: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 3. Dezember 2004

Was inne Fresse für dreckige Schnüffler

Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und gewährleistet den redaktionellen Datenschutz. - ich liebe solche Pressemitteilungen - nur sollten die Sanktionen härter sein. Um ehrlich zu sein, manche von denen sollte man lebenslängliches Schreibverbot erteilen. Sollen sie doch Kloputzen, eine ehrliche Arbeit, die niemanden schändet.

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Ein Vöglein aus dem Holstenglacis

Na da schau an - die Zeit berichtet, unser spezieller Freund Alex Falk (der Dotcomtod berichtete damals übrigens als erster über den Skandal) ein Vögelein Richtung Südafrika machen wollte. Er habe "nicht die Absicht, die nächsten drei Jahre mit einem vollständig nutzlosen ... Verfahren zu verbringen, das er ohnehin gewinnen" werde, heisst es demnach in einem netten Schreiben, das ein Freund erhalten sollte, und das statt dessen beim Hamburger Gericht gelandet ist.

Nimm´s locker, Alex, selbst im allerschlimmsten Fall gibt es nur 10 Jahre Haft, und wenn der Staatsanwalt und die Zivilklagen durchkommen, wirst Du danach auch kein schönes Leben haben, ganz gleich ob drinnen oder draussen. Das einzige, was es in diesem Fall noch zu gewinnen gibt, sind 20 DCT-Punkte - für mich :-)

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SMS-Fun bei Debitel

Gestern bekam ich von Debitel eine SMS. Die besagte, dass ich, wenn ich ganz schnell anrufen würde, 1000 Frei-SMS haben könnte. Heute nun bekommen 150 Menschen, die an der Erstellung der SMS beteiligt waren, auf der Betriebsversammlung mündlich, ohne Netz und SMS mitgeteilt, dass sie bald 150 Frei-Mitarbeiter sein werden. Ich habe übrigens nicht angerufen - und wenn ich das jetzt noch tun würde, könnte es sein, dass niemand mehr dran ist. Aber dafür kriege ich jetzt 2o DCT-Punkte. Auch nicht schlecht.

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Huhu Herr K*****,

wenn Sie hier schon wieder suchen, nein, es ist noch nichts neues hier über Sie zu lesen, auch nichts, wo Sie widersprechen könnten, aber da gibt es auch nichts.

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Zukunft und Existenz (rosa)

in Staub und Dreck (grau), weggeworfen vor dunkler Kaschemme (blau-braun).



Gruppen von 10 Personen für 10 Euro pro Tag. Ohne versteckte Gebühren coacht da jemand Business Pläne, Buchhaltung und Geschäftsideen, der für 100 Euro am Tag arbeitet (abzüglich aller entstehenden Kosten, Miete, Steuern, Abgaben, Versicherung). Er verteilt sein Promomaterial von der Seriosität eines Gebrauchtwagenhändlers in einer Gegend, die mit Unternehmertum nicht viel anfangen kann, denn entweder war man hier Arbeiter oder arbeitslos oder macht heute, wenn man unter 40 ist, ein Projekt. Anders gesagt, irgendwo gibt es ein Amt, eine Einrichtung, die das nutzlose Unterfangen fördert. In drei Tagen vom Anfänger zum Unternehmer.

Wenn die drei Tage wider Erwarten doch nicht reichen sollte, gibt es weiterführende Beratung und Coaching; vielleicht auch Tips für die Gestaltung von Briefpapier und, später mal, Schuldendienst.

Immerhin, man sollte nicht zu anspruchsvoll sein. Würde man den Zettel nicht wegwerfen und darauf rumtreten, würde man das Angebot annehmen, hätte man durchschnittlich 3 Tage mehr Erfahrung als der durchschnittliche New-Economy-Gründer, der beim Business-Plan-Wettbewerb nur die Parties mitgenommen hat, und keinen Cent für den Caipi zahlen musste.

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Mittwoch, 1. Dezember 2004

Real Life 01.12.04 - Kreuzung der Verdammten

Unten sitzen die Depressiven, die Abgearbeiteten, die in irgendeinen westlichen Teil des Slums müssen, oben drüber schlurfen sehr viele junge Menschen, die nicht wirklich glücklich aussehen. Halt so, wie Leute aussehen, die kurz vor acht noch mal schnell zum Einkaufen gegangen sind, weil sie sich das teure Zeug beim Nachtkauf nicht leisten können. Dann doch lieber Plus, Aldi und schnell vorbei an den bettelnden Punks. Kein Wechselgeld, brauchen sie selber.



Manchmal bleibt jemand auf der Brücke stehen und blickt in Richtung der heranbrausenden Züge, angespannt und aufgerichtet, und hier, 20 Meter entfernt, rattert im Hinterkopf der Alptraum los, was, wenn, das Geländer ist nicht besonders hoch, wie lange dauert es wenn, wie lange bräuchte man dann, da kann man nicht einfach so auf das bescheuerte Bild warten, jetzt sofort lossprinten, ansprechen, verdammt nochmal irgendwas tun, denn manchmal entscheiden Sekunden, Worte, der Zug löst sich hinten von den Arkaden und fliegt durch die Nacht, und auf der anderen Seite kommen ein paar abgerissene Typen, betrunken schon um diese Tageszeit, laut und vulgär, die Gestalt am Geländer schaut sich um, dreht sich schnell weg und eilt weiter, und unter der Brücke knallen die Lichterreihen ins Nichts der Bahntrassen.

Ich hasse diese Stadt, diesen nie endenden Winter wegen der Filme in meinem Kopf, und dem Wissen, dass diese Filme gerade irgendwo laufen. Real Life und in Echtzeit.

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Die gute Meldung des Tages

Die Deutsche Bank erspart vorerst 1920 Mitarbeitern die Sorge, die Bundesregierung könnte sie mit einer angedachten, leistungsfeindlichen Sondersteuer für Reiche belegen.

Die schlechte Meldung des Tages: Die Deutsche Bank muss diese 1920 Mitarbeiter dafür in Richtung Arbeitsamt schicken. Klingt diesmal vor allem nach mittlerem Management.

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Sie kommt nur mal vorbei

um zu sehen, wie es hier so geht. Gut, natürlich. Und sie erzählt. Von der Prüfung, die jetzt bald kommt, von den Recherchen zur grossen Arbeit, die das Ende des Studentendaseins markieren wird. Sie weiss genau, was sie dann machen will, und sie weiss auch, dass es nichts wird. Dort, wo sie im Moment als Hilfskraft arbeitet, bekommen auch die Sekretärinnen nur Zeitverträge. Deabei ist das schon Öffentlich-Rechtlich, sprich ziemlich gut finanziert.

