sagen und würde so gerne alles zitieren, aber ein ordentlicher Verweis unter betonblog.de tut es ja auch.

So, dann wollen wir unter den Balkon des virtuellen Wohnzimmers mal noch einen schönen langohrigen Atlanten hämmern...

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In Zukunft gibt es für sowas wohl eher einen 1-Euro-Jobber.

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Ich darf noch hinzufügen...
...daß an der Königswarter Straße weiland die erste deutsche Eisenbahn gen Nürnberg zuckelte. Damals gehörte es zum guten Ton, neben dem Fortschritt (in diesem Fall ein rollend rauchender Schlot) zu residieren. Heute kacken Hunde dahin, wo einst die Schienen lagen, und bis auf ein paar unscheinbare Artefakte ist vom einstigen Fortschritts-Symbol nichts mehr zu sehen.

Fünf Fußminuten vom Prunk der Königswarter Straße entfernt vergammelt alte Industriehistorie, ohne daß es jemanden kümmerte. Und noch heute ziehen Wohnungskäufer nebenan und in der Nähe in unbesehen (!) gekaufte Altbauwohnungen, in denen sie als erste Amtshandlung die Decke abhängen und Parkett über den Stuck nageln. Und wenn's geht, zerhacken sie den
Zwiebelturm des Eckhauses gleich mit und machen eine lächerliche Dachterrasse rein. Andere wiederum nennen sich »Architekten mit langjähriger Erfahrung in der Altbausanierung« und schänden die eigene Gründerzeit-Villa dergestalt, daß deren klaffende Wunden tagtäglich zum Himmel schreien, von niemandem gehört...

Aber jetzt höre ich auf, sonst schreibe ich mich noch mehr in Rage. Fürth bleibt trotz allem das (verstaubte) Juwel im Großraum, und ich möchte nie mehr weg von hier.

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Blöder Zwiebelturm-machen wir ne prima Dachterrasse hin!

Blödes Industriedenkmal-zack, wegsprengen, bauen wir ein Einkaufszentrum!

Blöder Wald-ideal für nen Golfplatz!

Obschon ganz grundsätzlich mich als progressiv bezeichnend, in dieser Hinsicht bin ich gerne wertkonservativ.

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Sprengen - da werde ich schwach..
eine Neigung der man immer weniger nachgehen kann. Die Obrigkeit ist so pingelig in diesen Sachen geworden. Nicht mal UnkrautEx gibts mehr für den Garten.

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Hach, was waren das für Zeiten.....;-)

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Für Traditionalisten - E605
Schade, schade, da hätte ich ja was gehabt, das gute alte E605. Jetzt isses schon zur Schadstoffsammelstelle gewandert.
Hätte ich das mal bei ebay vertickt, Abteilung Sammler & Seltenes.

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Ich sehe, es gibt noch echte Connaisseure ;-)

Hörte vor einiger Zeit mit halbem Ohr ein Gespräch mit irgend so nem Terrorexperten, der gefragt würde, ob es zu erwarten sei, dass Al Kaidamit radioaktivem Material eine schmutzige Bombe baut. Er erwiderte, man sollte nicht einfach nur an radioaktive Stoffe denken, Arsen oder Dioxin würde völlig ausreichen.

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Kaum wird "Bürger" zum Thema, rainersacht steps in, und führt Beschwerde, weil Thema nicht proletarisch genug.

Dann mach doch eine "Proletarier"-Diskussion auf: I. Internationale, von Marx mit Anlauf in den Arsch getreten; Arbeiterkämpfer Ferdinand Lasalle beim adeligen Duell über den Jordan; Teddy Thälmann bei jeder Krise der Partei besoffen hinterm Gebüsch auffindbar - es gibt da viele Themen, die sehr lustig sind.