Sie hat den Fuss in einer Tür, aber dahinter kommt nur die Besenkammer. Sie hat gute Referenzen, aber mit denen darf sie nicht mehr machen, als Gäste betreuen und kleinere Papierarbeiten machen. Ihre sagenhaft weiche Stimme muss sie am Telefon verschwenden, im Hickhack mit irgendwelchen Apparatschiks, die auf die Frühpensionierung warten, noch 10 Jahre, oder so.

Dabei ist sie sehr, sehr gut, und es wäre verdammt schade, wenn sie irgendwo in Praktika versauern würde. Hier was, da was, Cappucino-Jobber hiess das früher in der New Economy, Bohemiandasein vor 100 Jahren, heute könnte man es als Nichtsozialhilfefall bezeichnen, um es gegen die Lumpenprojektjugend abzugrenzen. Es ist so verdammt ungerecht, wenn man daran denkt, was für schludrige, unfähige Betonköpfe den Crash überlebt haben und jetzt die Stellen besetzen, an denen Leute wie sie etwas bewegen würden, wenn sie fertig sind.

Bis dahin sind es noch 10 Monate. So lange dauert es, bis sie keine Studentin mehr ist, und bereit für eine Welt, die sich nicht um sie kümmern wird. 10 Monate sind eine lange Zeit, schon in 15 Minuten kann sich die Welt verändern, heisst es im Claim von b5 aktuell, aber die Option erzwingt nicht das Ereignis, und das letzte Mal, als das passierte, war der 11. September o1.

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Das Wort zum Tage

Wie sagt nicht ein bayerisches Sprichwort so schön?

"Kommt der Gast durch die Tür, gib ihm Brot und Salz.
Kommt er hintenrum durchs Fenster, gib ihm Pulver und Blei."

Nun, wer die Chancen auf die Tür vergeben hat, sollte sich die Frage stellen, ob es weise ist, weiterhin am verrammelten Fenster rumzustehen, mit der kleinen Schiessscharte auf der Höhe gewisser Weichteile.

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Real Life 01.12.04 - Vetternwirtschaft

Da gibt es ein gutes Buch von Hunter S. Thompson. The Rum Diary.

Da gibt es einen engagierten, kleinen Verlag, der die Rechte bekommt. Der Blumenbar Verlag.

Da gibt es dann noch einen Müncher Autor, der nach dem Verlangen muffelt, ein grosser deutscher jüngerer Gegenwartsautor zu sein, und auch als Christian-Kracht-Epigone in München als solcher gilt, weil München an Autoren wenig zu bieten hat, und er ausserdem in den einschlägigen Kulturbetriebs-CamorKreisen wie dem Zündfunk oder gewissen Lesereihen der Stadt abhängt - in ersterem steckt übrigens auch jemand von Blumenbar. Und obendrein schreibt Oswald auch noch für Blumenbar. Und für die SZ - und in einer Rezension des Buches von Thompson bei Blumenbar so, dass es selbst dem Perlentaucher zu viel wird, der dann milde festhält, dass Oswalsd "lobhudelt".

Und ich stelle mir vor, wie Thompson die halbseidenen Absprachen zwischen runtergekommenen, moralisch abgewrackten Provinzkulturbetrieblern im US-Mittelwesten beschreiben würde, die sich in einer unterdurchschnittlichen Bar auf Kosten einer öffentlichen Einrichtung betrinken und ein kleines, dreckiges Geschäft auf Gegenseitigkeit machen, um irgendwas in einem lokalen Käseblatt wie dem Nutbush Evening Standard unterzubringen. Die Beschreibung des Zerfalls, der lakonische Ton, die kleinen, brutalen Details, das alles ist eine schöne Vorstellung.

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Dienstag, 30. November 2004

Angedisst

schaut die Frau im 60ies-Comic-Style auf dem Plakat. Vielleicht sind es die schreinenden Farben, die ihr die Netzhaut versengt haben, vermutlich aber der Umstand, dass sie "endlich in Berlin" ist, in einer Stadt, deren letztes gutes Ende in den letzten Tages des April 1945 festzusetzen ist.



Mit Bademantel und Handtuch läuft sie inmitten einer der typischen architektonischen Landschaftsbrachen Werbung für die Hotelüberkapazitäten. Für einen Preis, den man in München für ein Gasthofzimmer im Speckgürtel zahlen würde, bekommt man hier eine Suite für 2 mit Blick auf ein paar Schrumpfhochhäuser und Verwaltungsangestelltenverwahrungsanstalten. Schlecht für den Sex, so eine Aussicht. Vermutlich paaren sich hier nur Verwaltungsangestellte.

Nachtrag für Walter Serners letzte Lockerung: "Kommst Du in eine Stadt, in der die Suiten am Platze weniger als 100 Euro kosten, reise sofort wieder ab. Niemand hat hier das Geld, das Du Dir von ihnen erhoffst".

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DCT-Outing

Hallo (mutmasslich) Herr K***** von der Wirtschaftszeitschrift,

der Stachel muss wohl tief sitzen, von damals, als wir die Wirtschaftszeitschrift gezwungen haben, innerhalb eines Tages zweimal ihren Artikel über Dotcomtod umzuschreiben? Und damals, bei WLAN? Dass Sie jetzt hintenrum rumschnüffeln, finde ich nicht unwitzig; wenn ich daran denke, wie Sie die Versager von Paybox Anno 2001 in den Himmel geschrieben haben, kann das ja spassig werden: "Mit einem pfiffigen System von Paybox wird Bargeld überflüssig" - äh, tja...

Sie könnten mich auch direkt anmailen, wirklich. Machen auch genug andere, und die haben bislang noch immer ehrliche Antworten bekommen. Übrigens auch von der Verlagsgruppe, und noch nie war dann eine Einstweilige Verfügung meinerseits nötg, glauben Sie mir. Falls es aber investigativ werden sollte- tja, da sollte man halt ein wenig vorsichtig sein... Aber das ist jetzt ohnehin zu spät.

Allen Sentinels sei hiermit aber verkündet: Da ist ein Journalistl K**** im Busch und wühlt rum (wo hab ich nur meinen Finaliser ;-) ).