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Wenn schon proletarisch, dann richtig: Kronstadt, die Machnotschina, Katalonien 1936 - immer dann, wenn die Arbeiter ohne bürgerliches oder sonstiges gehobenes Führungspersonal Revolution gemacht haben, waren die etablierten Kommunisten ganz schnell und ganz konsequent die härtesten Konterrevolutionäre. Und nichts Anderes als ihre Privilegien verteidigende Bürger. Ich würde auch die russische revolution als bürgerliche Revolution bezeichnen, die eine Technokratenbourgeoisie an die Macht brachte, und den Reichspostsozialismus als Monopolkapitalismus mit dem Staat als Gesamtkapitalisten. Was in meinem Denken übrigens heißt, dass Sozialismus noch gar nicht versucht wurde, die soziale Revolution noch vor uns liegt.

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@ Che: Full ACK!

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Spießer?
Ich verstehe die hier in letzter Zeit öfters auftauchende Spießer-Diffamierung nicht. Spießer dies, Spießer das...

Aus meiner Sicht kennzeichnet den Spießer die Lust an der Ausgrenzung. Für ihn sind die anderen alle Spießer, nur er selber nicht.

Insofern sind wir als Spießer hier in diesem Blog genau an der richtigen Stelle, denn worum sonst dreht es sich hier, wenn nicht um genau diese Lust an der Aus- und Abgrenzung!

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Ein Spießer war in der mittelalterlichen Stadtgesellschaft ein mit einem Spieß bewaffneter Kleinbürger. Arrogante Überheblichkeit der eigentlich Bourgeoisie, Bürgerstolz, Standesdünkel ist daher per se nicht spießig, sondern Spießigkeit ist immer nur der Dünkel einer ganz bestimmten Schicht (die früher mal Feinripp trug). Außerdemingens geht es hier zuvörderst um die Beschreibung eines Verhaltensmusters bestimmter, durchaus spießiger, sich aber nicht dafür haltender Personenkreise, die von Don, einem fiktiven Charakter, der bei weitem nicht mit der dahinter stehenden Realperson identisch ist, mit archäologischer Genauigkeit skizziert wird.

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Kann mir bitte mal einer von den Bürgertums-Bejublern die bürgerlichen Tugenden definieren.Und bittascheen, was ist das Gegenteil?

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@che:

Ich weiß, woher der Begriff Spießbürger kommt. Ich weiß auch zwischen "Don Alphonso Porcamadonna" und der dahinterstehenden Realperson zu unterscheiden und kann genügend Italienisch, um den Sprachwitz im Namen zu verstehen. Außerdem schätze ich Feinripp-Unterwäsche und dieses Blog.

Denn ich bin ein Spießer! Und das ist gut so!
Du übrigens auch...

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Bin ich nicht, und auch das ist gut so.


Graf: Bürgerliche Tugenden sind Ordnung, Fleiß, Reinlichkeit, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein im Sinne von Zuverlässigkeit.

Das Gegenteil?
3 Choices
Je nach Standpunkt die adligen oder die proletarischen Tugenden, oder aber Unordnung, Faulheit, Lodderbastigkeit, Verschwendungssucht (geht fließend in Großzügigkeit über), Unpünklichkeit, Flatterhaftigkeit.

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@che: Lodderbastigkeit ist hiermit mein Lieblingswort der Woche! Interessant ist, dass in Ihrer Aufführung das fortschrittliche Element fehlt, das der Bourgeoisie zu eigen ist, fehlt. Vielleicht liegt hier ein Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich. In der Grand Nation prügelt sich das Volk mit der Obrigkeit, wenn ihm etwas passt. In Deutschland lässt es einfach den Müll stehen.

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@graf: Ich kenne keine Tugenden, die spezifisch bürgerlich wären, vielleicht von einer gewissen Wertschätzung von Bildung und Kultur abgesehen - z.B. im Sinne des Humboldt'schen Bildungsideals. Aber auch das ist nicht spezifisch bürgerlich (er war sowieso Adliger), und fußt z.B. auf dem Bild des (fürstlichen) Rennaissancemenschen.
Untugenden wüßte ich auch keine, aus meiner Sicht gehört ein gewisses Mißtrauen vor staatlicher Ordnung durchaus dazu (im Sinne der Bourgéoisie à la française). Wie Sie selbst ja auch schon schreiben.