UPDATE: OOOps, welchen Server haben wir denn da in der Statistik?

30 November 16:25 Verlagsgruppe Handelsblatt, Düsseldorf, Deutschland

Hi! Ja, so macht investigativer Journalismus Spass :-) Noch nichts von Anonymizer gehört?

Update: Developing Story mit viel Insider-Material hier und hier und hier

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Dirt Picture Contest - Lychener Strasse

Richtig, dort wo der jede Nacht Bären tanzen und Kühe fliegen, steht dieser Kühlschrank auf dem Bürgersteig:



Inclusive einer Sammlung diverser Aufkleber, die man, wenn der Partner gerade einen Parkplatz sucht und nicht findet, in der Zwischenzeit als Lektüre nutzen kann.

Weiter oben ist dann noch ein Lüchenschrank, gegenüber ein Boiler, jeweils ausser Funktion und zertrümmert.

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Montag, 29. November 2004

Warum Du in den Wedding ziehen wirst.

Na, Du Mitte-Depp? Wie hat Dir die Mietpreiserhöhung gefallen, die Du heute im versifften Briefkasten unter all den unbezahlten Rechnungen gefunden hast? Heftig, was? Aber so ist das nun mal in dem Drecksloch, in dem Du Deine 30 Quadratmeter hast, in dem der Treppenaufgang verschmiert ist und sich die Party-People auf dem Heimweg vom LSD-Viertel Erleichterung verschaffen: Dein Vermieter braucht zur Rückzahlung seiner Steuerschulden dringend die Kohle, die Du auch nicht hast. Wenn Du nur an die Zitterpartie von vorgestern Abend denkst, mit Claudia am Bankautomaten... schon fast ein Wunder, dass der noch was ausgespuckt hat, anyway, jedenfalls war es nicht genug, um Claudia damit rumzukriegen. Jetzt sitzt Du also in dem Loch, es ist kalt, der Kühlschrank ist leer, alle Zigaretten sich schon geschnorrt und draussen wird es langsam finster. Du bist allein, und bleibst es auch, denn seit gestern ist das Telefon gesperrt. Anrufen kann man aber noch; so zum Beispiel Mutti, die sicher bald einen Schreikrampf bekommt, wenn sie zu Hause die Kontoauszüge in die Finger bekommt. Dann kannst Du sie auch nicht mehr anlügen, dass das grosse Projekt jetzt schon Geld überweist, nachdem Du vor 2 Semestern das Studium in die Tonne getreten hast, weil die Chancen in Berlin ja so gross sind.

Mann, Du bist, offen gesagt, am Ende. Lass uns reden, ok? Es gibt drei Möglichkeiten. Suizid, nicht wirklich angenehm, aber nachhaltig und für Dich garantiert sorgenfrei, wenn Du auch da nicht wieder versagst. Der Gedanke geht Dir schon seit Monaten durch den Kopf, ungefähr so lange wie die Idee von Deinem Projekt, und um das mal klar zu sagen: Beide Gedanken sind gleich scheisse. Die zweite Möglichkeit ist, eine psychische Störung vorzutäuschen, mit der Du gegenüber Deinen Eltern erklären kannst, dass Du die letzten Jahre nicht zurechnungsfähig warst und sie doch bitte die Schulden ein letztes Mal begleichen. Dann gehst Du zurück in die Provinz und beginnst mit 32 die Buchhandelslehre, die Du schon nach dem Abi hättest machen sollen. Du würdest als Versager unter Deinen alten Kumpels dort den Fussabstreifer geben, haha, der Mitte-Depp auf der Fresse, hehe, war ja schon immer klar. Auch nicht prickelnd, was?

Also die dritte Möglichkeit: Hör auf, ein Mitte-Depp zu sein. Reduziere konsequent alle Ausgaben und gehe dorthin, wo es noch Chancen gibt, wo nach Neuland zu entdecken ist, wo Du Dein Schicksal endlich mal selbst in die Hand nehmen kannst, wo Dich keiner kennt, wo alles erst am auf 0 gesetzt wird zum grossen Neuanfang: Komm in den Wedding.



Genauer in den Randbereich des Weddings rüber zum Prenzlauer Berg zwischen Behmstrasse, Prinzenallee und Wollankstrasse. Und alles wird gut - warum - bitte hier lesen.

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Warum Du in den Wedding ziehen wirst.

Na, Du Mitte-Depp? Wie hat Dir die Mietpreiserhöhung gefallen, die Du heute im versifften Briefkasten unter all den unbezahlten Rechnungen gefunden hast? Heftig, was? Aber so ist das nun mal in dem Drecksloch, in dem Du Deine 30 Quadratmeter hast, in dem der Treppenaufgang verschmiert ist und sich die Party-People auf dem Heimweg vom LSD-Viertel Erleichterung verschaffen: Dein Vermieter braucht zur Rückzahlung seiner Steuerschulden dringend die Kohle, die Du auch nicht hast. Wenn Du nur an die Zitterpartie von vorgestern Abend denkst, mit Claudia am Bankautomaten... schon fast ein Wunder, dass der noch was ausgespuckt hat, anyway, jedenfalls war es nicht genug, um Claudia damit rumzukriegen. Jetzt sitzt Du also in dem Loch, es ist kalt, der Kühlschrank ist leer, alle Zigaretten sich schon geschnorrt und draussen wird es langsam finster. Du bist allein, und bleibst es auch, denn seit gestern ist das Telefon gesperrt. Anrufen kann man aber noch; so zum Beispiel Mutti, die sicher bald einen Schreikrampf bekommt, wenn sie zu Hause die Kontoauszüge in die Finger bekommt. Dann kannst Du sie auch nicht mehr anlügen, dass das grosse Projekt jetzt schon Geld überweist, nachdem Du vor 2 Semestern das Studium in die Tonne getreten hast, weil die Chancen in Berlin ja so gross sind.