@che: Jemand, für den das Tragen von Feinripp-Unterwäsche (und da gibt es durchaus Designalternativen jenseits vom klassischen "Liebestöter")
als spießig abstempelt, ist für _mich_ selbst ein Spießer.

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Bürgerliche Tugenden....

Das basiert erstmal die auf den drei Formen, in denen sich Menschen verhalten (nach Platon und Aristoteles): Theorie, Praxis, Poiesis. Die Tugenden sind eng an diese Formen angelehnt: Zur Theorie gehört der Verstand, die Erkenntnis und die Weisheit. Zur Praxis die Gerechtigkeit, dienTapferkeit und die Selbstbeherrschung. Zur Poiesis die handwerklichen-technischen Fähigkeiten.

Während die das Bildungsbürgertum sich sehr auf die Tugenden der Theorie konzentriert hat, sind es aber die Tugenden der Praxis (die "sittlichen Tugenden" - auch die Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnungssinn) auf die sich alle Ansätze der praktischen Ethik stützen. Und hier in Dons blog werden die Tugenden der Poeisis hochgehalten.

Die Konzentration des Bildungsbürgertums und des modernen Staatswesen (und nicht zuletzt der 68er) auf die Tugenden der Theorie hat dazu geführt, dass sowohl das ethische Handeln als auch die Poiesis als Verhaltensformen in den Hintergrund gedrängt wurden und deskriditiert.

Im Deutschesn Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm is ein SPIESZBÜRGER, ein ehemals ein bürger der mit einem spiesze bewaffnet war und zu fusze diente, sonst auch glefenbürger (zu glefe, gleve, spieszartige waffe), in der nd. form speetbörger als spottname auf gewaffnete bürger verzeichnet bei DÄHNERT 446b, so vielleicht zuerst wie schildbürger (s. dies oben theil 9, 125) in den kreisen der adlichen oder der berufssoldaten, dann nach ADELUNG verächtlich von jedem geringen bürger ('vielleicht weil die reicheren und besseren zu pferde dienten'), nach CAMPE besonders, wenn er schlecht und altfränkisch gekleidet ist, aber auch auf altfränkisches gebahren und engherzigkeit gehend, so von städtern mit stärkerem oder gelinderem spott:..

Dieser Spott der Städter auf die ärmliche Landbevölkerung ist auch Ausdruck dieser "Theorielastigkeit". Im Gegenzug wird den Eierköpfen dann vorgeworfen die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wenn es also beim Vorwurf des "Spiessers" um die Deskreditierung der beiden Verhaltensformen "Praxis" und "Poiesis" und ihrer Tugenden geht, dann habe ich kein Problem mich als Spiesser zu bezeichnen. Und das hat nichts mit Feinripp oder Ausgrenzung zu tun.

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Poiesis ist nicht handwerklich-technisch
@ strappato
Ich muß korrigieren. Aristoteles unterscheidet in seiner Ästhetik (der "Poetik") zwischen Techne (Koch-, Bau-, Kriegskunst etc) und "Poiesis" (Dichtkunst, Bildende Kunst, Musik).
Das heißt, das was Du als Poesis oben bezeichnet hast, ist tatsächlich die Techne, die die handwerklich-technischen Tätigkeiten umfaßt.

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@noergler: Das poietische (hervorbringende) Wissen im weiteren Sinne umfasst nach meinem bescheidenen Kenntnisstand durchaus sowohl die "Techne" als auch die "Poiesis" in dem von Dir angeführten engeren Sinne. Poietisch ist, frei nach Dr. Helmut Kohl, alles, wo hinten etwas herauskommt. Sonst kommt man ja auch mit der berühmten Dreiteilung nicht mehr hin.