Mann, Du bist, offen gesagt, am Ende. Lass uns reden, ok? Es gibt drei Möglichkeiten. Suizid, nicht wirklich angenehm, aber nachhaltig und für Dich garantiert sorgenfrei, wenn Du auch da nicht wieder versagst. Der Gedanke geht Dir schon seit Monaten durch den Kopf, ungefähr so lange wie die Idee von Deinem Projekt, und um das mal klar zu sagen: Beide Gedanken sind gleich scheisse. Die zweite Möglichkeit ist, eine psychische Störung vorzutäuschen, mit der Du gegenüber Deinen Eltern erklären kannst, dass Du die letzten Jahre nicht zurechnungsfähig warst und sie doch bitte die Schulden ein letztes Mal begleichen. Dann gehst Du zurück in die Provinz und beginnst mit 32 die Buchhandelslehre, die Du schon nach dem Abi hättest machen sollen. Du würdest als Versager unter Deinen alten Kumpels dort den Fussabstreifer geben, haha, der Mitte-Depp auf der Fresse, hehe, war ja schon immer klar. Auch nicht prickelnd, was?

Also die dritte Möglichkeit: Hör auf, ein Mitte-Depp zu sein. Reduziere konsequent alle Ausgaben und gehe dorthin, wo es noch Chancen gibt, wo nach Neuland zu entdecken ist, wo Du Dein Schicksal endlich mal selbst in die Hand nehmen kannst, wo Dich keiner kennt, wo alles erst am auf 0 gesetzt wird zum grossen Neuanfang: Komm in den Wedding.



Genauer in den Randbereich des Weddings rüber zum Prenzlauer Berg zwischen Behmstrasse, Prinzenallee und Wollankstrasse. Und alles wird gut. Schon wenn du hier die Strassen runtergehst, wirst Du Dinge sehen, die es bei Dir in Mitte nicht gibt. Hier leben Kleinbürger, und Kleinbürger stehen nun mal auf Ordnung. Es gibt weniger Grafittti, Sticker, Hundekot und Kaugummi auf den Strassen. Es ist immer noch genug, um das typische Berlinslum-Gefühl zu haben, aber Du merkst nach hundert Metern, wenn Du zum ersten mal hier bist, dass Du das eigentlich gar nicht brauchst. Ausserdem ist es still hier, und der Fensterschmuck der alten Frauen zeigt, dass hier und dort noch ein klein wenig Romantik in den Herzen ist. Du siehst es, musst an Deine arme Oma denken, die Dir jeden Monat 100 Euro in der Hoffnung schickt, dass Du sie nicht für Joints durchorgelst, und das schlechte Gewissen setzt Dir zu, beim Anblick dieses Fensters.



Zwei Schritte weiter, gleich daneben, ist die Wohnung zu vermieten. Stell Dir das mal vor: Eine nette alte Dame als Nachbarin, die Dir das Salz leiht und Dir vielleicht noch einen Lebkuchen gibt. Erinnerst Du Dich, als Du Dir bei Julia das Salz ausgeliehen hast? Die arme Sau war am Ende so malle, dass sie Waschpulver in den Salzstreuer getan hast. Ach so, der Gedanke an Julia tut weh. Klar, verstehe ich. Dass sie Dir am Abend, als sie sie geholt haben, noch vor die Tür gekotzt hat, ist kein Grund, sie nicht trotzdem mal zu besuchen, meinst Du nicht? Niemand geht gern in die Geschlossene, aber Du ... jaja, ich hör schon auf. Wie auch immer, bei der Lebkuchen-Dame würde es kein Sauerkraut mit Ariel geben. Jedenfalls, diese Wohnung ist Parterre, gross und sicher nicht allzu teuer.



Willste mal genauer fragen? Die Wohnzentrale ist gleich die Strasse runter, und preislich kann man immer was drehen. Du musst übrigens nicht so trotten. Na los, ein bisschen schneller - ach so, Du bist flau im Magen, es ist drei Uhr Nachmittags, und es gab bei Dir noch nicht mal das gestrige Abendbrot, mangels Kohle... aber komm, die 40 Cent für ein Fladenbrot hast Du sicher. Nein, ich täusche mich nicht, 40 Cent kostet das hier, he, es ist Wedding, hier würden die ganzen Feinkost-Fidschis mit ihren 80-Cent-Fladen keine Woche überlegen, da schau rein:



Das ist übrigens auch ein Nachtkauf, optimal für so Typen wie Dich. Auch die Bierpreise sind hier sehr human. Und wenn Du hier einziehst und erst mal weder Telefon noch Internet hast, weil es ja gesperrt ist, kannste das hier auch für die Hälfte von dem machen, was Du in der Kastanienallee zahlen würdest. Coffee 2 Go 4 2 Euro gibt´s hier auch nicht, aber Kaffee zum mitnehmen oder am Monitor für 50 Cent, das gibt es. Krieg Dich wieder ein, das ist normal hier. Echt. Jaja, Pberg ist nur 500 Meter weg, aber das war vor der Mauer auch schon so, dass hier die Glücklichen und drüben die Verarschten gesessen sind, nur ist es jetzt drüben kapitalistische Verarsche. Ich bring Dir was zum Futtern, dann geht´s weiter.



So, das sind also die Mietangebote. Hier kannst Du ab 200 Euro inclusive Nebenkosten was Besseres als Dein 100% teureres Loch in Mitte bekommen. Wenn Du auf 60 Quadratmeter rauf willst, zahlst Du immer noch weniger als für 30 im Prenzlberg. Du hast hier freie Auwahl, Grösse, Ausstattung, Preis, alles sofort zu beziehen, und wenn Du die 3 Monate Kaution von Deinem Loch bekommst, hast Du hier schon 2 Mieten sicher. Weisst Du, was das heisst? Du bist wieder flüssig, zumindest hört das Zittern am Automaten auf. Oder nimm was grösseres, hol Dir einen anderen Versager als Untermieter und lass ihn 70% der Kosten tragen. That´s business, wird Zeit, dass Du das lernst. Genau hier im Wedding, nicht bei den Versagern in Mitte. Und dabei bist Du von hier aus mit dem Rad in 10 Minuten in der Schönhauser Allee. Ach, Du hast kein Rad, weil es geklaut wurde? Kein Problem.



Willkommen im Mekka der An- und Verkäufer! Ist hier alles kein Drama. Rund um die Wollankstrasse sitzen ein Dutzend Wohnungsauflöser, da kann man auch gute Schnäppchen machen. Echt. Wenn Du bei meiner kleinen Schwester in die Wohnung kommst und den Korbleuchter mit den 800 Kristallen siehst, würdest Du nie glauben, dass der von hier ist. Die Grundausstattung kannst Du für 100 Tacken zusammenkaufen, und das ist auch nicht schlechter als Ikea. Sondern besser. Porzellan, Bleikristall, das kostet hier weniger als das Starterset von Ikea. Bei der Gelegenheit kannst Du auch gleich mal das Verhandeln üben. Auch das gehört zum Geschäft. Fahrrad ist ab-so-lut kein Problem. Aber Du fährst dann doch lieber Deine Schrottkarre weiter? Zumindest kannst Du Dir dann die tägliche halbe Stunde Parkplatzsuche schenken. Hier findet auch der grösste Schlitten genug Platz.



Überall frei. Und dann auch noch die Grünflächen... OK, es gibt echt hässliche Ecken im Wedding, aber nicht hier. Hier sind überall Bäume, Gärten und kleine Rasenstücke. Sehr viel mehr als in Mitte, und es sind keine Trümmergrundstücke! Das muss man sich mal vor Augen halten. Hier wurde am Rand der Westzone bis 1989 was für die Anwohner getan, und davon hat das Viertel bis heute was. Bei Licht betrachtet, ist dieses Eck vom Wedding besser restauriert, besser in Schuss, besser verkabelt und besser gegen Stromschläge gefeit als der Slum über dem Bahndamm. Klar, Suizid vertuschen ist schwieriger mit richtigen Kabeln, aber hey, Du siehst ja schon wieder ganz passabel aus, frisch renoviert. Macht die frische Luft im Grünen.



Noch was. Natürlich sind die Leute hier nicht reich, aber wenn sie mal arbeitslos werden, versuchen sie in der Regel, wieder einen Job zu bekommen, einfach, weil ihnen wenig anderes übrig bleibt. Das ist halt der Westen, im Gegensatz zu dem Sozialschmarotzertum der Projektmenschen in Mitte, die vom Staat kassieren, was geht, und falls ihr Projekt Geld brächte, wären sie die ersten, die Steuern hinterziehen würden. Hier im Wedding gibt es tatsächlich die Chance, Arbeit, einen Nebenjob, irgendwas zu finden, was zumindest etwas Geld bringt. Auf ehrliche Art und Weise. Ja, das hast Du seit 7 Jahren nicht mehr gemacht, als Du das Taxi geschrottet hast, aber es klappt bei einem Grossteil der Bevölkerung, also auch bei Dir - und sicher besser als Dein Projekt. Danach bist Du dann auch fertig und kommst nicht mehr auf die Idee, Deine Kohle in überteuerten Läden im LSD-Viertel durchzubringen. Zumal es hier Läden gibt, die es an Originalität mit jedem Szenebums aufnehmen können:



Ach so, ist Dir zu strange. Das Essen bei denen ist nicht schlecht, wenn Du auf Eingeborenenkost stehst. Zum Essen ist die Gegend sowieso zu empfehlen: Billig und gut, teuer und schlecht hätte hier einfach keine Chance gegen die Konkurrenz. Döner ab 99 Cent, beispielsweise, bis 4 Uhr morgens. Chinapfanne 1,50. Und falls mal Mama vorbeikommt, bekommst Du Gebäck wie das, das sie aus der Provinz gewöhnt ist - zum Rekordpreis und auch in quietschlila. Wie daheim, wird Deine Mama denken und glauben, dass alles in Ordnung ist.



Ist es aber doch nicht. Denn hier, nur eine U-bahn-Station vom Pberg entfernt gibt es kaum wirklich coole Locations. Eine einzige Ausnahme hat in der Behmstrasse eröffnet, aber die ist eher was für ältere Leute. Da kannst Du mit Mutti hingehen, aber nicht mit Claudia. OK, das ist ein Problem. Dann musst Du eben rübergehen. Ist auch kein Beinbruch, denn Du musst über eine Brücke, und die schaffst Du nur, wenn Du nicht zu viel gesoffen hast, sag mal, hörst Du mir überhaupt noch zu? He? Was ist? Da drüben?



Ja, die Bunte Bühne. Ist dicht. Der Name ist klasse, eigentlich, da hast Du Recht, der Schriftzug ist auch geil. Bunte Bühne, was das kostet? Keine Ahnung, erst mal nichts, 6 Monate mietfrei sind hier bei Gewerbeimmobilien im Wedding die Regel... Ob ich in eine Bunte Bühne gehen würde? Logisch. Bunte Bühne. Es gäbe auch genug junge Leute hier, die hier nichts haben ... könnte was werden ... eigentlich wäre ein Club genau das, was hier noch fehlt. Der übliche Mischmach, ein bisschen Galerie für die umliegenden Künstler, die von der Degewo gesponsort werden; die haben übrigens auch keinen Treffpunkt in der Ecke ... Blogger gibt´s hier auch ein paar, logo.

Break

Es ist Dezember 2009. Eine billige Praktikantin von der Zitty spricht bei einem Mittdreissiger vor, der als der "Kneipenpadron vom Wedding" bekannt ist. Er erzählt ihr, wie er damals, Ende November 2004, durch das Viertel spazierte, den Kopf voller Ideen, und als er dann das Fenster der netten alten Dame sah, der das gesamte Haus und noch ein paar andere gehörten, da hat sich sein Leben verändert. Er wusste, es würde das Zukunftsviertel werden. Er gab seine Wohnung in Mitte auf, zog hier her, eröffnete die Bunte Bühne, auch bekannt als die Schule der Stars, denn alle jungen Literaten haben hier gelesen, MTV machte hier seine Castings, dann machte er das legendäre Tonhaus Corso in der Heidebrinker auf, der Hexenkessel wurde schnell eine Berühmtheit weit über die Grenzen Berlins, und heute sind die wirklich coolen Leute hier, im aufstrebenden Wedding. Wenn der arbeitschscheue, zurückgebliebene Pack vom Pberg drüben bliebe, wäre das Glück hier perfekt. Sagt er, und muss darüber lächeln, dass er selbst mal so ein Mitte-Depp war. Aber inzwischen ist er Wedding, und sein Leben ist schön.

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Schwierig...

Nun ist es soweit: Wenn ich das nächste Mal nach Berlin fahre, könnte ich schon die silberne Barchetta nehmen. Leider hat sie neben der üblichen Probleme eines Aquariums auch ein paar optische Macken an Front und Beifahrerseite. Folgende Lösungen bieten sich an:
Nach Polen düsen und sie dort herrichten lassen.
Keinen Gedanken drum machen, ist doch nur für Berlin.
Schwarzweisse P-51 Invasion Stripes und D.A.-Kennung über die Beulen
Orange Ralley-Streifen und die Nummer 13 auf die Tür.
Barchetta an Achmed verkaufen, Geld sparen, weiter Punto fahren.