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@strappato: Ich sehe in der von Dir genannten Definition des Spießers eine Umschreibung des provinziellen Kleinbürgers in Abgrenzung zum weltläufigen Bourgeois und zum klassenbewussten Proletarier. Daher betone ich, dass es mir sehr wichtig ist, kein Spießer zu sein. Und sorry, Feinripp-Unterwäsche, das hat für mich den Stellenwert wie Opel Rekord Diesel mit Wackeldackel auf der Heckablage. Ich will damit niemandem zu nahe treten, ich seh das halt nur für mich so.

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Nein, hockeystick, das umfaßt es nicht. Beide Bereiche sind bei Aristoteles strikt und eindeutig getrennt. Poiesis bezeichnet allein die ästhetische Hervorbringung, also das, was man "die Kunst und die Künste" nennt.
Das hält sich im Sprachlichen auch durch: Aristoteles Werk "Peri Poietikes" handelt von der Dichtkunst und ist eine Analyse der griech. Tragödie und Komödie. Er grenzt das gegen die Techne ausdrücklich ab, und dreigeteilt ist da gar nichts.

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Die drei Tätigkeitsformen nach Aristoteles

1. „Das theoretische Tätigsein, das vom einfachen Erfahren über die Wissenschaften bis zur reinen Theorie, der vollkommenen Schau des Wahren führt.

2. Das praktische Tätigsein, womit jenes Handeln gemeint ist, das in sich selbst Wert hat, nämlich das sittliche Handeln.

3. Das poietische Tätigsein, das nicht in sich selbst Wert hat, sondern auf das hingeordnet ist, was hervorgebracht wird, also auf das Werk. Zum poietischen Tätigsein gehört einerseits die technisch-erzeugende Arbeit, andererseits das künstlerische Schaffen.“

Arno Anzenbacher, Einführung in die Philosophie, Linz 1981: 215.

Wohl wahr ist, dass Aristoteles in seiner "Poetik" über "technisch-erzeugende" Arbeit wenig Worte (gar keine?) verloren hat.

Ich will da auch gar keinen Streit vom Zaume brechen - da bewege ich mich auf viel zu dünnem Eis. Es ist nur so, dass Strappatos Definition durchaus von anderen geteilt wird, und mir auch so ähnlich in Erinnerung war.

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Ich kann mit den Begriffen "Proletarier" oder "Bourgeois" nicht viel anfangen. Klingt zu sehr nach Revolution. Aber mit Feinripp und Opel auch nicht.

Wenn man hier Dons blog verfolgt, dann werden oft Werte wie Ehrlichkeit, Dauerhaftigkeit, Zielverfolgung, Kulturbewusstsein, usw. thematisiert. Das kann man als weltläufiges Bürgertum interpretieren, aber meine provinziellen Nachbarn hier im Dorf versuchen auch ihr Leben an diesen Werten auszurichten.

Für mich ist der Feind nicht am Feinripp zu erkennen, sondern an seiner menschenverachtenden Politik, die nur auf den eigenen ökonomischen Erfolg ausgerichtet ist.

Wenn ich heute lese, dass zum einen ebay Deutschland sich auf Leiharbeiter stützt, die nicht mal 1000 Euro brutto im Monat bekommen und zum anderen die ebay-Chefin nun Tony Blair berät, dann geht es nicht mehr um die Frage nach der (neuen) Bürgerlichkeit, sondern nach den Grundwerten unserer Gesellschaft.

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Strappato, ich stimme mit Dir überein. Ich denke, die Etiketten sind nicht sonderlich nützlich, zumal die Grenzen sowieso arg diffus sind.
Darum gings mir auch eigentlich. Und je nachdem, wer mich "Spießer" nennt, fühle ich mich sogar geschmeichelt.
Letztlich geht es hier um eine Wertediskussion, damit hast Du Recht, Strappato, und über diese Werte herrscht ja hier auch (vom einen oder anderen faulen Fisch abgesehen) im Grunde Konsens.