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Erstellt von donalphons am 2004.11.29, 08:04.


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Sonntag, 28. November 2004

Abrissobjekte

an der Topographie des Scheiterns. Das da kommt morgen weg, weil zu teuer und überhaupt, und dann kommt was Neues.



Aber die Häppchen beim Symposion 1+2 für das Nachfolgegebäude waren gut. Was in der Reichshauptstadt-Nachfolgestadt Berlin bekanntlich das einzig wichtige Kriterium ist. Mit einem Denkmal die doppelten Portionen an Essen und Awareness und 150% Redensteigerung für die Gedenker in Amateur- und Profiliga und ihre Unterstützer in Politik und Gesellschaft - das nenne ich Performance. Das macht Berlin keiner so schnell nach.

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Blog Dich reich,

oder so.

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Lieber Sven Jostkleigrewe

von der Gemus-Group, wäre es möglich, Deinen Suchdienst hier durchwühlen zu lassen, ohne dass das Ding meine Referrers und Backlinks verschandelt? Andere Suchmachinen können das auch, und ich habe auch nichts gegen echte Search Requests. Ich bin ja der höflichste Mensch von der Welt, aber die Referrer und die Backlinks dienen dem Informationsbedürfnis der Leser und nicht der kostenlosen Werbung für Dein Unternehmen. Sollte sich das hier verstärken, muss ich davon ausgehen, dass es sich dabei um gezielte Werbung handelt, und Dir eine entsprechende Rechnung schicken. Pro Seite mit Deinem Referrer oder Backlink nehme ich im Abo 50 Euro/Monat, und zwar gleich ab morgen - dann ist meine Anwält teure kleine Schwester hier zu Besuch.

Beste Grüsse

Don Alphonso

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Samstag, 27. November 2004

Paid Content mal anders:

Bei Wallstreet Online zahlen einem Bericht zufolge freie Mitarbeiter, um veröffentlicht zu werden - auch ein Geschäftsmodell, will man pressetext.de Glauben schenken. Wenn man sich das dann aber mal anschaut, könnte man auch schnell auf die Idee kommen, dass hier Broker schlichtwegs Werbetexte im Sinne von "Advertorials" publizieren, und ihre Dienste anbieten. Also eher, wenn man es böse sagen wollte: "Pay 4 Schleichwerbung." Peinlich für beide Seiten - aber W:O nennt sich ja auch nur Portal, und nicht "Medium".

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MTV? Viva?

Ich habe in den letzten Nächten bei meinen Eltern den Praxistest gemacht - die haben im Gegensatz zu mit noch eine Glotze, sogar eine richtig grosse mit Stereo und so. Ich habe mit der Glotze aufgehört, als Duffy Duck, der Roadrunner, Tom und Jerry und andere kindgerechte Sendungen aus den öffentlich-rechtlichen Sendern verschwanden.

Wie auch inmmer, nach den paar Nächten kann ich sagen: MTV und Viva sind auf allen 4 Kanälen jetzt schon unerträglich. Wirklich gutes kommt aber auf Platz 54 meiner Fernbedienung: Die Nachtschiene mit Bernd dem Brot bei KiKa. Es gibt nur 3 Musikvideos, aber die kann ich bis zum Abwinken gucken. Dashalb, liebe Frau Mühlemann: Ich fordere Sie zum Deathmatch gegen Bernd das Brot auf. Go Bernd go!

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500 Kilometer trockene Strasse

auf dem Weg in die Nordost-Molochei. 30 Kilometer davor begann der Regen, der dann bis zum Ziel locker durchhielt.



Will sagen, es ist nicht überall so scheusslich, glitschig und schmierig wie hier. Berlin muss nicht sein, es könnte auch verschwinden, niemand würde es vermissen. Das Slum stinkt wie immer, nur kälter. Dafür ist es wenigstens das richtige Wetter für ein Bild vom Abbau Mitte: Das letzte Photo von den intakten Treppentürmen an der "Topographie des Terrors" gibt es morgen auf dieser Site.

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Freitag, 26. November 2004

Irgendeines Gottes (kein spezieller, soll ja einige geben) Inferno

...und falls Sie befürchten, man könnte ihre religiösen Gefühle verletzen, sollten Sie diesen künstlerisch-satirischen und deshalb dürfenden Text einfach nicht lesen.

Und am neunten Tag, als Gott auch noch den Höllenbausatz fertig hatte, sah er, dass es endlich gut. Die erste Woche war ja noch ziemlich blöd gelaufen, wie es nun mal so ist, wenn man Anfängern irgendwelche Bastelsets in die Hand drückt. Es kotzte ihn ziemlich an, wenn er einen Blick auf das Paradies oder besser gesagt, das, was er daraus gemacht hatte, warf. Die Hölle war dagegen gelungen, auch die schäbige Bemalung und das verkrüppelte Personal und die windigen Warner vor eben dieser Hölle waren in ihrer verhärmten Hässlichkeit sein Ebenbild, wenn er die Mundwinkel verzog, wie er es nach den Pleiten der letzten Woche verdammt oft getan hatte. Er bohrte zufrieden in der Nase, und überlegte, was er jetzt tun sollte. Zu seinem Pläsier entdeckte er einen weiteren Bausatz, worauf stand "Vorhof zur Hölle mit Provinzstadt-Tarnung, Masstab 1:144".

Und siehe, Gott machte sich daran, sein Werk vor den Toren der Hölle zu vollenden. Er nahm das grosses, breites, nebliges Tal aus der Verpackung, und sah, dass es eine gute Idee war, denn damit würden alle zukünftigen Kreaturen weder Weitblick noch klare Sicht haben. Er schüttete alles rein, was er in der Schachtel fand: Ordentliche Böden und Äcker, Wald, Wiesen und einen breiten, gemächlichen Fluss, der in seiner braunen Behäbigkeit als Lebensmodell herhalten konnte. Dann bohrte er ein grosses Loch als Zugang zum Höllenschlund in die Landschaft, lötete die Hölle unten dran und setzte den Sockel für die Stadt oben drauf. Er machte eine malerische Altstadt und schnitt zynisch die Hälfte der Gebäude wieder raus, um Schneisen zu schlagen für postmoderne Kaufhäuser und betonbunte, familiengerechte Wohnanlagen, die aber wie alte Häuser taten.