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Les Bourgeois
Nochmals zum Grafen und den französischen Bürgern, über die er gesagt hat "In der Grande Nation prügelt sich das Volk mit der Obrigkeit, wenn ihm etwas passt."
Ebenso traditionsbewußt schlagen allerdings die Vertreter der Grande Nation mit einer Härte zurück, die hierzulande kaum vorstellbar ist: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22312/1.html
Nicht umsonst genießt die CRS den Ruf, ihre Uniformen seien schwarz, damit sie sich für die Beerdigungen ihrer Opfer nicht umziehen müssen.

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Hockeystick,
der von Dir zitierte Autor verwechselt wohl Aristoteles mit Platon. Bei Platon war in der Tat die Kunst eine Unterabteilung des Handwerks; alles war Techne.
Aristoteles kritisiert, wie in vielem anderen auch, Platon, und gibt der Kunst einen eigenen Zweck, der nicht der Zweck der handwerklichen Tätigkeiten ist.
Aber wen das näher interessiert, der kann das ja nachlesen.

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@Für mich ist der Feind nicht am Feinripp zu erkennen, sondern an seiner menschenverachtenden Politik, die nur auf den eigenen ökonomischen Erfolg ausgerichtet ist.- Ja, so sehe ich das auch, aber als historisch denkender Mensch denke ich in historisch gewachsenen kulturgeschichtlichen Zusammenhängen und Milieus mit ihren spezifischen Symboliken. Sorry, ohne diese Begrifflichkeiten mache ich es nicht, und ich verstehe den Begriff Spießer eingebettet in den Zusammenhang, in dem er entstanden ist, und nicht als Umschreibung für "Mensch mit Vorurteilen"

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@cameloprad. Nie in Wackersdorf einen auf die Mütze bekommen?

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In the deed, Philip Müller, Benno Ohnesorg, Klaus Jürgen Rattay, Günter Sare, Erna Sielka, Conny Wessmann, die deutsche Polizei braucht sich da wirklich nicht zu verstecken.

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Die Monstrosität einer Struktur - in diesem Fall der Staat - lässt sich nur dort ausmachen, wo sie sich auch monströs gibt.
Ich bin hier in Paris gerade vor Ort...Mich wundert eigentlich nur, daß noch nicht mehr passiert ist. Von wegen Ohnesorg...solche Situationen gibt es dann schon öfters, freilich ohne Kopfschuß, wohl aber mit dem kalkulierten Fertigmachen einzelner...die CRS ist nicht zimperlich in der Wahl ihrer Opfer und zu allem Überfluß auch noch dumm wie ein Heuballen...versuch mal von einem dieser Knilche ne Auskunft einzuholen. Völlige Fehlanzeige. Mag zwar sein, daß beim ein oder anderen am Ende eines langen dunklen Tunnels eine winzige Funzel glimmt, aber das ist schon mehr, als man bei den meisten dieser Sicherheitsverbeamten erwarten kann.

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spiesser, das sind ganz einfach immer nur die anderen.



Jacques Brel: Les Bourgeois

Le cœur bien au chaud - Damals in der Kneipe
Les yeux dans la bière - von der dicken Marie
Chez la grosse Adrienne de Montalant - dort haben wir immer gesoffen
Avec l'ami Jojo - mein Freund Jojo
Et avec l'ami Pierre - mein Freund Peter und ich.
On allait boire nos vingt ans - damals waren wir gerade zwanzig
Jojo se prenait pour Voltaire - Jojo dachte, er sei Voltaire
Et Pierre pour Casanova - Pierre hielt sich für Casanova
Et moi, moi qui étais le plus fier - und ich war der stolzeste,
Moi, moi je me prenais pour moi - ich hielt mich nur für den Allergrössten.
Et quand vers minuit passaient les notaires - Und wenn dann nachts um zwölf
Qui sortaient de l'hôtel des "Trois Faisans" - die Notare aus dem Hotel zum Fasan kamen
On leur montrait notre cul et nos bonnes manières- haben wir denen unseren Arsch und unsere guten Manieren gezeigt
En leur chantant - und denen laut gesungen