Draussen dann setzte sich alles im frohen Mix der Scheusslichkeiten fort. Er setzte vor die Tore einiges an berufsmässigen Söldnertruppen, sowie grosse Industrieanlagen, in denen gute Autos und feinste, fliegende Massenvernichtungswaffen hergestellt wurde, von denen ab und zu eine mit lustigem Knall auf den Äckern zerschellte. Meine Schöpfung macht die besten Knallfrösche, dachte Gott und bastelte aufgeregt weiter. Es war schon nach Mitternacht, er war irgendwo zwischen Euphorie und Übermüdung, und wenn ihn die Augen zuzufallen drohten, setzte er noch irgendwohin ein Gymnasium, in dem sadistische Lehrer ihre Schüler zu Höchstleistungen anspornten, oder auch nur zum Besteigen eines Fahrstuhls, um dann von einem Hochhaus herunter Selbstmord zu begehen, weil irgendeine alte, von einem Idioten im Ministerium mit Erziehung beauftragte Betschwesternschachtel gezielt ihren Lebenstraum vernichtet hatte.

Das waren dann auch die ersten Bewohner aus seiner Lieblingsschöpfung, der Hölle, die Gott nach und nach ansiedelte, damit sofort klar war, wer hier die mehreren sein würden, bis zum jüngsten Tag. Nur einmal, als sich die Bewohner auffallend viele braunen Hemden gekauft hatten, Völkermord mitbegingen und auch noch ein paar Flieger lynchten, kamen danach die Amis und gaben kurzfristig anderen Leuten in Führung. Aber schon bald renkte sich alles wieder ein, und die Schriftstellerin, die das Inferno unter der Stadt erkannt hatte, musste zur Strafe hier ihren Lebensabend lebendig begraben als verachtete, gehasste arme Frau zubringen. Lange nach ihrem Tod benannte man die Bibliothek nach ihr, in der es Konsalik und auch einiges an Kirchenvätern gibt. Dann sagte Gott zu mir, ich solle ihm mal die Vorstädte rüberreichen. Die Hundehütten setzte er im Osten hin, wo eine paar stinkende Raffinerie-Attrappen ahnen lassen, was sich unter der Stadt abspielt. Im Norden lag ein Kleinbürgerviertel, das nach einem Frommen benannt ist, im Süden die Architekturträume geschmackloser Aufsteiger, und im Westen dann die Anwesen derer, bei denen das Geld alles möglich macht, vom holzvertäfelten Burgen-Surrogat bis hin zum Palladio-Zitat in Pastell.



Hey, Gott sah, dass es echt gut war, trank ein Red Bull und setzte alle paar Jahrhunderte auch noch eine reaktionäre Elite-Hochschule in die Stadt, denn er wollte, dass sich die Lehren seines Meisterwerks in der ganzen Welt verbreiten, to, äh, wie nennt ihr das, lallte er mich gegen 6 Uhr Morgens an. Top-Down, sagte ich, du willst, dass sie oben was diktieren und unten alle die Fresse halten. Genau, sagte Gott, ich sehe, dass es fucking gut ist, nicht? Ich sagte gar nichts, denn Gott hatte sich schon dem letzten Problem zugewandt. Über die dreispurige Autobahn versuchten einige, den Vorhof zur Hölle zu verlassen. Gott schickte ihnen Flüche hinterher, worauf sie das Falsche studierten und in den Metropolen verhungerten, oder zurückkamen und heirateten, oder sich irgendwo mit ihren übermotorisierten Karren heimischer Produktion überschlugen.

Oooops, sagte Gott, als er gegen 7 Uhr mal wieder jemand frontal in einen Überholer mit dem Kennzeichen ND (wie NationalDepp) hatte knallen lassen, das waren doch eigentlich ordentliche Leute, Stützen meiner Gesellschaft. Konzertverein, Kirchenvorstand, Tennisclub, die Kinder golfen und sind hier an der Uni, was wollten die denn ausserhalb? Eine Verschwörung? Er knetete missgünstig die Warze an seinem Kinn. Du Idiot, brüllte ich ihn an, die wollten doch nur auf den Antikmarkt nach Pfaffenhofen, die gehen trotzdem immer in die Kirche, nur eben an diesem Sonntag nicht, da gehen sie immer schon Samstag. Und Gott sah, dass das nun doch nicht so gut war. Deshalb setzte er inmitten der Stadt gegenüber dem Dom auch noch einen extrem teuren Antikhändler, der von nun an die reichen Spiesser nach dem Kirchgang anzog, und Gott sein Vernichtungswerk an den Fliehenden erheblich vereinfachte.



Und Gott sah, dass es gut gut .... gut ..... gute ..... Guten Morgen, gurrten die Tauben vor meinem Fenster, und die bayerische Sonne knallte vom reinbeissblauen Himmel. Ich hielt mich an der Damastdecke fest und zählte bis 10. Ich bin im Bett, es gibt keinen Gott, alles in Ordnung. Nur schlecht geträumt. Nur -- schlecht -- geträumt, das war alles nicht real. Gestern abend zu viel Tee getrunken, und vielleicht hätte ich nicht so viel an die alten Geschichten denken sollen, von denen die meisten längst stumm unter den dummen Grabsteinen der Provinz vermodern. Ich sollte mir nichts daraus machen, dass in meinem Haus Mörder wohnten, die Menschen nur deshalb vor dem Verbrennen retteten, um sie dann erdrosseln zu lassen und ihre Körper zu sezieren. Mengele war nicht wirklich einzigartig, zwei Stockwerke unter mir war das noch vor 300 Jahren eine gesellschaftlich legitimierte, gottgefällige Handlung.

Ich sollte nicht immer an sie und ihr Lachen denken, die gegenüber von meinem Haus in der Schule war, bis ihr die frommen Frauen dann sagten, dass sie im Abi durchgefallen ist und sich einen Dreck um die Folgen scherten, oder an die wenigen Lehrer, die etwas anderes als die typischen Psychopathen waren und sich deshalb umbrachten. Ich sollte vielleicht rausgehen, mich an der unzweifelhaften Schönheit der Stadt erfreuen, und nicht daran denken, dass hier das Fegefeuer ist, denn das gibt es doch gar nicht, und auch diesen Gott gibt es nicht. Alles nicht wahr. Sicher? Sicher. Ich zog mich an, ging hinunter und atmete die kalte, klare Luft ein. Alles wieder gut, Don? Alles wieder gut. Ich ging zwei Strassen weiter, und als ich an einer Passage vorbeikam, sah ich das:



Heute fahre ich nach Berlin. Nicht so schnell wie möglich, aber dennoch.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 25. November 2004

You knew it first

Wie bereits hier geschildert, treibt das Business Modell CUPDPV (Contentklau und preisdumpende Printverwertung) möglicherweise seinem Media Final (Madzia weiss ja, was das ist) entgegen. Das vermutet jetzt auch die NZZ, deren Worte bei IT&W wiedergegeben werden: "begrenzt Anklang ... Qualitätsmängel ... sprachlichen Fehler". In den Kommentaren giftet ein angesehenes Mitglied der Eipott-Tscheneraischon dann was von angeblich positiven Reaktionen auf CUPDVP, mutmasslich aus alten Weinfässern. Ungeklärt ist noch, ob das Problem auch noch irgendwo gebusinessblogt wird.

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Manuela´s Frischnudelservice

Tiefkühlpizza, Dosenravioli, Mineralwasser, Coke Light, Red Bull, Zigaretten, Tiefkühlgemüsepfanne, Instant-Suppen. Die Elitesse, die vor dir an der Kasse steht und beim Warten über Handy vom waaahnsinnig arbeitsreichen Semesterbeginn erzählt, hat ausgeprägt schlichte Ernährungsgewohnheiten. Schnell, billig, am besten schon in der Verpackung essbar, um die ganze verhasste Nahrungsaufnahme so effektiv = ressurcensparend wie möglich abzuhandeln. Genossen werden wohl nur die Zigaretten, die die Atemluft effektiv mit den notwendigen Aromastoffen anreichern. Was jetzt noch fehlt, sind die ausgleichenden Vitaminpräparate.

Du stehst dahinter, mit einem einzigen Becher Schmand in der Hand. Schmand ist das einzige, was du zu deiner Seeligkeit noch brauchst, denn alles andere ist schon daheim und wartet auf dich: Die rote Speisezwiebel, der Feldsalat, der zu raspelnde Pecorino, die Pinienkerne, der Salbei und der Rosmarin, und die Steinpilz-Panzerotti von Manuela´s Frischnudelservice.

Einen Moment spielst du mit dem Gedanken, der Elitesse auf die knochige Schulter zu tippen, und ihr zu sagen, dass die Dosenravioli die Inhaltsstoffe der Chemiebetriebe haben, für die sie in den PR-Seminaren Notfallpläne entwickeln. Dass es vielleicht legal ist, das Zeug zu vertreiben, aber legal heisst noch lange nicht gesund. Dass bei dir zu Hause dagegen im Kühlschrank, wenn sie dich besuchen wollte, ganz andere...

mehr zu Elitessen und Panzerotti bei restaur.antville.org

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Bar Centrale

Ende der 80er ereignete sich in der Gastronomie der Provinzstadt ein entscheidender Wandel. Ein italienischer Gastronom hatte verstanden, dass noch eine Pizzeria etwas viel für den in andere kulinarische Ecken abschweifenden Geschmack der Provinzler war, und dass die Jugend, zumal die mit besserverdienenden Eltern, kein auch nur halbwegs akzeptables Cafe hatte. Er mietete einen langen, schlanken Raum, packte eine Theke und einen gut aussehenden, italienischen Barmann hinein, hängte Bilder des Radidols Fausto Coppi an die Wand, und schon kam die Kundschaft von Schulaus bis Ganzspätnachts.

Es war sehr angenehm, so gegen 17 Uhr in der Bar Centrale einzulaufen, während Francesco nochmal die Bar polierte, und dann zu warten, bis sich der Laden füllte; gegen 22 Uhr war dann absolut kein Platz mehr frei, und der Geräuschpegel war erheblich. Die Bar Centrale war ein Aussenposten von München. Es war die Schule der - damals hiess das noch so - Popper und Yuppies, man blieb unter sich, und wer schon studierte und nur am Wochenende kam, um seine Wäsche machen zu lassen, wusste, dass er hier die alten Freunde treffen konnte, und die neuen Geschichten aus Frankfurt, Hamburg und Köln hören würde - nein, Berlin war damals nicht dabei, das galt als unvorstellbar.



Inzwischen ist die Bar umgezogen, und das Publikum ist auch dabei. Jetzt ist es Mitte/Ende 30, und trägt in der Freizeit Jeans und Lederjacken, was Ende der 90er kaum unvorstellbar gewesen wäre, als es in der Provinz sogar noch Jean Paul Gaultiers Sublabel Bogy´s pour Gibo gab. Man könnte fragen, ob es vielleicht schon was mit der Midlife Crisis zu tun hat, aber ich kann mir das bei den Hiergebliebenen schlecht vorstellen, so selbstsicher und unreflektiert die schon immer waren. Es gibt nur eine wirkliche Veränderung: In und vor der Bar Centrale sind sehr oft Kinderwägen mit wenig dezentem Inhalt. Vermutlich redet man dort heute mehr über Windeln denn über Lebensabschnittspartner, und auch die meisten ausserehelichen Fickkombinationen der Provinzstadt dürfte man inzwischen durch haben.

Egal. Man kann sich trotzdem noch draussen hinstellen, mit dem Espresso, wenn im November die Sonne runterknallt und diese windgeschützte Südecke der Provinzstadt aufheizt, die Sonnenbrille ins Haar stecken, bevor es dann wieder in den Job geht, und am Abend dann mit den Blagen vor die Glotze. Vermute ich mal, denn ich selbst vermeide die Bar Centrale aus Unlust, dort die ein oder andere frühere Bekannte mit ihrem Ehedingsda zu sehen.

In Italien sitzen in der Bar Centrale meistens die alten Säcke, schauen im Sommer den Touristinnen hinterher und im Winter auf ihr belangloses Leben zurück. Die Bar Centrale in der Provinzstadt hat treue Kunden mit einem belanglosen Leben, und wenn das noch 30 Jahre so weiter geht, wird es auch hier das echt italienische Flair einer Ansammlung alter, desillusionierter und gelangweilter Greise geben, die auf die Jugend schimpfen, auf die Fussballübertragungen am Wochenende warten und den Elitessen der lokalen Uni hinterher schauen, die sicher glauben, dass ihr Leben mal ganz anders, spannend und aufregend wird.

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