Les bourgeois c'est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient bête
Les bourgeois c'est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient con

ja die Spiesser die sind wie die Schweine
je älter sie werden um so blöder werden sie
ja die Spiesser die sind wie die Schweine,
je älter sie werden, desto grössere Arschöcher sind sie

Le cœur bien au chaud - Damals in der Kneipe
Les yeux dans la bière - von der dicken Marie
Chez la grosse Adrienne de Montalant - haben wir immer gesoffen
Avec l'ami Jojo - mein Freund Jojo
Et avec l'ami Pierre - mein Freund Peter und ich.
On allait brûler nos vingt ans - Damals waren wir noch jung
Voltaire dansait comme un vicaire - Voltaire konnte nicht tanzen
Et Casanova n'osait pas - Casanova hat sich nicht getraut
Et moi, moi qui restait le plus fier - und ich war immer der stolzeste
Moi j'étais presque aussi saoul que moi - Ich war vom Bier fast so besoffen wie von mir selber
Et quand vers minuit passaient les notaires - Und wenn nachts um zwölf die Notare
Qui sortaient de l'hôtel des "Trois Faisans" - aus dem Hotel Zum Fasan gekommen sind
On leur montrait notre cul et nos bonnes manières - haben wir denen unseren Arsch und unsere guten Manieren gezegit
En leur chantant - und denen laut gesungen

Les bourgeois c'est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient bête
Les bourgeois c'est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient c...

Le cœur au repos - Wir haben es zu etwas gebracht
Les yeux bien sur terre - und sind ruhiger geworden.
Au bar de l'hôtel des "Trois Faisans" - Jetzt sitzen wir gern an der Bar vom Hotel zum Fasan.
Avec maître Jojo - Der Notar Jojo
Et avec maître Pierre - der Notar Pierre und ich
Entre notaires on passe le temps - So vergeht die Zeit
Jojo parle de Voltaire - Jojo spricht von Voltaire
Et Pierre de Casanova - Pierre von Casanova
Et moi, moi qui suis resté le plus fier - ich bin noch immer der stolzeste
Moi, moi je parle encore de moi - ich spreche immer noch von mir
Et c'est en sortant vers minuit Monsieur le Commissaire - Ja, Herr Komissar, und wenn wir dann nach Hause gehen
Que tous les soirs de chez la Montalant - dann zeigen uns die jungen Affen
De jeunes "peigne-culs" nous montrent leur derrière - die um die Zeit noch immer in Maries Kneipe hocken
En nous chantant - ihren Arsch und singen

Les bourgeois c'est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient bête
Les bourgeois c'est comme les cochons
Plus ça devient vieux plus ça devient c...

Ja, die Spiesser, die sind wie die Schweine
werden immer älter und immer blöder dabei
Ja die Spiesser die sind wie die Schweine
je älter sie werden desto grössere Arschlöcher sind das

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;-)

Schönes Lied, die Platte habe ich auch.

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Spiesser in umgangssprachlichen Sinn sind Leute, die sehr auf Konventionen achten. Vielleicht geht es nicht ohne - das würde auch die Reaktionen auf diesen Begriff erklären, ambivalente Gefühle, eine Art Hassliebe:

Im grossen und ganzen stellen die Konventionen und Normen des gesellschaftlichen Verkehrs und des persönlichen Verhaltens keine ernstliche Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit dar, sondern sichern ein gewisses Mindestmass an Gleichheit des Verhaltens, das persönliche Bemühungen sicherlich eher unterstützt als behindert.
Friedrich August von Hayek in "Die Verfassung der Freiheit".

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